FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
192
17. Mai 1866

Lieber Freund!

Von meiner Heimreise gibt's nicht viel zu berichten. Bis Sonntag wandelte ich im Nebel, dann auf Schnee, abends 1/2 7 Uhr kam ich zu Hause an und kam nun lange nicht zur Ruh, weil ich meinen Freunden noch aus den Zeitungen er­zählen mußte. Ich hatte nun Gelegenheit, Schoppernau und Bludenz nebeneinander zu stellen. -

Hier ist die Aufregung groß und der Kriegslärm läßt nichts mehr neben sich aufkommen; auch meine Pläne scheinen durchkreuzt werden zu sollen. Dennoch ging ich vor acht Tagen zum Rätzle, und da es, wie ich Dir sagte, schon von mir hörte, so hatte ich gut reden, es erklärte sich auch geneigt, die Sache zu übernehmen, wenn die Bauern so ver­nünftig sein sollten wie ich! Ich glaube nun, daß mir alle, die sich lobend und tadelnd gern Volksfreunde nennen, mit aller Kraft helfen sollten, damit die Sache bald zustande käme, denn das Rätzle wird nicht mehr lang leben. Hier hat mein Bericht von Bezau wieder ein wenig Leben in die Leute ge­bracht.

Mit Deinem letzten Brief hab ich auch einen vom Hildebrand erhalten. Leipzig, 8. Mai. Meine Sonderlinge sind fünf Tage auf der Reise gewesen. Hildebrand freut sich über den Empfang und schreibt mir eine Antwort auf einen frühern Brief, in dem ich ihm einiges aus meinem Leben mitteilte. Du wirst an einem kurzen Auszug des übrigen genug haben: Das Werk werde jetzt schwerlich veröffentlicht, wenn die nächste Woche nichts Besseres bringe. Alle Geschäfte ständen still, alles Vertrauen im Handel schwinde, Hunderte von Ar­beitern würden entlassen und alle Geschäfte, die nicht dem Tage dienen, geraten ins Stocken. - Für Ihr Manuskript haben Sie keine Sorge, da eine Beschießung unserer Stadt doch nicht zu befürchten ist. - Sonst bin ich auf das Ärgste gefaßt, doch seh ich in Deutschland noch so viel Gesundes, daß ich mich der Hoffnung hingebe, der Bruderkrieg werde anders enden, als die es wünschen und wollen, deren Leidenschaft ihn ent­zündete.

Ihre Sammlungen gehen mir nahe. Ich habe in Gotha vor einer Germanistengesellschaft, bewaffnet nur mit Ihren Brie­fen und dem Schwarzokaspale, einen Vortrag gehalten, und Sie werden in Folge dessen bald Zusendungen erhalten -. Du siehst, Hildebrand ist noch Gelehrter, wenn er auch anderes mitteilt, bald ist er wieder auf seinem Acker und ersucht mich um Proben aus meinem Wälder-Wörterbuch. Von Gustav Freytag schreibt er: Ich hab ihm Ihre Briefe vor­gelesen. Er hält alles für unbegreiflich. Am End ist es gut, daß ich Sie auf dem Stuhl neben mir sehe. -

Doch genug und nur noch die Nachricht, daß Hirzel ihm (Hildebrand) die Sonderlinge überließ, um sie zu durchgehen. Hildebrand schreibt, ich wünschte eine Vorrede mit einem kurzen Abriß Ihres Lebens. - Natürlich hab ich mich dagegen ausgesprochen, habe meine Gründe gesagt, es ihm jedoch freigestellt, mich mit einigen Worten auf seine Verantwortung einzuführen.

Jetzt wird Theres froh sein, daß sie noch nicht in Warth ist, wenn's auch in Bludenz noch keine Kirschen gibt, in dieser Woche hat's täglich geschneit, das Vieh kann sich noch kaum erhalten und die Heupreise beginnen zu steigen. Merkwür­dig ist, daß der Anfall auf Bismarck hier mehr Lärm macht als einst der in Wien. An der Auer Kilbe wurde überall politi­siert, und es hieß, die noch gut Kaiserlichen werde man im Herbst auf die landwirtschaftliche Ausstellung schicken. Die Versetzung Benedeks u. a. liegt den Leuten im Magen. Und nun noch etwas Erfreuliches. Unsere Muttergottes hat - einen neuen Rock bekommen, der kostet 100 Fl. Nur hatte man erst 50 und die Stickerinnen sollten opfern. Jede sollte ihren Bei­trag in einen - mit Namen und Hausnummer versehenen ­Zettel einwickeln und beim Altar abgeben. Fallen Dir nicht Stellen aus den Sonderlingen ein? Also auch hier Konkurrenz. In einer minder bewegten Zeit würde ich das und noch einige Pflänzchen in die Feldkircher Zeitung gegeben haben. ­Dein Bruder Pius hat am 7. d. M. das Vieh fortgetrieben, er selbst aber ist wieder zurückgekommen, um die Feldarbeit zu verrichten. Hast Du noch nicht an den Schmidlebub ge­schrieben? Ich hoffe, Dich bald hier zu sehen, denn dieses Schandwetter hätt ich nun satt. Ich lese jetzt außer den Zeitungen sehr wenig. Die Allgemeine wird der Wirt nun selbst bald wollen, und ich halte jetzt die Neue freie Presse mit der Gamswirtin in Bezau. Den Artikel über das Wahlrecht in der Beilage zur A.A.Z. wird Dir Bickel wohl gezeigt haben. Spät kommt ihr, doch ihr kommt!

Der Schneider Natter hat endlich  nach vielen  Kreuz-  und Querzügen  in  Besancon Arbeit gefunden.  Das Sticken geht noch ordentlich. Unser Verlust am  Papiergeld ist jetzt sehr klein, da man keines hat. Jock war mit mir in Bezau, er hat mit dem Rätzle gerechnet und ist gehörig bezahlt worden. Laß mir die Isabell freundlich grüßen, auch alle die, die mir nachfragen. Mit tausend Grüßen

Dein Freund

F. M. Felder