FRANZ MICHAEL FELDER AN KASPAR MOOSBRUGGER

lfndenr: 
523
9. April 1868

Lieber Freund!

Seit fast einem Monat sitze ich zwischen vier Pfählen, unfähig eines großen Gedankens, und leide an etwas, das man hier kurzweg Übergang nennt. Ich kam, wenn's nun fertig ist, noch besser weg als viele sonst. Wahrscheinlich hab ich mich in den letzten Tagen gesund geärgert über die beiden Vor­steher. Mochte man sie bedrohen, beschimpfen und alles, wenn sie auch die täglich wachsende Aufregung zu fürchten fast so viel Ursache hatten als ich, in den Pfarrhof gehen und Rüscher um Frieden und Versöhnung bitten, das hätten sie nicht sollen. Siehst Du nun die liberale Wahlkommission, wie Dr. von Schweitzer sie zeichnete [?]. Dem Sohn des Altvorstehers hat freilich wegen der Rüscheriade die Heirat mit Verolars M. Kathrinno in Au, die auf Ostern bestimmt war, falliert, aber so butterweich hätte Moosbrugger nun doch nicht mehr werden sollen. Meine Freunde, die s.g. Freimaurer, stellen sich nun noch fester um mich und warnen mich vor meinen liberalen Freunden - ist nicht nötig. Am Sonntag wurde von der Kanzel aus großer Friede verkündet. Uns hat es ordentlich angeekelt, so elend ist's geschehen, aber im Grund muß man doch froh sein, daß man wieder frei atmen und wenigstens beim Tag ausgehen kann. Daß augenblicklich nicht etwa die ultramontane Partei, wie sie sich jetzt gibt, mir gegenüber steht, ist mir ganz klar, drum hab ich auch gleich an die Leipziger Reise gedacht, die ich ja doch zu machen gedenke. Das sah weniger einer Flucht gleich, obwohl es eine war, dringender geboten als die letzte. Doch Du siehst das aus den mitgeteilten Tatsachen, deren ich noch ganze Bogen voll beifügen könnte. Auch ich hab einen Schritt getan, um noch ärgere Aufregung zu verhüten. Am letzten Samstag wurden endlich die Wahlstürmer vom 26. Jän­ner, die rohesten Leute, vorgeladen. Die Vorstehung und Wahlkommission bat, ja doch nichts mehr zu machen, weil man sonst nicht mehr sicher sei. Sie tat mir das aber viel zu zahm, und ich schrieb folgendes: Löbl. k. k. Bezirksamt. Angesichts der durch einen von H. Pf. Rüscher am 26. März in der Kirche gehaltenen Vortrag gewachsenen Aufregung, welche so weit geht, daß man öffentlich sagt, man sollte mich erstechen, wage ich nicht, jetzt neues öl aus längst verges­sener Zeit ins Feuer gießen zu lassen, und ziehe, roher Gewalt weichend, meine in Feldkirch gemachte Klage wegen Ehren­beleidigung zurück.

FMF

Ich hoffte im Stillen auf diese Eingabe hin kein gänzliches Niederschlagen der Sache, sondern eine Vertagung, und habe, wie die Antwort beweist, auch richtig gerechnet. Dafür, daß meine Eingabe bei den Akten bleibt, ist durch Verweigern der Unterschrift auf der Eingabe der Wahlkommission gesorgt. Nun aber von anderem!

Am 16. ist Versammlung der Bezauer Assekuranz. Ich hoffe, bis dahin doch kräftig genug zu sein, um die Reise wagen zu dürfen. Könnte man daran vielleicht auch unsere Konferenz Freitag oder Samstag knüpfen? Ich laß Euch freilich wenig Zeit und bitte daher, mir zu schreiben und allenfalls selber einen Tag zu bestimmen, da es mir bis zum 1. Mai immer gleich paßt. Aber wohin. Im Sommer komm ich nach Bludenz, aber jetzt ist's über die Berge sehr gefährlich. Auch in Warth sind der Krämer und sein Sohn verlawinet worden. Also Bregenz oder Dornbirn. Nenne Du selbst den Ort. In Bregenz könnten wir beide uns auf der Post, in Dornbirn in der Gans treffen. Mein Roman wächst aber langsam, und in dieser Hinsicht möcht ich allerdings noch 14 Tage beim Schreibtisch bleiben. Dieser Brief entsteht abends 10 Uhr, um morgen ganz für den Roman zu sein. Ich hoffe, es wird eine hübsche Arbeit, gewiß weiß ich das erst, wenn ich mich nicht mehr so ängstlich mit dem Einzelnen beschäftigen muß. Der Schluß braucht noch Stimmung, und die hat mir bisher gänzlich gefehlt. Heut schien sie endlich zu kommen. Übrigens ist das kein Leben, sich mit einem Rüscher balgen und dabei noch von seinen Bullenbeißern, zu deutsch Hunden, fürchten zu müssen. Einstweilen ist's freilich in der Hinsicht besser. Die Friedenspredigt werd ich Dir erzählen. Einstweilen bleib ich nun doch da und sehe mir noch den neuen Frieden an. Die Feldkircherin wird mir noch fleißig zugeschickt, obwohl ich sie bisher noch nicht wieder bestellt habe, was aber ge­schehen wird. Sag der Isabell, Strolzo Serafin sei gestorben und der [die] Tresel wolle mit einem Erztaugenichts von Schwarzenberg heiraten. Man sucht vergebens auszureden. Anderes mit Dir mündlich.

Schreibe bald, aber nicht eher, als bis Du einen Tag für unser Zusammentreffen bestimmen kannst. Der Schlosser Riedlin schickte mir seine Schrift ,Aus dem Leben eines Proletariers', für die er - wohl vergebens - einen Verleger sucht. Das Gefüge ist mangelhaft, aber Einzelnes nicht wertlos und nicht ungeeignet, etwas umgegossen in einem Blatt zu erscheinen. Mehr später. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

F. M. Felder.

Keine