felderbriefe.at - Krieg http://felderbriefe.at/taxonomy/term/330/0 de VON SALOMON HIRZEL AUS LEIPZIG http://felderbriefe.at/brief/von-salomon-hirzel-aus-leipzig-0 <div><span class="date-display-single">12. Dezember 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Sehr verehrter Herr Felder!</p> <p>Selten ist wol ein armer Sünder mit so schwerem Herzen zur Beichte gegangen, als ich heute vor Ihnen erscheine. Hoffent­lich hat unser gemeinschaftlicher Freund, Hr. Dr. Hildebrand, dann und wann ein Fürwort für mich eingelegt, und da ich auch heute unter seinem schützenden Geleite zu Ihnen komme, so werden Sie mich nicht zurück weisen wollen. Als ich Ihren freundlichen Brief erhielt, war ich gerade von schwerem Familienleid betroffen, das mich ganz in Anspruch nahm und keine geschäftlichen Gedanken aufkommen ließ. So mußte ich Ihr Manuscript für einmal bei Seite legen, dachte aber nicht daß es so lange liegen bleiben müßte, denn wer sah die Zeiten, die bald darauf folgten, voraus? Über den ungeheuren Ereignissen, die einen Monate lang in Athem erhielten, lernte man wol vergessen, an sein eigenes geringes Dasein zu denken, und in so fern ist die gewaltige Zeit auch mir persönlich zu gute gekommen. Aber als man dann endlich auch sich seines Berufes wieder erinnerte, - ja da war es, als ob kein Buchhandel mehr existirte. Niemand kaufte ein Buch, es war auch kein Geld im Land, und Bücher sind den reichen Leuten ein Luxusartikel. Da wurde man auch zaghaft, neue zu drucken, denn was hilft es, die Bücher zu drucken, wenn keine Käufer, also auch keine Leser da sind?</p> <p>Aber schreiben hätte ich Ihnen sollen, das fühle ich wohl, und daß ich es immer aufgeschoben, trotz Hildebrands unermüd­lichen, oft von Blicken des Unwillens begleiteten Erinnerun­gen, dafür muß ich Sie sehr um Verzeihung bitten. Nun aber von Ihrem Werke. Wir wollen es mit gutem Muth in die Welt schicken, und ich werde das Vertrauen, das Sie mir erweisen, nicht zu Schanden machen. Was ich Ihnen dafür bezahlen kann, sind Zweihundert Preußische Thaler. Lassen Sie mich wissen, ob Sie damit einverstanden sind. Unterdes­sen lasse ich den Druck anfangen, der im Frühjahr beendigt sein kann.</p> <p>Wenn sich etwa ein Anstoß findet, so werde ich unsern ge­lehrten Freund zu Rathe ziehn.</p> <p>Bleiben Sie mir freundlich&nbsp; gesinnt und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem ergebensten</p> <p>S. Hirzel.</p> </div> <div> </div> Salomon Hirzel Leipzig Franz Michael Felder Buchmarkt Honorar Krieg Leser Sonderlinge felderbriefe.at newsletter Wed, 12 Dec 2012 08:00:00 +0000 st 147 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-18 <div><span class="date-display-single">13. August 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Liebster Herr Felder,</p> <p>Heute fand ich heim kommend Ihren Brief vom 24. Juli vor mit der Photografie und kann nun Ihre Gesicbtszüge Ihren hiesigen Freunden zeigen, die wahrhaft gespannt darauf sind. Vorigen Donnerstag Abend hab ich in einer Hütte unsres Gartens einem Kreise von Bekannten, darunter zwei junge Damen, aus Ihren Sonderlingen vorgelesen, den Besuch Fran&shy;zens vor Mariannens Fenster im Vorsaß und die Liebeserklä&shy;rung beider nachher im Walde - ich wollte Sie wären dabei&shy;gewesen, um Ihren Triumph selbst einzuernden; ich habe dasselbe schon einmal im Juni zwei Frauen vorgelesen, dabei eine Thüringerin aus Arnstadt, ein tiefpoetisches Gemüth &shy;sie war tief entzückt und begeistert. Ich sage Ihnen hiermit den begeisterten Dank meiner Hörer und Hörerinnen. Aber zum Geschäftlichen. Ihren Brief vom Juni hab ich doch richtig erhalten, er kam schon in die Kriegsluft hinein und war mir in der schweren Beklemmung von damals, als man den Abgrund vor Deutschlands Dasein sich öffnen fühlte, ein rechter Trost, zumal ein so liebenswürdiger Ton heraus klang. Seitdem ist meine sonst ziemlich lebhafte, mir schon zu lebhafte Correspondenz durch den Kriegssturm wie ab&shy;gerissen, hat sich auch, jetzt noch nicht wieder angeknüpft. Daß ich Ihnen nicht bald antwortete, war nur eine Folge der Stimmung, in der ja alles zu brechen und zu reißen schien. Ich wollte nicht eher schreiben, als bis der entsetzliche Auf&shy;ruhr der vaterländischen Verhältnisse sich geklärt hätte, daß man wüßte welchen Ton man anzuschlagen hätte. Nach dem 3. Juli sollte dann bald geschrieben werden, aber jeder Sonn&shy;tag ist mir durch andere Thätigkeit verzehrt worden; gerade heute hätte ich nun ohnehin geschrieben, als Ihr sorglicher Brief kam.</p> <p>So haben wir nun Deutschland, wie mit einem riesenhaften Ruck zusammengerüttelt, Ostreich losgesprengt, Norddeutsch&shy;land zusammengeschoben in Eine Masse und Süddeutscbland einstweilen bei Seite geworfen als unbrauchbar für jetzt! Und doch ist nun das Ziel unsrer Entwicklung klar wie die Sonne, endlich nach so langem Schwanken und Schweben: Anschluß an Preußen, in dem die alte Kraft Deutschlands verjüngt wie&shy;derersteht. Ist ja das die entschiedene Losung selbst in Schwa&shy;ben und Baiern, wie mans in der Augsb. Zeitung unzweifel&shy;haft vor sich sieht. Mir ist das das Heldenthum der Vaterlands&shy;liebe, wie es jetzt in Süddeutschland sich aufthut: von Haus aus im Herzen Todfeind Preußens, und nun, da der Geist der Geschichte den Schwerpunkt nach Norden verlegt hat, das heiße Verlangen dem vorigen Todfeind sich anzuschlie&shy;ßen! Ich habe auch keine solchen Siege Preußens gewünscht (obwol wir aus ändern Gründen auch Siege Österreichs nicht wünschen konnten), aber nun bin ich entschieden und sehr freudig hoffend in die Zukunft -</p> <p>Aber Sie da unten?! Hundertmal hab ich mich in jenen ent&shy;setzlichen Tagen mit Schmerzen gefragt, was müssen die Deutschgesinnten an der Donau, in den Alpen, was muß Felder und seine Landsleute zu dieser Wendung der Dinge sagen und fühlen?! Aber wirklich verloren können und dür&shy;fen Sie uns ja nicht sein! Gerade Sie im Südwesten sind ja weit näher auf Deutschland angewiesen als das übrige Öster&shy;reich. Ein Mittel sieht man freilich jetzt nicht ab, Sie für uns politisch zu gewinnen; aber im Lauf der Zeiten wird und muß es sich ja finden. Ich möchte schon einmal Sonntags bei Ihnen unter Ihren Bauern sein, oder hören was die Weiter&shy;sehenden in Feldkirch usw. sagen.</p> <p>Interessant war mir das Stück Zeitung, in das Ihr Bild geschla&shy;gen war, es ist wol die Feldkircher Zeitung? Ist die Meldung des furchtbaren Unglücks aus Au von Ihnen? Auch Bismarck ist mit zu lesen darauf, leider nicht der ganze Zusammenhang. Wenn Sie mir gelegentlich solch ein Blatt oder ein Bruchstück wieder mitschicken, würden Sie mir eine große Freude machen, ich mach Ihnen wol auch einmal einen Gegenspaß. Hirzel läßt Sie schön grüßen und um Entschuldigung bitten daß er noch nicht geantwortet hat; er ist auch durch die Kriegszeit sehr in Anspruch genommen worden, innerlich und äußerlich, zumal er selbst politisch im Stillen mit sehr thätig ist. Ich hab ihm auf Verlangen heute die Sonderlinge ausgeliefert (das Schwarzokaspale hat der Tausendsasa immer noch nicht gelesen!), mit der Mahnung, sich durch die etwas lange Exposition nicht abschrecken zu lassen - so ein Stadt&shy;mensch, der nicht viel Muße hat, ist nämlich im allgemeinen beim Lesen sehr ungeduldig. Sonst hat er auf eine An&shy;frage neulich sich zum Druck immer noch bereit erklärt, nur meinte er, daß jetzt die Zeit zum Druck noch nicht wäre, ein Verschieben wäre in Ihrem eignen Interesse. Ich denke ihn aber noch von diesem Zaudern zurückzubringen, wenn nicht nun die Franzosen einen zweiten Krieg ins Land werfen, und wenn - Hirzel an den Sonderlingen weit genug list, um Ge&shy;fallen daran zu finden. Aber haben Sie nur Geduld und Ver&shy;trauen, ich werde alles thun, um im günstigen Falle den Druck noch in diesem Herbst durchzusetzen. Daß Sie den ganzen Roman noch einmal durcharbeiteten, würde ich an und für sich nicht rathen; Hirzel müßte dann den ganzen Winter noch nicht daran gehen, dann wäre es vielleicht gut, ihn noch einmal ganz an Sie zu schicken. Aber daß Sie nicht noch eine Abschrift davon haben, ist doch nicht gut bei dem wei&shy;ten Verschicken; haben Sie denn das, was ich habe, gleich so ins Reine geschrieben oder dictiert? ich dachte es wäre abgeschrieben ins Reine. Wenn Sie änderten, würde ich da&shy;zu wieder das Capitel mit dem Pfeifenkopf vorschlagen, da ist mir Franz doch zu blöde, es geschieht zu wenig darin; in diesem Cap. wie in dem nach der Wirthshausscene ist mir Franz zu hypochondrisch, er wühlt zu sehr nur in seinem Inneren (NB. Das Traumbild ist vortrefflich). Ihren Aufsatz über den Tannberg traute ich mir wol bei Keil anzubringen, obschon ich noch nicht mit ihm bekannt bin; schicken Sie mir ihn doch, ich wollte ohnehin einmal bei Keil vorsprechen, um ihn mit Ihrem merkwürdigen Lebenslauf bekannt zu machen. Haben Sie nicht schon daran gedacht, einmal der Redaction der Augsb. Zeit. Correspondenzen über die Verhältnisse und Stimmungen in Ihrem Lande einzu&shy;schicken? Vielleicht warten Sie doch besser damit, bis die Redaction durch die Sonderlinge Ihren Namen kennen lernt; aber Ihre Art und Gesinnung würde der Augsb. Allg. bestimmt zusagen.</p> <p>Wegen der Zeitschriften, die von hier Ihnen zu schicken wären, will ich nächster Tage einen Schritt thun, ich denke es wird sich machen. Daß Sie für unser Altdeutsch solches Interesse gefaßt haben, ist mir rührend, ich bin neugierig wie Sie mit Pfeiffers Ausgabe auskommen werden, ich wollte ich könnte Ihnen dabei persönlich behülflich sein; mein Liebling ist Walther v. d. Vogelweide, nehmen Sie nur nicht die Min&shy;nelieder zuerst, sondern die politischen Sprüche. Vieles wird Ihnen z. B. im Nibelungenliede wildfremd oder wunderlich oder lahm oder abgeschmackt vorkommen, was es - nicht ist; wir sind aber mit aller Gelehrsamkeit noch nicht bis zum wirklichen lebendigen Verständniß der Rede und Denkart unsrer Vorfahren vorgedrungen. Wenn Ihnen etwas auffällt, theilen Sie mirs doch mit; es wäre mir interessant zu sehen, was Ihnen unklar oder auffallend ist, ich lerne selber daran. Daß ich dieses Jahr meinen Besuch bei Ihnen nicht ausfüh&shy;ren konnte, ist mir ein wahrer Verlust, aber der Krieg machte es einfach unmöglich; gekommen wäre ich etwa Ende Juli&shy; ich gratuliere übrigens zur glücklichen Heuernte, wir haben hier im Juli und jezt noch entsetzlich viel Nässe gehabt. Auf meinen Besuch zurückzukommen, so ists möglich daß Sie statt meiner von Freunden von mir besucht werden, möglich ists von zweien, die im Sept. nach dem Südwesten wollen. Ich will sie aufs Gerathewol einstweilen anmelden, beide Historiker vom Fach, und beide durch mich mit Ihren Ver&shy;diensten bekannt: Dr. v. Posern, Mitherausgeber des säch&shy;sischen Urkundenbuchs, und Dr. Puckert, Docent für sächs. Geschichte an hiesiger Universität. Letzterer schwärmt für das Vorarlberg, wo er schon gewesen ist, ein guter warmherziger Mann; Sie brauchen von beiden keinen Gelehrtendünkel zu besorgen.</p> <p>Ihre Beiträge fürs Wörterbuch kann ich vortrefflich brauchen, sie sind wie ichs nur wünschen kann.</p> <p>Hirzels Unglück war ein Familienunglück, Selbstmord eines Bruders, der hier ein hochgeachteter Mann war und durch die Geschäftskrisis vor dem Kriege in schwere kaufmännische Verluste kam. Schreiben Sie ihm nicht etwa darüber. Aber ich muß schließen, Gottbefohlen, sorgen Sie für Ihre Gesundheit, herzlich grüßend&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p> <p>Ihr R. Hildebrand</p> <p>Was macht die Käshändlergenossenschaft? Sie müssen den&shy;ken, ich habe keinen Sinn für Ihre praktische Reformerthätig&shy;keit, weil ich noch nichts davon erwähnt habe. Ganz im Ge&shy;gentheil, ich thäte selbst oft lieber solche Dinge als in Bü&shy;chern wühlen.</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Hirzel Krieg Sonderlinge Mon, 13 Aug 2012 07:00:00 +0000 st 314 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-74 <div><span class="date-display-single">30. Juli 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Friede nährt, Unfriede - verzehrt! Mit diesem suchte ein ärgerlicher Sprichwörtersammler sich zu trösten, als er, die Zeitungen wegwerfend, wie der sterbende Herder ausrief: O Gott! nur einen einzigen großen Gedanken. Die Glocken bimmeln wie Grabgeläut und die Fahne des Fatalismus wird den Gläubigen voran nach Au getragen. Alles betet, aber merkwürdiger Weise nicht um Vernichtung un&shy;serer Feinde, das hat der Pfarrer ausführlich gesagt, man betet, damit das wahrhaft Beste geschehen möge. Wahrhaftig, der Krieg erforscht Herzen und Stimmen! Wo sind jetzt unsere Patrioten, die frommen, hoffenden? Ich bin hier wohl der Einzige, der noch nie umsattelte. Nun, Du kennst mich und willst wohl lieber von anderem hören. Nun, Du sollst!</p> <p>So ruhig, wie Du meinst, ist es hier nicht. In freien Stunden ist mein Zimmer voll von Bauern, welche Zeitungen lesen und aufbegehren. Dieser Krieg hat doch das Gute, daß die Schoppernauer die Landkarte und den Pfarrer und sonst noch manches ein wenig kennen lernten. Der Baum der Erkenntnis wirkt aber furchtbar und Du als Beamter mit richterlichen An&shy;wandlungen würdest erschaudern, wenn ich Dir zu viel davon erzählte.</p> <p>Gar so dorfgeschichtlich still und ruhig, wie Du Dir denkst, ist's auch hier nicht, während unsere Regierung und a. die Früchte ihres Wirkens - genießen. Auch hier kann man viel erfahren und sich ärgern, bis man genug hat. Aber verdammt ruhig ist's doch! Seit langem hab ich keinen Brief aus Deutsch&shy;land herein erhalten. Die Post nimmt auch keine nach Leipzig mehr an, und ich habe mich daher bereits an Stettner in Lindau gewendet. Der Demokrat ist mir seit dem 22. d. M. nicht mehr zugegangen. Die letzte Nummer erzählt von einem - Unwohlsein des Kaisers!... Daß ich jetzt zum Schrei&shy;ben wenig Lust habe, wirst Du begreifen. Nur eine Beschrei&shy;bung meiner Reise auf den Tannberg ist zustande gekommen. Ich werde Dir das Manuskript auf Verlangen zuschicken. Die Gartenlaube ist in Preußen nicht mehr verboten. Ich werde mich rühren, sobald sich der Himmel zu klären beginnt. Meine Stellung wird freilich schwierig, aber ich werde dafür sorgen, daß man mich nicht mit aufräumt. Die Sonderlinge haben in mancher Beziehung Wert, und was der heurige Sommer zur Gärung bringt in einem Schmerzenskind wird in Deutschland draußen auch noch freundlich aufgenommen werden! - Wie gefällt Dir mein „Standpunkt"? Mancher wür&shy;de mir wohl zurufen: Diene der heiligen Sache des Vater&shy;lands! Nun, dem Vaterland will ich dienen mit aller Kraft und dem, was mir heilig ist. Ich bin froh, daß ich Boden gefaßt habe, von Leipzig aus wird sich schon noch etwas tun lassen. Wenn auch vielleicht nicht immer Romanschreiben. Die Briefe meiner Landsleute erzählen von furchtbaren Stra&shy;pazen der Kaiserjäger, Hunger, Durst, Kälte, lange Märsche und eine Behandlung! Mein Vetter warf beim Springen aus Müdigkeit nach dreitägigen Strapazen den Tournister weg und nun schreibt er von Wien aus um Geld, da er alles auf eigene Kosten anschaffen muß. Eine Kugel hat ihm den Bart weggerissen. Doch Du wirst genug Ähnliches hören. Elsen&shy;sohn ist gekommen und kann das humane Auftreten der Preußen nicht genug loben. Die gegenteiligen Berichte der Zeitungen nennt er Lügen. Auch Stülz von Bezau stimmt diesem bei. Du glaubst gar nicht, wie schnell sich hier jetzt Nachrichten verbreiten. Von der Schlacht bei Königgrätz und der Abführung der drei Generäle hörte ich in Hinterhopfreben schon am 5. Juli. Es liegt etwas ganz Eigentümliches in der Luft. Hier kennt man manchen kaum noch. Gelogen wird beim Hin- und Hertragen von Neuigkeiten weniger als in den Zeitungen, worüber sich mancher wundert. Die Neue freie Presse hat hier schon viele Freunde. Neulich sagte einer sogar: Was nicht in der stehe, das möge er nicht hören. Über das neue Volksblatt wird viel gelacht - schimpfen mag man nicht. Und nun genug Politik!</p> <p>Es wird aber darum nicht erbaulicher, denn die steckt überall mit drin. Ohne die jetzt gut bezahlte Stickerei gehen die Ge&shy;schäfte schlecht. Da und dort sagt man vom Verderben. Zuerst hat Dein Vetter und Nachbar, Muxels Josef, dran sollen. Er aber glaubte das nicht überleben zu können, daher nahm er einen Strick und erhängte sich. Der geldstolzen Verwandt&shy;schaft ist es dann gelungen, ihn für verrückt erklären zu lassen. Man glaubt das nun auch allgemein (?), und nur der Kaplan von Au arbeitet daran, ihn auf dem Friedhof wieder ausgraben zu lassen. Sonst ist bisher noch niemand verrückt, aber man weiß doch nicht, wie es noch geht. Mich hält man nicht mehr gerade für einen Narren, ja ich nehme zu an Wohlgefallen, und wenn auch heuer vielleicht meine Gesell&shy;schaft noch nicht zustande kommt, so ist doch der Gedanke noch lebendig und zündet wieder, seit ich Hopfreben verlassen habe. Auch unsere Nachbarn, die Walser, reden jetzt fleißig davon. Sie haben die Statuten von mir durch einen Boten holen lassen und schreiben, daß der Gedanke gefalle. Ich halte dieses Volk, wohlhabend und von edlem Gemein&shy;geist beseelt, für ganz geeignet, den Anfang zu machen und den Wäldern ein Beispiel zu geben.</p> <p>Vielleicht reise ich nächstens, statt nach Leipzig, ins Walser&shy;tal, um etwas zu tun, zu erleben, neue Gedanken zu sammeln und ein wenig aus dem verdammten Dreck hinauszukommen. Feurstein in Bezau, sicher einer der tüchtigsten Wälder, schrieb mir letzthin u. a.: Ich danke Dir herzlich für die geschickten Bücher, denn die Zeitungen ekeln mich ordentlich an. - So ist's mir noch nie geworden. Ich verfolge die Be&shy;gebenheiten mit größter Aufmerksamkeit und erprobe meine Divinationsgabe. Sonst findet mich Feurstein in meinen Grundanschauungen ihm ziemlich verwandt, was mich aber nicht etwa zu obigem Lob begeisterte. Er hat am 30. Juni in Schröcken auf mich gewartet und wir haben uns trefflich unterhalten. Allerlei Pläne wurden da gemacht, von denen Du hören wirst, wenn sie sich verwirklichen. Dr. Greber sauft und flucht und soll mich nun vernichten wollen. Das, Freund, gibt keinen Krieg!</p> <p>Josef Natter hat letzthin beiliegenden Brief geschrieben. Ich glaube, es wird Dich freuen, etwas von einem Schneider in der Fremde zu hören, besonders von diesem, da ich Dir schon früher von ihm erzählte. Er ist nun 20 Jahre alt. Sei so gut und schicke mir den Brief und Deine Antwort auf diesen bald wieder zurück.</p> <p>Obristleutnant Kohler von Au (Argenstein) wurde in der Schlacht bei Custozza erschossen. Ebenso Walch von Schrök&shy;ken bei der Landwehr. Bierners Knecht hat gestern geschrie&shy;ben und sein Wohlbefinden gemeldet.</p> <p>Daß die Isabell unter günstigen Verhältnissen etwas werde, hab ich immer erwartet. Es freut mich, Gutes von ihr zu hören. Ich bitte, sie freundlich zu grüßen und ihr folgendes zu melden:</p> <p>Mit meinem Nachbarn bin ich sehr zufrieden, auch der Jakob ist gern dort, doch hat er Dich und das Bäsle noch nicht ver&shy;gessen. Sprengers Anton ist Geißhirt, der Hans ist krank aus der Fremde gekommen, auch der Konrad und andere Fremd&shy;ler klagen, daß ihnen die Arbeit bald ausgehe. Severin Felder ist da, Strolzen Josef soll verwundet sein, der Thresel [?] ist lustig, die Mutter gesund. Die Kaminfeger Familie hat Händel mit dem Pfarrer, das Büblein, der Josef, ist im Schwabenland gestorben. Die meinen sind gesund und wohl und ich hoffe, von Dir bald das Gleiche zu hören. So viel für Isabell. Mit der täglichen Post bis Schoppernau wird's Ernst, es sind schon mehrere Bewerber da. Das hab ich klug gemacht, darf ich sagen, denn ich habe gezeigt, daß ich meine Leute sehr gut kenne.</p> <p>In den nächsten Tagen wird Elsensohn kommen. Ich bin begierig, diesen in Bezau schon berühmten Schwätzer ken&shy;nenzulernen. Sonst sieht man selten einen Reisenden. Hie und da bringt einer Neuigkeiten und läßt zufällig ein demo&shy;kratisches Blatt liegen. So z. B. im Schröcken. Doch ich komme, auf was ich nicht mehr kommen will und doch immer wiederkomme, drum höre ich für heute lieber auf.</p> <p>Mit zehntausend Grüßen Dein schreibmüder zeitungskranker weltschmerzlicher aus dem deutschen Bund ausgeschlossener de- und wehmütiger über alles zorniger Freund</p> <p>Franz Michel mit der [. . .]</p> <blockquote><p>Frohe Wanderschaft</p> <p>&nbsp;</p> <p>Willst du reisen froh wie ich,Meide das Gepäcke, Dieb undSchmeichler kümmern sichNur um volle Säcke.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Wer dem armen WandererNicht die Tür verschlossen,Reich ersetzt, o Freund, dir derDeines Glücks Genossen.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Ohne dich zu achten fährt Stolz und Geiz vorüber,Wer sich jetzt noch treu bewährtSei dir um so lieber.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Deines Innern Abbild istJegliches Verhängnis,Du bist Maler- Farben mischtHoffnung und Bedrängnis.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Sing ein frohes Lied dabei,Das die Herzen rühretUnd ein Mädchen gut und treuDir entgegen führet.</p> <p>&nbsp;</p> <p>So geht's froh durch's Leben hinAuf dem Pfad der Weisen,Leicht Gepäck und leichterSinn Macht ein lustig Reisen.</p> <p>&nbsp;</p> <p>Franz M. Felder</p> </blockquote> <p>Das&nbsp; ist ein Zeugnis&nbsp; meiner&nbsp; innern&nbsp; Umkehr,&nbsp; ich&nbsp; bitte&nbsp; um Deine Meinung über das Gedicht, da ich es gelegenheitlich zu veröffentlichen gedenke. Ich glaube, daß bald auch ändern diese Stimmung so wohl tun würde als mir. Bitte bald!</p> <p>am 31. Juli</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Frohe Wanderschaft Krieg Walser Mon, 30 Jul 2012 07:00:00 +0000 st 313 at http://felderbriefe.at AN RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/rudolf-hildebrand-21 <div><span class="date-display-single">24. Juli 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <div> <p>Verehrtester Herr Hildebrand!</p> <p>Da ich zweifle, ob Sie mein letztes Schreiben erhielten, hab ich seitdem mehrmals, doch leider stets vergebens, Briefe an Sie zu befördern versucht. Nun hab ich mich an Herrn Buchhändler Stettner in Lindau gewendet um Ihnen wenig­stens die nötigsten Antworten auf die in Ihrem Letzten an mich gestellten Fragen zukommen zu lassen. Ich würde es mehr bedauern wenn Sie dieselben nicht erhalten hätten, als wenn der leicht wieder herzustellende Bogen mit weitern Wörtern verlorengegangen wäre. Also zur Sache:</p> <p>Klipso mit einem s Klips Klipslar<br />Griffel mit dem F von Griffel, rechnen Griffeln<br />Echo - das Widergeben es widergibt.<br />Klammoro / klammer, etwas sich anklammerndes besonders<br />1) die Waldameise (daher auch Klammernhaufen)<br />2) ein eiserner Hacken.</p> </div> <div> <p>Lauine wird hier ohne das We ausgesprochen. Der Tannber­ger (Walliser) sogar sagt: d Lauolo und meint, das Wort komme von der lauen Luft, in der die Lauine entsteht eine in kalter Luft entstehende L. nennt man Staub.<br />Klamperle, einem ein - anhängen, wir sagen: Einem einen Schlätterling anhängen, das heißt: Böses oder dummes von ihm sagen um lächerlich zu machen, trotzig antworten.<br />Schlättoro heißt schleudern, rasch hin und her bewegen, schlottern, Schlättorling, der Rest Schwanz eines zusammen­geknöpften Seiles, das Nachgezogene der Anhängsel<br />(der) Klumpo großer Bissen<br />(der) Klungol, ein Knäuel wie Gotthelfs Wörterbuch<br />„i d Klamporo" in die Enge Verlegenheit kommen.</p> <p><br />Den von Ihnen mir zugesendeten Apetitsbissen hab ich ver­schlungen und bin nun ordentlich hungrig worden so daß ich gleich die von Pfeiffer herausgegebnen Klassiker des Mit­telalters bestellte. Das Nibelungenlied kenne ich bisher nur durch Simrock, nun aber möchte ichs in der der unsern so nahe verwandten Sprache lesen. Wenn Sie mir in ruhigem Zeiten die Zeitschriften von Leipzig verschaffen könnten so würde mir das sehr lieb sein wenn ich sie auch gelesen er­hielte. Unsere Post geht so langsam, daß ich doch nur Ver­altetes erhalte. Vielleicht wird das nun anders. Es ist mir ge­lungen, die Rößlewirtin in Au zu bereden, daß sie nun täg­liche Fahrpost bis hieher zu errichten gedenkt. Ihnen geht [es] dabei nicht gut, da ich Sie dann noch öfter in Anspruch nehmen werde. Seit ich an Sie schreiben darf, ist mir ein ganz neues Leben aufgegangen. Vor einigen Wochen hab ich 2 Nummern der Norddeutschen Zeitung erhalten in denen ich einen kurzen Abriß meines Lebens fand. Ich bitte, mir den Verfasser jenes Artikels freundlich zu grüßen auch können Sie ihm mittheilen, daß ich nie in der Fremde war. Wenn der Vorarlberger d h der ächte Deutsche, sich seinem Nachbarn gegenüberstellt, so meint er nur den verbrixnerten Tiroler, und solche sind leider auch hier gar nicht so selten besonders unter den jungen Geistlichen, deren Vorbild ich ohne an den oder jenen zu denken, in den Sonderlingen zu zeichnen versuchte. Wir in Schoppernau hatten früher einen Tiroler als Pfarrer dem wir sehr viel verdanken, während jetzt ein Landsmann gar wunderlich wirthschaftet und mich im letz­ten Frühling von der Kanzel aus verhaßt zu machen suchte. Wenn einmal die Bauern mein Buch lesen, werden sie darauf wetten daß ich es ganz in diesem Sommer schrieb, so ganz hat meine Dichtung, sobald sie vollendet war, zur Wahrheit werden sollen. Doch, hievon ein andermal! Mit meinen Brie­fen machen Sie wie es Ihnen gut dünkt, doch glaube ich daß jetzt ein Aufsatz in der Europa ziemlich unbeachtet bliebe. Wenigstens hier hört man nur noch vom Krieg. An Sonntagen ist mein Arbeitszimmer voll Bauern die die Zeitungen lesen u die Landkarte studiren. Ich wollte, Sie könnten die Leute sehen und hören. Jetzt ist man nicht mehr so gleichgültig wie 1859. Sie haben aber doch Recht, Franz sollte die Zei­tungen wenigstens zuweilen erhalten. Auch sonst möchte ich Ihre werthen Bemerkungen benützen und bitte daher mich zu benachrichtigen ob das nicht noch während des Drucks geschehen könnte wie beim Schwarzokaspale wo ich die Corektur selbst las und beliebig änderte. Sie schrieben mir, daß Hirzel ein schweres Leid erfahren habe. Ich möchte gern etwas mehr davon wissen wenn es mir auch weh thun wird. Ich bitte, mir ihn recht freundlich zu grüßen. Die Heuernte ist nun vorüber und ich hätte Zeit mit Ihnen die Berge zu besteigen denn zum Dichten hab ich keine Lust. So hab ich denn eine Reise auf den Tannberg, einen noch nie geschilderten Strich Landes, zu beschreiben angefangen. Vielleicht würde diese Schilderung meiner Nach­barn sich für die Gartenlaube eignen. Zwar die Landschaftsmalerei ist, wie Sie schon bemerkt haben werden, nicht mein Fach, aber auf einer Winterreise gibts auch für den Scharf­sichtigsten mehr zu hören als zu sehen. Wenn Sie glauben, daß meine Arbeit Aufnahme finden könnte, so werde ich sie an Sie oder Herrn Ernst Keil in Leipzig übersenden. Die gewünschte Photografie werde ich&nbsp; übersenden sobald ich weiß, daß Sie dieselbe auch erhalten werden*), es würde mich ungemein freuen, bald einmal wider etwas von Ihnen zu hören wenn es Ihnen möglich wäre Briefe an Hrn Stettner in Lindau zu bringen der dieselben gewiß überschicken würde. Die Meinen sind wohl und lassen Sie und die werthen Ihri­gen recht herzlich grüßen. Nächstens in hoffentlich ruhigem Tagen mehr. Es grüßt Sie und all die deutschen Brüder im Norden hochachtungsvoll</p> </div> <p>Ihr&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p> <p style="text-align: right;">Franz M Felder</p> <p>*) Ich habe sie beigelegt und hoffe bald zu erfahren daß Sie dieselbe richtig mit diesem erhielten</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Rudolf Hildebrand Keil Krieg Mundart Projekt Wörterbuch Tue, 24 Jul 2012 07:00:00 +0000 st 312 at http://felderbriefe.at AN JOSEF NATTER IN GENEUILLE http://felderbriefe.at/brief/josef-natter-geneuille <div><span class="date-display-single">21. Juli 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Endlich ist das Heu glücklich untergebracht und ich finde Zeit, Dir dein liebes Briefchen zu beantworten. Sei nur froh, daß Du keine Zeitungen zu lesen bekommst, denn das erspart Dir manchen Ärger. Die Preußen stehen hart vor Wien, der König von Sachsen ist landsflüchtig, der Kaiser zieht nach Ungarn. Venedig ist an Napoleon verschenkt damit er Öster­reich nicht ganz fallen lasse. Die Stimmung der deutschen Völker vermag ich kurz nicht zu schildern und sage nur so viel: Sogar die A. Allgemeine Zeitung wendet sich gegen die süddeutsche Großmacht. Eine Rekrutenaushebung unter den jetzigen Umständen wäre von der Regierung etwas gewagt. In der Schlacht bei Königsgrätz verlor unsere Nordarmee 100.000 Mann, usw usw.</p> <p>Genug hievon! Daß meine Käsgesellschaft jetzt nicht zu Stande kommt, könntest Du dir wol denken wenn Du die Aufregung Deiner Landsleute sähest, jeden Sonntag ist mein Arbeitszimmer voll Zeitungsleser. Das macht mir Freude. Es ist wol die erste, vielleicht einzige gute Frucht dieses furchtbar­sten aller Kriege. Meine Korespondenz mit den Freunden in Leipzig ist unterbrochen. Es ist mir seit einem Monath nicht mehr möglich gewesen, einen Brief an Hildebrand zu bringen und doch sollte das höchst nötig geschehen. Ich wollte ich hätte mein Manuskript wieder da es wäre hier wohl sicherer als in Leipzig.</p> <p>In der Norddeutschen Zeitung erhielt ich letz[t]hin einen län­geren Artikel aus Vorarlberg der eine Biografie Deines Freun­des bringt und den Sonderlingen schon im Voraus Freunde gewinnen soll. Über genanntes Werk äußern sich Kenner überraschend günstig. „Das" schreibt Hildebrand „das ist eine Bereicherung unserer Literatur, für die ich Sie umarmen, küs­sen möchte; so ganz realistisch und doch auch so ideal. Über­all hin begleiten mich jetzt Ihre Gestalten. Die Lösung ist vor­trefflich usw usw."</p> <p>Das heißt: Es ginge ganz gut, aber es geht nicht, der Krieg verdirbt alles und nimmt einem sogar die Lust am künstleri­schen schaffen. Wenn Du mich fragst was ich denn jetzt wie­der thue so muß ich Dir antworten: „Ich ärgere mich." Wor­über? Das will ich Dir später sagen. Unser Pfarrer fängt an ungemein freundlich gegen mich zu werden, er sieht, daß er als mein Gegner den kürzern zieht. Nun fängt er meine Wege zu gehen an. Viel Kopfarbeit machte ihm und ändern, daß ich meinen jüngsten Buben Hermann taufen ließ. Er zweifelte, ob es je einen christlichen Heiligen dieses Nahmens gegeben, Du siehst, man ist hier noch fromm, d.h. wol stolz. Ja stolz ist man und hält das kleine für schlecht und das Glänzende für groß. Drum diese Sittenlosigkeit, drum ist dem alten Salomon mit den trockenen Knochen alles eitel, drum findet der, der seine Bahn übersprang keinen sittlichen Halt mehr, darum endlich nahm Muxels Josef in Au (Schrecken) vorige Woche einen Strick und erhängte sich, die Passiven belaufen sich auf etwa 20.000 fl. „Da hat mans", sagte der Bischof auf dem Landtag.</p> <p>Dein letzter Brief hat mich recht gefreut. Er zeigt daß Du noch nicht verseucht bist, da ist Leben und - Fortschritt. Ich brauche dieses Wort absichtlich. Doch nur muthig vorwärts. Dir paßt also die alte Gottesidee von der Schule nicht mehr. Gut. Die Geschichte wird Dich eine neue finden lassen. Es wäre gefehlt, den Wein zu tadeln, weil Du plötzlich die Ent­deckung machtest, daß der den Du bisher bekommen allzu­sehr nach dem alten Faß roch. Das wird sich schon geben, wie im thätigen Leben sich alles findet, also nur vorwärts. Auf meinen Agitationsreisen durch unser Land hab ich den schönsten Lohn für mein Bemühen, einen Freund gefunden. Feuerstein, der Vorsteher in Bezau ist ein Mann, um den ich seine Heimath beneide. Ich glaube nicht, daß unser Ländchen ein halbes Dutzend solche habe. Es ist ein Glück für den gan­zen Wald, daß das erste Dorf ihn zum Leiter hat, den das wird auch andren Gemeinden vortheilhaft sein, in denen sich in der jetzigen Zeit der Rathlosigkeit oft genug zeigt, wie schlimm sie dran sind. Daß ich dabei auch an unsere Heimath denke, brauche ich Dir wol nicht erst zu sagen. Nun aber noch eine Neuigkeit, die Dir beweisen soll, 1) daß der Wälder doch auch von der Zeitströmung mitgenommen wird 2) daß ich nicht ganz umsonst mich heiser schwätze. Wir werden in kurzer Zeit eine tägliche Post bis Schoppernau bekommen, unter den sich um die Stelle bewerbenden ist auch Dein Vetter des Adlerwirths Michel. Wie das gekommen will ich Dir später erzählen. Daß ich die Hand auch im Spil hatte, kannst Du Dir denken. Wenn Michel der Rößlewirthin in Au überligt, könntest Du noch gar Postknecht werden, da er das schwerlich selbst zu übernehmen gedenkt. Die Meinen so wie alle Deine Bekannten sind wol und lassen Dich grüssen.</p> <p>Unsere Landwehrler stehen an der Tyroler Gränze hart neben Garibaldi, sie sollen schon 40 Mann verloren haben deren Namen ich Dir leider noch nicht mitzutheilen weiß. Die Heuernte ist etwas dürftig ausgefallen, die Preise der Lebensmittel sind im Steigen nächstens werden wir Einquar­tierung verwundeter Soldaten bekommen. Doch genug, der Brief, dem ich meine Photografie beilege, möchte sonst zu schwer werden schreibe bald wieder Deinem Freund</p> <p>F M Felder</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Josef Natter Feuerstein Hermann Krieg Sonderlinge felderbriefe.at newsletter Sat, 21 Jul 2012 07:00:00 +0000 st 119 at http://felderbriefe.at FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER http://felderbriefe.at/brief/franz-michael-felder-kaspar-moosbrugger-70 <div><span class="date-display-single">17. Mai 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Von meiner Heimreise gibt's nicht viel zu berichten. Bis Sonntag wandelte ich im Nebel, dann auf Schnee, abends 1/2 7 Uhr kam ich zu Hause an und kam nun lange nicht zur Ruh, weil ich meinen Freunden noch aus den Zeitungen er­zählen mußte. Ich hatte nun Gelegenheit, Schoppernau und Bludenz nebeneinander zu stellen. -</p> <p>Hier ist die Aufregung groß und der Kriegslärm läßt nichts mehr neben sich aufkommen; auch meine Pläne scheinen durchkreuzt werden zu sollen. Dennoch ging ich vor acht Tagen zum Rätzle, und da es, wie ich Dir sagte, schon von mir hörte, so hatte ich gut reden, es erklärte sich auch geneigt, die Sache zu übernehmen, wenn die Bauern so ver­nünftig sein sollten wie ich! Ich glaube nun, daß mir alle, die sich lobend und tadelnd gern Volksfreunde nennen, mit aller Kraft helfen sollten, damit die Sache bald zustande käme, denn das Rätzle wird nicht mehr lang leben. Hier hat mein Bericht von Bezau wieder ein wenig Leben in die Leute ge­bracht.</p> <p>Mit Deinem letzten Brief hab ich auch einen vom Hildebrand erhalten. Leipzig, 8. Mai. Meine Sonderlinge sind fünf Tage auf der Reise gewesen. Hildebrand freut sich über den Empfang und schreibt mir eine Antwort auf einen frühern Brief, in dem ich ihm einiges aus meinem Leben mitteilte. Du wirst an einem kurzen Auszug des übrigen genug haben: Das Werk werde jetzt schwerlich veröffentlicht, wenn die nächste Woche nichts Besseres bringe. Alle Geschäfte ständen still, alles Vertrauen im Handel schwinde, Hunderte von Ar­beitern würden entlassen und alle Geschäfte, die nicht dem Tage dienen, geraten ins Stocken. - Für Ihr Manuskript haben Sie keine Sorge, da eine Beschießung unserer Stadt doch nicht zu befürchten ist. - Sonst bin ich auf das Ärgste gefaßt, doch seh ich in Deutschland noch so viel Gesundes, daß ich mich der Hoffnung hingebe, der Bruderkrieg werde anders enden, als die es wünschen und wollen, deren Leidenschaft ihn ent­zündete.</p> <p>Ihre Sammlungen gehen mir nahe. Ich habe in Gotha vor einer Germanistengesellschaft, bewaffnet nur mit Ihren Brie­fen und dem Schwarzokaspale, einen Vortrag gehalten, und Sie werden in Folge dessen bald Zusendungen erhalten -. Du siehst, Hildebrand ist noch Gelehrter, wenn er auch anderes mitteilt, bald ist er wieder auf seinem Acker und ersucht mich um Proben aus meinem Wälder-Wörterbuch. Von Gustav Freytag schreibt er: Ich hab ihm Ihre Briefe vor­gelesen. Er hält alles für unbegreiflich. Am End ist es gut, daß ich Sie auf dem Stuhl neben mir sehe. -</p> <p>Doch genug und nur noch die Nachricht, daß Hirzel ihm (Hildebrand) die Sonderlinge überließ, um sie zu durchgehen. Hildebrand schreibt, ich wünschte eine Vorrede mit einem kurzen Abriß Ihres Lebens. - Natürlich hab ich mich dagegen ausgesprochen, habe meine Gründe gesagt, es ihm jedoch freigestellt, mich mit einigen Worten auf seine Verantwortung einzuführen.</p> <p>Jetzt wird Theres froh sein, daß sie noch nicht in Warth ist, wenn's auch in Bludenz noch keine Kirschen gibt, in dieser Woche hat's täglich geschneit, das Vieh kann sich noch kaum erhalten und die Heupreise beginnen zu steigen. Merkwür­dig ist, daß der Anfall auf Bismarck hier mehr Lärm macht als einst der in Wien. An der Auer Kilbe wurde überall politi­siert, und es hieß, die noch gut Kaiserlichen werde man im Herbst auf die landwirtschaftliche Ausstellung schicken. Die Versetzung Benedeks u. a. liegt den Leuten im Magen. Und nun noch etwas Erfreuliches. Unsere Muttergottes hat - einen neuen Rock bekommen, der kostet 100 Fl. Nur hatte man erst 50 und die Stickerinnen sollten opfern. Jede sollte ihren Bei­trag in einen - mit Namen und Hausnummer versehenen ­Zettel einwickeln und beim Altar abgeben. Fallen Dir nicht Stellen aus den Sonderlingen ein? Also auch hier Konkurrenz. In einer minder bewegten Zeit würde ich das und noch einige Pflänzchen in die Feldkircher Zeitung gegeben haben. ­Dein Bruder Pius hat am 7. d. M. das Vieh fortgetrieben, er selbst aber ist wieder zurückgekommen, um die Feldarbeit zu verrichten. Hast Du noch nicht an den Schmidlebub ge­schrieben? Ich hoffe, Dich bald hier zu sehen, denn dieses Schandwetter hätt ich nun satt. Ich lese jetzt außer den Zeitungen sehr wenig. Die Allgemeine wird der Wirt nun selbst bald wollen, und ich halte jetzt die Neue freie Presse mit der Gamswirtin in Bezau. Den Artikel über das Wahlrecht in der Beilage zur A.A.Z. wird Dir Bickel wohl gezeigt haben. Spät kommt ihr, doch ihr kommt!</p> <p>Der Schneider Natter hat endlich&nbsp; nach vielen&nbsp; Kreuz-&nbsp; und Querzügen&nbsp; in&nbsp; Besancon Arbeit gefunden.&nbsp; Das Sticken geht noch ordentlich. Unser Verlust am&nbsp; Papiergeld ist jetzt sehr klein, da man keines hat. Jock war mit mir in Bezau, er hat mit dem Rätzle gerechnet und ist gehörig bezahlt worden. Laß mir die Isabell freundlich grüßen, auch alle die, die mir nachfragen. Mit tausend Grüßen</p> <p>Dein Freund</p> <p>F. M. Felder</p> <p>&nbsp;</p> </div> <div> </div> Franz Michael Felder Schoppernau Kaspar Moosbrugger Krieg Schnee felderbriefe.at newsletter Thu, 17 May 2012 07:00:00 +0000 st 301 at http://felderbriefe.at KASPAR MOOSBRUGGER AN FRANZ MICHAEL FELDER http://felderbriefe.at/brief/kaspar-moosbrugger-franz-michael-felder-47 <div><span class="date-display-single">9. Mai 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Lieber Freund!</p> <p>Da mein Bruder Pius nicht mehr in Au sein dürfte, will ich Dir den Erfolg meiner Rekurse wegen der Gebührenbemessung über unser Krumbach mitteilen, und Du magst dann meinen Geschwistern die Sache sagen. Ich habe vollständig gesiegt. Die Finanzlandesdirektion hat die vom Steueramt in Bezau und von der Finanzbezirksdirektion Feldkirch bemessene Gebühr von 49 Fl. 50 Kr.Ö.W. auf 21 Fl. 10 Kr. - einundzwanzig - herabgesetzt, wie ich es verlangt habe. Ich habe also 28 Fl. 40 Kr.ö.W. ziemlich leicht verdient und dazu noch die Ehre, gesiegt zu haben. Ich zahle heute die neue schuldige Gebühr ein und mein Guthaben beziffert sich mit Hinzuschlag der zu den Rekursen verwendeten Stempel und Papier auf 22 Fl. 50 Kr., es trifft daher jedem Geschwister 2 Fl. 50 Kr.Ö.W. zu zahlen, die mein Bruder Jakob von Euch Ausgeheirateten einheben mag. -</p> <p>Der Kurs steht bereits auf 29 und Aussicht, daß er sobald nicht mehr herabgeht. Die Bauern und Gesellschaften, die nur einen Betrieb in Händen haben, können sich denselben zu Nutzen machen. Bruder Jakob soll dies in Rechnung brin­gen.-</p> <p>Dem Elsensohn wirst Du vielleicht nicht mehr schreiben müssen, da er wahrscheinlich bald heimkommen wird, da in sächsischen und schlesischen Landen nun der Kriegstanz be­ginnen wird und die Lehranstalten geschlossen werden. Ich habe heute mit Dr. Bickel wieder eine Maß Wein gewettet, daß binnen acht Tagen die Preußen und Österreicher in Sachsen einrücken, und glaube, daß ich gewinne. Die heutige Sitzung in Frankfurt wird vielleicht die letzte des deutschen Bundes in seiner dermaligen Organisierung und Machtver­teilung sein, derselben wird der Krieg folgen. ­Die Hauptleute der Landesschützen müssen diese Tage nach Innsbruck, und bis Ende dieses Monats müssen die Landes­kompagnien zusammengestellt sein und beginnen die Waf­fenübungen. Für die hiesige Kompagnie langen heute die Waffen und 16.000 scharfe Patronen ein. ­Der Bezirksvorsteher erzählt mir jetzt gern von seiner Amtie­rung in Bezau und meint, wenn Du in Deinem neuen Werk nichts von dem Straßenbau und den bezüglichen Streitig­keiten erzählst, sei Vieles nicht drin, was hinein sollte. Mir scheint, er möchte etwas Gutes von sich in Deinem Buch finden. - Herr Hildebrand und Leipzig werden leider bald in preußische Hände geraten, aber bei jetziger Art der Kriegs­führung wird der Beschäftigung der Gelehrten schwerlich viel Eintrag geschehen und Dein Buch wird doch befördert wer­den, der Leser aber wird es vorläufig wenigere finden, doch hierüber wirst Du von Leipzig Besseres erfahren. ­Gleich nach Pfingsten wird meine Familie nach Warth und Krumbach wandern, und Du magst sie dort anmelden. Ich werde etwas Geld mitbringen. Im übrigen grüße ich Euch alle freundlichst und freue mich auf ein baldiges Schreiben. Dein Freund</p> <p>K. Moosbrugger</p> </div> <div> </div> Kaspar Moosbrugger Bludenz Franz Michael Felder Krieg felderbriefe.at newsletter Wed, 09 May 2012 07:00:00 +0000 st 299 at http://felderbriefe.at VON RUDOLF HILDEBRAND http://felderbriefe.at/brief/von-rudolf-hildebrand-15 <div><span class="date-display-single">8. Mai 1866</span></div> <div class="fieldtitle"> <div class="teaser"> <p>Mein lieber Herr Felder,</p> <p>Seit Wochen hätt ich gar zu gern an Sie geschrieben und habe es immer wieder verschieben müssen. Auch heute werde ich mich leider kurz und rasch fassen müssen. Aber Sie müssen Nachricht haben, daß Ihre Sonderlinge am Sonn­abend richtig bei mir eingegangen sind, zu meiner großen Freude. Mit dem Lesen bin ich freilich noch nicht über die ersten Seiten hinausgekommen, aber ich darf Sie doch mit meinem Weiterlesen nicht auf die Anzeige des Eintreffens warten lassen. Ich will es erst ganz durchlesen, ehe ichs an Hirzel abgebe, und das soll möglichst rasch geschehen. Ob freilich, auch wenn wie ich hoffe Hirzel bei seiner Zusage bleibt, jetzt zum Druck vor[ge]schritten werden kann, ist augenblicklich ganz unsicher, denn wir sind in der Kriegs­gefahr mitten drin und wissen nicht was der nächste Tag bringt. Alle Geschäftsverhältnisse, die nicht dem Tage dienen, sind in der Auflösung begriffen, Hunderte von Arbeitern werden täglich entlassen, alle Werthpapiere sind im raschen Sinken, man schwankt zwischen Bestürzung und auftauchen­den Hoffnungsschimmerchen. Aber ich habe eben wieder einmal Hoffnung (gestern ist in Berlin auf Bismarck geschos­sen worden, fünf Schüsse aus großer Nähe, und unverletzt!) und vielleicht kehren wir in wenigen Wochen doch wieder in das Gleis stiller Culturarbeit zurück. Für Ihr Manuscript seien Sie außer Sorge, eine Beschießung der Stadt ist in kei­nem Falle zu fürchten, höchstens eine Schlacht in der Nähe, Leipzig ist ja jetzt ein offener Ort. Übrigens auch wenn der entsetzliche Bruderkrieg entbrennte, ich sehe ihm jetzt ent­schlossen entgegen, in der Überzeugung daß Besseres daraus kommen würde als die bösen Leidenschaften der Anstifter sich träumen lassen. Unser Deutschland ist jetzt im Herzen zu gesund, um am Körper dauernd Schaden leiden zu kön­nen. Sie selbst sind mir mit ein Beleg dafür. Ich habe inzwi­schen für Sie nach Kräften gewirkt, nur mit Ihren ersten zwei Briefen in der Hand und mit Empfehlung Ihres Schwarzo­kaspale. Die Wirkung ist allenthalben dieselbe, Bewunderung Ihres Bildungsganges, der an und für sich eine Heldenthat ist wie nur eine, Bewunderung der geistigen und seelischen Reife die Sie offenbaren, und tief innige Freude an der Art wie Sie da die Verhältnisse Ihrer Heimat künstlerisch zu ver­arbeiten wissen. Die Frauen meines Bekanntenkreises sind entzückt von Ihrem Roman, es ist schon öfter das Wort ge­fallen, ob man Sie denn nicht einmal in Person hier haben könnte, und ich selbst wünschte mir das innig - vielleicht? Auch meine Freunde theilen mein Urtheil, sie verdanken Ihnen glückliche Stunden im reinsten Sinn des Wortes. Nur Hirzel und Freytag sind leider noch nicht zum Lesen gekom­men, ersterer durch die Buchhändlermesse, letzterer durch eine literarische Arbeit zu sehr beschäftigt. Ich kanns kaum erwarten, bis sie dran kommen. Frau Dr. Hirzel hats mit gro­ßer Befriedigung gelesen. Dem Dr. Freytag hab ich Ihre zwei ersten Briefe vorgelesen, er war tief interessirt daran und meinte, das Ganze wäre „eigentlich unbegreiflich". Es ist gut, daß ich Sie habe vor mir sitzen sehn.</p> <p>Vorgestern hatte ich Ihre Briefe mit in Thüringen, wo wir, d. h. ein Häuflein Germanisten (altdeutsche Philologen) im Sommer mehrmals einen wissenschaftlich-geselligen Verein abhalten, unter dem Sie sofort als Mitglied eintreten könn­ten, seit Sie in Ihrem Thale Sprichwörter und Redensarten sammeln und auf Grund Ihres Schwarzokaspale, denn die Pflege des Volksmäßigen liegt uns am meisten am Herzen. Da hab ich denn, vor 7 Zuhörern (aus Gotha, Eisenach, Weimar, Jena, Schulpforta, Zeitz, Leipzig), meinen Vortrag ge­halten, und Sie werden wol in Folge davon Zusendungen erhalten; etwaige Dankbriefe schicken Sie nur mir mit ein, ich würde sie besorgen. So hab ich gestern Ihre Briefe an G. Mayer und Hirzel abgegeben. Mayer ist ein sehr merk­würdiger Mann, kurz und trocken wie wenige, aber sehr welterfahren und von warmem Herzen namentlich für He­bung der Volksbildung. Er hat in Ihrer Nähe eine Sommer­frische, in Oberstdorf, wohin ich eben vor drei Jahren von Ihnen aus ging. Ich soll diesen Sommer wieder hin kommen, und soll Sie mitbringen; Lust dazu hätt ich die allergrößte, wenn die Verhältnisse es erlauben. Aber ich habe eine Fa­milie von 6 Köpfen und kann nicht oft tief in den Beutel greifen. Ich möchte gar zu gern einmal mehr von Ihnen hören und mit Ihnen eine kurze Zeit Zusammensein. Nun wenn nicht diesen Sommer, so den nächsten. Ihr Bregenzerwälder Wörterbuch geht mir nahe, könnte ich. es nicht für unser deutsches Wörterbuch zur Verwerthung gewinnen? Wenn Sie Zeit fänden, mir zunächst nur etwa die Wörter mit K (von klappen an, denn so weit ist bald ge­druckt) könnten zukommen lassen, würde es mich sehr freuen, und ich würde Ihnen dann den ersten Correctur­bogen wieder zuschicken, wo Ihre Sammlung mir Dienste geleistet hätte.</p> <p>Der von Ihnen erwähnte Schimpfartikel in Ihrer Landeszei­tung interessirt mich, ich möchte schon wissen, von welcher Seite die Herren Sie angegriffen haben; könnten Sie mir das Blatt wol einmal zuschicken unter Kreuzband? Auch möcht ich. die Anzeige Ihrer Nümmamüllers in den Brockh. lit. Bl. lesen, in welchem Jahrgang und welcher Nummer war das? ich kann mirs leicht hier verschaffen. Mir thut es ordentlich weh zu lesen, mit welchen Kosten Sie sich die geistige Nah­rung verschaffen müssen. Hier zu Lande lesen z. B. Land­pastoren diese Sachen in Lesecirkeln für ein Billiges, oder die Exemplare aus Kaffehäusern gehen von da den andern Tag weiter. Könnten Sie sichs nicht ähnlich aus Lindau oder Bregenz oder Feldkirch verschaffen? im Nothfall aus Augs­burg oder Innsbruck?</p> <p>Noch etwas. Im Schwarzokaspale war doch nicht alles erklärt, was uns unverständlich ist, z. B. Schulden gleich Schuldner, was ich aus dem Altdeutschen wußte (im Wörterbuch werden Ihre Stellen mit als Belege erscheinen). Darf ich wol an sol­chen Stellen die Erklärung kurz hinzufügen in den Sonder­lingen? Auch möcht ich gern in einem kurzen Vorwort dem Leser Nachricht von Ihrer Lebensstellung gegeben sehen. Doch ich muß schließen.</p> <p>Glück zur&nbsp; Feldarbeit&nbsp; und&nbsp; allem&nbsp; andern,&nbsp; herzlich&nbsp; grüßend</p> <p>Ihr R. Hildebrand.</p> <p>Die Frauen meines nächsten Bekanntenkreises (Gevatter­kränzchen nennen wir uns) lassen Sie herzlich grüßen, das hält ich bald vergessen. Wegen des Honorars haben Sie nichts erwähnt, ich werde, wenns zur Verhandlung kommt, Ihre Interessen möglichst vertreten. Wie war denn das bei Nüm­mamüllers?</p> </div> <div> </div> Rudolf Hildebrand Leipzig Franz Michael Felder Bismarck Gustav Freytag Krieg Leipzig Manuskript Sonderlinge Tue, 08 May 2012 07:00:00 +0000 st 298 at http://felderbriefe.at