AN RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
213
24. Juli 1866

Verehrtester Herr Hildebrand!

Da ich zweifle, ob Sie mein letztes Schreiben erhielten, hab ich seitdem mehrmals, doch leider stets vergebens, Briefe an Sie zu befördern versucht. Nun hab ich mich an Herrn Buchhändler Stettner in Lindau gewendet um Ihnen wenig­stens die nötigsten Antworten auf die in Ihrem Letzten an mich gestellten Fragen zukommen zu lassen. Ich würde es mehr bedauern wenn Sie dieselben nicht erhalten hätten, als wenn der leicht wieder herzustellende Bogen mit weitern Wörtern verlorengegangen wäre. Also zur Sache:

Klipso mit einem s Klips Klipslar
Griffel mit dem F von Griffel, rechnen Griffeln
Echo - das Widergeben es widergibt.
Klammoro / klammer, etwas sich anklammerndes besonders
1) die Waldameise (daher auch Klammernhaufen)
2) ein eiserner Hacken.

Lauine wird hier ohne das We ausgesprochen. Der Tannber­ger (Walliser) sogar sagt: d Lauolo und meint, das Wort komme von der lauen Luft, in der die Lauine entsteht eine in kalter Luft entstehende L. nennt man Staub.
Klamperle, einem ein - anhängen, wir sagen: Einem einen Schlätterling anhängen, das heißt: Böses oder dummes von ihm sagen um lächerlich zu machen, trotzig antworten.
Schlättoro heißt schleudern, rasch hin und her bewegen, schlottern, Schlättorling, der Rest Schwanz eines zusammen­geknöpften Seiles, das Nachgezogene der Anhängsel
(der) Klumpo großer Bissen
(der) Klungol, ein Knäuel wie Gotthelfs Wörterbuch
„i d Klamporo" in die Enge Verlegenheit kommen.


Den von Ihnen mir zugesendeten Apetitsbissen hab ich ver­schlungen und bin nun ordentlich hungrig worden so daß ich gleich die von Pfeiffer herausgegebnen Klassiker des Mit­telalters bestellte. Das Nibelungenlied kenne ich bisher nur durch Simrock, nun aber möchte ichs in der der unsern so nahe verwandten Sprache lesen. Wenn Sie mir in ruhigem Zeiten die Zeitschriften von Leipzig verschaffen könnten so würde mir das sehr lieb sein wenn ich sie auch gelesen er­hielte. Unsere Post geht so langsam, daß ich doch nur Ver­altetes erhalte. Vielleicht wird das nun anders. Es ist mir ge­lungen, die Rößlewirtin in Au zu bereden, daß sie nun täg­liche Fahrpost bis hieher zu errichten gedenkt. Ihnen geht [es] dabei nicht gut, da ich Sie dann noch öfter in Anspruch nehmen werde. Seit ich an Sie schreiben darf, ist mir ein ganz neues Leben aufgegangen. Vor einigen Wochen hab ich 2 Nummern der Norddeutschen Zeitung erhalten in denen ich einen kurzen Abriß meines Lebens fand. Ich bitte, mir den Verfasser jenes Artikels freundlich zu grüßen auch können Sie ihm mittheilen, daß ich nie in der Fremde war. Wenn der Vorarlberger d h der ächte Deutsche, sich seinem Nachbarn gegenüberstellt, so meint er nur den verbrixnerten Tiroler, und solche sind leider auch hier gar nicht so selten besonders unter den jungen Geistlichen, deren Vorbild ich ohne an den oder jenen zu denken, in den Sonderlingen zu zeichnen versuchte. Wir in Schoppernau hatten früher einen Tiroler als Pfarrer dem wir sehr viel verdanken, während jetzt ein Landsmann gar wunderlich wirthschaftet und mich im letz­ten Frühling von der Kanzel aus verhaßt zu machen suchte. Wenn einmal die Bauern mein Buch lesen, werden sie darauf wetten daß ich es ganz in diesem Sommer schrieb, so ganz hat meine Dichtung, sobald sie vollendet war, zur Wahrheit werden sollen. Doch, hievon ein andermal! Mit meinen Brie­fen machen Sie wie es Ihnen gut dünkt, doch glaube ich daß jetzt ein Aufsatz in der Europa ziemlich unbeachtet bliebe. Wenigstens hier hört man nur noch vom Krieg. An Sonntagen ist mein Arbeitszimmer voll Bauern die die Zeitungen lesen u die Landkarte studiren. Ich wollte, Sie könnten die Leute sehen und hören. Jetzt ist man nicht mehr so gleichgültig wie 1859. Sie haben aber doch Recht, Franz sollte die Zei­tungen wenigstens zuweilen erhalten. Auch sonst möchte ich Ihre werthen Bemerkungen benützen und bitte daher mich zu benachrichtigen ob das nicht noch während des Drucks geschehen könnte wie beim Schwarzokaspale wo ich die Corektur selbst las und beliebig änderte. Sie schrieben mir, daß Hirzel ein schweres Leid erfahren habe. Ich möchte gern etwas mehr davon wissen wenn es mir auch weh thun wird. Ich bitte, mir ihn recht freundlich zu grüßen. Die Heuernte ist nun vorüber und ich hätte Zeit mit Ihnen die Berge zu besteigen denn zum Dichten hab ich keine Lust. So hab ich denn eine Reise auf den Tannberg, einen noch nie geschilderten Strich Landes, zu beschreiben angefangen. Vielleicht würde diese Schilderung meiner Nach­barn sich für die Gartenlaube eignen. Zwar die Landschaftsmalerei ist, wie Sie schon bemerkt haben werden, nicht mein Fach, aber auf einer Winterreise gibts auch für den Scharf­sichtigsten mehr zu hören als zu sehen. Wenn Sie glauben, daß meine Arbeit Aufnahme finden könnte, so werde ich sie an Sie oder Herrn Ernst Keil in Leipzig übersenden. Die gewünschte Photografie werde ich  übersenden sobald ich weiß, daß Sie dieselbe auch erhalten werden*), es würde mich ungemein freuen, bald einmal wider etwas von Ihnen zu hören wenn es Ihnen möglich wäre Briefe an Hrn Stettner in Lindau zu bringen der dieselben gewiß überschicken würde. Die Meinen sind wohl und lassen Sie und die werthen Ihri­gen recht herzlich grüßen. Nächstens in hoffentlich ruhigem Tagen mehr. Es grüßt Sie und all die deutschen Brüder im Norden hochachtungsvoll

Ihr                                                                  

Franz M Felder

*) Ich habe sie beigelegt und hoffe bald zu erfahren daß Sie dieselbe richtig mit diesem erhielten