felderbriefe.at - Hirzel http://felderbriefe.at/taxonomy/term/2/0 de VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-27 <div><span class="date-display-single">25. April 1867</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Freund,</p> <p>Heute nur in Eile ein kurz Briefchen, früh vor der Arbeit ge­schrieben. - Ich danke zunächst für Ihre Aufnahme meines Aufsatzes über Sie, ich war mir doch unsicher, ob Ihnen dieß und jenes darin nicht peinlich oder sogar schädlich sein würde, namentlich Ihren Gegnern gegenüber. Nun so ist ja alles gut oder wird noch gut werden. Ich bin zu begierig, die Verhältnisse dort selbst kennen zu lernen, obwol ich mich gerade auf diese Seite meines Besuchs nicht freue. Heute schreib ich wesentlich einer kleinen Geschäftsfrage wegen. Ich hatte Ihnen bei Hirzeln 18 Freiexemplare ausbe­dungen - er fand das „ein bischen viel" und hat Ihnen dann richtig auch nur 12 geschickt! So sind die Verleger, d. h. die großen. Ich könnte mich darüber ärgern, oder thue es viel­mehr wirklich, nicht weniger über das geringe Honorar für Sie bei 1000 Auflage; doch er wird wol noch etwas heraus­rücken, wenn die Auflage erst vergriffen ist. Indeß ist dabei doch ein glücklicher Zufall, ich meine bei den 12 Ex., daß die Exemplare die Sie von hier aus besorgt wünschten, nun hier geblieben sind, und ich habe noch gestern je eins an Gottschall, Bergmann, Dr. Lecher und Scheffel als zu besor­gen bei Hirzel notieren lassen. Wegen Scheffels aber bin ich über Ihren Ausdruck nicht klar, und das ist der eigentliche Grund meines heutigen Schreibens: ist das von Ihnen be­stimmte Ex. für Baron Seifertitz gemeint oder für Scheffel selbst? Ich hab das erstere angenommen und wollte Ihnen das möglichst rasch melden, damit in diesem für Sie doch nicht unwichtigen Punkte kein Misgriff vorfalle. ­Nun doch rasch noch einige Neuigkeiten. Zuerst eine weni­ger angenehme, daß nämlich bis jetzt die Sonderlinge nicht so stark bestellt werden als auch Hirzels erwartet haben; die Kriegsfurcht ist dran schuld, Jeder fängt zuerst bei Bücher­käufen zu sparen an.</p> <p>Außerdem ist das Wichtigste mir, daß mir Hirzel sen. kürz­lich endlich so zu sagen seine Bekehrung in Betreff Ihres Werkes erklärt hat, ein Augenblick auf den ich ruhig gewartet habe, ohne ihn irgendwie hervorzurufen oder auch nur her­vorzulocken. Er sollte ganz von selbst kommen. So sagte er mir denn am Sonnabend vor Ostern von freien Stücken, er hätte gestern (am Charfreitag) ein Stück gelesen, von dem müsse er doch sagen, daß es ihn „gefangen genommen habe", es war das Stück vom Verhältniß des Winters zu den Bauern. Endlich ist der Aristokrat in die Falle gegangen und wir haben ihn, dacht ich bei mir, sagte aber ganz andere Dinge; die doch wol den Triumph nicht ganz verbargen. Es ist mir für Sie und für mich unendlich lieb, daß wir Hirzeln endlich haben, sein Urtheil ist fein und durchaus achtbar, und wen er einmal gelten läßt, der empfindet dann die lie­benswürdigsten Seiten seines Wesens, die ich selbst aufs innigste lieb habe (bei allem bittern Ärger über ihn). Kurz, dieser für mich persönlich am meisten ins Gewicht fallende Punkt ist also in Ordnung. Sie können Hirzeln als einen rechten Vertreter der norddeutschen hohen Geistesaristokra­tie ansehen, die wesentlich in dem Cultus Goethes (des Spä­teren) ihre Unterlage hat. Doch daß Sie die Bekehrung und meine Freude darüber noch schärfer ermessen können, muß ich Ihnen doch nachträglich sagen, was Hirzel vor dem Druck einmal sagte, nachdem er sich einmal ein gut Stück in den 1. Band hineingelesen hatte: „Ich befinde mich nicht wohl in der Gesellschaft." Er hats wahrscheinlich seitdem nicht wie­der angesehen.</p> <p>Seit meinem letzten Briefe hab ich übrigens zweimal wieder über Sie Vortrag gehalten und von Ihnen vorgelesen, am Montag vor acht Tagen hier in der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer (ge­gründet von Gottsched), deren Mitglied ich bin - Wirkung glänzend - und vorgestern in Altenburg in einer kleinen Gesellschaft aus höhern Ständen, wo bei meinem Erscheinen die Rede bald auf Sie kam, und ich hatte aufs Gerathewohl ein paar Correcturbogen von Ihnen eingesteckt - Wirkung glänzend, Damen und Herren gleich entzückt. Meine Frau scherzt schon länger, ich könnte und sollte auf Sie reisen in Deutschland, wie es Vorleser machen, und vorgestern hab ich unwillkürlich dazu den Anfang gemacht. Mir wärs recht, wenn ich könnte, mir wärs lieber als die Wörterbuchearbeit, wenigstens so zur Abwechslung.</p> <p>Aber ich muß zur Wörterbuchsarbeit. Mit Quellmalz will ich nächstens einmal verhandeln wegen Ihrer Schuld und sonst, möchte aber freilich dazu gern genau wissen, welche Blätter Sie behalten wollen.</p> <p>Herzlichen Dank für die Bildchen aus vorigem Briefe und für die Gedichte im letzten nebst dem liebenswürdigen Gruß Ihres Wibli. Ich und die Meinigen grüßen aufs herzlichste zurück, es verlangt mich immer mehr danach, auch die lieben Ihrigen von Angesicht kennen zu lernen, obwol wir uns ge­genseitig anfangs wol etwas spanisch vorkommen werden. Wenn nur der Krieg nicht wieder dazwischen kommt, der ja jetzt kaum noch zu vermeiden scheint. Na, hoffen wir das Beste, in herzlicher Freundschaft</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>Viel Vergnügen zu der Reise nach Lindau! Ich wollte ich könnte dabei sein. Meinen Glückwunsch an Ludmilla, wenn Sie ihn anbringen können, sie hatte ja einmal kein Nonnen­fleisch, wie die Frau Wirthin von ihr sagte!</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Auflage der Sonderlinge Hirzel Ludmilla Sonderlinge Vortrag von Hildebrand felderbriefe.at newsletter Thu, 25 Apr 2013 07:00:00 +0000 st 371 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-27 <div><span class="date-display-single">21. Dezember 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Um diese Jahreszeit, wo alles eingeschneit ist und doch noch, die wenigsten Winterwege schon gangbar sind, sitzt der Bauer daheim, liest den neuen Kalender, macht die Jahres&shy;rechnung und ist dann je nach dem Ausfallen derselben ein lustiger ergebener oder unerträglicher Hausvater. Auch ich, obwol ich mein Anwesen leicht übersehe, habe eine Jahres&shy;rechnung gemacht und die hat mich so befriediget wie noch keine. Meine Freunde sagen mir, ich hätte 10 Jahre nicht mehr so gesund und so vergnügt ausgesehen wie jetzt, und ich wills gern glauben, denn dieses Jahr war für mich trotz allem und allem das Glücklichste seit lange und hat für mein Leben über manche Frage entschieden. Vor einem Jahr um diese Zeit packte ich mit ungerechtem Unmuth mehrere recht gut gemeinte Briefe von Reisenden zusammen und sagte mir: „Diese Theilnahme, was Anderes ist sie als Mitleid mit dem Tropf der etwas mehr als ein Lastthier sein will. Man küm&shy;mert sich um mich wie um ein Thier welches recht unnatür&shy;liche recht wunderliche Sprünge macht, sagt allenfalls, ich hätte für mich genug gethan und laßt mich dann mitleidig gehen." Ja, lieber unermüdlicher guter Freund! so dachte ich, bevor ich den Muth hatte, mich an Sie zu wenden, den mir, offen gesagt, nur die immer lebhafter werdende Erinnerung an die Stunde in Au gab, wo wir schon über die sociale Frage und Hermann Schmied verhandelten und Sie meine derben Würfe so nachsichtig und doch treffend erwiderten. Ich habe mich diese Tage neben Ihr Bild gesetzt, das da im Zimmer neben denen meiner übrigen Freunde hart bei mir ist, und die in diesem Jahre gewonnenen Schätze, Ihre Briefe gezählt, geordnet und mich dem behaglichen Gefühl überlassen, das sie mir gewekt. Da ist dann auch noch Ihr letzter und der von Hirzel dazu gekommen und Sie können Sich denken, wie froh ich meine Jahresrechnung abschließe. Hoffentlich wird man meiner nächsten Arbeit ansehen unter welchen Eindrücken sie entworfen wurde!</p> <p>Also die Sonderlinge werden Ihre Wanderschaft von Hirzel empfohlen, nun bald antretten! Es ist eigen: daß die Bauern aus dem Süden im Norden, und nicht etwa bei Bauern, die freundliche Aufnahme gefunden. Das hätt ich vor einem Jahr nicht zu hoffen gewagt. Ich hätte zu dem Werklein eine Vor&shy;rede beigegeben, und mich um allfällige Mängel zu entschul&shy;digen als Bäuerlein vorgestellt, aber ich hielt dafür, das Werk sollte an sich gut sein und man sollte vom Verfasser nichts wissen müssen ja ich fürchtete, daß ich durch eine solche Mittheilung mehrere vom Lesen abschreken, als gewinnen würde. Ich glaube auch, Ihnen das einmal gesagt zu haben. Was Sie über Mariannens Bruder sagen, hab ich mir selbst auch gesagt, nur würde sein Humor den Barthle in ganz an&shy;derem Liecht haben erscheinen lassen. Klausmelker ist zuwei&shy;len Satiriker, für den Humor aber ist er zu troken, er macht da und dort einen Anlauf etwas Witziges zu sagen, aber es ist alles bitter und etwas kalt. Seine Kraft ist noch zu wenig gebrochen, um ein Humorist zu werden. Ihm und den an&shy;dern Stürmern 2. Gattung steht das Weberle mit seiner Bärbel gegenüber, wie der Senn dem Haupthelden gegen&shy;übersteht. Zu ändern wünschte ich auf Ihren freundschaft&shy;lichen Rath hin da, wo Franz die Pfeife zerschlägt im 9 Kapi&shy;tel des ersten Theils. Ob ich auch die Selbstgespräche im 10 Kap 1 Th. kürzen sollte, weiß ich nicht. Es sind die Conse&shy;quenzen des Individualismus die ich an edlen Charaktern zeigen wollte. Franz sollte hier nach meiner Ansicht fast widerlich werden. Vielleicht aber wird er lächerlich? Ich bitte mir Ihre Gedanken über die Meinen mitzutheilen und die erwähnten Kapitel bald zu schiken, damit ja die Sache recht schnell vorwärts geht.</p> <p>Die erste Sendung aus dem Leih-lnstitut hab ich erhalten und bin noch, damit beschäftiget. Das Zurüksenden kann, wie gesagt, nur langsam gehen. Es wären noch mehrere hier, die die Sachen gern lesen möchten und ich bitte, Herrn Quelmalz zu fragen, wie theuer jährlich er mir die Sachen, die er erst beliebig lang behalten könnte, als Eigenthum über&shy;lassen würde.</p> <p>Am liebsten möchte ich das Ausland, Museum Monathefte und die Europa behalten. Wenn in letztgenanntem Blatt allen&shy;falls, wie Sie mir einmal schrieben, ein Aufsatz über mich vorkommen sollte, so möchte ich um Übersendung der Num&shy;mer bitten. Wenn die Gartenlaube meinen Aufsatz zurük&shy;weist, so machen Sie sich darum ja keine Sorgen. Villeicht läßt er sich dann anderwärts herausgeben und sonst liegt ja gar nicht viel daran. Ich wünschte nur einmal der Welt von der Wirthschaft der Herren Schwarzröke ein wenig zu schil&shy;dern.</p> <p>Die Meinen sind wol, sie Alle, die Mutter das Wible und ich wünschen Ihnen ein „recht glückseliges neues Jahr" der Jakob, der Kaspar (Kaspale) das Mikle und das Hermindle (männchen) werden es thun, wenn sie uns besuchen, worauf wir uns schon jetzt alle recht herzlich freuen. Jetzt aber lärmen meine 4 Kühe und wollen ihr Abendfutter haben. Also leben Sie wohl, mit vielen Grüßen an Sie und die Ihrigen, Ihnen und allen die ich kenne und die es gut meinen frohe Festtage wünschend verbleibe ich</p> <p>Ihr dankbarer</p> <p>Franz M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Bilanz Hirzel Sonderlinge Weihnachtsgrüße Fri, 21 Dec 2012 08:00:00 +0000 st 339 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-84 <div><span class="date-display-single">20. Dezember 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Ich habe Feurstein meine Gespräche vorgelegt und er ver&shy;spricht, sie zu drucken, sobald ich mit Feilen fertig sein werde. Über die zu gründende Zeitung haben wir viel hin und hergeredet. In der Hauptsache sind wir eins, und wir bemühen uns im schönsten Frieden einen Plan aufzustellen, der unsern und allen Verhältnissen und Meinungen gerecht zu werden sucht. Meine Ansicht hab ich Dir vorgestern mitgeteilt, trotz&shy;dem wäre mir Feursteins Vorschlag, die Volksstimme nicht streng regelmäßig oder nur monatlich erscheinen zu lassen, sehr lieb und meinen Verhältnissen angemessen. Wir warten mit dem Entschluß, bis er durch eine gemeinsame Verhand&shy;lung herausgeschält wird aus allen Verhältnissen, Fürchten, Bedauern etc. Jedenfalls wird Feurstein bei uns stehen. Hildebrand hat mir gestern geschrieben, d. h. ich las gestern seinen Brief, und zwar sehr begierig, denn ich hätte fast gefürchtet, daß mir nicht gelinge, was der letzte Brief von mir wollte.-Sieg!</p> <p>Hildebrand rückt mir immer rascher näher. Er sieht, daß wir noch viel und wichtigeres verhandeln werden. Der Brief&shy;wechsel mit mir sei ihm unentbehrlich geworden und er bitte mich, oft zu schreiben.</p> <p>Auch Hirzel hat geschrieben und mir die baldige Druck&shy;legung der Sonderlinge höflich zugesagt. Das Honorar ist klein. Hildebrand sagt: Hirzel pflege sich für den schlimmsten Fall zu decken, aber nobel nachzuzahlen. Auch sei sein Verlag mir viel mehr wert als Geld. Hirzel verspricht 200 Taler = 361 Fl. für die erste Auflage.</p> <p>Noch eins: was sagst Du zu meiner Charakteristik der Vor&shy;arlberger Parteien? Du hast die Stelle angestrichen und nichts gesagt.</p> <p>Gestern war ich bei&nbsp; Babel&nbsp; in Mellau&nbsp; und&nbsp; habe die guten Leutchen mit eigenen Gedanken verlassen. Einstweilen wünschen sie Dir Glück zum Neuen Jahr, näch&shy;stens werden sie Dir selbst schreiben und Dich bitten, ihnen wieder Götte zu sein.</p> <p>Lebe wohl mit Brudergruß und Handschlag Dein Freund</p> <p>Felder</p> <p>Feurstein läßt Dich, Margreth Deine Frau grüßen!</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Bezau Kaspar Moosbrugger Hirzel Sonderlinge Volksstimme Zeitungsgründung Thu, 20 Dec 2012 08:00:00 +0000 st 338 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-21 <div><span class="date-display-single">22. November 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber tapferer Freund Bäuerlein,</p> <p>Eh ich an die Arbeit gehe, rasch ein Wörtchen an Sie, ein wichtiges – Sieg! Hirzel druckt Ihre Sonderlinge! Ich darf nicht zögern es Ihnen gleich zu melden daß Sie der quälen&shy;den Unsicherheit entrissen werden. Mir selbst ist, seit ichs weiß, wie Feiertag zu Mute, ich habe keine Lust zum Arbei&shy;ten, mir ist wie vor zwanzig Jahren einmal da ich als Student erfuhr daß ich bei einer philosophischen Preisarbeit den Preis gewonnen hatte (ich. wollte ursprünglich Philosoph werden, und womöglich Dichter daneben).</p> <p>Hören Sie Genaueres. Schon vor acht Tagen sagte mir ein Bekannter, Professor Krehl: nun die Sonderlinge werden ja gedruckt? Woher weißt Du denn das? fragte ich. „Hirzel hat mirs gesagt." Fragen wollte ich ihn trotzdem nicht, bis er mirs freiwillig sagte, aber ich hätte beinah gleich, geschrieben an Sie. Heute Mittag aber hat mirs Hr. Hirzel junior gesagt (der Vater ist wieder verreist), und zwar freiwillig bei einer Wen&shy;dung des Gesprächs die ihn drauf brachte. Da ich genauer fragte, sagte er mir, der Vater hätte kürzlich zu ihm geäußert: zum Neujahr wollen wir doch nun auch Felders Roman vor&shy;nehmen. Zugleich hörte ich da, daß Hirzels Frau und Tochter Ihr Buch in der Handschrift gelesen haben und davon sehr befriedigt sind. Ich freue mich darauf sie selbst einmal darum befragen zu können.</p> <p>Dieser Berg wäre also überstanden - ich athme nicht weniger auf als Sie, mir wars manchmal als stiege ich athemlos einen Berg hinauf der nicht enden wollte - nun haben wir eine weite schöne Aue vor uns mit lustiger Wanderung nach einem schönen, vielleicht stolzen Ziele. Gott gebe Ihnen Kraft und Gesundheit, daß sich die ganze Spannkraft Ihrer Seele frei entfalten könne, Sie werden mich nun nicht mehr groß brauchen. Durch Hirzels Verlag werden Sie nun in einen Kreis eingeführt, der durch sein bloßes Dasein besser für Sie sorgen wird als ichs mit meinen Mühen und Sorgen habe thun können.</p> <p>Doch nicht zu vergessen, liebster Freund, daß das nur eine vorläufige vertrauliche Mittheilung ist, die amtliche so zu sagen kann nur von Hirzeln selbst ausgehn, aber es litt mich nicht Sie länger ohne Noth in dem Hangen und Bangen zu wissen. -</p> <p>Schönen Dank für die Sendung. Die Artikel Dr. Landgrafs in der Nordd. Zeitg waren mir sehr interessant, es stammt alles nur aus meinen Mittheilungen, die ich Mayers an einem Abend machte und aus der Lectüre von Nümmamüllers; Sie hätten sich eigentlich bei ihm bedanken sollen.</p> <p>Die polit. Broschüre macht mich etwas verdutzt. Ist denn das Ihr Stil? Der gelehrte Anstrich, die wuchernden Fremdwörter, das zuweilen Orakelhafte des Stils, das Sprunghafte in Ge&shy;danken - ist das Ihr Stil? und doch erkenn ich oft Ihre Art zu denken und zu reden wieder. Die Sache freilich will mir nicht ganz munden, ich bin überhaupt Lassalles ganz demo&shy;kratisch-socialistischen Revolutionsbestrebungen abgeneigt, und Ihr Österreich, sobald man nicht bloß an einzelne deutsche Theile denkt, ist dieser völligen Entfesselung der allgemeinsten Volkskraft sicher um Jahrhunderte lang noch nicht gewachsen und reif; auch ist mir zuviel Haß gegen die Reichen und Traum an gleiche Vermögensvertheilung in den Gedanken als Hintergrund versteckt - das Unsinnigste was es geben kann (NB. ich gehöre auch zu den Armen, die aus der Hand in den Mund leben), die Reichen sind die Knoten&shy;punkte des Netzes, in dem Arbeit, Verdienst, der Umlauf des Geldwerthes, Streben nach vorwärts, großer Unternehmungs&shy;geist, Credit usw. sich verflechten zu dem Ganzen unsres volkswirtschaftlichen Daseins, und es ist kleine Selbstsucht sie deßhalb weil sie andre Genüsse haben als wir (bessere und eigentlich mehr wahrlich nicht) zu beneiden. Bildung, Vertiefung unseres Geistes- und Gemütslebens, herzhafte und tiefgegriffene Lösung der großen religiösen Frage, das ists was mir die Bedürfnisse der Zeit scheinen, nachdem für uns Deutsche die große politische Frage im Ganzen entschie&shy;den ist.</p> <p>Aber ich muß an die Arbeit. Nur noch eins. Quellmalz war der Meinung, Sie wollten die bestellten Journale behalten, aber das andere ist ihm auch recht, und er berechnete die Kosten der von Ihnen angestrichenen Blätter auf vierteljähr&shy;lich 20 Ngr. (2/3 Thaler). Geld schicken Sie nur vor der Hand nicht, es verlohnt sich ja nicht der Mühe, auch läßt er die auswärtigen Kunden nur postnumerando zahlen; ich kanns ja auslegen, bis etwas zusammen ist, oder lassen Sies Hrn. Stettner abmachen, durch Anweisung auf seinen Commis&shy;sionär hier. Die erste Sendung wird wol schon an Sie abgegangen sein; mit der Zurücksendung wird sichs schon ein&shy;richten, wir müssen erst Versuche machen bis sich das Beste und Bequemste findet.</p> <p>Grüßen Sie mir Ihr liebes wtbele, sie wird ja an Ihrem Glücke vollgemessenen Theil nehmen, ich wollte ich könnte unge&shy;sehen dabei sein wenn Sie den Brief öffnen - Glück auf!</p> <p>Ihr treuer Rud. Hildebrand.</p> <p>Die Correcturbogen konnten Sie behalten, sie sind mir ja reine Maculatur. Bitte packen Sie nicht wieder so viel Papier in einen Brief, ich habe stark nachzahlen müssen.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Hirzel Landgraf Norddeutsche Zeitung Parteischrift Sieg Sonderlinge Stil wichtig Zeitschriften Thu, 22 Nov 2012 08:00:00 +0000 st 329 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-18 <div><span class="date-display-single">13. August 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Herr Felder,</p> <p>Heute fand ich heim kommend Ihren Brief vom 24. Juli vor mit der Photografie und kann nun Ihre Gesicbtszüge Ihren hiesigen Freunden zeigen, die wahrhaft gespannt darauf sind. Vorigen Donnerstag Abend hab ich in einer Hütte unsres Gartens einem Kreise von Bekannten, darunter zwei junge Damen, aus Ihren Sonderlingen vorgelesen, den Besuch Fran&shy;zens vor Mariannens Fenster im Vorsaß und die Liebeserklä&shy;rung beider nachher im Walde - ich wollte Sie wären dabei&shy;gewesen, um Ihren Triumph selbst einzuernden; ich habe dasselbe schon einmal im Juni zwei Frauen vorgelesen, dabei eine Thüringerin aus Arnstadt, ein tiefpoetisches Gemüth &shy;sie war tief entzückt und begeistert. Ich sage Ihnen hiermit den begeisterten Dank meiner Hörer und Hörerinnen. Aber zum Geschäftlichen. Ihren Brief vom Juni hab ich doch richtig erhalten, er kam schon in die Kriegsluft hinein und war mir in der schweren Beklemmung von damals, als man den Abgrund vor Deutschlands Dasein sich öffnen fühlte, ein rechter Trost, zumal ein so liebenswürdiger Ton heraus klang. Seitdem ist meine sonst ziemlich lebhafte, mir schon zu lebhafte Correspondenz durch den Kriegssturm wie ab&shy;gerissen, hat sich auch, jetzt noch nicht wieder angeknüpft. Daß ich Ihnen nicht bald antwortete, war nur eine Folge der Stimmung, in der ja alles zu brechen und zu reißen schien. Ich wollte nicht eher schreiben, als bis der entsetzliche Auf&shy;ruhr der vaterländischen Verhältnisse sich geklärt hätte, daß man wüßte welchen Ton man anzuschlagen hätte. Nach dem 3. Juli sollte dann bald geschrieben werden, aber jeder Sonn&shy;tag ist mir durch andere Thätigkeit verzehrt worden; gerade heute hätte ich nun ohnehin geschrieben, als Ihr sorglicher Brief kam.</p> <p>So haben wir nun Deutschland, wie mit einem riesenhaften Ruck zusammengerüttelt, Ostreich losgesprengt, Norddeutsch&shy;land zusammengeschoben in Eine Masse und Süddeutscbland einstweilen bei Seite geworfen als unbrauchbar für jetzt! Und doch ist nun das Ziel unsrer Entwicklung klar wie die Sonne, endlich nach so langem Schwanken und Schweben: Anschluß an Preußen, in dem die alte Kraft Deutschlands verjüngt wie&shy;derersteht. Ist ja das die entschiedene Losung selbst in Schwa&shy;ben und Baiern, wie mans in der Augsb. Zeitung unzweifel&shy;haft vor sich sieht. Mir ist das das Heldenthum der Vaterlands&shy;liebe, wie es jetzt in Süddeutschland sich aufthut: von Haus aus im Herzen Todfeind Preußens, und nun, da der Geist der Geschichte den Schwerpunkt nach Norden verlegt hat, das heiße Verlangen dem vorigen Todfeind sich anzuschlie&shy;ßen! Ich habe auch keine solchen Siege Preußens gewünscht (obwol wir aus ändern Gründen auch Siege Österreichs nicht wünschen konnten), aber nun bin ich entschieden und sehr freudig hoffend in die Zukunft -</p> <p>Aber Sie da unten?! Hundertmal hab ich mich in jenen ent&shy;setzlichen Tagen mit Schmerzen gefragt, was müssen die Deutschgesinnten an der Donau, in den Alpen, was muß Felder und seine Landsleute zu dieser Wendung der Dinge sagen und fühlen?! Aber wirklich verloren können und dür&shy;fen Sie uns ja nicht sein! Gerade Sie im Südwesten sind ja weit näher auf Deutschland angewiesen als das übrige Öster&shy;reich. Ein Mittel sieht man freilich jetzt nicht ab, Sie für uns politisch zu gewinnen; aber im Lauf der Zeiten wird und muß es sich ja finden. Ich möchte schon einmal Sonntags bei Ihnen unter Ihren Bauern sein, oder hören was die Weiter&shy;sehenden in Feldkirch usw. sagen.</p> <p>Interessant war mir das Stück Zeitung, in das Ihr Bild geschla&shy;gen war, es ist wol die Feldkircher Zeitung? Ist die Meldung des furchtbaren Unglücks aus Au von Ihnen? Auch Bismarck ist mit zu lesen darauf, leider nicht der ganze Zusammenhang. Wenn Sie mir gelegentlich solch ein Blatt oder ein Bruchstück wieder mitschicken, würden Sie mir eine große Freude machen, ich mach Ihnen wol auch einmal einen Gegenspaß. Hirzel läßt Sie schön grüßen und um Entschuldigung bitten daß er noch nicht geantwortet hat; er ist auch durch die Kriegszeit sehr in Anspruch genommen worden, innerlich und äußerlich, zumal er selbst politisch im Stillen mit sehr thätig ist. Ich hab ihm auf Verlangen heute die Sonderlinge ausgeliefert (das Schwarzokaspale hat der Tausendsasa immer noch nicht gelesen!), mit der Mahnung, sich durch die etwas lange Exposition nicht abschrecken zu lassen - so ein Stadt&shy;mensch, der nicht viel Muße hat, ist nämlich im allgemeinen beim Lesen sehr ungeduldig. Sonst hat er auf eine An&shy;frage neulich sich zum Druck immer noch bereit erklärt, nur meinte er, daß jetzt die Zeit zum Druck noch nicht wäre, ein Verschieben wäre in Ihrem eignen Interesse. Ich denke ihn aber noch von diesem Zaudern zurückzubringen, wenn nicht nun die Franzosen einen zweiten Krieg ins Land werfen, und wenn - Hirzel an den Sonderlingen weit genug list, um Ge&shy;fallen daran zu finden. Aber haben Sie nur Geduld und Ver&shy;trauen, ich werde alles thun, um im günstigen Falle den Druck noch in diesem Herbst durchzusetzen. Daß Sie den ganzen Roman noch einmal durcharbeiteten, würde ich an und für sich nicht rathen; Hirzel müßte dann den ganzen Winter noch nicht daran gehen, dann wäre es vielleicht gut, ihn noch einmal ganz an Sie zu schicken. Aber daß Sie nicht noch eine Abschrift davon haben, ist doch nicht gut bei dem wei&shy;ten Verschicken; haben Sie denn das, was ich habe, gleich so ins Reine geschrieben oder dictiert? ich dachte es wäre abgeschrieben ins Reine. Wenn Sie änderten, würde ich da&shy;zu wieder das Capitel mit dem Pfeifenkopf vorschlagen, da ist mir Franz doch zu blöde, es geschieht zu wenig darin; in diesem Cap. wie in dem nach der Wirthshausscene ist mir Franz zu hypochondrisch, er wühlt zu sehr nur in seinem Inneren (NB. Das Traumbild ist vortrefflich). Ihren Aufsatz über den Tannberg traute ich mir wol bei Keil anzubringen, obschon ich noch nicht mit ihm bekannt bin; schicken Sie mir ihn doch, ich wollte ohnehin einmal bei Keil vorsprechen, um ihn mit Ihrem merkwürdigen Lebenslauf bekannt zu machen. Haben Sie nicht schon daran gedacht, einmal der Redaction der Augsb. Zeit. Correspondenzen über die Verhältnisse und Stimmungen in Ihrem Lande einzu&shy;schicken? Vielleicht warten Sie doch besser damit, bis die Redaction durch die Sonderlinge Ihren Namen kennen lernt; aber Ihre Art und Gesinnung würde der Augsb. Allg. bestimmt zusagen.</p> <p>Wegen der Zeitschriften, die von hier Ihnen zu schicken wären, will ich nächster Tage einen Schritt thun, ich denke es wird sich machen. Daß Sie für unser Altdeutsch solches Interesse gefaßt haben, ist mir rührend, ich bin neugierig wie Sie mit Pfeiffers Ausgabe auskommen werden, ich wollte ich könnte Ihnen dabei persönlich behülflich sein; mein Liebling ist Walther v. d. Vogelweide, nehmen Sie nur nicht die Min&shy;nelieder zuerst, sondern die politischen Sprüche. Vieles wird Ihnen z. B. im Nibelungenliede wildfremd oder wunderlich oder lahm oder abgeschmackt vorkommen, was es - nicht ist; wir sind aber mit aller Gelehrsamkeit noch nicht bis zum wirklichen lebendigen Verständniß der Rede und Denkart unsrer Vorfahren vorgedrungen. Wenn Ihnen etwas auffällt, theilen Sie mirs doch mit; es wäre mir interessant zu sehen, was Ihnen unklar oder auffallend ist, ich lerne selber daran. Daß ich dieses Jahr meinen Besuch bei Ihnen nicht ausfüh&shy;ren konnte, ist mir ein wahrer Verlust, aber der Krieg machte es einfach unmöglich; gekommen wäre ich etwa Ende Juli&shy; ich gratuliere übrigens zur glücklichen Heuernte, wir haben hier im Juli und jezt noch entsetzlich viel Nässe gehabt. Auf meinen Besuch zurückzukommen, so ists möglich daß Sie statt meiner von Freunden von mir besucht werden, möglich ists von zweien, die im Sept. nach dem Südwesten wollen. Ich will sie aufs Gerathewol einstweilen anmelden, beide Historiker vom Fach, und beide durch mich mit Ihren Ver&shy;diensten bekannt: Dr. v. Posern, Mitherausgeber des säch&shy;sischen Urkundenbuchs, und Dr. Puckert, Docent für sächs. Geschichte an hiesiger Universität. Letzterer schwärmt für das Vorarlberg, wo er schon gewesen ist, ein guter warmherziger Mann; Sie brauchen von beiden keinen Gelehrtendünkel zu besorgen.</p> <p>Ihre Beiträge fürs Wörterbuch kann ich vortrefflich brauchen, sie sind wie ichs nur wünschen kann.</p> <p>Hirzels Unglück war ein Familienunglück, Selbstmord eines Bruders, der hier ein hochgeachteter Mann war und durch die Geschäftskrisis vor dem Kriege in schwere kaufmännische Verluste kam. Schreiben Sie ihm nicht etwa darüber. Aber ich muß schließen, Gottbefohlen, sorgen Sie für Ihre Gesundheit, herzlich grüßend&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p> <p>Ihr R. Hildebrand</p> <p>Was macht die Käshändlergenossenschaft? Sie müssen den&shy;ken, ich habe keinen Sinn für Ihre praktische Reformerthätig&shy;keit, weil ich noch nichts davon erwähnt habe. Ganz im Ge&shy;gentheil, ich thäte selbst oft lieber solche Dinge als in Bü&shy;chern wühlen.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Hirzel Krieg Sonderlinge Mon, 13 Aug 2012 07:00:00 +0000 st 314 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-17 <div><span class="date-display-single">10. Juni 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber Herr Felder,</p> <p>Ich bin schon seit einiger Zeit fertig mit den Sonderlingen, sie sind mir sehr lieb geworden, und ich will nicht länger verschieben, Ihnen auch vom Ganzen zu sagen wie es mir gefallen hat. Ich bin von der weiteren Entwickelung durchaus befriedigt, der eigentliche Umschwung durch den Lawinen­sturz ist vortrefflich erfunden und ausgeführt, von ergreifen­der Wahrheit und Feinheit in der Zeichnung äußerlich und innerlich. Daß Barthle stirbt, ist entschieden passend, Sepps Bekehrung ganz vortrefflich, die Entfernung des Pfarrers und seine Ersetzung die beste Lösung der religiösen Spannung, usw. usw. - ich bin begierig es gedruckt ausgehen zu sehen. Aber in dieser Woche wird wol das blutige Trauer- oder Pos­senspiel im Vaterlande beginnen! Dazu hat Hr. Hirzel in letz­ter Zeit ein tiefes schweres Leid in der Familie erfahren, das ihn fast beugte (es hangt auch mit der Kriegsnoth zusammen), so müssen wir leider auf hellen Himmel warten, und wer weiß wie lange. Vielleicht klärt sich wider Willen der Anstif­ter mehr nachher als die Menschen jetzt denken. Ich hab inzwischen schon ein paarmal aus den Sonderlingen in kleinem Freundeskreise einzelne Kapitel vorgelesen, und Sie können mit dem Erfolg sehr zufrieden sein. Auch hab ich vorige Woche in Halle auf einem geschäftlichen Besuch mei­nen dortigen Freunden über Sie Vortrag erstattet, darunter drei Herren von der Universität, mit gleichem Erfolg wie im Mai in Schulpforta; hab auch kürzlich bei Scheffel in Karls­ruhe brieflich angefragt, was er zu Ihrem Schwarzokaspale sagt. Er hat mir zugesagt es nun zu lesen und will mir sein Urtheil darüber mittheilen, ich bin sehr neugierig darauf. Der Redacteur der Europa, Dr. Steger, sprach mir neulich den Wunsch aus, Ihre Briefe an mich zu einer Mittheilung in sei­nem Blatte zu benutzen. Das hielte ich nun zwar an sich für ganz wünschenswerth, aber nur jetzt nicht wie mir scheint, was sagen Sie dazu? Er sprach von einem auszugsweisen Ab­druck der Briefe.</p> <p>Ihre Ausführungen auf meine kritischen Bedenken waren mir sehr interessant; aber überzeugt haben sie mich freilich nicht allenthalben, z. B. in dem Punkte von Sepps Seelenheil in den Augen der Mari. Aber ich sehe wie mißlich es ist, dem Dichter in seine Arbeit hineinreden zu wollen, sonst hätt ich noch ein paar kleine Fragen der Art - z. B. daß die Bauern sich um die großen Ereignisse in Italien damals nur so gar kühl kümmern, daß selbst Franz sich die Zeitungen eben in dieser Zeit auch nicht einmal auf die Alp nachbringen läßt, während er bei seinem Gesichtskreis doch wol auch den Zusammenhang der großen politischen Entwickelung mit seinen persönlichen Interessen empfinden müßte, daß auch die Mariann ihn nach seiner Verwundung gar nicht fragt, sie die Liebende------- aber ich will nichts gesagt haben, es sind nur so Einfalle.</p> <p>Mein Besuch im Bregenzerwalde ist bei jetzigen Umständen leider sehr fraglich, während ich eine Zeit lang dazu fest ent­schlossen war, als man noch Hoffnung auf Friede hatte. Ihr Besuch in Leipzig würde mir aber eben so lieb und erwünscht sein, und wenn das Schwarzokaspale eine zweite Auflage erlebt, oder wenigstens wenn erst die Sonderlinge zum zwei­ten Mal gedruckt werden sollten, auf diesen Fall möcht ich Ihnen eigentlich das Gelübde Ihres Besuchs bei mir abneh­men. Ich wäre wahrhaftig begierig Ihnen die Kunst in Concert und Theater und Malerei vorzuführen-Sie kennen die eine ganze Hälfte der Seelenwelt noch nicht wirklich, wenn Sie die Kunst in ihrer Blüthe noch nicht haben auf sich wirken lassen können - nun das muß ja noch werden, und ich freue mich darauf Sie da einmal einzuführen. Hier in Leipzig wären Sie natürlich mein Gast; aber im Sommer werden Sie nicht kön­nen, eher wol im Herbst, etwa im October? Die Reisekosten würden sich, um auch das einstweilen zu erwähnen, auf höchstens 25 Thaler belaufen, freilich Geld genug. Ich möchte Sie gar zu gern einmal ein paar Wochen um mich haben, und am liebsten wäre mir das allerdings hier auf dem Ihnen neuen Boden. Nun, kommt Zeit kommt Rath. Ich weiß nicht wie viel Sie bis jetzt von unserer Vorzeit wis­sen, die mein Liebstes im Studium ist; ich möchte Sie gern ein wenig dazu heranziehen. Da ich zu meiner Überraschung von Ihnen ein altdeutsches Wort angeführt fand, erlaube ich mir Ihnen als einen Appetitsbissen aus unserm engeren Stu­dienkreise einen Vortrag von mir mitzuschicken, aus dem Sie sehen können was für den gebildeten Deutschen überhaupt etwa aus unsern Studien herausspringt - wir arbeiten daran, unser eignes verschüttetes und verkanntes Alterthum wieder auszugraben ans Licht, den Faden wieder anzuspinnen, der unsere Gegenwart mit dem Leben und Denken unsrer Vor­fahren verknüpft oder verknüpfen sollte, denn er ist im 17. Jahrh. abgerissen worden.</p> <p>Um weitere Spähne aus Ihrer Sprache bitte ich angelegent­lich. Aber Ihr f und s setzt mich in Verlegenheit, weil ichs nicht unterscheiden kann.*) Ist das Klipso das Sie mir gaben, klipfo wie ichs gelesen habe, oder klipso? Da es jetzt zum Druck kommen soll, möcht ich gern baldige Berichtigung haben, ich habe den Druck noch warten heißen. - Wie nen­nen Ihre Landsleute das Echo? Echo doch wol hoffentlich nicht; Sie nennens einmal das antworten der Berge, und das ist der Ausdruck unserer Vorfahren, bezeugt aus dem 13. Jahrh.:</p> <blockquote><p>von Muten und von hünden | der schäl was so gröz,</p> <p>daz in (ihnen) da von antwürte | der berc und oüch</p> <p>der tan (Wald).&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nibel .883,3</p> </blockquote> <p>Wie kommt klapf zu der Bedeutung Menge? Ich komme nächstens daran, klapf ist alem. eigentlich Schlag, Krach u. ähnlich, es muß noch eine erklärende Zwischenbedeutung geben. Haben Sie klamper oder ähnlich = Klammer? haben Sie eine Redensart einem ein klempferle anhängen oder ähnlich = einem etwas seiner Ehre Schädliches nachsagen? Haben Sie etwa ein Wort klampe oder ähnlich = Klumpen, großer Bissen? Wie sprechen Sie Ihr lauine Lawine aus, laufne oder läuine? wol das letztere. Wir sagen, als wäre es romanisch, lawine.</p> <p>Ich habe noch mehr Fragen, wenn wir erst zum Druck kom­men, so Gott will. Manches kann ich auch nicht sicher lesen. Mir ist eingefallen, daß ich Ihnen Ihre Zeitschriften am Ende von hier aus billiger besorgen könnte, d. h. gelesene, und später erst, wenn Ihnen das nichts verschlägt. Doch für heute guten Abend, ich hätte eigentlich noch ein halb Dutzend Briefe zu schreiben.</p> <p>Grüßen Sie mir Ihr liebes Wible, ich grüße Sie mit den Mei­nigen, in freundschaftlichster Gesinnung ,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; ., . , .</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>Ich lege noch ein paar Correcturbogen bei, die vielleicht theilweis Interessantes für Sie enthalten.</p> <p>Die gedruckte Bitte von Mannhardt ist bestimmt, möglichst verbreitet und - beantwortet zu werden. Es sind schon tausende von Exemplaren durch Deutschland verschickt.</p> <p>*) nicht wahr: grübeln und grilleln, nicht grisseln?</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Deutsches Wörterbuch Dialekt Hirzel Leipzig Sonderlinge Sonderlinge/Rezeption felderbriefe.at newsletter Sun, 10 Jun 2012 07:00:00 +0000 st 305 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-13 <div><span class="date-display-single">11. März 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Werthester Herr Felder,</p> <p>Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir schenken, es macht mir große Freude, ist es ja eins der wohlthuendsten Gefühle die die Erde bietet, sich das Vertrauen eines Andern zu verdienen. Es ist auch bei mir nicht an den Unrechten gekommen, ja ich kann noch mehr sagen, obwol Sie es wohl nicht recht begreifen werden: Ihr Brief hat mir den Tag, als er anlangte, zu einem wahren innerlichen Festtage gemacht, und wie meine Familie, so müssen auch alle meine Freunde und Bekannten meine Freude theilen - sie kennen Sie näm­lich durch mich schon aus Ihrem Schwarzokaspale, und wer das Buch noch nicht kennt, dem geb ichs nun zu lesen. Doch zur Hauptsache. Ich war nach Lesung Ihres Briefes ent­schlossen, für Ihre Sonderlinge alle Mittel anzuwenden die mir etwa zu Gebote stünden, um Ihnen einen namhaften Verleger zu verschaffen. Ich entwarf meinen Feldzugsplan, der vermöge verschiedner freundschaftlicher Verhältnisse mehrere angesehene Firmen ins Auge fassen konnte, auch eine in Wien (Braumüller), die Ihnen als Ostreich. Landeskind vielleicht die angenehmste gewesen wäre? Aber bequemer hatte ichs freilich hier in Leipzig, und da ist mir denn auch gleich der erste Angriff über Erwartung geglückt, nämlich bei meinem eignen Verleger, S. Hirzel, der für neue Bücher und Autoren im allgemeinen sehr schwer zugänglich ist, wie ich selbst schon erfahren habe. Ich bat ihn darum auch nicht um den Verlag, ich erzählte ihm nur meine Bekanntschaft mit Ihnen und was ich von Ihnen wußte und las ihm dann Ihren Brief vor - da erbot er sich selbst, Ihr neues Buch zu drukcken, als ich vom Suchen eines Verlegers sprach und den Dichter Scheffel erwähnte, mit dem ich vorigen Herbst in Heidelberg Bekanntschaft gemacht habe und dem ich da Ihr Schwarzokaspale zu lesen und zu prüfen dringend empfahl; ich dachte mich nun an ihn zu wenden und ihn um seine Verwendung bei seinem Verleger zu bitten. Aber Hirzel lehnte das als unnöthig ab und bot sich wie gesagt selbst zum Verlag an - freilich, wie Sie begreifen werden, mit der Bedingung, daß er erst das fertige Werk sieht und sich die endgültige Entscheidung vorbehält nach eigner Einsicht ins Manuscript.</p> <p>Wenn es Hirzel nimmt, und ich zweifle kaum daran, wenn Ihre Sonderlinge dieselben Vorzüge zeigen wie Ihr erstes Buch, zumal an einen noch tieferen und bedeutenderen Stoff gewendet, so haben Sie allen Grund sich zu freuen. Denn die Firma S. Hirzel ist eine der angesehensten in ganz Deutschland, die sonst bloß wissenschaftliche Literatur wo möglich ersten Ranges druckt, schöne Literatur nur in streng­ster Auswahl. Gustav Freytags Sachen sind in Hirzels Verlag. Haben Sie unter den vielen Ihnen theuren Schriftstellern in Leipzig, die Sie zu grüßen bitten, Freytag mit gemeint? Ich bin selbst mit ihm gut bekannt, ja befreundet, und werde ihn nächster Tage examiniren, ob er Ihr Schwarzokaspale kennt oder nicht; sein Urtheil ist ein entschiedenes, aber durchaus menschenfreundlich, und ich bin neugierig darauf. Auch Hr. Dr. Hirzel (er ist kürzlich von unserer philosoph. Facultät zum Dr. phil. gemacht worden für seine Verdienste um die Goetheliteratur) kannte Ihr Buch noch nicht, ich habe es ihm nun gegeben, und er hat es zuerst seiner Frau ge­geben, die ganz dazu geschaffen ist, die eigenthümlichen Vorzüge Ihrer Dichtung zu empfinden und zu würdigen, eine einfach sinnige Natur, obwol eine geborene Berlinerin - nun ist sie gerade jetzt Patientin in Folge eines Armbruches, aber gerade da ist man offener als sonst für das einfach Ächte wie es Ihr Schwarzokaspale bietet, weil in jeder Krankheit die Seele wieder in sich selbst einkehrt. Was übrigens Hirzels an Ihrem Buche auch ansprechen wird, das ist das Aleman­nische darin, die Anklänge an die Schweiz, weil Hr. Hirzel selbst Schweizer ist, aus Zürich.</p> <p>Auch mir war an Ihrem Buche besonders anziehend, ja hoch erfreulich die alemannisch alterthümliche Luft die darin weht, Ihr ganzes Ländchen ist für uns deutsche Alterthumsfreunde eine Fundgrube zur besseren Erkenntniß unserer Vorzeit, das hab [ich] in den paar Tagen deutlich empfunden, die ich dort zugebracht habe und die ich zu den angenehmsten rechnen muß die ich je verlebt habe. Ich empfand dort als Deutscher eine tiefinnere Befriedigung, wie selten, fand die­selbe Befriedigung in Ihrem Buche wieder, nur noch, vertieft und geklärt, und so ist mirs doppelt angenehm, mit Ihnen als dem rechten Ausleger vom Werthe Ihrer Heimat in nähere Beziehung zu treten - vielleicht verstehen Sie nun meine oben erwähnte Freude an Ihrem Briefe schon besser.</p> <p>Aber noch ein Punkt ist, den ich Ihnen gleich klar machen kann. Was Sie von der Stellung des Bauernstandes der Bil­dung gegenüber sagen, ja das ist eine brennende Frage für die Entwickelung unserer Zukunft, und sie liegt mir nahe am Herzen; der große Riß zwischen Studirt und Unstudirt, zwi­schen Gebildet und Ungebildet muß bis auf einen gewissen Grad aufgehoben werden (wie er es in gewissem Sinne in Amerika schon ist); wir die Studirten brauchen Sie, die Leute aus dem Volke, zur Erneuerung unseres Seelenblutes, und zur nationalen Wiedergeburt, das ist ein Grundgedanke mei­nes ganzen Denkens und Strebens, und mit einem Bauer wie Sie sind befreundet zu werden, macht mir die Berührung mit Ihnen dreifach lieb, zumal wo es sich wie hier darum handelt, das lange entfremdete Süddeutschland, das wir alle so lieb haben, für das Deutschland der Zukunft voll und ganz wiederzugewinnen.</p> <p>Aber ich verlaufe mich zu weit ins Blaue. Sie haben sich krank gearbeitet? um Gottes Willen thun Sie das nicht wie­der, und was das Nachholen für Ihr Wissen betrifft, das über­eilen Sie um Gottes Willen nicht, thun Sies wo möglich nie so, daß Sie sich davon angestrengt fühlen, daß darüber die innere Stimme Ihrer Naturfrische zu schweigen anfängt. Ich möchte schon über Ihre Lectüre genauer unterrichtet sein, man begreift nicht wie Sies unter Ihren Verhältnissen zu die­ser Bildung gebracht haben.</p> <p>Doch genug für heute, grüßen Sie mir doch die Wirthsleute in der Au, wenn sie sich meiner erinnern; was macht denn unsre Sängerin von damals, Frl. Korber aus Feldkirch? Nun,&nbsp; liebes tapfres Bregenzerwälder&nbsp; Bäuerlein,&nbsp; ich&nbsp; drücke Ihnen im Geiste die Hand mit aller Hochachtung</p> <p>Dr. R. Hildebrand.</p> <p>Meine Adr. ist: Leipzig, Windmühlenstr. Nr. 29.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Gustav Freytag Hirzel Leipzig Riss Sonderlinge wichig Sun, 11 Mar 2012 08:00:00 +0000 st 291 at http://felderbriefe.at