FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
167
18. Februar 1866

Geliebter Freund!

Vor allem muß ich Dich daran erinnern, daß wir 1866 schrei­ben. Deinen sehr werten Brief samt Inhalt hab ich erhalten und bin froh, Dir eine Antwort schreiben zu können, die Dir wenigstens sehr interessant sein wird.

Da ich so breit anlege, wirst Du vielleicht eine Verhandlung über meine Lieblingskinder, ,Die Sonderlinge', erwarten, Du irrst Dich; dazu ist noch lange Zeit genug. Du kennst mich länger, Du weißt, daß mir meine Landsleute, daß auch die Sennhüttler meine Lieblinge sind. Was sagen die Sennhüttler?, fragtest Du  im letzten Briefe. Heute sollst Du eine längere Antwort erhalten, als Du damals wohl erwarten mochtest.

Ich hab Dir schon früher erzählt, wie lebhaft es zuweilen im Sennhaus zugeht, diesen Winter ist's aber am ärgsten, ich agitiere förmlich für unseren Käshändlerplan. Wenn Du abends von 6 bis 8 Uhr in ein Oberdörfler Haus eintrittst, so siehst Du die Hausmutter unwillig bei der kalten Suppe sitzen und die schon starr gewordenen Erdäpfel abschälen. Fragst Du nach dem Mann, so heißt's: „Im Sennhaus hockt er jetzt alle Abende von 6 bis 8 Uhr, wo der Jauko-Michel aus der Welt herein erzählt. Von Fürsten und Völkern, von der Not und von den Mitteln dagegen, von den Zünften, Han­delsgesellschaften, Vereinen und von allem möglichen!" Gehst Du dann, wie auch andere, die in der Sennhütte nichts zu tun hätten, da sie keine Milchbauern sind, dem großen Haufen nach, so kannst Du vom Glück reden, wenn Du noch Platz bekommst. Überall sitzen Bauern auf den umgekehrten Butten und Kübeln, der Senn auf der Stiege und der Ber­linger auf einem ins Feuerloch gespannten Brett. Der Jauko­Michel, Dein guter Freund, sitzt in heldenhaft durchlöcherten Hosen auf der Bank und redet klar, deutlich und mit einer Wärme, die alle hebt und trägt, das hörst Du sogar den Fragen und Einwendungen an, die ihn alle Augenblicke unter­brechen. So ist's fast immer gewesen, seit ich den letzten Brief schrieb. Damals mochte ich Dir noch nichts berichten, weil ich noch nichts von Erfolgen zu berichten hatte. Doch jetzt redet und streitet man in drei Gemeinden für und wider mich. Jetzt ist's ganz anders. -

Am 5. Februar hielt einer meiner Schulfreunde Hochzeit. Ich hatte die Abdankungsrede zu halten. - Du hast sie nicht gehört und ich darf Dir daher mein Urteil über dieselbe mit­teilen. Ich wußte, daß ein großer Teil meines Sennhaus­publikums anwesend sein werde und ich redete daher von der Gesellschaft, deren Vorbild die Familie sei. Jene Rede in Warth mag beurteilt werden, wie sie will, sie war größten­teils das Kind des Augenblicks, diese aber war sorgfältig aus­gearbeitet, ich trug sie begeistert vor und, Freund, wenn ich je gut geredet habe, so war es an diesem Tage. Die Gesell­schaft war hingerissen, nur alte Weiber und solche, die sich jeden Brocken vom Pfarrer vorkäuen lassen, weil man ihnen die Zähne ausgerissen hat, nur solche bemerkten, es sei zu hoch, die ändern aber behaupteten, es sei ganz gut deutsch. Der Pfarrer war aus der Stube gegangen, sobald er mich kommen sah. Man sagte ihm, die Abdankungsrede werde gehalten. „Meinetwegen", sagte er und blieb in der Kammer sitzen, bis sie leer war, dann schlich er, wie der Wirt erzählt, ins dunkle Gado und horchte. Eine Zeitlang nach der Rede kam er in die Stube und fing an zu erklären. Das Ding sei zu hoch, und das könne kein Bauer verstehen, und man sollte nicht so hoch hinaus wollen u.s.w. Eine solche Rede sollte sein, daß man sie verstehen und vielleicht etwas Erbauliches denken könnte etwa so: -

Und er hielt den noch in der Stube sich befindenden Weibern eine Rede von Tod und Grab und Liebe und Geduld u.d.gl., wobei es aufs Weinen abgesehen war, doch dazu waren die Magen zu voll - nach reichlichem Mahl soll das Weinen nicht so leicht gehen.

So ist der Abdanker abgedankt worden, denn daß ich mich auf die Lorbeeren lege und die Ehre dem Pfarrer überlasse, halte ich für ausgemacht. - Doch ich fange erst an. -

21. Februar

Vorgestern sind unsere Vetter, Gruber Peters Buben und Nig Adam u. a., auf den Heuzug aufs Häsenjoch südöstlich vom Ünscher Spitz. Sie mußten über einen Bergrücken von etwa 10 Fuß Breite, über welchen die s.g. Schneeschwarte etwa 12-15 Fuß gesimsartig hinausragte. Ohne daß die Heu­zieher einen Fehltritt taten, bekam die Schwarte (siehe oben) einen Riß und stürzte mit den mittleren Männern in den Abgrund. Die, welche vor und hinter ihnen gegangen waren, sahen sie schon nach einem Augenblick nicht mehr. Man holte Leute von Schoppernau, etwa 26 Mann gingen hinauf. Die Lawine war ungemein tief, von den beiden Verunglückten, Peters Sattler (Dokus) und Nig Adam, fand man keine Spur. Gestern sind, da es weniger gefährlich war als vorgestern, 35 Mann mit Schaufeln, Stangen u.d.gl. ausgezogen und haben endlich die beiden Leichen gefunden. Es scheint, als ob die Verunglückten noch eine Zeitlang gelebt hätten. -

23. Februar

Heute endlich komme ich auf die in unserer Gegend viel­besprochene Kinderlehre, die vom Pfarrer Rüscher mir zu Ehren gehalten wurde, nachdem er vormittags vom Blinden am Wege gepredigt hatte. Du wirst mir gern verzeihen, daß ich nur allgemein darüber rede. Es war auf die Oberdörfler Sennhütte losgefeuert, und ich war dargestellt als ein Mensch, der alles Heilige stürzen wolle. Beweise hatte man keine, umso ärger mußte man schimpfen, um den Leuten begreif­lich zu machen, wie ich ein hochmütiger, gottloser Voltaire sei. Die Kinderlehre vom letzten Sonntag war noch bitterer, aber etwas durchdachter.

Jetzt gibt es bei uns schon Leute, die das Kreuz vor mir machen. Doch es sind nur solche, deren Beifall ich dem Pfarrer gönne. Im Ganzen hat er sich mehr geschadet als mir, denn meine Ideen haben eine Verbreitung bekommen, die ich mir nicht getraut hätte, zu verschaffen. Daß die Ober­dörfler auf meiner Seite stehen, ist natürlich, auch im Unter­dorf ist's für den Pfarrer nicht mehr recht geheuer, und ich glaube, er bringt mich nicht mehr vielmal auf die Kanzel. Jetzt schleicht er in den Häusern herum und richtet mich aus, so viel er kann. Also ein Angriff - anderer Art, den ich ihm gönne.

Doch genug von dieser Erbärmlichkeit!

Mein Plan beschäftigt jetzt hier herum alle bessern Köpfe. An Eigenälplern hab ich schon manchen gewonnen, und wenn ich hoffen könnte, daß man etwas anfangen würde, so wäre noch mancher zu gewinnen. Ich wollte, wir könnten mit dem Rätzle reden. Willst Du ihm nicht schreiben? Ich würde zu ihm gehen und mit ihm reden, wenn ich so gut mit ihm bekannt wäre wie Du. Man sollte doch etwas tun, die Bauern (die größeren) sind williger, als Du glaubst.

Ich bitte Dich, mir bald Deine Gedanken über dieses mein Lieblingskind mitzuteilen und mir zu sagen, ob Du nicht auch diesem Götte sein möchtest?

Die Landtagsverhandlungen hab ich den Sennhüttlern vorge­lesen und der Eindruck, den die Geschichte der 12 Märtyrer machte, ist ein derartiger, daß ich ihn in keinem öffentlichen Blatte schildern möchte. Weniger Verständnis haben sie für die Adresse der Ungarn. Dieses Volk gilt für ein halbwildes, und sie meinen, hier wäre Gewalt eher am Platz als bei den Vorarlbergern, die, wie man ja gehört habe, bis auf das letzte Tüpflein recht hätten. Der Vorsteher hat den un­ruhigen Oberdörflern einen Artikel aus der österreichischen Gemeindezeitung vorgelesen, welche über die Vorarlberger spottet wegen ihrer Kleinheit, aber da ist der gute Vorsteher schlecht angekommen. Daß Macht vor Recht gehe, wissen die Wälder, aber es steht halt doch nicht in ihrem Katechis­mus. Auch der Kleine soll Recht bekommen, hieß es. Dein letzter Brief hat mir aus mancher Verlegenheit geholfen. Doch wenn Du einmal in der Lage bist, den Schluß zu schicken, so würde ich Dir sehr dankbar sein. Mit noch 25 wäre mir geholfen.

Bekles Toni hat Boangart nun auf 2 Jahre für 80 Fl. Zins. Der Schneider karessiert mit Schriners Marien wie wild. Mari hofft und harrt!

Die Kronenwirtin ist so fromm, daß sie keine Tanzmusik mehr duldet. Der Geiz des Kurats in Rehmen hat die Josefsan­dachten auf zwei Geistliche beschränkt, was dem Herrn Rüscher nicht gefällt!

Fortsetzung folgt!

Für heute ist's genug und es grüßt Dich herzlich Dein kommunistischer, verketzerter, abgechristenlehrter, niederge­predigter, käshandelssüchtiger, armer Freund

Fr. M. Felder