VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
219
13. August 1866

Liebster Herr Felder,

Heute fand ich heim kommend Ihren Brief vom 24. Juli vor mit der Photografie und kann nun Ihre Gesicbtszüge Ihren hiesigen Freunden zeigen, die wahrhaft gespannt darauf sind. Vorigen Donnerstag Abend hab ich in einer Hütte unsres Gartens einem Kreise von Bekannten, darunter zwei junge Damen, aus Ihren Sonderlingen vorgelesen, den Besuch Fran­zens vor Mariannens Fenster im Vorsaß und die Liebeserklä­rung beider nachher im Walde - ich wollte Sie wären dabei­gewesen, um Ihren Triumph selbst einzuernden; ich habe dasselbe schon einmal im Juni zwei Frauen vorgelesen, dabei eine Thüringerin aus Arnstadt, ein tiefpoetisches Gemüth ­sie war tief entzückt und begeistert. Ich sage Ihnen hiermit den begeisterten Dank meiner Hörer und Hörerinnen. Aber zum Geschäftlichen. Ihren Brief vom Juni hab ich doch richtig erhalten, er kam schon in die Kriegsluft hinein und war mir in der schweren Beklemmung von damals, als man den Abgrund vor Deutschlands Dasein sich öffnen fühlte, ein rechter Trost, zumal ein so liebenswürdiger Ton heraus klang. Seitdem ist meine sonst ziemlich lebhafte, mir schon zu lebhafte Correspondenz durch den Kriegssturm wie ab­gerissen, hat sich auch, jetzt noch nicht wieder angeknüpft. Daß ich Ihnen nicht bald antwortete, war nur eine Folge der Stimmung, in der ja alles zu brechen und zu reißen schien. Ich wollte nicht eher schreiben, als bis der entsetzliche Auf­ruhr der vaterländischen Verhältnisse sich geklärt hätte, daß man wüßte welchen Ton man anzuschlagen hätte. Nach dem 3. Juli sollte dann bald geschrieben werden, aber jeder Sonn­tag ist mir durch andere Thätigkeit verzehrt worden; gerade heute hätte ich nun ohnehin geschrieben, als Ihr sorglicher Brief kam.

So haben wir nun Deutschland, wie mit einem riesenhaften Ruck zusammengerüttelt, Ostreich losgesprengt, Norddeutsch­land zusammengeschoben in Eine Masse und Süddeutscbland einstweilen bei Seite geworfen als unbrauchbar für jetzt! Und doch ist nun das Ziel unsrer Entwicklung klar wie die Sonne, endlich nach so langem Schwanken und Schweben: Anschluß an Preußen, in dem die alte Kraft Deutschlands verjüngt wie­derersteht. Ist ja das die entschiedene Losung selbst in Schwa­ben und Baiern, wie mans in der Augsb. Zeitung unzweifel­haft vor sich sieht. Mir ist das das Heldenthum der Vaterlands­liebe, wie es jetzt in Süddeutschland sich aufthut: von Haus aus im Herzen Todfeind Preußens, und nun, da der Geist der Geschichte den Schwerpunkt nach Norden verlegt hat, das heiße Verlangen dem vorigen Todfeind sich anzuschlie­ßen! Ich habe auch keine solchen Siege Preußens gewünscht (obwol wir aus ändern Gründen auch Siege Österreichs nicht wünschen konnten), aber nun bin ich entschieden und sehr freudig hoffend in die Zukunft -

Aber Sie da unten?! Hundertmal hab ich mich in jenen ent­setzlichen Tagen mit Schmerzen gefragt, was müssen die Deutschgesinnten an der Donau, in den Alpen, was muß Felder und seine Landsleute zu dieser Wendung der Dinge sagen und fühlen?! Aber wirklich verloren können und dür­fen Sie uns ja nicht sein! Gerade Sie im Südwesten sind ja weit näher auf Deutschland angewiesen als das übrige Öster­reich. Ein Mittel sieht man freilich jetzt nicht ab, Sie für uns politisch zu gewinnen; aber im Lauf der Zeiten wird und muß es sich ja finden. Ich möchte schon einmal Sonntags bei Ihnen unter Ihren Bauern sein, oder hören was die Weiter­sehenden in Feldkirch usw. sagen.

Interessant war mir das Stück Zeitung, in das Ihr Bild geschla­gen war, es ist wol die Feldkircher Zeitung? Ist die Meldung des furchtbaren Unglücks aus Au von Ihnen? Auch Bismarck ist mit zu lesen darauf, leider nicht der ganze Zusammenhang. Wenn Sie mir gelegentlich solch ein Blatt oder ein Bruchstück wieder mitschicken, würden Sie mir eine große Freude machen, ich mach Ihnen wol auch einmal einen Gegenspaß. Hirzel läßt Sie schön grüßen und um Entschuldigung bitten daß er noch nicht geantwortet hat; er ist auch durch die Kriegszeit sehr in Anspruch genommen worden, innerlich und äußerlich, zumal er selbst politisch im Stillen mit sehr thätig ist. Ich hab ihm auf Verlangen heute die Sonderlinge ausgeliefert (das Schwarzokaspale hat der Tausendsasa immer noch nicht gelesen!), mit der Mahnung, sich durch die etwas lange Exposition nicht abschrecken zu lassen - so ein Stadt­mensch, der nicht viel Muße hat, ist nämlich im allgemeinen beim Lesen sehr ungeduldig. Sonst hat er auf eine An­frage neulich sich zum Druck immer noch bereit erklärt, nur meinte er, daß jetzt die Zeit zum Druck noch nicht wäre, ein Verschieben wäre in Ihrem eignen Interesse. Ich denke ihn aber noch von diesem Zaudern zurückzubringen, wenn nicht nun die Franzosen einen zweiten Krieg ins Land werfen, und wenn - Hirzel an den Sonderlingen weit genug list, um Ge­fallen daran zu finden. Aber haben Sie nur Geduld und Ver­trauen, ich werde alles thun, um im günstigen Falle den Druck noch in diesem Herbst durchzusetzen. Daß Sie den ganzen Roman noch einmal durcharbeiteten, würde ich an und für sich nicht rathen; Hirzel müßte dann den ganzen Winter noch nicht daran gehen, dann wäre es vielleicht gut, ihn noch einmal ganz an Sie zu schicken. Aber daß Sie nicht noch eine Abschrift davon haben, ist doch nicht gut bei dem wei­ten Verschicken; haben Sie denn das, was ich habe, gleich so ins Reine geschrieben oder dictiert? ich dachte es wäre abgeschrieben ins Reine. Wenn Sie änderten, würde ich da­zu wieder das Capitel mit dem Pfeifenkopf vorschlagen, da ist mir Franz doch zu blöde, es geschieht zu wenig darin; in diesem Cap. wie in dem nach der Wirthshausscene ist mir Franz zu hypochondrisch, er wühlt zu sehr nur in seinem Inneren (NB. Das Traumbild ist vortrefflich). Ihren Aufsatz über den Tannberg traute ich mir wol bei Keil anzubringen, obschon ich noch nicht mit ihm bekannt bin; schicken Sie mir ihn doch, ich wollte ohnehin einmal bei Keil vorsprechen, um ihn mit Ihrem merkwürdigen Lebenslauf bekannt zu machen. Haben Sie nicht schon daran gedacht, einmal der Redaction der Augsb. Zeit. Correspondenzen über die Verhältnisse und Stimmungen in Ihrem Lande einzu­schicken? Vielleicht warten Sie doch besser damit, bis die Redaction durch die Sonderlinge Ihren Namen kennen lernt; aber Ihre Art und Gesinnung würde der Augsb. Allg. bestimmt zusagen.

Wegen der Zeitschriften, die von hier Ihnen zu schicken wären, will ich nächster Tage einen Schritt thun, ich denke es wird sich machen. Daß Sie für unser Altdeutsch solches Interesse gefaßt haben, ist mir rührend, ich bin neugierig wie Sie mit Pfeiffers Ausgabe auskommen werden, ich wollte ich könnte Ihnen dabei persönlich behülflich sein; mein Liebling ist Walther v. d. Vogelweide, nehmen Sie nur nicht die Min­nelieder zuerst, sondern die politischen Sprüche. Vieles wird Ihnen z. B. im Nibelungenliede wildfremd oder wunderlich oder lahm oder abgeschmackt vorkommen, was es - nicht ist; wir sind aber mit aller Gelehrsamkeit noch nicht bis zum wirklichen lebendigen Verständniß der Rede und Denkart unsrer Vorfahren vorgedrungen. Wenn Ihnen etwas auffällt, theilen Sie mirs doch mit; es wäre mir interessant zu sehen, was Ihnen unklar oder auffallend ist, ich lerne selber daran. Daß ich dieses Jahr meinen Besuch bei Ihnen nicht ausfüh­ren konnte, ist mir ein wahrer Verlust, aber der Krieg machte es einfach unmöglich; gekommen wäre ich etwa Ende Juli­ ich gratuliere übrigens zur glücklichen Heuernte, wir haben hier im Juli und jezt noch entsetzlich viel Nässe gehabt. Auf meinen Besuch zurückzukommen, so ists möglich daß Sie statt meiner von Freunden von mir besucht werden, möglich ists von zweien, die im Sept. nach dem Südwesten wollen. Ich will sie aufs Gerathewol einstweilen anmelden, beide Historiker vom Fach, und beide durch mich mit Ihren Ver­diensten bekannt: Dr. v. Posern, Mitherausgeber des säch­sischen Urkundenbuchs, und Dr. Puckert, Docent für sächs. Geschichte an hiesiger Universität. Letzterer schwärmt für das Vorarlberg, wo er schon gewesen ist, ein guter warmherziger Mann; Sie brauchen von beiden keinen Gelehrtendünkel zu besorgen.

Ihre Beiträge fürs Wörterbuch kann ich vortrefflich brauchen, sie sind wie ichs nur wünschen kann.

Hirzels Unglück war ein Familienunglück, Selbstmord eines Bruders, der hier ein hochgeachteter Mann war und durch die Geschäftskrisis vor dem Kriege in schwere kaufmännische Verluste kam. Schreiben Sie ihm nicht etwa darüber. Aber ich muß schließen, Gottbefohlen, sorgen Sie für Ihre Gesundheit, herzlich grüßend        

Ihr R. Hildebrand

Was macht die Käshändlergenossenschaft? Sie müssen den­ken, ich habe keinen Sinn für Ihre praktische Reformerthätig­keit, weil ich noch nichts davon erwähnt habe. Ganz im Ge­gentheil, ich thäte selbst oft lieber solche Dinge als in Bü­chern wühlen.