VON RUDOLF HILDEBRAND

lfndenr: 
339
15. Mai 1867

Lieber, theurer Freund im ruhmvollen Exil,

Ich komme heute schon wieder brieflich. Schriebe ich doch gerade jetzt lieber alle Tage an Sie nach Bludenz, wie ich alle Tage, ja fast den ganzen Tag außer den Arbeitsgedanken an Sie denke. Ich habe Einiges zu berichten, was hier seit meinem letzten Schreiben geschehen ist, darunter etwas Wichtiges, das ich doch auch gleich vorausnehmen will. Am Montag war ich in Ihrer Angelegenheit auch bei Freytag, der zum Glück eben hier ist. Er ist sonst mehr der Kühle, verständig Überlegene, hatte leider auch von den Sonder­lingen erst den ersten Anfang gelesen (er list sie seiner Frau vor, daraus wird dann was er darüber in den Grenzboten melden muß), und von einer Wirkung war, mir begreiflich, noch nichts zu spüren - sie wird schon kommen. Aber ich fand doch ein entschiedenes Interesse für Sie, das durch Ihr Schicksal und Ihren Brief, den er ganz vorgelesen verlangte, sichtlich gesteigert und vertieft wurde. Seine Äußerungen nachher waren für mich zunächst verständig beruhigend. Er meinte, das Verhältniß zu Ihrer Gemeinde könnte man von hier aus doch nicht klar beurtheilen, geschweige denn richtig eingreifen; das würden ja Ihre dortigen Freunde besorgen. Er freute sich auch, von der angeknüpften Beziehung zu Sei­fertitz zu hören, den er dem Namen nach kannte. Dazwischen bemerkte er übrigens, kühl wie er ist, aber entschieden: wenn erst wirkliche Gefahr für Sie wäre, die dort nicht zu heben wäre, so müßte man Ihnen natürlich von hier aus beisprin­gen, und daran würde und dürfe es nicht fehlen. Er wünscht offenbar eine weitere gedeihliche Entwickelung Ihres literari­schen Talents und ist bereit dazu zu helfen. Als im Briefe Ihre Andeutung kam, Sie möchten wol die Fluchtreise schildern, für die Gartenlaube, da bat er sich das für die Grenzboten aus, und ich soll Sie förmlich auffordern, einen Aufsatz von etwa 20-25 Seiten (es ist ordentliches, eher großes Octav­format) zu schreiben, in zwei Nummern zu vertheilen, sodaß eine Biographie vorausgienge in kurzen großen Zügen und die Flucht mit den Ursachen sich daran schlösse - das Ganze zu dem Zwecke, daß Sie damit sich in den Kreis einführten, dem Sie ja doch nun angehörten, das war der Sinn seiner Worte.

Ich habe ihm sofort freudig gedankt für den Antrag und rathe Ihnen darauf einzugehen (NB. er wünschte das so bald als möglich); denn damit treten Sie wirklich über die Grenze in den Kreis, der in unsrer schönen Literatur jetzt der gewähl­teste ist und Ihrer der würdigste, auch der beste Durchgangs­punkt zu - allem Weiteren. Ein Bauer in diesem Kreise, und zwar auf Aufforderung des Hauptes - unerhört! Ich gieng sehr froh von dannen. Schreiben Sie den Aufsatz nur um Himmels willen nicht irgendwie ängstlich oder auch nur be­fangen vor exclusiver Kritik, schreiben Sie ganz nach Ihrer Natur, die in sich adelich genug ist, schreiben Sie wie Sie Ihre Briefe schreiben (für die Freytag sehr eingenommen ist), ich kann kaum erwarten, Sie in den Grenzboten zu sehen. Frei­lich zahlen sie nicht 100 fl, für den Bogen, nur 12 Thaler. Vielleicht passen auch die Heilsgeschäfte für die Grenzboten, ich will sie darauf hin erst noch einmal lesen. ­Sonst noch Folgendes. Ich habe seit Sonnabend Tag für Tag hier von Ihrem Schicksal erzählt, es Wissens schon Hunderte, und viele sind warm ergriffen davon und bereit zu helfen; sind mir doch von mehr als einer Seite Geldmittel angeboten worden (unverlangt), wenn die nöthig werden sollten. Gestern Abend war im Germanistenclub (es waren eben 13 Mann beisammen) von Ihnen die Rede, ich las Ihren Brief vor; war der Meinung, Ihr Geburtstag sei am 18. Mai, daher die Glückwünsche aus dem Club, die Sie ja in Gedanken leicht auf den 13. zurück verlegen können, den ich heute zu spät als den rechten Tag entdeckte (eigener Weise ist auch mein Geburtstag ein dreizehnter). Also nachträglich auch meine herzlichsten Glückwünsche zu dem Tage, den Sie in der schmählichen Verbannung haben begehen müssen; ich wünsche, daß Sie übers Jahr an dem Tage mit freudig gehobe­nem Gefühl an den Mai 1867 zurückdenken. Von Ihren Gegnern hätt ich mir für Ihren Geburtstag eins aufs innigste gewünscht: daß sie Ihre Sonderlinge verbrannt hätten! Der eine Umstand würde lange Artikel überflüssig machen. Mir gehts ohnehin im Kopfe herum, man dürfe den Vorfall nicht unausgebeutet lassen, um damit ein großes Loch zu bohren in die unselige Mauer die das katholische Deutschland von dem andern trennt. Hätt ich nur mehr Zeit! Noch etwas. Ein Mitglied des Germanistenclubs, Studiosus Döring aus Dresden, brachte mir ein Buchgeschenk für Ihren Geburtstag, den berühmten Zeitroman Simplicissimus aus dem 17. Jahrh. - aber ich kann das leider heute nicht gleich mitschicken, es gehört aber Ihnen und liegt bei mir und ich sehe es mit doppelter inniger Freude an. Im Club schwirrte gestern die Rede, daß Sie am Ende in einer der nächsten Wochen einmal unter uns säßen? Er tagt auf demselben (dem bairischen) Bahnhofe, auf dem Sie anlangen würden, und der nur zwei Minuten von meiner Wohnung entfernt ist. Mich verlangt übrigens zu wissen, wie Sie sich befinden, zu­mal Sie von Ihren lieben Kindern getrennt sind - sehen Sie sich als einen zur Geisterschlacht Einberufenen an, der als Sieger heimkehren wird. Mit Freudesgruß und - Freudeskuß

Ihr R. Hildebrand

Wärmste Grüße an Schwager und Schwester.