Felderbriefe

  • 6. April 1870

    Herrn Franz M. Felder Schoppernau.

    Wir beabsichtigen in Kürze ein Monatsheft für Poesie (Gedichte und Dramen) erscheinen zu lassen zum Besten der Schiller­stiftung, und ersuchen Sie ergebenst uns durch Einsendung von Beiträgen beehren zu wollen.

    Hochachtungsvoll!

    Die Redaction der „Dichterklänge aus Süd und Nord"

    A. H. Walffers.

    Redaktion der
    Breslau
    Franz Michael Felder
  • 1. November 1869

    Lieber Felder

    Wenn ich die Umstände gehörig erwogen hätte, so hätte ich eigentlich „Geehrter Herr" schreiben sollen - aber die Thatsache ist die daß ich keine formelle Anrede gebrauchen will, wenn ich den Leuten gerne Etwas Freundliches sagen möchte. - Ich bin Ihnen zwar eine Fremde, eine gänzlich Unbekannte, während Sie mir jedoch lange kein Fremder mehr sind; denn ich habe vor eini­gen Jahren den Ihre eigentümliche Lebensgeschichte betreffenden Aufsatz in der Gartenlaube gelesen, und welchen Eindruck mir derselbe hervorgebracht, beweist vielleicht der einfache Umstand, daß ich damals schon die Absicht gefaßt habe Ihnen zu schreiben und ich dieser Absicht dritthalb Jahre hindurch treu geblieben bin, obgleich ich kein Wort mehr von Ihnen gehört habe und auch jetzt nicht weiß, ob und wo Sie mein Schreiben eigentlich antreffen wird. So lebhaft begleitete mich der Wunsch, daß ich ungeachtet dessen trotz aller äußeren Veranlassungen zur Ausführung meiner lang gehegten Absicht schreite. Doch nein, so ganz ohne äußere Veranlassung eigentlich nicht, wenigstens nicht von meiner Seite. Denn vor dritthalb Jahren, war ich eben noch nichts, als eine Art Schicksalgenossin, jetzt aber seit ich die Lauf­bahn einer Schriftstellerin betreten habe, mache ich ein bischen Ansprüche auf Collegialität. - Wenn ich damals gesagt haben würde, daß ich den Drang fühle, als Schriftstellerin zu wirken, würde man mich einfach ausgelacht haben, und gesagt: „wie kann das sein, ein Bauernmädchen, das bis zu achzehn Jahren im Feld gearbeitet, im Sommer geharkt, gemäht, geschnitten, im Herbst und Winter gedroschen und gesponnen hat, ein Mädchen mit so dicken rothen Backen und einem so anspruchlosen Äußeren? O nein, eine Schriftstellerin, wie sie sein sollte muß ganz anders aussehen, blaß und mager und interessant." - Aber Gott sei Dank, daß ich in diesem Sinn so uninteressant bin, denn nur meinen dicken, rothen Backen, das heist meiner außer­gewöhnlichen Körperstärke und Gesundheit habe ich es zu dan­ken, daß ich im Kampf mit dem Schicksal, mit meinen Verhältnissen nicht zu Grunde gegangen bin. - Ja lieber Felder, ich habe in Ihrem eigentümlichen Bildungsgang ein eigenes Stück Lebensgeschichte gefunden und Ihre Geschichte deßhalb wie kein Anderer verstanden. Und bedenken Sie, daß ein Mädchen in ähnlichen Verhältnissen noch weit unglücklicher sein muß, als ein Mann, denn sie hat außer den Standesvorurtheilen auch noch die Geschlechtsvorurtheile zu bekämpfen. Ein junger Bauern­knabe, der nach geistiger Vervollkommnung strebt, findet immer­hin noch mehr Sympathien, als ein Bauernmädchen, deren Eltern nicht zu den Bemitteltsten gehören und die außerdem auch kein besonders einnehmendes Äußeres hat. Ein unglückliches Kind ist zu ernst und schweigend, und ein Kindergesicht, daß so wenig von kindlicher Heiterkeit zeigt, ist altern Leuten gewöhnlich unangenehm. - Aber ich habe sie bekämpft, diese Vorurtheile und Antipathien, das ist die Hauptsache, aber wie ich sie be kämpft habe, das weiß nur Gott der Allwissende, vielleicht habe ich später noch Gelegenheit, ihnen meine Lebensgeschichte im Einzelnen mitzutheilen. Jetzt muß ich mich nur auf die äußersten Umrisse beschränken. Der Drang nach Bildung war so verzeh­rend mächtig in mir, daß ich schon im zarten Kindesalter den Tod gewünscht habe. Die Liebe zu meinen Angehörigen hat auch mich gerettet besonders zu meiner alten armen Mutter, deren Natur ich geerbt habe, und die deßhalb unglücklich ist, wie auch ich es geworden sein würde, wenn ich mir nicht auf eigene Hand den Weg aus dem Landleben heraus gebahnt haben würde. Außerdem ist mir ein Selbstvertrauen zu Theil geworden, daß in seinen ersten Äußerungen nichts weniger als Waghalsigkeit und Tollkühnheit scheinen mußte. Aber es war ja auch Tollkühnheit, an den unüberwindlich scheinenden Schranken meiner Verhält­nisse zu rütteln und auf Befreiung zu denken, aber ich habe daran gerüttelt, mit eiserner Faust, mit dem Muthe der Verzweiflung und Gott sei Dank, sie sind gefallen, und ich habe sie überstiegen. Gott hatte mir schon in frühester Jugend die Gabe der Dichtkunst verliehen und meine Erzeugnisse haben endlich die Aufmerk­samkeit der gebildeten Welt erregt, in so weit nämlich, um meine Eltern durch mächtige Vorstellungen zu veranlassen, etwas auf meine Ausbildung zu verwenden; als dies geschah, war ich zwar schon achzehn Jahre alt, doch Gott sei Dank, noch war es nicht zu spät. Jetzt bin ich bald 24 Jahre alt und so wunderbar hat mich Gott geleitet, daß ich schon vor zwei Jahren die Prüfung einer Lehrerin an Instituten und höheren Töchterschulen zu machen und seither auch Gelegenheit gefunden habe Reisen nach England, Frankreich und Italien zu machen und mich somit in den modernen Sprachen zu vervollkommnen. So kam es nun daß ich außer meiner Muttersprache auch der englischen, französi­schen und theils auch der italienischen Sprache mächtig bin. Wer mich jetzt sieht und kennen lernt (als Sprachlehrerin) ahnt natür­lich nichts davon, daß ich vor kaum fünf Jahren noch die Kühe gemolken und die Schweine gefüttert habe. Meine Erlebnisse und Fortschritte während dieser Zeit sind auch so ungewöhnlicher Art, daß meine frühern Bekannten der unumstößlichen Ansicht sind, daß ich in allen meinen Unternehmungen unbegreifliches Glück habe; freilich von meinen stillen Erfolglosigkeiten Kämpfen, Ent­behrungen, immer wieder zu Boden geschmettert und immer wieder sich von Neuem ermannender Thatkraft wissen Sie Nichts. Genug, die Welt bekommt erst Vertrauen zu uns, wenn sie unse­re Erfolge sieht, wie theuer aber einem solchen zum Kampf gebo­renen Menschenkinde die schwer errungenen Erfolge zu stehen kommen, das kümmert sie Nichts. Bei Gott ich habe schon so viele Erfahrungen gemacht, daß ich oft nicht begreifen kann, warum ich noch keine Runzeln habe, denn alt genug komme ich mir vor. Seit letztem Frühjahr nun gelang es mir einige schriftstel­lerische Versuche zu Druck zu bringen und das ist eigentlich die äußere Veranlassung, die meinem Briefe an Sie zu Grunde liegt; denn was wären alle meine eigenthümlichen Erlebnisse gewesen, wenn ich keinen Erfolg gehabt hätte? Nicht das Talent ist es dem die Menschen ihre Anerkennung zollen, nur der Erfolg. Die Ahnung also, daß ich einst Schriftstellerin werden müsse, hat schon in frühester Kindheit in mir geschlummert und dieses Vor­gefühl ist in späteren Jahren die Triebfeder geworden, die mich antrieb, ohne alle äußere Veranlassung oder Unterstützung den Gedanken an die Möglichkeit meiner Ausbildung zu fassen. Und Gott sei Dank für die Gnade des Erfolgs denn im anderen Falle wäre ich für mein ganzes Leben ein Opfer der quälendsten Selbsvorwürfe geworden, denn die Lücke, die ich durch meine Entfernung in meiner Familie gerissen hatte, war nicht unbedeutend, ja sage es mit Stolz, daß ich eine tüchtige Feldarbeiterin war und meinem Vater einen Knecht ersparte. - So viel bis jetzt zu meiner Identification. Demnächst soll eine meiner Novellen in der badischen Landeszeitung erscheinen und werde ich mich mir dann erlauben, Ihnen Einiges unter Kreuzband zuzusenden. Meinestheils bitte ich Sie um Einiges Ihrer eigenen Arbeiten, wenn Sie einige Exemplare davon vorräthig haben sollten; denn ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, wie sehr ich mich dafür interessiere. Um Ihre Dorfgeschichten beneide ich Sie wirklich, denn ich fühle leider daß ich niemals im Stande sein werde, Dorfgeschichten zu schreiben, trotzdem man mich von allen Seiten dazu aufmuntert. Die Leute glauben eben, und nicht mit Unrecht, daß ich die ländlichen Verhältnisse ja am besten kennen müsse. Aber gerade deßhalb, weil ich Sie so gründlich kenne, fehlt mir alle Begeisterung, sie zu idealisiren. Ich habe so unend­lich auf dem Lande gelitten, daß ich jetzt die grössten Anstren­gungen zum Selbstvergessen machen muß, wenn ich überhaupt zum Arbeiten fähig sein will. Sobald ich mich in jene Verhältnisse wieder hineindenke, fühle ich mich so traurig und niedergeschla­gen, daß gar nicht daran zu denken ist, meine früheren Erfah­rungen vom Dorfleben novellistisch zu verwerthen; freilich liegt dies auch großentheil in Familienverhältnissen. So kommt es nun, daß die Stoffe meiner Novellen hauptsächlich nur aus dem Städteleben gegriffen sind. - Der Charakter meiner Landsleute bietet eigentlich so wenig Orginelles und Ursprüngliches, er ist ein Gemisch aus allemannischen, pfälzischen und fränkischen Elementen und meine Landsleute selbst (O[ben] Aschaffenburg, Untfen] Mosbach, Bahnstrecke Heidelberg - Würzburg) sind so schrecklich aufgeklärt daß man lange suchen müßte, um irgend Etwas Erfreuliches bei ihnen zu finden. Es ist der moderne Materialismus dem sie beinahe Alle huldigen und die Resultate desselben sind recht traurig. Ich möchte so gerne einmal die Bauern Ihres Landes kennen lernen, denn ihrer Schilderung in der Gartenlaube zufolge müssen sie von den übrigen sehr verschie­den sein. Aber Felder, wenn die Landsleute unter Aufklärung nichts Anderers verstehen, als ihre Religiosität, dann weiß ich wirklich nicht, was schließlich für sie am besten ist. Ich weiß aber, wie traurig es ist, ohne eine religiöse Weltanschauung das Dasein ertragen zu müssen, denn so unwahrscheinlich es auch lauten mag, so ist es doch leider nur zu wahr, daß ich schon als zehnjähriges Kind weder an einen Gott, noch an eine Vorsehung, Unsterblichkeit, oder sonst Etwas glaubte, ja man hatte mich gelehrt den Glauben an diese Dinge eben so sehr wie den Glauben an Hexen und Gespenster zu verachten, und eine Religion, die fähig ist einen dreißig jährigen Krieg heraufzube­schwören schien mir als das Verabscheuungswürdigste, das man sich außer den Hexenprocessen noch denken kann. Und daß sich trotz dieser Grundlage in späteren Jahren ohne alle äußere Einwirkung die religiöse Überzeugung von Innen heraus bei mir Bahn gebrochen, ist eben ein Zeichen, daß die Religion dem Menschen angeboren und nicht anerzogen wird wie uns die Freireligiösen oder besser die Religionslosen gerne glauben machen möchten. -

    Ich möchte Ihnen noch so Vieles sagen, wenn ich nicht schließlich fürchten müßte, Ihre Geduld zu sehr zu ermüden. Und wenn ich den langen Brief abgesandt habe, bin ich noch in Sorge, ob er auch wirklich an seine Adresse gelangt ist? Wenn dem so ist, so ersuche ich Sie um die Freundlichkeit, mich vom Empfange dieses Schreibens sofort zu benachrichtigen, nur mit wenigen Zeilen wenn Sie nämlich vorderhand noch keine Zeit haben sollten, mir jetzt schon einen größren Brief über Ihre jetzi­gen Arbeiten und sonstigen Verhältnisse zu schreiben. Sie werden ja im Laufe des Winters hiezu schon ein bischen Zeit erübrigen können. Sie würden mir eine herzliche Freude damit bereiten. Nun Gott befohlen lieber Felder, und wenn Sie mir eine Antwort schreiben, so reden Sie mich, bitte, nicht mit „Verehrtes Fräulein" an, wenn Sie sonst keine weniger formelle Anrede finden, so las­sen Sie die Titel lieber ganz bei Seite. Nicht wahr, Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit nicht übel. Bitte sagen Sie Ihrer lieben Frau einen herzlichen Gruß von dem Bauernmädchen aus dem Odenwalde und daß ich eine innige Zuneigung zu ihr hege, weil sie fähig war, ihren Gatten zu verstehen und sein Streben zu wür­digen und ihm Kraft und Stütze zu werden. Gewiß, sie muß ein seltenes Weib sein, denn wohl weiß ich, wie schwer es ist, unter den Landleuten für das Streben nach Bildung und Vervollkomm­nung ein Verständniss zu finden.

    Empfangen auch Sie meine Grüße, lieber Felder, und wenn ich Ihnen vielleicht irgendwie einmal von Nutzen sein kann so thun Sie mirs offen zu wissen; ich erlaube mir Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich mich seit fünf Jahren hauptsächlich mit der Sprachwissenschaft beschäftige, und da Sie selbst vielleicht wenig Gelegenheit und Anregung zu solchen Studien gehabt haben dürften, so wäre es vielleicht nicht unwahrscheinlich, daß Sie in diesem Sinne vielleicht manchmal einigen Rathes bedürften. Sie dürfen mich nicht mißverstehen, denn nur die innigste Theil­nahme allein veranlaßt mich, hier diesen Punkt zu berühren. Jetzt leben Sie wohl und erinnern Sie sich zuweilen

    Ihrer aufrichtig ergebenen

    Auguste Bender

    Plöckstrasse 35

    bei Herrn Dr. Otto

    August Bender
    Heidelberg
    Franz Michael Felder
  • 18. August 1869

    Liebes gutes Mindle!

    Noch in der ersten Aufregung der Freude über Dein liebes durch Uhrenmacher erhaltene Schreiben, setze ich mich an den Schreibtisch, um es zu beantworten. Zwar weiß ich von Neuigkeiten, u. Intreßanten Vorfällen nicht viel zu berichten, doch wird Dir jegliches, u. unbedeutende aus der Heimath lieb sein. Mich durchfuhr es wie Elecktretzität, als ich nur Deine Schriftziige erblickte. Also wohlerhalten durch die u. in der neuen Welt, im Eldorado Deutschlands angekommen. Erholung Ruhe wünschend, all die Empfangenen Eindrücke, u. Bilder zu ordnen, zurechtzulegen, um das Stündlich Täglich neue, nicht eines durch das andere verwischen zu lassen. Es ist für Dich die gegenwärtige, wenn nicht eine immer ange­nehme, so doch eine überaus reiche Zeit, eine Zeit des sam­melns der Erkenntniß des Begreifens. Lebensgenuß, „Lebens"­werth will ich es nennen. Ich meine Deine gemachten und währenden Erfahrungen, natürlich von Deinem Standpunkte aus, die angenehme Thätigkeit der Sinne, dieses ahnen u. blicken in die Vorwelt und Mitwelt, das wirken u. Schaffen so vieler edler Geister, dazu die herrlichen, fremden Menschen Städte, die Sitten u. Gewohnheiten, dieses alles zu sehn u. empfinden, mein ich nur, dieses allein, ist werth gelebt zu haben, weit mehr als 30tausend Gulden erschachern, für Krö­sus u. mithin als brafer rechter Mann zu gelten. O wie gönne ich Dir die Lust diesen reichen Genuß, u. wie dank ich dem lieben guten Hildebrand, daß er Dich auf den Parnaß geführt hat. Hier haben wir schönes Wetter heiße Tage, die uns eigens zum Streue Kratzen u. Heuen gemacht scheinen, den vielen Touristen aber, unser Ländchen, u. unsere Berge lieb­licher erscheinen lassen. Von einigen hatten auch wir die Ehre besucht zu werden. Frau Bergmann sammt Tochter fuhr den 9. Aug. eigens von Schwarzenberg hieher, mit freundlichem Gruß, u. 2 Büchern zu freundlichem Andenken von ihrem Mann, der wie er im Begleitschreiben sagt, seine Lunge scho­nen müsse, damit sie noch ein paar Jahre ihre Dienste thue. Ferner schreibt er, erlaube ich mir Ihnen anzuzeigen, daß ich den Betrag für das Exemplar der mir zugedachten Sonderlinge in der Braumüllerschen Hofbuchhandlung auf meine Rech­nung setzen ließ, u. somit dasselbe nicht auf Ihre Rechnung kommen darf. Nach meiner Rückkehr soll meine „Landes­kunde Vorarlberg" unter die Presse kommen. Dies das we­sentlichste des Briefes. Ich war in der Eagad als die Frauen hier waren. Sie hätten mich gern gesehen, wie sie sagten, war mir auch leid, war mir ebenfalls so gewesen, weil sie aber keine Zeit zum warten ich keine zum Kommen hatte, so werden wir Wahrscheinlich geschiedene Leute bleiben. Der Post wegen war man letzte Woche in Bezau, ich konnte aber biesher nicht bestimmtes erfahren, als daß einer der Bewerber Michel Willam, in Au ein Gropper sei. Ich gedenke aber heute mit dem ungeschlossenen Briefe in der Tasche nach Au, war­scheinlich nach Schnepfau zum Galli, einen Spaziergang zu machen, sollte ich bei dieser Veranlassung näheres über dies od. sonst etwas bemerkenswerthes erfahren, will ichs dem Briefe anschließen. Der Doktor geht täglich zum Heuar Bäßle hinauf weil sie zimlich krank ist, einer der Fremden Buschlo­macher ist gestorben; auch der Säger vom Ritter ist tod, nahe daheim gefunden worden.

    Zum großen Leidweßen des Pfarrers u. seiner Getreuen kam der zur Predigt letzten Sonntag erwartete Bischof nicht nach Schoppernau, u. alle Vorbereitungen, wovon die, daß Pfarrer u. Köchin eine ganze Stunde am Bett, wo er schlafen sollte herzurichten, die winzigste war, waren umsonst, nicht einmal der Sekretär liß sich erbeten, davon Gebrauch zu machen. Von der Predigt eines Bischofs hätten sich die Leute etwas versprochen, nicht so aber Oberhausers Kaspar, der schaden­froh war über das mißlunge[ne] Projeckt, weil wie er gehört habe auch der Bischof über Lesen u. Zeitgeist referire, u. er dieses alles nicht noch einmal als Orackel gesagt wünsche. Wir alle gesund u. wohl an Dich denkend, von Dir redend, wünschen Dir ferner alles liebe u. Gute, edle u. schöne, grüße uns die Hildibrandische Famile, alle die auch an uns denken nach uns fragen. Sei unsertwegen ohne Sorgen, wir arbeiten mit Lust und Willen, mit frohem Muth, u. der schönen Hoff­nung Dich einst wieder in unserer Mitte zu haben, Erzählend von all den Herrlichkeiten der schönen Welt. Bis dahin bleib ich Dein treues Wible

    Anna Katharina

    Ich als Muter

    Ich Grüße euch Herzlich u. wann ihr ein Genusleben haben so eilen nicht so stark nach Haus damit ihr wider in Schop­pernau ein fröllich Leben haben.

    Anna Katharina Felder
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 23. April 1869

    Sehr geehrter Herr Felder!

    Weil ich mir wohl vorstellen kann, welche Freude Ihnen beiliegen­der Brief bereiten wird, nehme ich keinen Anstand Ihnen denselben zu senden.

    Er kommt von jener edlen, gebildeten Frau, von welcher ich Ihnen schon 2mal Briefe sandte, die sich für Sie in Wien sehr warm verwendete.

    Ich bin ganz glücklich darüber, die Aufmerksamkeit dieser vortreff­lichen herrlichen Frau auf Sie gelenkt zu haben, die dann in ihren Kreisen weiter für Sie wirkte.

    Ich will Sie nicht weiter ermüden und theile mit sehr vielen sehr vielen!!! Menschenden Wunsch, möchten Sie doch recht bald und vollkommen gesund werden. Ich grüsse Sie bestens und herzlichst

    Ihr theilnehmender aufrichtig

    ergebener

    L. Kofier

    BEILAGE: VON ANTONIE SEDLACZEK AUS WIEN AN  LUDWIG KOFLER IN  DORNBIRN

    Lieber Herr Kofier!

    Ganz erschüttert lasen wir in der Zeitung von dem Unglück was den armen Felder getroffen und nun kam heute ihr Brief-der unglückli­che Mann wie sehr bedauern wir ihn alle! - Von der Schillerstiftung bekommt er gewiß 100 Thl ein Hr Bergmann der ihn kennt hat es ihn so geschrieben hat er denn den Brief nicht erhalten? - Nun hab ich eine große Bitte an Sie - bis das Geld kommt kann der kranke vielleicht so manches benötigen bitte wollen Sie ihn diese 30 f welche ich schicke auf eine zarte Weise übergeben und dazu unser aller besten Grüsse und innigste Theilnahme. Vieleicht kann ich Ihnen noch etwas später mittheilen was Hr Scheyrer für ihn beabsichtigt.

    Ihre Briefe machen mir immer Vergnügen da ich ihre Anschauung der jetzigen Zustände ganz theile. Die Loose bitte ich mir nur Oktober wieder zu schicken Auslagen haben wir gar keine gehabt. Warum zahlen Sie das ganze Speisepulver gleich?- Ihre Schwester schrieb so eben daß sie krank war aber jetzt wieder gesund; ich kann mir denken wie sehr Sie sich freuen Ihre lieben braven Altern bei sich zu sehen - ich hab sie auch alle so lieb! Bitte grüßen Sie Ihre liebe Frau und Kinderln auf das Beste von uns allen Viktor war wieder ganz elend ist aber jetzt wieder auf Wili geht es besser.

    tausend Grüsse

    von Ihrer ergebenen

    Antonie Sedlaczek

    Ludwig Kofler
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 19. April 1869

    Geehrter Herr!

    Obwohl ich Ihnen persönlich unbekannt bin, erlaube ich mirdoch, mich mit einer Frage und Bitte an Sie zu wenden. In Ihrem so anziehenden Buche „Sonderlinge" erwähnen Sie kurz die in den deutschen Alpen überall übliche Segnung der Alpen und es wurde dadurch aufs Neue die Lust an diesem Gegenstande, der mich längst beschäftigt hatte, angeregt. Als ich im September u. October vorigen Jahres im Bregenzer Wald zubrachte hoffte ich auf das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft um Ihnen allerlei Fragen in diesen Dingen vorzulegen und vor allem einen Mann kennen zu lernen der Land u. Leute seiner Umgebung so scharf beobachtet u. treffend zu schildern weiß. Sie hätten geehrter Herr einem Berufs­genossen in die Hände gearbeitet, denn was Sie als Dichter geben, das suche ich als Maler zu erreichen, seit Jahren sind Land u. Leute des deutschen Gebirges mein Feld. Aber als ich in Schopernau ankam (eines Sonntags) hörte ich, Ihre Frau sei gefährlich krank und bald darauf sah ich Sie mit Ihrem Bruder eilig zum Doctor gehen. Obgleich ich nachher wiederholt in Au war erreichte ich Sie doch nicht, einmal glaube ich, waren Sie verreist, ein anders mal mußte ich schnell umkehren, kurz, es sollte nicht sein, ich war wol 10 Wochen im Wald, meist in Egg u. doch sollte sich mein Wunsch nicht erfüllen und darum muß ich Ihnen nun mitdiesen Zeilen lästig fallen.

    Würden Sie wol die Güte haben, mir in wenigen Zeilen anzugeben, wann durchschnittlich die Segnung der Alpen vorgenommen wird und von welchem, durch eine eindrucksvolle schöne Umgebung ausgezeichneten Orte im Wald, man diese schöne Sitte an Ort u. Stelle beobachten könnte? Ich gedenke danach meine Reise einzu­richten und eigens zu dem Zweck in den Wald zu kommen; denn was ich malen soll muß ich zuvor sehen. Packt es mich, so mache ich gleich Studien u. nehme die Sache in Angriff, andernfalls begnüge ich mich auch vorläufig mit dem Eindruck, derdann sicher nachwirkt, denn was man Jahre lang in sich herumgetragen, das schafft sich ganz von selber eine Form, in der es auch andre anmuthet und erbaut.

    Letzten Winter habe ich Ihr „Arm und Reich" gelesen mit dem Genüsse, ja mit noch größerm wie die Sonderlinge, denn inzwi­schen hatte ich den Wald u. die Wälder auch etwas kennen gelernt. Sie schreiben doch fort in dieser Art? Ich freue mich auf das nächste Werk, vor allem aber Sie, so Gott will, im Frühsommer selbst zu sehen. Im Voraus versichere ich Sie meiner Dankbarkeit u. mit der festen Hoffnung daß Sie meine Bitte erfüllen. So zeichne ich Ihr

    hochachtungsvoll ergebener

    W. Riefstahl

    Hirschstraße No 7.

    N. B. Ich würde in Au wohnen im Rössle, wenn es also dort einen Platz mit schöner Aussicht gäbe wo benediziert wird so wäre das doppelt erwünscht.

    W. R.

    Wilhelm Heinrich Riefenstahl
    Karlsruhe
    Franz Michael Felder
  • 15. April 1869

    Herrn Fr. Michael Felder in Schoppernau

    Die Mitglieder der Vereinssennerei Platz in Bezau haben in der Generalversammlung vom 12 Dzbr 1868 beschlossen: Ihnen ihre Anerkennung u. Dankbarkeit auszusprechen, für die Verdienste die Sie sich um den Bregenzerwald, durch Einführung des Gedankens der Bildung eines Käseproduzenten Vereins er­worben.

    Indem die übereinstimmende Überzeugung dahin ging, daß ohne Ihr unermüdetes Wirken, kein Käsehandlungs-Verein bestehen würde, bin ich beauftragt, Ihnen mitfolgende Uhr als ein Zeichen unserer Dankbarkeit im Namen der Vereinssennerei Platz zu übergeben, welchen Auftrage ich mich hiemit entledige.

    Bartholomä Meusburger Geschäftsführer

    Bartholomä Meusbruger
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 14. April 1869

    Herr F. M. Felder in Schoppernau

    empfangen von der

    M. Rieger'schen Buch-, Kunst-, Musikalitäten- & Papierhandlung

    (Joh. Thom Stettner)

    zur Fortsetzung

    1      Gartenlaube 69 N 13/15

    1       Hempel Bibliothek Lfg 111/113 a 9 fl     —27

    1       Einbanddecke zu Hempel

    N 24        — 14 Zur gut Abgabe 3 Beischlüsse

     

    Matthias Rieger'sche Buch- und Kunsthandlung
    Lindau
    Franz Michael Felder
  • 11. April 1869

    Lieber Freund,

    Ich darf Dich doch nicht länger ohne Nachricht lassen, daß Dein Leben 1. Band diese Woche aus Bludenz richtig bei mir eingegangen ist; Dein Schwager hatte es übrigens bei mir angemeldet, sodaß ich zugleich die Freude hatte, von ihm einmal etwas an mich gerichtet zu sehen, ich werd ihm auch ein paar Zeilen schreiben.

    Lesen kann ich freilich an Deinem neuesten opus nur Abends, weil ich bis über die Ohren in den Vorbereitungen zu meinen Vorlesungen stecke, die nächstens beginnen; auch hab ich nur einige Abende frei. So bin ich erst bis ins fünfte Capitel, ich habe es zum Theil in der Familie, unter Karls Anwesenheit, gelesen. Wir sind aber sehr zufrieden damit, es wirkt auf mich sehr angenehm und spannend zugleich. Es ist ein sehr hübscher, epischer Grundton drin, mit einer dahinter­liegenden zuversichtlichen Heiterkeit, wie ich sie noch in keinem Deiner Werke so gefunden habe. Dabei erzeugt das Heranwachsen dieses eigenartigen Geistes eine angenehme, erwartungsvolle Spannung, daß ichs am liebsten in einem Zuge durchlesen möchte. Im Stil find ich den lange ge­wünschten Fortschritt von den Nachwirkungen des Wieland­schen Stils zu wirksamer Einfachheit, die Dir doch im Spre­chen so zu Gebote steht.

    Hirzeln hab ichs auch schon gesagt, er war freudig überrascht davon, sagte aber sonst nichts weiter von etwaigem Druck, Du kennst ja seine diplomatische Art. Ich habe natürlich auch nichts davon gesagt. Wünschest Dus jetzt gleich gedruckt? Ich fände es schon auch passend.

    Die Geschichte vom Siegfried ist freilich in dieser mehr schön­geistigen Fassung für eine wissenschaftliche Zeitschrift nicht recht passend, oder vielmehr ich fürchte, Zacher oder Bartsch, wenn ichs ihnen einschickte, würden diese Fassung zu belle­tristisch finden. Kannst Du Dich nicht noch mehr einzelner Züge erinnern? oder sie noch erfragen? Dann würd ich Dich bitten, mir die Sache in einfachstem Erzählerton noch einmal aufzusetzen, oder doch jene Züge zu ergänzen. Mitgetheilt für unsere wissenschaftlichen Kreise muß die Sache jedenfalls werden.

    Im Eingang Deiner Geschichte hätte ich übrigens eine kurze Schilderung von der Lage Schoppernaus gewünscht wie vu,, den Verhältnissen Eures Ländchens überhaupt, daß der Leser mit einem deutlichen Gefühl von der Entlegenheit und Ver­stecktheit Deiner Heimat an Dein eigenes Werden herange­kommen wäre. Das wäre wol noch nachzuholen. Denn diese Entlegenheit von den Welthändeln und Weltdingen, wie sie dann in der Erzählung von 1848 zu Tage kommt, ist uns hier zu Lande und eigentlich übeiall sich vorzustellen unmöglich. Auch die Einfachheit Eurer Verhältnisse, wie ich sie zu meiner Überraschung auch nach dem was ich schon wußte, bei Euch fand, hätte ich eingehender gezeichnet und z. B. da, wo von Euren Kinderspielen die Rede ist, genauer von deren Einfach­heit geredet, und daß Ihr z.B. keinen Spielball kennt und keine Bleisoldaten, eigentlich auch keine Bilderbücher. Das alles zieht die Leser außerordentlich an, und es hat zugleich Sitten- und culturgeschichtlichen Werth, und aufs Culturge­schichtliche ist gegenwärtig der Sinn gerichtet und wirds im mer mehr. Das alles wäre auch durchaus nicht ohne Bezug auf Dich; denn diese ganz außerordentliche Einfachheit Eures Lebens macht es begreiflicher, wie Dein arbeitsbedürftiger Geist mit den Gegenständen Deiner Heimat bald fertig sein mußte und nun früher als sonst geschehen wäre in die Tiefe und Weite strebte. Auch daß Eure Mundart gar nicht vor­kommt und so wenig von Euren treffenden Redensarten, thut mir leid, das hälfe mit den Hintergrund Deines Denkens zeichnen. Vielleicht ließe sich dergleichen kurzweg in einem Vorwort nachholen, in dem auch die ernste Veranlassung anzugeben wäre, die Dich so früh zur Schilderung Deines Lebens bewogen hat. Und da würde ich auch mit vorbringen, daß Dir über die Einfachheit und Eigenheit Eures Weltdaseins eigentlich erst in der Welt draußen so zu sagen die Augen aufgegangen sind.

    Doch genug der Ratschläge. Die vorgeschlagenen Titel ge­fallen mir eigentlich alle beide, ich wüßte nicht entschieden zu wählen. Doch das wird sich finden, in solchen Dingen hat Hirzel einen guten Blick. -

    Also eine namhafte Summe steht Dir von Wien in Aussicht? Nun Gott gebe es, ich würde jubeln, wenns erst richtig wäre. Wegen der Phisharmonika hab ich mich nun an Thieme ge­wendet, der hat glücklich einen Musikalienhändler zum Freunde, und so hoffe ich in meinem nächsten Briefe die gewünschte Auskunft geben zu können. Sie muß doch aber auch im Pierer zu finden sein, den Du von Flügeln hast, hast Du da schon nachgesehen?

    Ich schicke Dir einen Brief aus Danzig mit, aus dem fernsten Nordosten, der auch von Dir beiläufig handelt. Dr Menge ist Professor an der dortigen Realschule, treuer Anhänger und Stofflieferer für Grimms Wörterbuch und eine der rein­sten Seelen die ich kenne, mit kindlich tiefer Wärme für alles Schöne und Gute.

    Nun leb wol für dießmal, grüß mir Deine gute Mutter und die Mariann und alle die sich meiner erinnern, ich grüße Dich

    Dein Rud. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 10. April 1869

    Geehrter Hr Felder!

    Von Ihrem Unwohlsein in Kenntniß gesetzt, u. den herzlichsten Antheil nehmend, erlauben wir uns, da wir Ihnen keine persönli­chen Dienste thun können, beigelegte 5 fl als ein Zeichen der Achtung zu senden, u. bitten es nicht zu verschmähen. Wie würden wir uns freuen wenn wir bald wieder ein gemüthliches Stündchen mit einander verblaudern könnten. Vertrauen Sie auf den Ib. Gott, dem wir Ihre teure Gesundheit in unserm täglichen Gebete anempfehlen. Herzlich grüßt Sie die Ib. Mutter u. Schwester u. mit Achtung

    M. Anna Feuerstein.

    Maria Anna Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 10. April 1869

    Verehrter u. geliebter Herr u. Freund!

    Die Zeit enteilt mir immer viel zu schnell u ich habe es leider noch nie dazu gebracht, stets säubern Tisch zu machen; derselbe ist vielmehr um dessentwillen, was jeder Tag mit sich bringt, von alten Restanzen immer in bedenklichem Maße belegt. Im verflossenen Herbst u. Winter war es die große, schwere Angelegenheit der Überschwemmten, welche mich als Vice-Präsidenten des eidge­nössischen Central-Hülfskomite sehr stark in Anspruch nahm u. jede vom Berufe frei gelassene Zeit unerbittlich für sich forderte. Zum Allgemeinen kommt immer noch das Private u. Individuelle hinzu: meine l. Frau erkrankte vor 6 Wochen schwer u. ich brachte Tage u. Nächte an ihrem Lager. -Jetzt sind 3 1/2 Millionen Franken Hülfsgelder-den Grundsätzen nach-vertheilt u. die liebe Frau ist wieder gesund u. die Ostern ist vorüber u. Ihr I. Brief vom 20 April fordert sehr freundlich,-in meinen Ohren u. in meinem Gewissen: sehr kategorisch - Antwort; hier ist sie endlich. Entschuldigen Sie meine Saumseligkeit!

    „Reich u. Arm" - Ihr geschätzter Hrr. Verleger sandte mir's sogleich beim Erscheinen. Ich verschlang es schnell, das erste Mal vielleicht zu schnell. Ihnen u. ihm (Verfasser u. Verleger) gegenüber fühlte ich die Verpflichtung, das Buch unserm Publikum zu empfehlen. Lieber Felder! Diese Verpflichtung lag mir etwas schwer auf dem Herzen - Licht= u. Schattenseiten liegen da bei= u. ineinander. Feinste psychologische Entwicklung - aber für das große Publikum zu fein, zu nergelnd, zu düftelnd. Es geht zu wenig ab Fleck, zu wenig vorwärts. Es ist zu viel Secierung mit schärfstem psychologi­schem Instrumente, zu viel Wäldler=Grübelei, zu große Tiefe; u. für das allgemeine, große Publikum zu wenig Fortschritt. That, Fleisch u. Blut, zuwenig — Oberflächlichkeit. Auf diesen Pfaden gehend werden Sie den schönen Preis: das Verständniß u. die Anerkennung eines kleinen, aristokratisch = auserwählten Kreises gewinnen; aber nicht, was Sie doch wollen, auf die Massen wirken. Verzeihen Sie mir diese, aller Complimente baare, nackte Freimü­thigkeit; sie ist ganz intim. Dem lieben Publikus gegenüber redet man insofern anders, als man ihm die Lichtseiten hervorhebt u. das Zuviel des Lichtes, was als Zuviel dann Schatten wird, nur leise andeutet. Ein Recensent, der mit seinem Namen, u. daher mit seiner Person für ein Buch einsteht, hat eine schwere Aufgabe u. eine nicht leichte Verantwortlichkeit. Es sind auf diesen meinen Namen hin in Zürich vielleicht ca 20 Exemplare gekauft worden ­als Gabe auf den Weihnachtstisch. Von Mehrern habe ich nachher gehört: es sei ein für Erholungsstunden etwas zu schwere, zu strenge Arbeit, das Buch zu lesen. Nur die Gebildetesten haltenden vollen u. reinen Genuß. Sonderbar! Das Bäuerlein aus dem Walde setzt der fashionablen Welt eine Weise vor, welche zu fein präpariert ist, um von der Mehrzahl ganz goutiert zu werden. Und doch versteh' ich das Räthsel: es kommt her von des Bäuerleins nergelnder Sinnigkeit, tiefer Innigkeit, vorherrschender Concentra­tion auf das Innerste. Aber, aber-Sie müssen auch auf die Welt da draußen Rücksicht nehmen, auf die Welt, welcher das Lesen eines Romans Erholung, Ausruhen von der Arbeit ist; u. nicht wieder selbst eine Arbeit. Indem ich jetzt wieder meine Recension über­lese, die mich um der mir auferlegten diplomatischen (nämlich zwischen Lob u. Tadel zart vermittelnden) Haltung willen v;e/ Kopfzerbrechens kostete; finde ich, sie sei so ziemlich ordentlich gerathen. Dabei muß ich mich freilich noch spät bei Ihnen entschuldigen, daß ich mich am Schluße derselben bis an die äußerste Grenze der Diskretion u. fast gar ins Gebiet des Indiskreten gewagt habe, - durch Publikation der das Scheiden Ihrer I. Frau betreffenden Stellen aus Ihrem werthen Briefe. Aber ich dachte einerseits: der Schriftsteller u. mit ihm auch seine „bessere Hälfte" gehört viel mehr dem Volke, dem Publikum, als ein anderer Mensch u. andererseits lag mir daran, bei der Anzeige Ihres dritten Werkes schon einiges Interesse, einige Spannung zu erwecken für Ihrviertes, worauf ja der Schluß meiner Recension sichtlich abzielt. Und dieß vierte Werk hätten wir nun also Ihrem letzten werthen Briefe gemäß hoffentlich bald zu erwarten. Sie sind sehr fleißig gewesen den Winter über: ich begreife es, daß Sie die Wehmuth u. den Schmerz des Verlassenseins gern in der süßesten Arbeit lebendiger Erinnerung u. Rekonstruktion Ihres Werdens erstickten. Daß Sie da einen ersten Band abschließen, wo Sie es thun, u. es der Zukunft überlassen, wann ein zweiter Band komme, finde ich ganz passend. Sehr wunder nimmt mich, ob Sie mit Sal. Hirzel wegen Verlags auch dieses Werkes schon eingetreten u. im Reinen seien. Ohne Zweifel kommt es ihm etwas zu rasch nach Reich u. Arm; u. ist wohl Letzteres noch nicht ganz von ihm abgesetzt u. verdaut. Dennoch hoffe ich, er werde Ihnen u. Sie ihm womöglich treu­bleiben.

    Ich habe auch vielen Grund zu vermuthen, daß das letzte von den bisherigen Ihr allerbestes Opus sein werde. Der Nümmamüller in der Naivität seines Werdens ist doch gewissermaßen das Frische­ste, was Sie geschrieben. Die Sonderlinge führen uns in die Kämpfe des Autors hinein u. fesseln uns hauptsächlich durch das persönliehe Interesse am Autor selbst, sie sind subjektiv. In Arm u. reich abstrahiert der nun völlig herausgeborne Autor von sich selbst u. ist völlig objektiv; aber fast zu objektiv sich versenkend in das geheimste u. innerste Werden seiner Gestalten. In der Autobiogra­phie erwarte ich beide Elemente in harmonischer u. schöner Durchdringung: das subjektiv=pathetische, weil's der Autor ist, um den es sich handelt; u. das objektiv=ruhige, weil's der nun in sich fest u. stark gewordene, seinen Stoff klar beherrschende Bildner seiner eigenen Gestalt ist, der uns dieselbe vorführt. - Ich denke, Sie bedürfen meiner Hülfe hinsichtlich des Verlags in keiner Weise. Freund Hildebrand hat hier die stärkere Hand als ich. Sollte ich aber Ihnen irgendwie auch noch behülflich sein müssen, so kennen Sie zum Voraus meine Bereitwilligkeit. ­Sehr angenehm hat mich die Schilderung Ihres Bezauers=Ausru­hen u. Bezauer=Arbeitens berührt. Die Stiftung des Lesevereins als eines Anti=Casino ist gewiß ein sehr verdienstliches u. sehr notwendiges Werk.

    Hingegen tief ergriffen haben mich einige zwar von Ihnen wie mit Gewalt unterdrückte u. doch hervorbrechende Seufzer hinsichtlich der Kargheit oder Knappheit der Mittel für die äußere Existenz. Es ist durch Erwägung dieser Seufzer mir mit größerer Klarheit ein Gedanke wiedergekommen, der schon im vorigen Jahre sich mir aufdrängen wollte: Sie sollten irgend eine, wenn auch noch so bescheidene, doch feste Existenz haben; u. Ihre Landsleute u. Freunde sollten Opfer nicht scheuen, Ihnen eine solche zu schaf­fen, z. B. auf dem Gebiete der Schule. Es sollte im Walde, z. B. in Bezau irgend ein Institut oder eine Schule für etwas höher gehen­den Volksunterricht, nach Art unserer Sekundärschulen errichtet u. Sie zum Rektor oder Dirigenten mit dem Unterrichte in deutscher Sprache, Aufsatzlehre, Geschichte etc. berufen werden. Oder wenn das nicht möglich ist, sollten Ihnen die Freunde im Lande irgendwie sonst eine, ob auch bescheiden, doch fix honorierte Stellung verschaffen, z. B. durch Errichtung einer Ersparniß= u. Vorschußkasse u. Erwählung Ihrer Person zum honorierten Verwal­ter derselben. Ein Literaten=Leben in Wien oder sonstwo in der Welt draußen ist ein sehr prekäres, namentlich im Hinblick auf Ihre Kinder u. deren Erziehung geradezu abzurathendes Unternehmen. Das Literaten leben in der Heimath, im Walde ist besser, als jenes es wäre; aber weder zur äußern noch zur innern Existenz ganz genügend. Eine Verbindung von Beiden in der Heimath: die Verbindung einer nicht allzubeschwerten praktischen Stellung mit Ausfüllung der Mußezeit durch literarische Produktionen wäre weitaus das Zuträglichste sowohl in äußerer als auch innerer, geistiger Beziehung. Führen Sie das, als den Rath eines auswärti­gen, aber um nichts weniger intimen Freundes Ihren heimischen Freunden im Stillen zu Gemüthe. - Der Uhrenmacher hat im Herbste mit seinem Besuche uns sehr erfreut, aber auch dadurch für Sie hin erschreckt, daß er uns seinen Plan, nach Alberschwende hinauszuziehn, mittheilte. Für sich hat er gewiß wohlgethan; aber Sie haben einen ebenbürtigen Freund, oder wenigstens den Umgang mit ihm verloren. Wir begreifen u. theilen Ihr Gefühl des Isolirtseins. - Mögen Ihnen diese flüchtigen Zeilen den Beweis leisten, daß trotz scheinbarer Saumseligkeit u. Nachläßigkeit wir doch mit innigster Theilnahme Ihrer gedenken. Grüßen Sie uns Ihre Mutter u. Ihr Kinderschäärchen. Lassen Sie mich nicht so lange auf Antwort warten, wie ich Sie warten ließ. Ihrem fortdauernden, mir so hochschätzbaren Wohlwollen empfiehlt sich angelegentlichst Ihr

    H Hirzel, Diakon; nebst Gattinn u. Schwägerinn.

    An Salomon Hirzel schickte ich die Recension von Reich u. Arm sogleich nach ihrem Erscheinen.

    Heinrich Hirzel
    Zürich
    Franz Michael Felder
  • 10. April 1869

    Verehrter Freund!

    Der Josef lächelte daß ich mir nicht wollte von ihm das Vergnügen rauben lassen, beiliegendes mir übergebenes Geld 40 fl selbst an Sie zu senden. Es sind Beweise aufrichtiger Theilnahme von meiner Mamma u. den Familien Bayer/:Byr:/ Froschauer, Begg u. Kaiser von Bregenz. Ich werde schon vorläufig bei meiner Mutter u. meiner Freundin der Frau Rittmeister Bayer, durch deren Verwendung bei ihren Eltern, Verwandten u. Bekannten ich dieses Geld erhielt, Ihren Dank abstatten. Wir sind immer im Geiste an Ihrem Krankenbett, u. fühlen nun auch das Unerträgliche der Langsamkeit Ihrer Post. Wie sehr würden wir uns freuen Sie bald wieder bei uns zu haben! Alles Schöne von Josef an Herrn Adjunkt Moosbrugger, u. herzliche

    Grüße von ihm u. mir an Sie u. Ihre gute Mutter.

    Mit dem herzlichen Wunsche recht baldiger Genesung

    Ihre aufrichtige Freundin Margaretha Feuerstein.

    Margareta Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 6. April 1869

    Lieber Freund!

    Mein Befinden hat sich seit deinem erfreulichen Besuche doch bedeutend gebessert. Der Sonntag war noch schlecht, die Nacht noch schlechter. Gestern begann mir das Athmen leichter zu werden; ich mußte auch nicht mehr so unmenschlich hoch unterm Kopfe haben - immer drei bis fünf Kissen übereinander - wie vorher. Jetzt hat sich auch der Husten so ziemlich gelöst u. das mir so widerwärtige sang u. klanglose Geräusch beginnt zu ver­stummen.

    So standen die Sachen, als dein Brief ankam. Nach deßen Lesung wollte ich noch auf den Besuch Dünsers warten um dir dann auch seine Meinung mittheilen zu können.

    Dünser ist eben fort. Er versicherte, daß er mit Vergnügen einen ändern Arzt beiziehen würde, wenn er das nur noch so nothwendig als die letzte Woche fände. Es sei aber die Krankheit ganz sicher überstanden - soviel kenne er, - u. wenn sich nichts Unberechen­bares einstelle, so sei ich, wenn auch langsam, auf Besserung. Sobald etwas fehle, ein Zustand sich nicht in gewünschter Weise hebeu.d.gl., werde er Herrn Dr. Greber sofort einladen. Jetzt wäre das wahrlich überflüssig. Ich ließ mich um so eher von dem anfangs gefaßten Entschluß abbringen, weil Dünsern ein Wohlbehagen in mir, wie ich's lang nicht mehr empfand, dagegen reden half. Ich möchte dieses Gefühl fast Dankbarkeit nennen gegen den, der mir jedenfalls aus dem Ärgsten herausgeholfen zu haben scheint. Übermorgen durch die Post wirst du Weiteres erfahren. Sollte es irgendwie schlimm gehen, so wird Dünser gleich an Greber schreiben. Ich würde ihn allenfals dazu zwingen. Grüße mir alle Bekannten besonders deine Frau, u. vergesset nicht eueren wieder ein wenig hoffnungsstärkeren, sonst aber unendlich schwachen, dürren

    Freund F. Michael Felder.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 6. April 1869

    Lieber Freund!

    Juhei! freigesprochen! so möchte ich dir heute, nach dem ich deinen Brief gelesen auch jubelnd zurufen, denn ich habe offen gesagt doch große Besorgniß für dich gehabt, obwohl ich eigentlich persönlich deinen Zustand nichtfür gefährlich ansah so machte mir doch das Reden der Leute bange. Dein Brief ist eben noch rechtzeitig angekommen, sonst hätte ich an  Schwager Moosbrugger  nach   Bludenz  einen  etwas scharf gefärbten Brief geschrieben, so, daß er jedenfalls wahrscheinlich schnell heruntergekommen wäre. Ich bin mit deinem Entschluß vollkommen einverstanden, u. hoffe daß deine Besserung recht schnell vor sich gehe, u. du mich wieder recht bald besuchen werdest. Inzwischen freut es mich wenn du mirfleißigeinige Worte dicktirst. Ich sehe durch dieselben dein ganzes Befinden deutlich vor mir oder ich fühle es; ich glaube ich könnte dir zimmlich genau sagen wievielmal der Puls pr Minute während des Diktirens geschlagen. Die Fliegenden Blätter kann ich dir erst bis in ein par Tagen schicken, da sie noch beim Doktor in Egg sind. Vor der Hand sende ich dir hier die Leuchtkugeln. Du wirst dich nicht ärgern über den hie u. da etwas bedenklichen Inhalt, u. das Mägdle soll dieselben halt beileibe nicht lesen. Also gute Besserung u. viele Grüße von der Margreth, Karl und Deinem Freund Josef Feuerstein Felder von Alberschwende war heute hier und erzählte die inperti­nenten Witze u. Grobheiten, die er bei dir gemacht er meinte aber du habest alles als pure Freundschaft sehr wohlgefällig aufgenom­men, als ihr kennt euch noch nicht! er ist übrigens dir doch ungemein anhänglich und wollte morgen zum Dr. Waibel um ihm dein  Befinden  mitzutheilen,  ich werde ihm aber heute noch schreiben.

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 5. April 1869

    Lieber Freund!

    Auf meiner Rückreise gestern Nacht dachte [ich] über die von dir gemachte Aeußerung: daß du zu Dr. Greber schon Zutrauen hättest, daß du aber noch einige Tage zuwarten wollest nach, u. es schien mir dieser Entschluß doch einigermassen unzweckmäßig. Dr. Greber würde es jedenfalls freuen, wenn du ihm das Zutrauen schenkst, u. du sagtest früher immer selbst, wenn man jemandem Gelegenheit geben könne uns eine Gefälligkeit zu erweisen, so solle man es thun, dadurch mache man sich die Leute verbindlich. Nun aber warum noch ein paar Tage zögern, das Fieber ist jedenfalls stark, könnte vielleicht hiziger Natur, kurz anderen Charackters sein als Chirurg Dünser meint kurz Zwei verstehen mehr als Einer, u. einen Freundesdienst soll man nicht zurück­weisen.

    Entschließe dich also kurz dem Dr. Dünser mitzutheilen daß du den Dr. Greber beigezogen wünschest, derselbe wird gleich kommen, u. ich werde ihm schon sagen daß er mit Dr. Dünser freundschaft­lich u. entgegenkommend verhandle u. berathe. Schreibe oder Dicktire mir sogleich wieder einige Worte, schicke mir den Brief aber durch einen extra Bothen nicht durch die lumpige Post.

    Ich habe Eile der Both will gehen, viele Grüße von der Margreth u. mir.

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 2. April 1869

    Lieber Freund!

    Mein Gesundheitszustand hat sich bisher nicht gebeßert, er gleicht wohl schon einem Krankheitszustand, wie du schon daraus siehst, daß ich eine fremde Hand an dich schreiben lassen muß. Ich liege im engen dumpfen Gado, hustend, frierend, schwitzend, raisonirend u. dann wieder schwach zum Versinken. Es soll mir an der Lunge fehlen, u. das Dökterle will mich in kurzer Zeit wieder herstellen. Das ist gut, denn das Kranksein behagt Keinem, am wenigsten aber dem, dem schon gesund so viel fehlt und dem Unthätigkeit Verzweiflung wird.

    Ich habe übrigens ziemlich guten Appetit, kann ungeduldig sein u. glaube daher durchaus nicht, daß ich jetzt hier in diesem Loche den Geist aufgeben werde. Habt also keine Sorgen um mich. Dein Bericht über die Versammlung vom letzten Montag war mir sehr interessant. Ob ich bei der nächsten Versammlung sein werde, ist mehr als zweifelhaft. Da müßt ihr euch schon anderweitig decken u. abwarten ob mir überhaupt das Glück eurer Gesellschaft so bald wieder gegönnt ist. Die erwähnte Sennerei f. d. Verein ist nun gesichert.

    So - und jetzt habe ich recht genug dictirt. Es steckt nichts mehr in meinem wirbeligen Kopf, als ein Gruß an Deine Frau, u. das Gefühl, daß ich in Hunger u. Kummer, in Noth und Tod verbleibe

    Dein treuer Freund Franz Michael Felder

     

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 1. April 1869

    Lieber Franzmichel!

    Mit großen bedauern höre ich, daß Du unwohl Seiest. Habe nichts zu erleichterung Deiner leiden, als einwenig Gerstenschleim, zur Erleichterung deß Husten, wünsche ganz guten erfolg, eine baldige genesung, recht strake Auferstehung wünscht Dir Deine gut gemeinte Freundin

    Maria Anna Simma.

    Diese Hosen gehören dem Jakob.

    Maria Anna Simma
    Au
    Franz Michael Felder
  • 1. April 1869

    Lieber Freund!

    Mein letzter Brief war überhaupt mein letzter, seitdem liege ich im Gado lungenkrank darnieder.

    Herr Dr. Dünser machte mir den Antrag, Herrn Dr. Greber in Bezau beizuziehen, wenn ich nicht immer Besserung spürte trotz zunehmender Schwäche, so würde ich von demselben Gebrauch gemacht haben.

    Mache Dir also keine Sorgen und hoffe das Beste. Wenn Du Dr. Hildebrand die Biographie schickst, so melde ihm mein Unwohlsein, von dem er natürlich nichts weiß. Grüße an die Deinigen. Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 1. April 1869

    Lieber Freund!

    Ich habe dich vergeblich am Sonntag erwartet u. mußte aus deinem Ausbleiben schließen daß dein Unwohlsein noch nicht gehoben sei, ich hoffe jedoch, daß sich seitdem die Sache gebessert. Die Versammlung am Montag war gegenüber der im Lamm etwas mat indem Pr. Elsensohn den prahlerischen Ankündigungen die er gemacht durchaus nicht entsprach; er ist kein Redner u. wird auch nie einer werden. Über den Inhalt der Rede selbst kannst du näheres erfahren von Kurat Herzog in Rehmen, derzufälliger Weise im Garns logirte.

    Dr. Greber kam zu spät, konnte weil er keine Vorbereitungen über vorzunehmende Experimente gemacht, seinen in letzter Versamm­lung begonnenen Vortrag nicht fortsetzender hatte nämlich vor über die Schallbewegung einen Vortrag zu halten:/ sondern trug die Lehre vom Globus vor. Bei der nächsten Versammlung mußt du uns wieder herausreißen das heißt eine tüchtige Rede halten, ich kündige es dir jetzt schon an. Damit du dich darnach zu halten weißt.

    Es ist sehr daran gelegen, daß der Eindruck der Ersten Versammlun­gen ein guter sei, deßwegen müssen wir uns besonders in erster Zeit zusammen nehmen.

    Es wäre ganz erwünscht wenn du Moosbrugger oder einen ändern tüchtigen Redner bestimmen könntest, bei Gelegenheit einen Vortrag zu halten.

    Approbos Peter Greber hat mir gesagt, daß ihr in Schalzbach eine Vereinssennerei zu errichten bemüht seid, die aber etwas klein werde.

    Daran ist das erste Jahr nichts gelegen, den Preis den die ändern bezahlt bekommen bringet ihr doch leicht heraus und es kann gar nicht fehlen der Milchkäufler muß mit der Zeit gegen die Vereins­sennerei unterliegen; deßwegen rüstig ans Werk.

    Ich habe nicht mehr Zeit weiter zu schreiben, lebe wohl es grüßt dich

    dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 30. März 1869

    Dem Vororte des Verwaltungsrathes der deutschen Schiller=Stif­tung!

    Indem ich den unterfertigten Quittungsbogen übersende, erlaube ich mir ein warmes tiefgefühltes Wort des Dankes beizufügen. Seit längerer Zeit auch körperl ich leidend, hatte ich es noch gestern fast für unmöglich gehalten, einige Zeilen zu schreiben. Heut aber kann ich es, denn Freude ist die beste Medicin, und ich muß schreiben um auszusprechen, daß der Beschluß des Verwaltungs­rathes mich mit neuem Muth erfüllt und mit der Hoffnung, daß es meinem Fleiß und guten Willen nun, da ich doch einmal auf­athmen kann, gelingen werde, sich das fernere gütige Wohlwollen des Vorstandes auch ferner zu erhalten

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 27. März 1869

    Lieber Freund!

    Ich kann heute nicht so viel schreiben als ich wünschte, denn mich plagt wieder, was noch jedes Jahr um diese Zeit sich einzustellen pflegte. Ich bin unwohl, hoffe aber, daß es nicht bös werde.

    Daß es Dir kaum interessant sein werde, einen Menschen durch Gedanken und Empfindungen, ohne bestimmtes Ziel erziehen zu sehen, habe ich erwartet. Ich hoffte aber, daß Du mit den Volks- und Landschaftsschilderungen recht zufrieden sein werdest.  Daß  Ihr mit der Familienidee andere Kerle geworden seid, mir in manchem überlegen, habe ich schon in der Biographie betont, und könnte man da mit mir zu­frieden sein.

    Gegen die Anschauung, ob die Salzbacherstegkatastrophe durch die Vorsehung eigens herbeigeführt sei, hab ich mich mehrfach verwahrt und wäre schlecht zufrieden mit Schreiber und Korrekturleserin, wenn sich's nicht finden sollte. Tragisch war die Geschichte erst durch die Haltung der Bauern, welche allerlei Ideen bei meinem Anblick, aber keinen Gedanken hatten. Einige z. B. hielten mich für einen Tannberger usw. Ich habe die Geschichte, wie noch manches, so schonend als möglich gegeben.

    Doch ich fühle mich durchaus nicht zum Schreiben fähig. Der Kopf ist nicht so klar, als er bei einem gedankenblassen Menschen sein sollte, und meine Hand zittert. Wenn ich wieder gesund werde, komme ich hinauf, aber nicht, um eine Verteidigungsrede zu halten. Ich hoffe nämlich, Du werdest mir zugeben müssen, daß alle Ideen aus dem Gedanken, Wort (Logos) oder aus Eindrücken entstanden sind. Gestehst Du das zu, so sind wir eins, sonst streiten wir, daß es klepft. Dein Urteil über meine Arbeit war übrigens viel günstiger, als ich erwartete, und es hat mich recht gefreut. Ich wußte, Du hieltest den Stoff für zu unbedeutend, ich aber bedurfte dieser Selbstschau.

    Nannis Lieblingsausdruck war: „Ich hab schwer dran köpfen müssen und hab lang mit aller Mühe kein Gedänkelein funden." Nun weiß ich nicht, wie da die vorgeschlagene Veränderung paßt, besser klingen würde sie. Mach also, was Du willst. Allmacht der Idee ist jedenfalls besser. Ich weiß nicht, wie bald wir über das Werk reden können. Hilde­brand erwartet es mit größter Ungeduld. Sei also so gut, ihm das Manuskript zu schicken. Professor Dr. Hildebrand, Leipzig, Windmühlenstraße 29. Nun aber bin ich müde, da muß es anders werden, bevor Ihr mich auf den Hals bekämt. Mit herzlichem Gruß und in Erwartung gelegentlicher Antwort Dein Freund         F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 26. März 1869

    Lieber Felder!

    Karl ist glücklich von Schoppernau angekommen u. sein Geldbrief hinten nach. Durch denselben habe ich leider dein Unwohlsein erfahren. Heute ging Karl zu Dr. Greber und erstattete ihm Bericht über dein Befinden. Er findet die Sache sehr ungefährlich, meint es sei nur ein Magencatarr gab ihm die Pulfer die hier mitfolgen, u. läßt dich grüßen, du sollest nur herauskommen, dich aber recht warm anziehen u. besonders den Hals gut schützen, dann schade es dir nichts - „gar nichts".

    Nach meiner Ansicht mußt du deinen Zustand selbst beurtheilen u. dich hiernach richten, freuen würde es uns schon wenn du kämest. Hr. Elsensohn hat zu seinem Vortrage das Thema der Geschichte des Bregenzerwaldes gewählt.

    Wie ich erfahren haben die Kapuziner bei Weißgärbers Bücherun­tersuchung gehalten, u. haben gefunden, daß das Lesen von guten Büchern Legenden etc. viel besser wäre, sind aber abgewiesen worden.

    Wie ich Gelegenheit habe zu bemerken, werden die Agitationen gegen den Leseverein beginnen.

    Wir lesen jetzt dein Schwarzokaspale u. ich habe dich u. deine Selbstbiografie durch dasselbe wieder näher kennen gelernt. Dein Erstlingswerk gefällt mir übrigens ganz gut, und wird namentlich bei jenen, die das Leben des Bregenzerwälders gerne auch im Bilde wiedersehen mit Freude gelesen werden. Mit vielen Grüßen

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 25. März 1869

    Sehr geehrter Herr!

    Es gereicht uns zur aufrichtigen Freude, Ihnen mittheilen zu können, daß der Verwaltungsrath der deutschen Schillerstiftung den Beschluß gefaßt hat, Ihnen einen einmaligen Unterstützungs­beitrag von 150 Thalern zuzuerkennen.

    Sie können versichert sein, daß der Vorstand der Schillerstiftung der ferneren Entwicklung Ihres achtbaren Talentes, Ihres wackeren und tüchtigen Strebens mit wärmsten Antheile folgen und nie erman­geln wird, Ihre erfolggekrönten Bemühungen nach dem Maßstabe thatsächlicher Möglichkeit zu unterstützen. Wollen Sie gefälligst beiliegendes Quittungs-Formulare unterfertigt zurücksenden, worauf Ihnen der obgenannte Betrag sofort zur Verfügung steht. Mit vorzüglicher Hochachtung

    der Vorort

    der deutschen Schillerstiftung: E Fr Münchhausen

    Vorort der Deutschen Schillerstifung
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 24. März 1869

    Verehrter Herr Felder!

    Beantwortend Ihr geehrtes Schreiben vom 16. [ert.] erlauben wir uns, Ihnen hierdurch ergebenst anzuzeigen, daß wir Ihnen die Deutsche Volksbibliothek Dritte Reihe 118 Lieferungen statt ä 12 p - ä 9 p in einem ganz neuen Exemplar liefern wollen. Wir machen diese billige Offerte ausnahmsweise nur Ihnen, da gerade die Dritte Reihe jetzt die werthvollste ist. Dieselbe enthält u. A. Herder's Werke z. schön. Liter., Humboldt's Reise i. d. Aeq.­Geg., Auerbach's Dorfgeschichten, Barfüßele, Schatzkästlein & Neues Leben, Riehl' Land & Leute, Gesellschaft, Familie, Cultur­studien & Culturhistor. Novellen, Tegner's Frithjofssage, J. v. Mül­ler's 24 Bücher allgem. Geschichten etc. - welche Werke beinahe sämmtlich in dieser billigen Ausgabe vergriffen sind. Für Ihre gütige Empfehlung beim Leseverein in Bezau und Bestel­lung für denselben danken wir Ihnen freundlichst. Wir haben sofort Gotthelf's Schriften verschrieben und werden dieselben baldigst mit möglichstem Rabatt an den Leseverein senden. Uebrigens gewähren wir dem Leseverein gerne wie ändern von uns versorgten Bibliotheken, Rabatt, der sich nach der Grosse der Abnahme richtet. Indem wir uns Ihnen bestens empfehlen, zeichnen wir

    Hochachtungsvoll MRieger'sche Buchhdlg

    Matthias Rieger'sche Buch- und Kunsthandlung
    Lindau
    Franz Michael Felder
  • 21. März 1869

    Lieber Freund!

    Den Brief vom 3. und die Sendung vom 14. d. Ms. habe ich erhalten. Habe auch alles aufmerksam durchgelesen. Bei Lesung der letzten Kapitel der Biographie kam ich aus der ruhigen Beschauung des schönen künstlerischen Gebildes und konnte heftiger Rührung nicht mehr Meister werden. Nach­dem ich derselben einen reichlichen Tribut gespendet, über den wohl niemand erstaunter war als mein Bart, der die Zeit einer Sündflut gekommen wähnen mußte, will ich nun bei wiedererobertem Objektivismus die Gedanken niederschrei­ben, die sich sofort einstellten. -

    Die Erzählung bildet ein einheitliches, volles Ganzes und wäre um jede Zeile schade, die man streichen wollte. Eines fließt aus dem ändern, und ist das Frühere die Bedingung des Spä­tem. Die Sprache ist in merkwürdig hohem Grade seelisch und reißt den hingebenden Leser mit Gewalt in all die Leiden und Freuden des Sprechenden. Diese Meisterschaft der Sprache und des Satzbaues ist in Deinen frühern Werken noch nicht vorhanden. Der Ton, der das Ganze durchzieht, ist ein elegischer. Trotz der milden und versöhnlichen Stim­mung wird doch den meisten Lesern diese gewaltig sich hin­ziehende Seelenmarter peinlich sein. Es ist dies die Marter des „Gedankens", der sich selbst genügen will. Für denkende Erzieher sind wahre Schätze in dem Werk. Merkwürdig sind die Notizen aus dem Tagebuch vom Jahre 1859 und geben viel zu denken. Die Krisis, die die Versöhnung herbeiführt, ist furchtbar, und macht es ihre Eigenart, daß sie nämlich eine rein elementare ist, begreiflich, daß die Versöhnung eigent­lich nur in der Welt des Gedankens und des Gemütes vor sich geht. Hier ist der Punkt, wo unsere Anschauungen über Natur, Seele und Geist oder, um konzentrierter zu reden, über „Gedanken" und „Idee" auseinandergehen. Daß Du in Deiner Jugend auf Deine Gedanken- und Gefühlswelt gedrängt wurdest, lag in den Umständen, und hast Dich tapfer, ja heldenmäßig gehalten. In unserer Familie regierte nie das „Gedankenmäßige", sondern vorherrschend die Idee. Ideen sind in der Welt, die weder von unserm Denk- noch von unserm Gefühls- noch überhaupt von unserm Daseins­apparat erzeugt werden, sondern einfach da sind und uns unmittelbar packen. Solche Ideen sind die Idee des Schönen, des Guten, des Wahren, der Tugend, der Freiheit, die spe­zifisch christlichen Ideen und in unserem Fall die Idee der christlich-germanischen Familie. Bei uns werden die meisten Menschen vorherrschend durch Ideen geleitet, bei den sog. Liberalen vorherrschend durch Gedanken, das Richtige wäre die vernünftige Durchdringung beider. Bei den Weisen sind die Gedanken ideenvoll und die Ideen gedankenvoll. Unser Vater war ein frommer, kräftiger Germane, die Mutter von demselben Stoff, und beiden erwuchs die entsprechende Nachkommenschaft. Über alle kam die Macht des christlich­germanischen Wesens, die alle beherrschte und als Familien­geist - Familienidee - verband. Diese Macht lag in keinem väterlichen oder mütterlichen Gedanken und war nicht das Erzeugnis der verschiedenen menschlichen Organismen, die die Familie ausmachten, und doch war sie da und die Bild­nerin und Leiterin des Ganzen. Ich hieß und heiße sie „Idee", und ich und alle ändern Familienglieder können bei all unsern Gedanken- und Gemütsoperationen von dieser Idee nicht absehen, die einmal mit uns verwachsen ist. Wie es uns mit dieser Idee geht, geht es uns und der übrigen Menschheit mit den ändern oben beispielsweise angeführten Ideen. Sie sind einmal unsere Regentinnen, wenn wir von der Vernunft und von unsern Kräften und Fähigkeiten den richtigen Gebrauch machen. - Dies ist beiläufig mein Stand­punkt, und Du wirst finden, daß er von Deinem differiert. Ich möchte aber durchaus nicht beantragen, daß Du an Deiner Arbeit etwas ändern solltest, lediglich zwei Worte möchte ich geändert wissen. Wo Du sagst, die Nanni sei durch saure „Gedanken"arbeit eins mit sich und der Welt geworden, möchte ich sagen, durch saure „Seelen"arbeit, und am Schlüs­se des 19. Kapitels möchte ich statt: Allmacht „des Gedan­kens" setzen Allmacht „der Ideen". - Wenn mir irgend ein Verdienst gebühren sollte, ist es lediglich das, daß ich der Fa­milienidee treu blieb, - ein Umstand, der mich vor morali­schem und physischem Bankrott rettete. - Von hier aus ergibt sich auch meine Antwort auf das, was Du im Brief vom 3. d. Ms. darüber sagst, daß Du das Ideal unserer Sitten schaffen wollest, daß Du zeigen möchtest den Liebhaber, den Gatten, den Vater, die Geliebte, das Weib. Mir kommt vor, Du steckest noch zu stark im Individualismus, in den kleinen Idealen. Wäre die christlich-germanische Familie nicht ein schönerer Stoff, aus dem all diese kleinen Ideale heraus­wachsen und dem allein sie möglich sind. In unserer Zeit handelt es sich um die Restaurierung der Familie, um der täglich mehr um sich greifenden Zerbröckelung und Atomi­sierung der Gesellschaft einen Damm entgegen zu setzen. Um die Familie ziehen sich die weitern Kreise bis hinauf zum Staat, wie wir schon im Ruf und in der Klarstellung an­deuteten. Was Liebhaber, Gatte, Vater, Geliebte und Weib im Bregenzerwald Gutes und Ideales haben, danken sie der christlich-germanischen Familienidee, und ließe sich sicher schön und erhebend ausführen, wie diese Menschen im Kampfe mit den atomisierten Gesellschaftsmenschen siegen und kraft ihrer idealeren Richtung das Recht der Herrschaft und Normierung unserer Verhältnisse erkämpfen, um so das Schlechte und Verworrene in unsern Sitten und Gebräuchen zu verdrängen. -

    Doch ich fürchte zu ermüden und wollte eigentlich nur wenige Gedanken über die eingangs erwähnten Schriftwerke hersetzen. - Ich bin im Herzen erfreut, wenn ich aus Deinem baldigen Ankommen ersehe, daß ich die Bedingung, die Du mir gestellt hast, erfüllt und Dich nicht verletzt habe. Ich habe einmal meine Ideen und muß ihnen bei jeder Gelegenheit treu zu sein suchen, schon aus Dankbarkeit für das unsäglich viele Gute, das mir durch sie zukam. -

    Wenn Du herkommst, rate ich Dir vor allem, das Werk von Byr ,Anno Neun und Dreizehn' zu lesen. Das wäre ein herr­licher Stoff, den ein vaterländischer Dichter dramatisch zu bearbeiten nicht unterlassen sollte. - Das Weitere mündlich. In baldiger, sehnlicher Erwartung Dein Freund

    K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 18. März 1869

    Liebster Freund!

    Es hat mich recht gefreut, endlich wieder einmal einen Brief von Dir zu Gesichte zu bekommen. Hätte ich nicht jeden Tag die Entscheidung von Wien erwartet, so würde ich nicht so lange geschwiegen haben. Leider kann ich noch immer nichts Bestimmtes melden. In Wien soll mir eine namhafte Summe bestimmt worden sein; nun aber habe dann ein Zweigverein gegen mich geltend gemacht, daß ich ja noch kein Drama schrieb. Bergmann sagt, daß das von vielen Unterstützten gesagt werden könnte. Er nennt das nur eine kleine Verzöge­rung und hofft in Kurzem Erfreuliches berichten zu können. Bergmann und auch andere mir weniger Bekannte aus Wien schrieben mir schon von der günstigen Aufnahme, die Reich und Arm dort findet. Eine Dame schrieb an Apotheker Koff­ler in Dornbirn, daß Halm u Grillparzer für das Buch und seinen Verfasser thätig seien, Georg Scherer in Stuttgart hat mir eine Besprechung in der A. allgemeinen Zeitung verspro­chen, wenn nur Hirzel so gut wäre, ihm ein Exemplar zu schicken. Dr G Seh Langestrasse No. 4 Stuttgart. Unsere Landsblätter haben bereits Besprechungen des Buchs gebracht, die Landeszeitung von R. Bir, die Feldkirchnerin von Elsensohn. Beide sind sehr günstig, ohne jedoch aufs Einzelne einzugehen, und ich wüßte Dir nicht viel daraus zu schreiben. Heinrich Hirzels Besprechung, von der Du schreibst, hab ich noch gar nicht gesehen. Ich hoffe doch, daß er sie mir zukommen lasse.

    Die holländischen Bände hab ich erhalten und mehr darin gelesen als Du wol glauben wirst. Es ist ja fast alles deutsch und mir macht es ein eigenes Vergnügen, meine Gedanken in diesem Kleide zu sehen. Du solltest uns einmal an dem Holländisch herumkauen sehen wie am Häring dem ich noch ein treues Andenken bewahre. Mit der Bevölkerung lebe ich im schönsten Frieden. Der Kampf, den ich und Rüscher hatten, tobt im ganzen Vorarlberg, nur der Bregenzerwald ist ziem­lich ruhig und ich gewinne mehr und mehr Freundschaft und Liebe. In Bezau bin ich wie daheim und halte mich häufig dort auf. Daß ich nicht müssig bin, wirst Du mir glauben. Besonders thätig bin ich für den dortigen Leseverein und die Landesbibliothek. Ich wurde mit Feurstein und Dr. Greber und noch Zweien zur Leitung gewählt. Vor 14 Tagen hielt ich die erste längere Rede über das Lesen, besonders über die Art, sg. schöne Werke mit Nutzen zu genießen. Ich fand ge­nug Beifall und sogar der Doktortitel wurde mir beigelegt. Auch in anderer Weise suchte ich fürs Gemeinwohl thätig zu sein. In Bezau könnte man gleich aufs ganze Ländchen wir­ken und ich möchte schon dort sein. Jetzt brauche ich Un­ruhe, Leben und das stille Schoppernau hat zuweilen für mich fast etwas Schauerliches. Ich habe mir schon zuweilen die Kämpfe und Aufregungen des letzten Winters gewünscht um mir selber darin zu entfliehen. Nur im Streben fürs Gemein­wohl finde ich Erholung und wenn ich davon ausruhen will, setze ich mich wieder an den Schreibtisch und erzähle „aus meinem Leben" oder „meine Dorfgeschichte". Welcher Titel gefiele dir wohl besser? Ich muß jetzt nämlich schon an den Titel denken, denn der erste Band, mit meiner Verehelichung abschließend ist fertig. Einstweilen denke ich auch nicht mehr weiter zu arbeiten. Die Abschrift besorgte ein von Feurstein gedungener Schreiber. Letzten Montag schickte ich die Arbeit, 79 Bogen, an meinen Schwager in Bludenz. Er wird sie bald durchgesehen haben und dann sollst Du sie erhalten. Ich bin begierig, was Du zum Ganzen sagst und ob Du es zur Ver­öffentlichung geeignet findest. Ich bin hierüber noch durch­aus nicht eins mit mir selbst. Wer seine Erlebnisse und die Wirkungen derselben dem Volke geben will, der sollte doch wahr sein oder gar nicht schreiben. Ich bin diesem Grund­satze rücksichtslos treu geblieben. Doch heute keine Vorrede, ich werde später eine Eigene zu dem Buche schreiben wenn einmal dessen Veröffentlichung beschlossen sein sollte. Also für jetzt nichts mehr hievon.

    Wir haben endlich noch ein Bischen Schnee bekommen, so daß wenigstens noch die allernötigste Winterarbeit mit vieler Mühe und Gefahr verrichtet werden kann. Ich selbst quäle mich selten mit solchen Arbeiten, obwol ich die Taglöhner schwer aufbringe. Ich hoffte bisher, meine Einnahmen wür­den sich einmal verbessern. Nothwendig wärs. Doch ich will nicht klagen.

    Vielleicht ist dir lieb, die Photografie von Au, den Schauplatz von Reich und Arm zu erhalten. Ich schicke sie Dir mit der Bitte, unser Thal ja im Andenken zu behalten. Du bist hier keineswegs vergessen. Feurstein, seine Frau, Dr Greber, die Rößlewirthin, der Schreiner und noch viele lassen Dich grü­ßen. Kurat Herzog bittet recht sehr endlich um Auskunft. Grüße mir Deine Frau, die Kinder, Emmi Hedwig Rudolf u Hugo, den Klub und wer sich etwa sonst noch um mich kümmert.

    Schreibe auch gelegenheitlich wieder ein paar Zeilen an Deinen einsamen eingeschneiten Freund

    F M Felder.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 16. März 1869

    Lieber Freund!

    Es hat etwas Tröstliches für mich, daß du meine Liederlich = und Vergeßlichkeit in ihrem negativen Ausdruck vielleicht als Genie­streich bezeichnest. Diese Nachsicht thut wohl, macht mich aber doch nicht so kühn, daß es mir gleichgültig wird, wie ich eine Arbeit in fremde Hände übergebe. Leider fand ich am Montag keine Zeit u. keine Gedanken mehr für den Schluß meines Aufrufs. Es ist euch wohl ein Leichtes, ihn beizufügen und mir bleibt die Beschä­mung dich herzlich darum bitten zu müssen. Hätte ich die Arbeit hier, so wollte ich sie gern vollenden, so aber, da sie mir nicht mehr ganz im Gedächtniß ist, wage ich nur einen Vorschlag zu bringen. Höre!:

    „Ein Rundschreiben des Herrn u s w Grafen von Belrup[t] nennt es eine heilige Pflicht jedes freien Staatsbürgers u s w Ich hoffe daß jeder Bregenzerwälder die Wichtigkeit der Sache einsehe und in seinen Kreisen für eine so zahlreiche Betheiligung wirke, wie sie unseres Landes würdig und seinen Interessen gemäß ist.

    Bizau den N N."

    Heim gekommen bin ich glücklich und mein Befinden hat sich wenigstens nicht verschlimmert. In Au traf ich geistliche Gesell­schaft und erlebte interessantes. Hier soll es vielen öd gewesen sein ohne mich. Gestern hab ich wieder gefederfuxet. Meine Tage spinnen sich nun wieder ruhig und gleichmäßig ab. Mit herzlichem Gruß an Margreth und euch alle dein Freund

    F M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 14. März 1869

    Lieber Freund!

    Seit dem Abgange meines letzten Briefes an Dich bin ich fast immer hier, wo ich mich mehr und mehr daheim fühle. Ich bin nicht müßig, doch werde ich ein anderes Mal mehr von meinen Taten erzählen. Heute will ich nicht von Wollen und Handeln, sondern von Schreiben und Sandeln reden. Der erste Band meiner Selbstbiographie ist fertig. Du erhältst ihn mit der Bitte, ihn aufmerksam durchzulesen, gefundene Schreibfehler zu verbessern und mir sobald als möglich Dein Urteil über das Ganze zukommen zu lassen. Du wirst das Ganze mit viel - ja vielleicht nur mit zu vieler Liebe und Hingebung ausgearbeitet finden. Vergiß nicht, in welcher schweren Zeit es entstand und [wie es] mir zum festen Punkte war, an dem ich mich zu halten suchte. Wenn Du das Werk gelesen und mir darüber geschrieben hast, komme ich hinauf, und dann können wir über die Ver­öffentlichung und sonst noch über vieles sprechen. Im hiesigen Leseverein hab ich vorletzten Sonntag eine größere Rede gehalten. Ich sprach über die Art, wie jedes Buch, besonders schöne Werke mit bleibendem Nutzen zu lesen seien, und erntete genug Beifall. Hier ist nun ein Punkt geschaffen, von dem aus man aufs Ganze wirken kann. Möch­test nicht auch Du einer der Unsern sein und einmal eine Rede halten?

    Wir müssen noch von der Sache sprechen. Jetzt sind wir für [die] Errichtung eines landwirtschaftlichen Zweigvereins tätig und tragen schon den Gedanken an eine kleine Versuchsstation in uns herum. Ich habe soeben einen Aufruf ausgearbeitet, den Du in Briefform erhalten sollst. Ich muß schließen, denn ich will heute noch heim.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein Freund                                                          F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Bezau
    Kaspar Moosbrugger
  • 14. März 1869

    Lieber Freund,

    Mein Schreiben an Dich hat sich immer von Sonntag zu Sonn­tag verschoben, aber nun sind mir denn doch zu viele Wo­chen daraus geworden, daß ich nichts von Dir gehört habe. Von Zeit zu Zeit findet man in der Neuen Freien Presse einen Brief aus Vorarlberg, aber da ist immer nur von dem vorde­ren Lande die Rede, nicht von Schoppernau, Au u. dgl. Also wie geht es Dir? Ist denn in Wien die Entscheidung ge­schehen wegen Deiner Eingabe an den Schillerverein? Es sollte ja wol schon im Januar sein, und nun schreiben wir März. Sollte man Dich abfällig beschieden haben? Was macht Euer öffentliches Leben? Es muß Dir doch eigen sein, wenn Du an die gährenden Zustände und an die Gefahren des vorigen Winters denkst. Was Du von den Erfolgen Deiner Vereinsbestrebungen schreibst, freut mich außerordentlich, auch daß Ihr an Gründung einer Landesbibliothek denkt. Wie stehts mit der Biographie? Neulich hab ich schon davon gedruckt gelesen, in Diak. Hirzels Besprechung von Reich und Arm, die mir Dr. S. Hirzel zu lesen gab und die mich lebhaft gefreut hat; beherzige doch ja auch den Wink wegen Deines Stils, den er so wahrhaft geistreich zu begründen wußte. Könnte man nicht eine Probe Deines Lebens einmal nach Sachsen geschickt bekommen? Die Geschichte vom Sieg­fried und auch die vom alten Hildebrand bist Du mir eigent­lich förmlich schuldig in Folge gethaner Versprechen, und ich möchte sie gern, natürlich unter Deinem Namen, zum Abdruck bringen. „Versprechen und halten Steht fein Jungen und Alten" sagte meine Mutter.

    Uns hier geht es im Ganzen gut. Meine Emmy wird nun con­firmirt und verläßt die Schule, nächsten Sonntag ist der Tag. Dafür kommt Hedwig nun in die Schule, ich aber komme jetzt endlich aus der Schule, um nach Ostern meine Vor­lesungen zu beginnen. Ich hab übrigens schon mehrmals den Professor zu schmecken Gelegenheit gehabt, z. B. als vor einigen Wochen unser König zum Besuch in Leipzig war. Da fand unter anderm eine Assemblee im königl. Palais statt, zu der auch die Universitätsprofessoren geladen waren. Da war ich denn auch dabei - den Glanz hättest Du sehen sol­len - und hatte denn auch die Ehre, Sr. Maj. vorgestellt zu werden. Ich schätze unsern König sehr hoch und freute mich denn auch über diese Gelegenheit, ihn persönlich kennen zu lernen.

    In unserm Club gehts lebendig und lustig fort, wir schlie­ßen uns wirklich immer enger aneinander. Lippold und Hü­gel und Döring sind nun Dr. phil. geworden, Lippold denkt an eine wissenschaftliche Reise nach Paris, wenn auch erst für nächsten Winter. Vorgestern haben wir im Schützenhause unser zweites Stiftungsfest begangen, wozu wieder die Jugend alle Anstrengungen gemacht hatte. Auch dießmal Thea­ter zur Eröffnung, man spielte Doctor Faust als Puppenspiel, ich wollte Du wärst dabei gewesen, um die Wirkung dieses auch in dieser volksmäßigen Gestalt überaus großartigen Stoffes mit zu haben. Reuter als Faust, Lippold als Mephi­stopheles, Hügel als Kasperle, fünf Andere als Teufel; Lippold und Hügel waren vortrefflich, theilweis geradezu bedeutend. Nachher folgte eine Tafel mit zwanzig Gedecken, mit Sprü­chen und Gesang und Ernst und Lust. Auch Deiner als aus­wärtigen Mitglieds ward nicht vergessen, Jungmann brachte ein Hoch auf Dich aus. Übrigens waren, wie voriges Mal, Damen dabei, ein sonst im Club unerhörter Anblick, wenn man so sagen kann. Erst früh um drei schloß ich unsern Thor­weg auf.

    Hast Du denn nun Deine vier Exemplare der holländ. Sonder­linge erhalten? Ich wollte eigentlich an Grottendiek schreiben, um ihm für die Liebe und Sorgfalt, mit der er es gemacht hat, Dank und Anerkennung auszusprechen; ich thu es wol auch noch. Wie mir Hirzel sagt, hat er auch Reich und Arm in Aushängebogen zugeschickt erhalten, um es frisch zu über­setzen.

    Mit dem milden, schneelosen Winter habt Ihr wol eure Noth gehabt? Da könnt Ihr doch kein Heu und Holz von den Ber­gen holen. Aber Du holst doch wol überhaupt selbst keins mehr herunter, nichtwahr? Bei uns ist übrigens im März plötz­lich noch Kälte und Schnee eingebrochen, nachdem wir im Februar schon den beginnenden Frühling hatten. Des Herrn Curats Wunsch wegen der Phisharmonika kann ich leider immer noch nicht erfüllen, der Lippold ist ein saumseliger Mensch und etwas unstät in seinen Gedanken. Grüß mir die Deinigen aufs herzlichste, auch Deine gute Mutter, an die ich eignerweise beim Schreiben nicht mehr dachte seit ich selbst keine Mutter mehr habe. Dich aber grüßen die Meinigen bestens, auch der Club, wie ich, der Dir das Beste wünscht,

    Dein Rud. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 13. März 1869

    Verehrtester Herr Bergmann!

    Ich danke Ihnen herzlich für Ihre 2 Briefe, die mir schon als Beweis Ihrer herzlichen Theilnahme wichtig und werth wären. Dieselben eröffnen mir aber auch die Aussicht, daß mir doch einmal etwas herausgeholfen werde aus der Tiefe, in die ich mich augenblicklich gedrückt fühle. Schon diese Hoffnung ist mir Wohlthat, ohne sie sähe ich mich im Dunkeln und müßten bald auch meine Arbeiten von dem angekränkelt werden, was jetzt an meinem Herzen nagt. Es ist gut, wenn mir hülfreiche Hände sich entgegenstrecken. Aber nach dem Inhalt Ihrer werthen Briefe darf ich ganz bestimmt hoffen, daß mir denn doch endlich einige Erleichterung werde, die ich so dringend bedarf. Ich weiß nämlich ziemlich bestimmt, daß auch erzählende Schriftsteller sich der Unterstützung des Vereins zu erfreuen haben.

    Im verflossenen Halbjahr seit dem Tode meiner lieben Frau wars mir bange, vorwärts zu blicken in die Zukunft. Lieber wollte ich in der Beschäftigung mit der Vergangenheit meine Kräfte wieder zu gewinnen suchen. Ich machte mich daher an die Ausarbeitung meiner Selbstbiografie die mir ein wahrer Trost ward, indem ich da recht deutlich sah, wie mir oft auch die ausgesuchtesten Hinder­nisse wieder Wohlthat geworden sind. Sie dürfen aber nicht glauben daß etwa diese Arbeit nur meiner Selbstbespiegelungs­sucht diene; vielmehr war ich bemüht in meiner „Geschichte" ein treues Bild der Heimat zu geben, deren Zustände sich in meinem Leben spiegeln. Der erste Band wird dieser Tage fertig. Er schließt mit meiner Verehlichung ab.

    Vorläufig denke ich diese Arbeit nicht weiter zu führen. Ich möchte lieber eine kleine Abhandlung „Über Spruch und Brauch" schrei­ben. Ich glaube, beide zusammen müßten ein treues Bild des geschilderten Stammes geben. Aus den Sitten und Redensarten meiner Heimat müßte sich das Gesellschaftsideal herausschälen lassen, den Bregenzerwälder wie man ihn als Sohn, Liebhaber und Gatten will. Ich möchte Ihre Meinung über diesen Plan mir gern erbitten.

    Auch trage ich den Plan zu einer größeren Erzählung in mir herum. Wenn ich nur frei von den allerquälendsten Sorgen daran arbeiten könnte! Sie geben mir die Zuversicht, daß das doch noch einmal wird. Ich danke Ihnen herzlich für alles was Sie meinetwegen thun und verbleibe herzlich grüßend

    Hochachtungsvoll

    Ihr

    Franz M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef von Bergmann
  • 8. März 1869

    Geehrter Herr

    Sie haben es gewiß mit Freuden begrüßt daß unsere hohe Regierung sich mit so vieler Theilnahme landwirtschaftlichen Fragen zuwen­det und in der Hebung des Ackerbaues und der Alpen Wirtschaft eine ihrer wichtigsten Aufgaben sieht. Noch werden die Natur­kräfte, die auch dem Landwirthe dienstbar sind, von den wenigsten so ausgenützt und beherrscht wie es zum Wohle der Gesellschaft und des Einzelnen zu wünschen wäre. Es dürfte auch noch lange beim Alten bleiben wenn nicht die besten Kräfte sich zusammen­thun, um durch Wort und That jedem die Vortheile zu zeigen, welche ein landwirthschaftlicher Betrieb gewährt, welcher mit ausdauerndem Fleiß auch richtige Erkenntniß der hier waltenden Naturgesetze verbindet.

    Die hohe Regierung hat, dieses erkennend, landwirtschaftliche Vereine nach Kräften zu unterstützen, ihre gemeinnützigen Zwecke zu fördern gesucht. Sie sieht in diesen Körperschaften die Vermittler zwischen Theorie und Praxis welche die Arbeit der Wissenschaft, wo diese vortheilhaftes an den Tag fördert, zum Gemeingut machen können und will ihrer Thätigkeit mit zu Gebothe stehenden Mitteln förderlich sein.

    Auch in Vorarlberg ist durch das Zusammenwirken einsichtiger auf das allgemeine Wohl bedachter Männer schon vor Jahren ein landwirtschaftlicher Verein entstanden. Im Bregenzerwalde war leider bisher die Theilnahme noch keine so große, wie sie die Wichtigkeit des Vereins für das rein auf Landwirthschaft angewie­sene Aachthal erwarten und wünschen ließ. Der Grund hiefür ist doch wohl weniger ein Verkennen der Nützlichkeit des Vereins, oder die Neigung, ruhig beim alten zu bleiben während andere rüstig auf neueröffneten Bahnen vorwärts schreiten, sondern die Erwägung, daß die von uns betriebene Milchwirtschaft neben ändern Zweigen des Vereins nicht jene Beachtung und Pflege findet, welche sie uns zu verdienen scheint.

    Kann aber das anders werden, wenn wir uns zurückziehen? Gewiß nicht und was an obigem Einwürfe gegründet sein mag, haben wir einzig unserer Haltung dem Vereine gegenüber zuzuschreiben. Einem Schweigenden ist nicht zu helfen und in unserer Stellung verharrend würden wir, würde die Alpenwirthschaft bald beinahe leer ausgehen bei allem, was vom Vereine zur Förderung der Landwirthschaft gewonnen wird.

    Freilich kann in einem Lande, wo so viele Zweige der Landwirth­schaft blühen, wie in Vorarlberg, sich die Aufmerksamkeit des Vereins nicht etwa nur Einem derselben zuwenden. Daher sollten in einzelnen Landestheilen Zweigvereine errichtet werden, in denen die eigenen Angelegenheiten besprochen, Anträge und Forderungen gestellt werden können.

    Ein Erlaß unseres hohen Ackerbauministeriums an den vorarlberger Landwirthschaftsverein fordert uns unter Zusicherung hoher Unter­stützung hiezu auf indem es dort u. A. heißt: Bezirks- Zweig und Filialvereine oder überhaupt lokale Gesell­schaften für Landwirthschaft werden daher nur in so ferne an den von dem Ministerium zu gewährenden Subventionen Antheil neh­men können, als sie mit der Hauptgesellschaft des Landes in einer solchen Verbindung stehen, daß diese Letztern an den Erstem wirksame Glieder oder Abzweigungen oder Organe besitzt und im Nahmen aller mit dem Ministerium verhandelt.

    Franz Michael Felder
    Bezau
  • 3. März 1869

    Lieber Herr Landsmann!

    Meinen neulichen, vor etwa 4 Wochen geschriebenen Brief, der Ihre Angelegenheit betraf, haben Sie wohl sicherlich erhalten. Ich hoffte täglich die günstige Erledigung zu hören, leider aber diese auf ein paar Wochen hinausgeschoben. Es hat nämlich in einem Zweigvereine der Schillerstiftung nur eine Stimme, wie ich gestern erfahren mußte, gegen diese Betheilung Einsprache gemacht, weil diese Betheilung nur für dramatische Dichter bestimmt sei u. Sie nicht diesen beigezählt werden können. Nun sind aber gerade im außerösterreich. Deutschland schon mehrere nichtdramatische Dichter aus der Schillerstiftung bedacht worden, somit fällt die Ursache Ihrer Ausschließung weg. Es geht deshalb diese Angele­genheit nochmals an die auswärtigen Zweigvereine, was aber zu Ihrem Frommen nur eine Verzögerung u. durchaus keinen Aus­schluß zur Folge hat. So wird mir von einem ganz verläßlichen Manne versichert.

    Da nun die Tage länger werden, wird es mir altem Manne, der beim Lampen- oder Kerzenlicht weder lesen noch schreiben kann, wieder gegönnt, die eine oder andere Parthie vorarlb. Geschichte die noch im Dunkeln liegt, auszuarbeiten, besond. wichtig ist mir alles Mundartliche. Die Tagesstunden von 9-2 Uhr gehören dem Amte bis ich in Pension trete-u. dann dürften die vielgebrauchten mir ihren Dienst versagen.

    In der Hoffnung Ihnen die günstigste Nachricht bald ertheilen zu können, verbleibe ich in vollster Hochachtung

    Ihr aufrichtiger

    Jos. v. Bergmann

    kk. Director

    III. Rennweg N. 6.

    Ihr „Reich u. Arm" werde ich morgen der Tochter des vormaligen Ministers v. Schmerling, nunmehrigen Präsidentendesobersten kk. Gerichtshofes zur Lecture zusenden. Womit sind Sie dermals beschäftigt?

    Josef von Bergmann
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 3. März 1869

    Lieber Freund!

    Es ist ein altes Sprichwort: der Fleißige findet zu allem Zeit der Faule kommt immer zu spät. Diesem Sprichwort habe ich schon öfter nachgedacht und darin immer meine Verurtheilung gefunden. Auf der ändern Seite heißt es Selbsterkenntniß ist der erste Schritt zur Beßerung; nun diesen ersten Schritt hätte ich gemacht, aber mit dem zweiten komme ich nicht recht zu Stande. Es geht mir wie einem Träumenden der sich von Räubern verfolgt glaubt, u. ungeachtet aller Bemühungen seine Füße nicht vorwärts bringt. Von Albinger habe ich erfahren das du am nächsten Sonntag den 7. März herauskommen wirst. Es istdieß auch dringend nothwen­dig, wenn wir bei der Versammlung nicht in die Enge kommen wollen. Denn wie du weißt ist Hr. Bezirksförster aus dem Vereine ausgetreten u. Dr. Greber hat mir gestern gesagt er wisse nicht ob er mit seiner Rede zu Stande komme, da er einige Druckschriften die er in derselben als Belege etc. benützen will von der Buchhandlung noch nicht erhalten habe.

    Wir erwarten die Schoppernauerbibliothek recht bald, da man nun lesen wollte u. die Unterhaltungsschriften noch nicht da sind, u. wir wegen Mangel an Büchern in Verlegenheit sind. Schick uns auch außerdem 1 Exemplar Sonderlinge, Schwarzo­kaspale u. Reich u. Arm, wenn du herauskommst werde ich dich bezahlen.

    Felder konnte ich nicht anders dienen als dadurch, daß ich ihm ein Schreiben an Brettauers Erben in Hohenems gab, worin ich densel­ben seine Vermögensverhältnisse mittheilte, was für Erfolg er gehabt ist mir unbekannt. Wie mir Albinger gesagt, wirst du dießmal ein par Tage in Bezau bleiben, was mich sehr freut, da wir dann wieder mit einander „bludora" können. Mit vielen Grüßen von der Margareth u. mir

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 3. März 1869

    Lieber Freund!

    Ich danke Dir herzlich für Dein wertes Schreiben. Du hast Deine Worte gesprochen, die in meiner Seele nachklangen.

    Meine Selbstbiographie wird in wenigen Tagen fertig. Auch die Abschrift ist von Albinger in Bezau bis auf wenige Bogen besorgt. Ich schließe mit meiner Verehelichung ab. Der Tod meiner Nanni wird gar nicht erwähnt. Du siehst Nanni lebend, schaffend, singend, Du hörst ihre Ansichten über Menschen und Zustände und ihre Gedichte. Die Kapitel, die von ihr erzählen, sind die heitersten. Sonst hat das Buch manches Trübe, weil sich alle heimatlichen Zustände in meinem Leben widerspiegeln und dort mit ihren Wirkungen umso schärfer hervortreten, wo ich selber noch nicht recht fest war. Ich habe mich durch diese Selbst- und Umschau von vielem befreit. Auch ungemein anregend war sie. Manche neue Seite unseres Gesellschaftslebens hat sich mir gezeigt, manches war mir klar, und ich legte es zurück, da ich es dort nicht gehörig ausführen konnte. Ich habe mich strenger Wahrheit beflissen. Ich schone niemand, aber ich übe die Gerechtigkeit in liebe­voller Weise, das heißt mit dem Hinweis aufs Allgemeine und auf das Überlieferte. Noch bin ich nicht eins mit mir, ob ich die Arbeit veröffentlichen soll. Feurstein nennt sie rücksichts­los mein bestes Werk. Das finde ich nun gerade nicht, aber ich glaube doch, daß es trotz seiner Einfachheit manches Schöne und Gute in den 25 Kapiteln bringe. Die Schilderung meiner Knabenzeit, meiner Spiele, der ersten Schuljahre ist sehr breit. Ich kam dabei auf einen ganz eigenen Gedanken, der mir immer lieber wurde und mich nicht mehr ruhen läßt. Ich muß ihn Dir schon mitteilen, obwohl ich's eigentlich nur durch sofortige Ausführung ganz könnte. Daß der Bregenzerwälder durch die Sitte, den Brauch erzogen wird, ist klar, und er hat da nichts vor ändern Bauern voraus als - gerade die Eigentümlichkeit unserer Sitten oder doch vieler derselben. Nun frage ich mich: Wozu wollen diese ihn machen? Mein Senn in den Sonderlingen tritt als ein Ideal auf; aber wie ist er geworden. Ich möchte das Ideal unserer Sitten schaffen: Möchte zeigen den Liebhaber, den Gatten, den Vater, die Geliebte, das Weib. Alle unsere Bräuche greifen in die Entwicklung des Einzelnen ein, sogar das Fen­sterlen und Hineinreden, der Visis [?] (Bettler), das Ge­störtwerden auf dem Strich. Man hat mich ersucht, im Lese­verein in Bezau eine Rede zu halten, ich möchte versuchs­weise über dieses Thema sprechen. Ich habe auch Lust, es gründlich zu bearbeiten. Sowohl die erzählende als die wissenschaftliche Form - letztere natürlich nicht zu streng gehalten, müßte sich dazu eignen und ich glaube, daß mir das Volk und die Gelehrten dafür dankbar wären, besonders da diese Arbeit immer schwerer und für einen Spätem ganz unmöglich wird. Ich möchte hören, ob Du mich verstehst und was Du dazu sagst. Die Selbstbiographie solltest Du doch lesen, da ich mit Dir sowohl über Einzelnes als über die Veröffentlichung des Ganzen sprechen möchte. Mir ist nun die Aufgabe geworden, J. Feldkirchers Gedichte herauszugeben. Wie ich eben erfahre, will mir die Familie die Handschriften gern unentgeltlich benützen lassen, wenn die­selben ins Volk kommen sollen.

    Buchhändler O. Janke [?] in Berlin hat mich um Übersen­dung der Liebeszeichen gebeten, weil er sie in der bei ihm erscheinenden „Roman-Zeitung" abdrucken will. Mir fiele da ein hübsches Honorar ab.

    Entschuldige, daß ich so viel von mir selbst melde. Jeder redet gern von seinem Tun, ich kann es hier nicht und habe alles allein. Es war so schön, als ich alles mit dem Wible gemein hatte. Es war wirklich meine Ehhälfte und fühlte sich sogar mit mir leidend glücklich. Sie hatte teil an allem meinem Schaffen und war doch weniger blaustrumpfig als manche, die nie aus dem Kaffeesatz herausgezogen wird. Feurstein will meine Gedichte in der Mundart sammeln und herausgeben, um im kleinen zu versuchen, ob mir nicht der Selbstverlag vorteilhaft wäre, zu dem er mir die nötige Unter­stützung anbietet. Ich habe schon mehrmals zu diesem Zweck gearbeitet, und es liegen einige gemütliche Gedichte vor, die ich Dir einmal sende.

    Ich arbeite überhaupt sehr fleißig und suche mich in jeder Form auszudrücken. Bereits denke ich wieder an ein größeres Werk, in dem Du sehen dürftest, daß ich mich auch den Zeitfragen nicht verschloß, doch das steht noch im Weiten. Im Fasching war Elsensohn in Bezau, machte den Großen und zog mit seiner Braut herum. Die Titel fangen auch bei uns zu gelten an. Die Kasinos scheinen schlechte Geschäfte zu machen.

    Nächstens werde ich Dir die Statuten unseres Lesevereins in Bezau und die Leseordnung schicken. Die Geistlichen sind bereits dagegen. Der Pfarrer von Bizau, Vonbank, war der erste. Im Fasching ging's absonderlich lustig zu, ich habe viel gesehen und wenig genossen.

    Das Mötele jammert, meine Magd müsse heim. Ich könne ja Deine Isabell anstellen, da sie im März doch gehe. Ich glaube das nicht und wünsche es nicht. Übrigens macht mich das Gerücht bereits zu einem Hochzeiter mit dem Mädchen, daneben tauchen aber auch drei andere Mädchengestalten auf, größer und voller [?], aber unter ihnen gefiele mir Mariann doch am besten. Will gern sehen, ob sie mir den Sommer bleiben darf oder heim zur Mutter muß, um dort ­Magd zu sein.

    Das Mädchen ist mir - offen gesagt - recht lieb. Es tut den Kindern Gutes, kommt mit der Mutter ordentlich aus und hat auch Verständnis für das, was es mir vorliest. Wir beide sind wie Bruder und Schwester, aber oft drückt mich sein un- sicheres Wesen, dann sag ich mir schaudernd: So wird ein

    Stiefkind!

    Lebe wohl und schreibe bald.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein einsamer Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 28. Februar 1869

    Vielgeehrter Freund!

    Ihr werthes Schreiben vom 1 Februar ds. Monats habe ich sammt dem halben Lehrlohn 30 fl sage dreißig Gulden richtig an dem­selben Tage noch erhalten.

    Ihre Frage wie es wäre, wenn Ihr Mündung Soldat werden müßte, während der Lehrzeit, bin ich wircklich nicht im Stande dieselbe ausführlich zu beantworten. Was mich anbetrift, so gebe ich mich der Hoffnung hin, wenn er das Unglück haben sollte, Ihren Wünschen u. Anforderungen dann gewiß entsprechen zu können. Ich glaube es ist jetzt schwer darüber zu bestimmen, weil wir nicht wissen, in welchem Jahre er das ungünstige Los ziehen könnte; denn auf diese Umstände würden wir Rücksicht nehmen müs­sen.

    Mit Zufriedenheit kann ich Ihnen melden, daß er die ersten Handgriffe ziemlich leicht auffaßt.

    Die Genossenschaffts-Blätter, Schriften über Vorschuß u. Kredit­vereine u. die sämmtlichen Jahresberichte von 1859-1865 über Genossenschaftswesen von Schulze-Delitsch habe ich bereits erhalten; die Innung der Zukunft sind aber die Genossenschaffts­Blätter.

    Sie sagten in Ihrem Briefe bezüglich Lasalle: „Sie würden ein anderes Urtheil über ihn gewinnen, als in den von der Kapitalmacht getragenen Zeitungen". Ich habe über denselben gar kein Urtheil, denn ich kenne ihn nur dem Namen nach; es wäre mit sehr erwünscht, denselben neben Schulze-Delitsch lesen zu können; u. bitte Sie daher freundlichst mir einiges zu bezeichnen u. wie ich dahin gelangen könnte.

    Ferner hab ich noch die freudige Mittheilung zu machen, daß die Bürgermeisterwahl unter Seufzen u. Wehklagen einer gewissen Partei vor sich gegangen u. unser braver thatkräftiger Dr. Waibel als Bürgermeister gewählt worden.

    Leider habe ich zu wenig Zeit, um Ihnen über die interessante Wahl mehr mitzutheilen, da ich zu starck vom Turnverein in Anspruch genommen bin mit der Leitung u. Organisirung eines Schau­turnens. Es wird wahrscheinlich Mitte Aprill abgehalten werden, u. es würde uns sehr freuen, wenn Sie Sich an dem gewiß „schönen" Feste einfinden würden.

    In der Hoffnung einer baldigen Antwort grüßt Sie vielmal herzlich

    Ihr

    ergebenster Freund Joh. G. Luger

    Johann Georg Luger
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 27. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Ich möchte Dir dießmal einen ziemlich langen Brief zukommen lassen, aber ein Unwohlsein, wie es fast jedes Jahr um diese Zeit sich einstellt, dürfte mich früher ermüden lassen. Anfangen aber will ich doch und sehen wie es geht. Dein Urtheil über meine letzte Arbeit, die Dir besser gefällt als ihr Held, habe ich mit Interesse gelesen. Ich habe schon in meiner Arbeit bedauert und bedaure mit Dir nochmahls, daß ich eigentlich nach dem Tode des Vaters und bis zum Schluß des ersten Theiles allein stand mit meinen Gedan­ken und nur durch kleine Erlebnisse geistig bereichert wurde. Der Segen eines warmen Famillienlebens ist auch schmerzlich genug gelebt, besonders in den letzten Kapiteln wo ich mehr mit den Deinen verkehrte. Ich könnte manche Stelle dafür anführen, kürzere und längere. So glaube ich euch gerecht geworden zu sein, mir aber war ich gerecht, indem ich mich auch gab wie ich war, als Gesichts und Gedankenmenschen. Ich halte so eine Schilderung dieser Richtung, wie die Richtung selbst, wenigstens für berechti­get, hielte ich sie aber für unberechtigt so würde ich darum doch meine Vergangenheit meine Vergangenheit nennen müssen. Daß ich mich besonders hoch stellte, kann man wohl nicht sagen, ich zeigte vielmehr zuweilen recht anschaulich, wie der Gedanke bettelarm wurde, und ich mich an Greifbares halten mußte, z. B. wo ich als Bischer nach Lindau reiste.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 26. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Ich danke Dir für Deine Glückwünsche. - Ich bin voll Teil­nahme bei den Leiden, die Deiner Seele aus dem Gefühl der Vereinsamung noch immer erwachsen. Offener Blick auf das harmonische Weltganze, unbedingte Unterwerfung unter den Willen jenes Herrn, dem Welt und Völker sich fügen, freier Verzicht auf Aktivität der Seele, der das Einströmen göttlicher Kräfte ermöglicht /: Bereitlegung der Seele für Gnaden Gottes :/ dürften wohl Mittel sein, Dir das Gefühl des Verwachsenseins mit Gott und seinen Getreuen zu geben, neben welchem jenes Leidensgefühl nicht mehr Platz hat. Menschliche Teilnahme, die Du bei allen Gebildeten unsers Volkes finden wirst und findest, ist etwas, ist viel und kann Dir zeitweilig gute Dienste tun, entscheidend und glück­bringend ist aber nur die Teilnahme des Einen, durch den wir sind und ohne den wir nicht bestehen können. Als man dem Sokrates sagte, er solle für Vermögen seiner Kinder sorgen, erwiderte er, der die Xanthippe zum Weib hatte, ent­weder wandeln sie die Wege des Vaters, dann brauchen sie kein Vermögen, oder sie wandeln andere Wege, dann sollen sie sich auf ihren Wegen forthelfen. - /: Dem Sinn nach zitiert :/ Diese Predigt, die wohl, wie ich wünsche, über­flüssig und nicht am Platz ist, soll meinen Standpunkt dartun gegenüber einigen Stellen Deines werten letzten Briefes, worin ein freundschaftlicher Tadel meiner Haltung enthalten ist. Mögest Du hieraus auch entnehmen, daß das, was ich über den Hamm'schen Brief sagte, nicht als „Verübelung Deiner Freude am Erfolg" zu deuten ist. ­Was Du von dem Denkmal für Dein Wible in Deiner Bio­graphie sagst, erzeugt in mir eine Scheu, diese Biographie im Manuskript zu lesen, die Blutsverwandtschaft und das Familiengefühl werden Ursache sein. Es ist mir daher lieber, wenn Du das Werk nicht schickst. Ob Du es veröffentlichst oder nicht, ist lediglich Deine Sache. In jedem Fall soll es als Erzeugnis des deutschen Volks- und Kunstlebens objektiv gegeben und erfaßt werden. Objektiv gegeben wird es sein, objektive Erfassung ist eher möglich, wenn das Werk vom öffentlichen Markt kommt. -

    Zu der Sendung von Holland und den Nachrichten von Wien wünsche ich Glück. -

    Die Augusta ist nun wieder fort von uns, nachdem sie mir bereits Sorgen gemacht, sie stiftete mit ihrem emanzipierten Wesen noch viel Unheil in meiner Familie. Die Theres hatte wegen ihres Antagonismus in der Kindbett viel zu leiden, ist nun aber wieder ganz gut. Jetzt hätte ich für Dich wieder Bett und Platz, und können die Kinder bald ins Freie, weshalb ich in der angenehmen Lage bin, Dich zum baldigen und beliebig langen Besuch einzuladen, ohne daß mir die Furcht kommt, ich könne nicht entsprechenden Aufenthalt gewähren. Wenn Du etwa das interessante Montafon näher kennen lernen wolltest, kann ich auch gute Wohnung und Pflege bei meinem Schwager oder der Schwägerin verbürgen. ­Daß die Isabell von uns fort will, davon weiß ich nichts. Wenn Dir das Mötele die Mariann nicht lassen will, so appelliere einfach an letztere, die wohl über sich selbst, ohne das Mötele oder ihren Vater verletzen zu müssen, verfügen kann. Wenn das Mötele meint, es komme zu kurz, sage ihm, es soll sich an mich wenden, ich wolle es entschädigen. ­Ich habe vor längerer Zeit an meinen Bruder Jakob und den Schröcker Wirt in wichtigeren Tannberger Gemeindesachen geschrieben und weiß nicht, ob die Briefe bei den schlechten Postverhältnissen abgegeben worden, frage gelegentlich nach und schreibe dann, ob ja oder nein. -

    Im 4. Heft d. Js. der Historisch-politischen Blätter ist ein Dr. Delff anläßlich einer Besprechung des Philosophenkon­gresses in Prag mit originellen, kräftigen Gedanken aufge­treten, die es verdienen, beherzigt zu werden, und nament­lich uns Österreichern und Katholiken von großem Wert sein können.

    Hier nichts Neues und alles gesund.

    Schreibe bald wieder oder komme bald.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein Freund                                                   K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 26. Februar 1869

    Geehrter Herr Felder,

    Sie haben mir durch Ihren freundlichen Brief am 29 Januar, Ihr Bild und das Sonnett, das Sie im ersten Schmerz über den schweren Verlust, der Sie betroffen, niederschrieben, eine große, unerwar­tete Freude gemacht. Ich würde Ihnen meinen Dank dafür schon früher ausgesprochen haben, wenn Ihr Brief nicht erst nach Frei­burg im Breisgau zu meiner lieben Schwester, Frau von Woringen, gewandert wäre, deren freundlichste Grüße ich Ihnen, wie ich das jetzt kann, mit zu übersenden wünschte. Auch sie hat, wie ich, mit aufrichtiger herzlicher Theilnahme gehört, daß Sie bei der Aus­arbeitung Ihrer Selbstbiographie in der Sie uns auch ein Bild der Vorzüge und Schattenseiten Ihrer schönen Heimath vorführen wollen, Ihre beste Kraft wiedergefunden haben. Das hatte ich erwartet, als ich Ihnen gerade zu dieser Arbeit rieth, auf die ich mich doppelt freue, seit ich Sie persönlich kennen lernte, den Wald u. seine Bewohner aus eigener Anschauung lieb gewann. Lassen Sie uns nicht zu lange drauf warten.

    In meiner Jugend habe ich einmal mit Vergnügen Klingers „Welt­mann u. Dichter" gelesen. So verschieden die dort geschilderten Charactere u. Verhältnisse auch von den unserigen sein mögen, bin ich durch die erfreuliche Begegnung mit Ihnen doch unwillkürlich wieder an den Gegensatz erinnert. Wie dort, ist auch hier der Weltmann, wenn ich mich so nennen darf, derjenige, der am meisten bei der Begegnung gewinnt. So groß u. schön auch manche Aufgaben sein mögen, welche das practische Leben in Staat und Gemeinde auch mir oftmals gestellt haben, u. so vielen Grund ich auch haben mag, dankbar auf manchen guten Erfolg meiner Thätigkeit zurückzublicken, habe ich doch oft u. schmerz­lich dabei empfunden, wie leer meistens das Gemüth bei solcher Thätigkeit ausgeht, denn in unserer realistischen Zeit wird der Gefühlspolitiker sein Ziel entweder nicht erreichen oder darüber hinausschießen. Selbst der eigentliche Staatsmann, dessen Be­deutung wesentlich davon abhängt, daß seine Natur eine glück­liche Mischung von Verstand u. Herz in sich vereinige, daß er bei scharfsinniger Durchdringung des einzelnen Gegenstandes des Glaubens an das Ideale nicht entbehre u. gewissermaßen mit Seherblick über die nächstliegenden Verhältnisse u. die Gegenwart hinauszuschauen verstehe, wird diesen Mangel oft empfinden, wenn er nicht das Glück hat, sich von Zeit zu Zeit ganz aus dem gewohnten Wirkungskreise herausreißen, sich im Genuß der ewig jugendlichen Natur u. im Umgang mit Männern erfrischen zu können, denen es vergönnt war, sich unberührt von dem zu halten, was wir die große Welt nennen. Die schönen Herbsttage im Bregenzer Wald u. die Begegnung mit dem Dichter des Waldes, den gerade damals ein tiefer Schmerz niederdrückte, so wie das längere Zusammensein mit meiner lieben Schwester, die auch zu diesen begünstigten Naturen gehört, waren für mich eine solche Zeit geistiger Erfrischung, u. ich denke deshalb auch heute noch gerne daran zurück. Seitdem habe ich wieder manchen Tag in ernsten Verhandlungen, manche halbe Nacht an meinem Schreib­tisch u. hinter meinen Acten zugebracht, stehe jetzt im Begriff, von Neuem meinen Sitz im Reichstage des Norddeutschen Bundes u. demnächst im Zollparlament einzunehmen, wo selbst für solche Erinnerungen wenig Muße übrig bleibt. Aber ich halte an der Hoffnung fest, daß der Herbst mir neue Tage solcher Erfrischung bringen wird, daß auch wir uns noch wieder begegnen werden. Bleiben Sie, bitte, Ihres freundlichen Versprechens eingedenk, wenn Sie wieder einmal nach Leipzig gehen, auch hierher zu kommen und mich zu besuchen. Es würde mir das eine große, aufrichtige Freude sein. Seien Sie herzlich gegrüßt von

    Ihrem ergebensten R. Schieiden.

    Rudolf Schleiden
    Altona
    Franz Michael Felder
  • 25. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Also Seppel will gehen - für immer von hier weg und ich soll ihm noch fort helfen. Er möchte von dir die Unterschrift zu einem Wechsel und glaubt, daß er sie durch einige Zeilen von mir eher gewinne. Du würdest jedenfalls durch seinen Grundbesitz gedeckt, und es scheint auch noch die Schwester einstehen zu wollen. Du kennst Seppels Verhältnisse schon aus meinen Mittheilungen und wirst nichts zu wagen fürchten. Ich wollte dich freilich lieber um etwas anderes bitten, als was mir ihn für immer nimmt! aber seine Lage wäre schon eine schlimme, wenn ihm nicht geholfen würde, weil schon alles von der Sache weiß. Du kannst ihm vielleicht helfen und in diesem Fall bitte ich dich es zuthun. Er glaubt nun einmal daß dieser Handel zu seinem Vortheil sei.

    Ich bitte dich mir gelegenheitlich zu schreiben, wie du dich mit Seppel abgefunden. Ich hoffe daß geschieht was für ihn das Beste, und ihm einen häuslichen Herd giebt.-------

    Es grüßt dich

    dein Freund

    F M Felder

    im Rößle Abends 10 Uhr

     

    Franz Michael Felder
    Au
    Josef Feuerstein
  • 24. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Das Sammeln der noch ausgeliehenen Bücher für den Leseverein hat bereits begonnen. Bis ersten März hoffe ich das Meiste bei­sammen zu haben und werde dann die erste Gelegenheit zur Uebersendung benützen. Jetzt leide ich an Kopfweh, doch nicht so, daß es mich am Arbeiten hindert. Ich zweifle aber, ob ich bei der nächsten Versammlung erscheinen werde, wenn dieselbe noch in diesem Monat oder in nächster Woche abgehalten wird. Den von dir ausgesprochenen Erwartungen des Ausschusses könnte ich jetzt ohnehin nicht entsprechen. Ich war in letzter Zeit zuviel mit Lebenserinnerungen beschäftigt um ernstlich an Anderes zu denken. Ich liege in der Selbstbiografie bereits im Wasser beim Salzbachersteg u. muß diese Woche wohl dort liegen bleiben, weil der Abschreiber da ist u. früheres mit mir ins Reine bringt. Ich hätte gern etwas über das Befinden deiner Frau erfahren um die ich recht besorgt war. Da du nichts erwähntest glaube ich das Beste annehmen zu können.

    Ich kam nach unserem Abschied glücklich über den Berg. Die Gesellschaft war mir nicht ganz uninteressant u. ich bin ihr zu dankbar um dir schwarz auf weiß eine Schilderung derselben zu geben wie ichs müßte, wenn ich einmal den Anfang machte. Wie diese Leute vorsichtig sind u. vor lauter Vorsicht zu nichts kommen.

    Scharttenlos ist euer Schwert noch, Weil ihr feig zum Schwerte grifft nie.

    Willst du diesen Vers von Platen verstehen und das folgende lesen so sehe nach im zweiten Band seiner gesammelten Schriften Seite 25. Du kannst das auch dem Dr. Greber sagen u. ihn mir grüßen lassen. Dem Karl wünsche ich Unglück, Schwefel u. Pech, feindliche Basen u. alles Böse in seine Liebschaft, die ihm so den Kopf verrückt, daß er mir die Zukunft wieder stets abzugeben vergißt. Mehreres mit Gelegenheit mündlich; heute müssen wir nun wieder an anderes denken.

    Lebe wohl u. schreibe gelegenheitlich wie es geht.

    Es grüßt dich u. deine Frau herzlich

    dein Freund Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 18. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Zweck meines heutigen Schreibens ist dir anzuzeigen, daß ich vom Ausschuße des Lesevereins den Auftrag erhalten dich zu ersuchen die Bibliothek in Schoppernau so bald möglich nach Bezau zu senden, damit mit dem Ausleihen begonnen werden kann. Bezirksförster Koderle wird immer stutziger: Im Auftrage des Aus­schußes hatte Karl die freiwilligen Beiträge einzukassiren damit mann die bewilligten Bücher bezahlen könne. Alle Mitglieder bezahlten bereitwillig mit Ausnahme des Hr. Bezirksförsters der erklärte, die Anschaffung der Bücher gefalle ihm nicht er werde deßhalb auch nicht bezahlen, u. ob er ganz aus dem Vereine austrette werde er sich noch überlegen.

    In N. 39. der Zukunft erscheint unter Wien ein Artikel der nach meiner Ansicht die ganze Lage unserer Verfaßungsherrlichkeit in das richtige Licht stellt. Lebe wohl es grüßt dich

    dein Freund Josef Feuerstein

    Der Ausschuß erwartet daß du in der Märzversammlung eine Rede halten werdest.

    Was soll uns hier die Lehre sein? Was geht daraus hervor? ­Selbst mit dem besten Freunde dein Im Walde nie spazor. —

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 17. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Also, nun hättest Du mich als Vater ereilt, mögest Du auch glücklich weiter kommen. Ich wünsche Dir und Deinen Kin­dern, was ich so dachte und träumte, wenn ich Viertelstunden lang in der Wochenstube weilte. Freue Dich Deines häuslichen Glückes, aber vergiß auch nicht zu sehr der Vereinsamten, denen es alles war und die es nun entbehren müssen. Mir tut der Anblick meiner Kinder noch immer weh, und ich hab unter ihnen schon manche Träne geweint. Nur äußerste Anstrengung meiner Geisteskräfte muß mir Erholung sein, und wenn ich dann abgespannt werde, daß mir die Nerven sind wie Glas und die Gebeine wie Scherben, so gehe ich nach Bezau, wo ich überall gut aufgenommen bin. Dort kann ich recht heiter werden, aber das Gleichgewicht findet mein Inneres nur am Schreibtisch. Auch nach Au komme ich viel, aber nur, um mich zu zerstreuen.

    Kurz, ich weiß nur von federfuchsenden Taten zu berichten. Meine Selbstbiographie langt bald bis zu meiner Vereh­lichung, womit ich dann den ersten Band und vorläufig das Ganze abschließe. Meinem Wible ist darin ein Denkmal gesetzt, wie es noch selten einer Wälderin wurde. Ob ich die Arbeit sofort veröffentliche, weiß ich noch nicht. Ins Reine geschrieben wird sie von einem Schreiber, für welchen Feur­stein sorgt. Im nächsten Monat wirst Du die Arbeit erhalten. Ich habe bei derselben meine besten Kräfte allmählich wieder gefunden. Wenn man bangt, noch einen Schritt vorwärts zu gehen, ist's Wohltat und Kräftigung, die zurückgelegte Strecke zu übersehen. Ich fand manche Rose wieder, und ein frischer duftiger Hauch wehte mich an. Ein aufmerksamer Leser meiner Arbeit freilich dürfte auch ahnen, wie manche Träne dabei floß, aber schon meine Sonderlinge beweisen, daß nicht alles herb wird, was ich mit meinem Herzblut schreibe. Ich vermag mich gestaltend von allem Quälenden zu befreien, und eben darum kann ich dann dabei wieder hell aufjubeln. Freilich laß ich mich oft zu frei gehen. Vielleicht wirst Du das nur zu oft finden, aber streichen kann ich immer noch.

    Die holländische Übersetzung der Sonderlinge ist da. Sie ist mit Fleiß und Liebe gemacht, auch recht schön ausgestattet. Ich kann's ziemlich leicht lesen, und es tut mir wohl, meine Gedanken in diesem Kleide zu sehen.

    Von Wien hab ich gute Nachrichten, doch nichts Bestimmtes. Bergmann schrieb mir, daß ein namhafter Betrag für mich bestimmt wird, jedoch erst in 6 Wochen Bestimmtes zu er­fahren sei. Von anderer Seite höre ich, daß meine Schriften in Wien immer mehr gelesen werden. Grillparzer und Halm sollen sich sehr dafür und für mich interessieren. Ich bin darum freilich nicht mehr und nicht minder, aber einem armen Teufel darf man auch die Freude am Erfolg, z. B. an einem Brief des Ministerialrats, nicht verübeln. Du siehst mich immer tätig, die Musen sind mir treu. Ich lerne meine Beschäftigung jetzt aufs neue lieben. „Die Welt in mir und ich in der Welt." Das hilft über viel hinaus, und man braucht sich nicht jeden Abend vor dem Schlafen behag­lich in eine fertige Rechnung für die Zukunft einzuwickeln, wie ich von früher her es nur zu sehr gewohnt bin. Ich habe Verlieren gelernt. Man besitzt manches, was man nicht hat, und kann etwas erst recht haben, wenn es verloren scheint. An meiner Nanni war mir das menschlich Beste wert vor allem, aber das geht nie verloren. Ich habe viel verarbeiten müssen, kein Mensch ahnt wie viel, und ganz allein, denn andere leben in ändern Gedankenkreisen. Ich stehe äußerlich allein, aber ich bin in der Welt und habe die Welt in mir, in mir hab ich sie mit blutsaurer Arbeit überwinden gelernt, und seitdem ist sie mir erst lieb.

    Was ich nun anfange, weiß ich nicht, und es ist mir ordentlich wohl, es nicht zu wissen. So hat man jeden Augenblick ganz, im ändern Falle nur als Teil eines auszuführenden Gedankens. Von Feurstein erhalte ich die Zukunft von Jakobi zugeschickt, die sehr interessant sein kann. Sie hat auch mit der Arbeiter­frage zu tun, und zwar nicht im Sinne Schulzes. Abends liest mir Mariann irgend etwas Schönes vor. Sie liest gern und ihr Vortrag gewinnt nach und nach einiges Leben. Daß das Mötele durch mich in Schaden kommt, glaub ich kaum. Es fordert 1 Fl. 12 Kr. Silber Wochenlohn. Ich zahle ohne Wider­rede, weil ich das Mädchen behalten und nicht mit kleinlichen Nörgeleien plagen möchte. Ich glaube aber, daß man auch mich gehen lassen sollte. Ich bitte Dich aber, einstweilen keinen Schritt für mich zu tun, bis ich mit Dir gesprochen habe. Das müßige Geschwätz macht uns beide zum Paar, vielleicht wirkt das. Ich will wenigstens jetzt noch dem allein alles zuschreiben, was ich sonst recht gemein finden würde.

    Ich hätte überhaupt manches mit Dir zu reden und komme vielleicht einmal ein Sprüngle hinauf. Wann? weiß ich noch nicht. Vielleicht unvermutet, aber jedenfalls nicht, bevor Du die Biographie gelesen hast. Grüße mir die Deinen, Gaßner, Bickel und alle, die sich um mich kümmern. Sag ihnen dabei, was Du willst über mein Befinden.

    Sei so gut, mir einmal die Zürcher Zeitung und Hildebrands Brief zu schicken; es hat aber nicht so Eile wie mit einer Antwort, die ich erbitten möchte.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 9. Februar 1869

    Sehr geehrter Herr Felder!

    Während dem Schützenfeste in Wien war ich als Gast in einer meinen Eltern und mir sehr befreundeten Familie Dr Sedlaczek auf eine ganz ausgezeichnete Weise aufgenommen.

    In Anerkennung der genossenen Gastfreundschaft wollte ich mei­ner sehr liebenswürdigen ebenso schönen als gebildeten Gastwir­thin Etwas aus meiner neuen Heimath senden. Die Wahl war keine schwere zwischen einen - „Wälderkäs" u. ?, und so sandte ich der Dame Ihre Werke die Geistesproducte eines jungen Dichters aus dem hintersten Bregenzerwalde, wie ich Sie zu nennen mir erlaubte, u. gab derselben zugleich eine kurze Lebenskizze von Ihnen, u. Mittheilung Ihres Kampfes gegen die verschiedenen feindlichen Elemente gegen die Aufklärung und den Aberglauben und fortschreitendes Wissen etc.

    Ich glaube nicht zu irren, wenn ich Ihnen durch Übersendung 2 Briefe dieser ganz ausgezeichneten Frau, die wie Sie sehen, sich in einflußreichen Kreisen ihrer Bekannten, sich sehr Ihrer annimmt, in Ihr durch den schmerzenden Verlust Ihrer seelig Frau tief gebeugtes Gemüth einige Tropfen lindernden Balsams zu senken. Genehmigen Sie die Versicherung meiner vollsten Hochachtung

    Ergebenst L Kofier

    Ludwig Kofler
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 9. Februar 1869

    Lieber Freund Felder!

    Schon glaubte ich von Dir ganz vergessen zu sein, als ich auf einmal wieder miteinem Brief aus deiner Hand erfreut wurde. Dem Vernehmen nach ist Dein Befinden ganz gut nur etwas einsam, was Dir nicht zu verdenken ist auf den Verlust des Liebsten, was Du hattest. Daß Du Ihr sowohl ein geistiges als auch ein phisisches Denkmal zu setzen gesonnen bist, zeugt von Deiner ächten tiefgreiffenden Liebe zu der Verblichenen. Es freut mich, daß Du mich hiebe! auch zum Mitarbeiter gewählt hast. Die Aufgabe ist aber eine sehr schwere nach der beigelegten Phothografie; er­leichtert könnte sie jedenfalls werden durch ihr hinterlassenes Töchterchen, welches ihr nach Deinem Bericht sehr ähnlich sehen soll.

    Da ich nächste Sommerferien ohnedieß heimkomme so können wir dann darüber mündlich sprechen u. ich glaube, daß ich dann jedenfalls im Bregenzerwald modellieren werde daran. Auf die Phothografie werde ich recht Acht geben, da es die Einzige ist. Meinen verbindlichsten Dank für Deine aufr. Gratulation zu meinem Preise. Leider habe ich davon keinen materiellen Nutzen. Wenn ich jetzt zum Bsp. Tiroler wäre so wäre mir ein Stipendium soviel wie sicher, aber in unserem fortschrittlichen industriereichen Vorarlberg muß die Kunst als ein Rückschritt betrachtet werden, da man für dieselbe garnichts thut. -

    Deinen neuen Roman hatte ich noch nicht Gelegenheit zu lesen, allein ich werde ihn sehr wahrscheinlich von Feurstein zu leihen bekommen u. freue mich recht darauf. Auch auf Deine Lebens­biographie bin ich sehr neugierig.

    Da es heute Faschingsdienstag ist so wirst Du mir meine Fehler so wie mein kurzes Schreiben entschuldigen u. mir erlauben hier meinen Schluß zu machen. Indem ich Dich nebst all meinen Bekannten herzlich grüße

    verbleibe ich

    Dein aufr. Freund

    G. Feurstein

    Georg Feuerstein
    München
    Franz Michael Felder
  • 8. Februar 1869

    Geehrter Herr Felder!

    Haben Sie die Güte uns die in der Oesterr. Gartenlaube bereits veröffentlichte Erzählung umgehend per Post einzusenden und Ihre billigsten Bedingungen mir zu stellen. Wollen Sie uns nicht eine neue größere Arbeit liefern? Ich würde die Roman-Zeitung pro 1870 gern mit einer schönen Dorfgeschichte von Ihnen einläuten. Der neue Jahrgang beginnt schon mit 1. October 1869 weil wirdes Absatzes in Amerika wegen dazu gezwungen werden. Deshalb schließt Jahrgang 1869 am 1. October u. enthält nur 3 Quartale.

    Ferner empfiehlt sich Ihnen

    hochachtungsvoll Ihr

    Otto Janke

    Anhaltstr. 17

    Otto Janke
    Berlin
    Franz Michael Felder
  • 3. Februar 1869

    Lieber Herr Landsmann!

    Sie werden mit vollem Rechte sehnsüchtig einem Schreiben in Folge Ihrer Zusendung, welche ich um Weihnachten erhalten habe, entgegensehen. Ich kaufte Ihre „Sonderlinge" und „Reich u. Arm" u. überreichte beide mit Ihrem Gesuche dem Ausschuße des hiesigen Zweigvereins der Schillerstiftung u. konnte bisher nichts Näheres als günstig lautende Vertröstungen erfahren. Heute erst auf meine Anfrage ward mir bekannt gegeben, daß der Zweigverein über Sie mit einem namhaften Betrage Sie zu betheiligen beschlos­sen hat.

    Nun hat aber die Sache an den Hauptverein in Berlin zu endlicher Beschlußnahme zu gelangen, welche - wie man mir sagt - in 4-6 Wochen erfolgen dürfte. So bald ich Weiteres über diese, für Sie wichtige Angelegenheit höre, werde ich Sie allsogleich in Kenntniß setzen.

    In aller Eile. In vollster Hochachtung verbleibe ich Ihr aufrichtiger

    Jos. Bergmann

    kk. Director

    III. Rennweg N. 6.

    Josef von Bergmann
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 3. Februar 1869

    Lieber Freund!

    Der Bub, der mir am 1. d. Ms. geboren wurde und seit gestern für immer Ferdinand Martin heißt, rumorte in seinem Käfig schon seit einem Monat derart, daß wir nie vor seinem Ausbruch sicher waren, was der Hauptgrund ist, daß ich jetzt erst zu meinem Schreiben an Dich komme. Ein Kerl, der solches Spektakel macht, bevor er eigentlich ist, verdient es, daß man ihn von Angesicht zu Angesicht kennen lerne, bevor man zur Tagesordnung übergeht. Nun alles in Ordnung ist, will ich über Deine werten Briefe vom 11. und 23. Dez. 1868 und 29. v. Ms. antworten, kann aber wieder nur flüchtig sein. ­Über ,Arm und Reich' habe ich nur weniges flüchtig hinge­worfen und wollte ich keine förmliche Kritik geben. Dazu braucht es offenbar mehr, als ich zu leisten vorhatte. Deine Einwendungen gegen das von mir Gesagte waren mir inter­essant und gehen mir, wie der Buchinhalt, viel im Kopf herum. Vielleicht kocht sich noch etwas darüber aus. ­Neulich hatte ich mit zwei jungen Geistlichen aus der Brixner Schule, deren einer von Egg und hier Kooperator ist, einen anregenden Disput über das Buch, war mir aber nicht mög­lich, sie zu überzeugen, daß Du eher die Licht- als die Schat­tenseiten der Wirksamkeit ihrer Schule hervorkehrst, und sie davon abzubringen, daß Du es auf Darstellen des Schattens abgesehen. -

    Den Brief von Hamm lege ich bei, der hauptsächlich inter­essant ist, weil er von einem österreichischen Ministerialrat kommt. Merkwürdig ist mir, daß die Liberalen, wie ich aus dem Urteil des Hirzel in der Zürcher Zeitung, aus dem des Byr in der Landes- und aus dem des Elsensohn in der Feld­kircher Zeitung sehe und aus dem Hamm'schen Schreiben entnehme, die Tendenz und Tragweite des Buches absolut mißverkennen. -

    Ich wünsche Dir den besten Erfolg beim Schillerverein, und wird voraussichtlich ergiebig geholfen werden. - Bei unserm Lese- und Bildungsverein bin ich allerdings von Anfang an mitbeteiligt gewesen. Er hat jetzt 52 Mitglieder und 32 Gäste. Letztere sind solche Beteiligte, die gegen Erlag von monat­lich 10 Kr. ö. W. an den Benefizien des Vereins teilnehmen und aber von Beschlußfassungen ausgeschlossen sind. Der Verein regiert sich durch alle Mitglieder selbst und hat nur zur Besorgung der Manipulationsgeschäfte einen Vorsteher und 4 Ausschüsse, ist durchaus demokratisch. Weil der Magi­strat durch Zuweisung eines Lokals und sonst sich Verdienste um den Verein erworben, wurde der Bürgermeister Wolf Vorsteher. Wie wenig die Fabrikanten bevorzugt werden, ergibt sich daraus, daß nur Andrä Gaßner, der 50 Fl. zum Verein spendiert hat, in den Ausschuß kam, und zwar mit den wenigsten Stimmen. Die ändern Ausschüsse sind Dr. Bickel, Oberlehrer Muther und ich. Da wir nach der jetzigen Beteilung über 3 bis 400 Fl. ö. W. jährlich zu verfügen haben, können wir für reichhaltige Lektüre sorgen und haben bereits soviel Zeitungen und Zeitschriften /: alle durch Mehrheit der Stimmen der Mitglieder gewählt :/, daß wir förmlich an Über­füllung leiden. Es können sich Liberale, Ultramontane und Demokraten satt essen, letztere freilich am wenigsten, sind aber von Haus aus an magere Kost angewiesen. - Der Lärm, der über diesen Verein in den Zeitungen geschlagen wird, geht von den Liberalen aus, die sich überhaupt keck vor­drängen. Sie drängen sich auch zu Vorträgen, die jedermann gestattet sind, heran und wollen Proselyten machen. Daß sie rührig sind, muß man ihnen lassen, und daß sie ihre besten Kräfte ins Feld schicken, auch, aber für Bludenz werden sie doch nicht gefährlich. Höchstens können sie es zu einer Spaltung bringen und zu einem Rückzug der völlig ohn­mächtigen Ultramontanen. Wenn es hier einmal eine Aufrüt­telung gibt, die einen Namen hat, werden ganz andere als liberale Losungsworte ausgegeben. Das Volksblatt erhalte ich seit Neujahr wie Du und bin schon zweimal zum Mitarbeiten aufgefordert worden, wobei Vonbank die sonderbare Ansicht aussprach, ich und die Unterschreiber des Programms seien zum Arbeiten einfach verpflichtet. Ich habe ihm noch nicht geantwortet. -

    Sei so gut, beiliegenden Brief dem Bruder Pius zu geben. ­Dir und den Deinen alles Gute zum Neuen Jahr. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund                                  K. Moosbrugger

    Wenn Du zu mir kommen willst, bist immer Gast, kann aber nicht verschweigen, daß die Zimmer meines jetzigen Quar­tiers alle nahe beisammen sind und es fast unmöglich ist, Ruhe zu haben, da ich bereits selbneunt bin. -

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 31. Januar 1869

    Verehrter Herr Felder!

    „Reich und Arm" ist es, was mich veranlaßt, Ihnen ein Briefchen in Ihre Berge zu senden; die Freiheit dazu darf ich mir, wie ich glaube, nehmen, da ich die Ehre hatte, Sie in Leipzig persönlich kennen zu lernen und durch den Germanistenclub und Ihre Werke mit Ihnen immer in einiger Berührung stehe. Denn die Briefe, welche Sie an den Herrn Professor Hildebrand schreiben, sind ja Gemeingut des Clubs und stehen oben auf der Tagesordnung; Nümmamüllersaber und die Sonderlinge und Reich und Arm rufen mir immer die wenigen, aber genußreichen Stunden, die Sie mir in Leipzig geschenkt haben, lebhaft in die Erinnerung zurück. - Seit ich Ihre Werke kenne und schätzen gelernt habe, ist es mein eifriges Bemühen gewesen, dieselben in die Kreise, welche ich berühre, einzuführen und ich habe an diesen Bestrebungen nur große Freude gehabt; besonders Reich und Arm hat Ihnen im Herzen manches Lesers für immer einen Ehrenplatz erworben. Wer den Anforderungen, die Sie an den Leser Ihrer Bücher stellen, genügt, der wird mit stillem, wehmütigen Entzücken „Nümmamüllers", mit hoher Bewunderung „Reich und Arm" lesen. Was sind aber Ihre Anforderungen? Sie verlangen, scheint mir, daß Ihnen von den Lesern ein gutTheil Gemüt entgegengebracht wird, was freilich nur der kleinere Theil des romanlesenden Publikums in dem Maße besitzt, wie es Ihre Werke verlangen. Ich habe die Freude und den Genuß gehabt, in einem kleinen, gemütvollen Familienkränzchen Ihr „Reich und Arm" vorzulesen und denke mit großer Genugthu­ungan die schönen und oft wahrhaft weihevollen Stunden, welche ich durch Ihr Buch den Mitgliedern des Kränzchens bereiten konnte. Es ist wahr, ich habe gewiß bei weitem nicht gut genug vorgelesen und fühle das am meisten in dem Glauben, daß ich es ein zweites Mal besser machen würde, aber doch haben wir Alle, glaube ich, das Werk so genossen, daß der Autor selbst, wenn er Zeuge gewesen, seine Freude daran gehabt hätte. Und es ist nun vor Allem der Zweck dieser Zeilen, Ihnen den innigsten Dank des genannten Lesekränzchens für die schönen Stunden darzubringen, die „Reich und Arm" bereitet hat. Felder ist hier sehr gern gesehen; die erste Sprengung der zarten Kränzchenkasse wird die Sonder­linge erwerben und das Übrige folgt nach. Möge Ihnen, verehrter Herr Felder, Ihre Muse noch recht Viel des Schönen und Edeln und Großen eingeben und möge der Dank Einzelner recht bald den Dank der Nation nach sich ziehen. -

    Am Schlüsse dieser Zeilen erlaube ich mir eine Bitte auszuspre­chen, bei welcher Ihnen vielleicht meine Person wieder ins Gedächtniß kommt. Wir waren selbander ein Stündchen im Rosen­thale spazieren gegangen und begaben uns dann in den Garten des Hotel de Saxe. Hier versprachen Sie mir, Ihre Photographie in meinen Besitz gelangen zu lassen. Da ich Sie aber vor meiner Abreise nach Baiern nicht wiedersah so ist die Bitte wahrscheinlich von Ihnen vergessen worden. Ich erinnere Sie nun hierdurch an Ihre Zusage und bitte Sie, mir recht bald Ihre Photographie zu schicken, wo möglich auch eine für das Album des Kränzchens beizulegen, dessen großen Dank Sie sich dadurch erwerben würden. Leben Sie wohl; es grüßt Sie

    freundlichst und hochachtungsvoll

    Ihr

    Carl Reuther.

    p.A. Herrn Kfm. Worms. Leipzig Schützenstraße 16, 17.

    Carl Reuther
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 30. Januar 1869

    Lieber Freund!

    Ich habe noch kurze Zeit, wenn mein Brief den schnellfüßigen Auerboth noch erreichen soll. Deßwegen in Kürze folgendes: Karl hat bezüglich dem Schneider das nöthige gethann. Das Comitee des Lesevereins hat beschlossen auf nächster Ver­sammlung der Mitglieder, welche am Fastnacht Dienstag um 1 Uhr Nachmittag in Ellbogen statt findet, den Leseordnungs-Entwurf vorzulegen, dessen Hauptbestimmung dahin lautet, daß Mitglieder per Monat 12 Kr Ost Whr u. Nichtmitglieder 20 Kr Ost Whr bezahlt werde, u. daß den Lesern in auswärtigen Gemeinden nach Verlauf des Jahres 1/4tel der bezahlten Lesegebühren zurückbezahlt werde, als Vergütung für ausgelegte Postgebühren. Zur Berathung u. Beschlußfassung kömmt auch die Anschaffung von Büchern.

    Diese Gegenstände sind sehr wichtig deßwegen wäre es sehr am Platze wenn du mit einigen ändern herauskommen würdest; ich erwarte dich.

    Die Post fordert mit aller Energie die Eine Nummer der mir doppelt zugesannten „Zukunft" sei so gut mir dieselbe sogleich zu schicken.

    Ich möchte gerne bei dir sein um dich wenigstens auf kurze Zeit, von melancholischen Gedanken abzuhalten, nicht wahr am Früh­jahr kömmst du wieder einige Zeit zu mir? Ich habe keine weitere Zeit u. verbleibe mit vielen Grüßen

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 29. Januar 1869

    Lieber Freund!

    Es scheint mir unmöglich, von Dir ein Schreiben zu erwarten. Auch seit meinem letzten Briefe ist es so lang, daß ich dessen im Drange vieler Arbeit entstandenen Inhalt wieder völlig vergaß. Es ist daher möglich, daß ich heute bereits Ge­meldetes wiederhole.

    Fräulein Gaßner hat bereits geantwortet und auch deren Schwesterchen legte ein Briefchen bei, welches die Schreiberin als eine interessante Schwärmerin erscheinen läßt. Ich bin auf diese Weise nun in den gewünschten brieflichen Verkehr mit Scherer gekommen und habe so meinen im Auge ge­habten Zweck erreicht.

    In Wien wird sich's dieser Tage zeigen, was mein Name und was meine dortigen Freunde vermögen. Du wirst Hamms Brief wohl gelesen haben? Ich schickte ihn Dir und hoffte, gleich Dein Urteil zu erfahren. Es wäre schlimm, wenn mein Eigensinn in einem Stück Dir die Korrespondenz mit mir verleidete. Dann käme ich gleich hinauf, läse Dir tüchtig den Text und bliebe Dir und Deiner Frau wenigstens eine halbe Woche auf dem Hals, wozu ich auch sonst fast Lust hätte. Ich sehne mich zuweilen recht nach Bewegung, denn wenn ich hier bin, vermag ich mich nur durch unausgesetztes Ar­beiten von quälenden Gedanken zu befreien. Anderwärts kann man doch in gute Gesellschaft, wenn's einem zu Hause nicht mehr behagt.

    Wie geht es dem Leseverein? Ich versprach mir etwas davon, bis ich in der Feldkircher Zeitung davon las, jetzt aber zweifle ich an Deiner Mitgliedschaft. In Bezau haben ich und Feur­stein die Anregung gegeben, als die übrigen einen Verein der Verfassungsfreunde gründen wollten. Daß ich nun unsere Bibliothek in Schoppernau - versteht sich unter Bedingungen - nach Bezau wandern lasse, ist natürlich, denn ich errichtete sie fürs Land. Die Statuten beruhen auf demokrati­scher Grundlage, so daß die Sache den Liberalen so sehr wie den Ultramontanen im Magen liegt, obwohl die Feldkircher Zeitung endlich gute Miene zum bösen Spiele zu machen sucht. - Das Volksblatt erhalte ich unbestellt und bin auch zur Mitarbeit eingeladen worden.

    Bisher aber bin ich mit meiner Biographie beschäftigt. Ich hoffe, das Werk werde auch Dir nicht mißfallen. Das ist nun einmal etwas Reelles, und ich finde so nebenbei für manches Platz.

    Feurstein in Bezau will meine Gedichte sammeln und drucken, um mir zu zeigen, wie vorteilhaft der Selbstverlag wäre. Ich werde Dir die zur Veröffentlichung bestimmten Arbeiten vor­legen.

    Das Vorsteherle hat nun geheiratet und Galli auch, wie das Volksblatt erzählt, in dem ich mit Staunen auch einen Artikel von E. Keßler fand. Die holländische Übersetzung der Sonder­linge ist nun heraus, und ich denke, sie dem Museum zu senden.

    Schreibe bald. Mit Gruß, auch an Deine Therese, die mir ihr Bild schicken soll, und Handschlag Dein Freund     F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 23. Januar 1869

    Lieber Freund

    Heute in aller Eile nur die Mittheilung daß nun mein Mündel ungedultig wurde.Ich habe daher nach Dornbirn an einen Schuhmacher geschrieben und einen Platz bekommen u. Karl hat also nur noch für den Schneider zu sorgen u. ich hoffe, daß das jetzt um so schneller geschieht. Vergiß doch die fliegenden Blätter nicht. Ich arbeite wieder wie verrückt, um melancholische Gedanken ferne zu halten. Für heut,  obwol  ich dir noch etwas sagen  möchte,  muß ich schließen.

    Mit herzlichem Gruß auch an deine Frau

    Dein Freund

    Felder.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 22. Januar 1869

    Liebster Freund!

    Gestern Abends spät hab ich Deinen Brief gelesen und mich gefreut, daß mein Juhei auch in Leipzig ein Widergeben zu Wege bringen konnte. Mariannens Abschrift hättest Du auch behalten können. Es hat das gute Kind recht gefreut diesen Brief abschreiben zu können. Ich war damahls recht fröhlich, während es sonst oft einen recht traurigen Arbeitgeber hat, so daß ich selbst es oft bedauern muß, ohne mir und ihm auch mit dem besten Willen helfen zu können. Mit der Bevölkerung lebe ich nun ziemlich in Frieden. Zwar viele scheuen mich noch, aber der offene Kampf ist zu meinem Vortheil ausgegangen und Rüscher gilt für einen todten Mann. Der Kampf war nicht umsonst, er hat anregend und aufklärend im ganzen Ländchen gewirkt. Mir kommt man jetzt überall freundlich entgegen und hört auf mein Urtheil. Die Vereinssennerei in Bezau will den Vereinsstifter mit Überreichung einer schönen Taschenuhr beehren, deren Emp­fang ich Dir bald werde melden können. Von meinen Freun­den im ganzen Ländchen wird die Sache absichtlich recht öffentlich und großartig gemacht, um meine Gegner zu ärgern.

    Wenn ich so wochenlang eingesperrt lebe, kommt mir mein Dasein so zerrissen vor, daß ich allen Muth zusammen nehmen muß, um alles ertragen zu können, das Wible fehlt mir im­mer und überall. Es war mir Auge und Hand. Früher sagte man mir, die Zeit werde vieles heilen, ich hoffe das auch, aber bisher hab ich selbst alles thun müssen; die Zeit hat wenig erleichtert. In letzter Zeit war, damit alles fehle, mein Schreiner krank, der Uhrenmacher ist fort. Ich hatte nur Mariannen. Jetzt ist der Schreiner wieder zweg und wird uns bald besuchen können, wenns einmal nicht mehr gar so grimmig kalt ist. Schnee haben wir jetzt viel zu wenig so daß die meiste Winterarbeit noch ungethan ist. In Bezau draußen ist noch gar kein Schnee. Ich kam letzte Woche hinaus, denn auf meine und Anderer Anregung hin wird nun in Bezau eine Landesleihbibliothek errichtet, der ich auch die Unsere zu verschmelzen gedenke. Es wurden schon mehrere Ver­sammlungen abgehalten. Etwas Geldmittel sind zusammen­gebracht und das gemeinnützige Unternehmen ist gesichert. Auch in Bludenz, Götzis, Dornbirn und Bregenz sollen solche Bibliotheken als Gegenmittel gegen die Kasinos errichtet wer­den. Ich kann meine Freude darüber nicht läugnen, daß wir Schoppernauer etwas voran waren, und gleichsam die ersten Lanzen für die Sache gebrochen haben. Am letzten Montag hatten wir hier die größte Bauernhoch­zeit, die wir seit lange gesehen. Die Braut, ein nach hiesigen Begriffen reiches Mädchen ist von Au. Einer meiner Schul­freunde, Du lernst ihn aus meiner Selbstbiografie kennen, hat seit Jahren ein Verhältniß mit ihr, aber der fromme Vater wollte sie nicht in das gottlose Schoppernau lassen. Nun kannst Du Dir die Bedeutung dieses Festes denken. Alle Grö­ßen des Landes waren nach Schoppernau gekommen, um der Verlobung ihrer Base oder ihres Vetters beizuwohnen. (Ihre Freundschaft ist überall verzweigt). Abends trat ich vor 3 Geistlichen und 2 - 300 Zuhörern als Abdanker auf. Ich schreibe Dir das nur, um Dir in einem Bilde Sieg und Ver­söhnung zu zeigen. Vor einem Jahr wäre so ein Fest so un­möglich gewesen als seine Veranlassung. Als ich den Vater des Hochzeiters und den der Braut während meiner Rede beisammen sitzen sah, mußte ich unwillkürlich an Sepp und Barthle denken. Im Verkehr mit der Umgebung wird mir jetzt manche Freude, aber als giftiger Tropfen mischt sich im­mer der Gedanke ein: Du Armer kannst das nicht mehr mit Deinem guten Wible theilen, die doch auch mit darum ge­kämpft, geduldet und ausgestanden hat. Noch arbeit ich an der Selbstbiografie, in der Du auch das Gewünschte von der Siegfriedsage finden wirst. Ich kann Dir allenfalls die ersten Kapitel mit der Sage schicken, wenn Du glaubst, daß sie mit Angabe der Quelle benützt werden kön­nen. Ich denke den ersten Band und vorläufig das Ganze mit meiner Verehelichung abzuschließen, doch bin ich noch lange nicht so weit. Von einem Herren Birlinger in München weiß ich nicht mehr als den Nahmen und was Du mir ge­schrieben hast. Seine Bemerkungen können und müssen aus meinen Erzählungen sein. Molken kommt schon im Nümma­müller vor z B S 228.

    Kurat Herzog bittet,  ihm wo  möglich die Zeichnung oder Beschreibung einer Fisharmonika zu schicken. Ich schließe mit den herzlichsten Grüßen, auch von Marian­nen und der Mutter, an Dich, Deine Frau und alle Freunde. Schreibe bald wieder Deinem einsamen Freund

    F M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 21. Januar 1869

    Vielgeehrter Freund!

    Als ich heute Abends von einem Geschäftsgang heimkam, wurde ich sehr freudig überrascht, als ein Junge in meiner Werkstätte saß u. mir einen Brief von Ihnen überreichte. Als ich ihn las fand ich erstens, daß Ihnen sehr viel daran lag, einen Ihrer jungen Vetter auch ein selbständiges Gewerbe (das Schuhmacherhandwerk) erlernen zu lassen u. zweitens, die herzlichsten Glückwünsche zum Jahreswechsel.

    Die beiliegenden Erinnerungsbildchen oder Andencken, von Ihrer treuen, sei. Gattin haben mich tief ergriffen u. herzlich gefreut u. werde sie nächstens unter die damaligen noch ahnungslosen Reisegefährten austheilen.

    Bezüglich der Bitte die Sie an mich stellen, bin ich in der angeneh­men Lage Ihnen u. Ihrem Mündling dienen zu können, indem ich einen Lehrjungen brauche. Es hat zwar vor einigen Wochen bei mir Einer angefragt, dem ich - aber nicht gewiß, doch in Aussicht gestellt habe, bei mir eintreten zu können; er hat sich aber bei den Bedingungen so ziemlich hölzern benommen u. ich zweifle sehr, daß er sich einfinden wird.

    Die Bedingungen wären folgende: erstens, 2 1/2 Jahre Lehrzeit, zweitens, 60 Gulden Lehrgeld u. zwar wie es hier allgemein üblich; die eine Hälfte beim Eintritt, die andere bei der halben Lehrzeit; drittens, da er zu weit von Haus entfernt ist weitere 10 Gulden für waschen u. flicken u. viertens hat er 14 Tage frei, wenn es ihm nicht passen sollte, wieder auszutreten. Noch habe ich zu bemerken, daß die obigen Bedingungen sich im Durchschnitt hier höher als niedriger belaufen; zudem würde ich mir Mühe geben ihn so gut wie möglich vorwärts zu bringen, da ich die Lehrjungen immer selbst beaufsichtige, während sie vielfältig nur den Arbeitern überlassen sind. In meiner Nachbarschaft wohnt noch ein guter Meister, der auch einen bedürfte, da aber die Zeit zu kurz ist um bei demselben anfragen zu können, da Ihr Bote wieder zu schnell abgeht. Sollten Sie es jedoch wünschen so werde ich mit größtem Vergnügen bereit sein mit ihm darüber zu sprechen. Nun hätte ich dann auch noch eine Gegenbitte zu stellen. Da ich weiß, daß Sie Sich alle mögliche Mühe geben das Volkswohl zu befördern u. die Arbeiter Ihnen besonders auf dem Herzen liegen, so möchte ich Sie innigst bitten, mir über meine Wünsche Auskunft zu geben.

    Es geht in meinem Kopfe schon längere Zeit der Gedancke herum, einen Roh Stoff verein für Schuhmacher zu gründen, findet aber bis dato keinen richtigen Ausweg, denn unsere Meister sind in dieser Beziehung noch sehr weit zurück, u. somit finde ich nirgens eine mitrathende Stimme. Nun will ich einiges über unsere Verhältnisse mittheilen. Wir haben Größere u. Kleinere, bemittelte u. unbemit­telte, kreditvolle u. kreditlose Schuhmacher wie überall. Die Größern oder die Bemittelteren kaufen die Rohstoffe freilich aus größeren Häusern, aber immer noch nicht so billig als wie in einem Verein.

    Die Kleinern oder Armen, die sind traurig daran, denn sie müssen die Rohstoffe immer im Kleinen u. Einzelnen von den Krämerseelen kaufen u. somit immer 20 - 40% aus ihrem armen Geldbeutel schwitzen, u. können zudem nicht einmal denselben Preis verlan­gen für die fertige Waare wie die Erstem. Und eben das ist es, dem ich gern entgegen steuern möchte. Ich habe zwar schon eine Zeitschrift bestellt (Blätter für Genossenschaftswesen v. Schulze Delisch) möchte aber noch Wercke oder Anweisungen wie diesel­ben gegründet u. geleitet werden. Ich habe mir vorgenommen mit meinen Ideen nicht eher ans Tageslicht zu treten, bis ich einigerma­ßen vorbereitet u. somit im Stande bin allenfalsige Vorurtheile bekämpfen zu können, damit nicht etwas ins Leben gerufen wird um desto schneller wieder absterben zu können. Nun möchte ich Sie schließlich nochmals im Interesse der armen Schuhmacher innigst bitten mir solche Wercke schriftlich zu bezeichnen, damit ich sie kaufen kann.

    In der Hoffnung einer baldigen Antwort verbleibe ich mit vielen Grüßen

    Ihr ergebenster Freund Joh. G. Luger

    Nachschrift: Da ich in Eile u. bei Nacht schrieb versündigte ich mich wieder die Briefordnung, indem ich den Brief verkehrt anfing u. in der Eile fortfuhr bis gegen Ende u. dann erst die Beobachtung machte; Bitte daher um gütige Nachsicht.

    Johann Georg Luger
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 15. Januar 1869

    Lieber ferner Freund,

    Ferner - ich hab Dich nämlich erst gestern Abend noch nahe gewünscht, es ist doch schrecklich weit bis da hinauf und da hinter in Euren Bergwinkel, den der liebe Gott versteckt und noch dazu fast zugemauert hat. Heute früh auf einem Mor­genspaziergange sah ich genau um 8 Uhr den Sonnenball eben aufgegangen über dem Himmelsrande stehn, dicht neben Keils Palaste (in dem jetzt Dr. Laube aus Wien wohnt), und dachte mich da vergleichend nach Schoppernau. Aber vor allem erst mein Juchhe! zu Deiner letzten Nachricht. Die Sache ist vielleicht nun schon entschieden? Glück zu! und möge nur bald mehr folgen. Mich haben die mitgeschickten Briefe lebhaft gefreut, mir ward etwas leichter ums Herz an der Stelle wo die Sorge um Dich sitzt, und auch die Meinen waren voll Freude, und Abends der Club usw. Eigen ist, daß Dir nun auch in Wien ein Sachse, ein Leipziger behülflich sein muß. Soll denn nicht Min. Herbst etwas für Dich inter­essirt sein?

    Gestern liefen endlich auch die holländischen Sonderlinge ein. Ich setzte mich Abends gleich drüber und verglich. Die Arbeit ist mit unverkennbarer liebevoller Hingebung gemacht, sorgfältig und verständig. Doch fand ich eine abscheuliche Verballhornung. Im 2. Bande S. 261 des Urtextes ändert er die Worte „Sepp hatte den Hals aus der Schlinge gerissen" so: Durch den Sprung war sein Hals aus der Schnur geschos­sen (gefahren)! Er hat also nicht verstanden, daß Sepp eben nicht springt. Überraschend war mir die lange Einleitung, mit einer vollständigen Übersetzung Deines Aufsatzes in den Grenzboten; hättest Du nur dazu erst den ursprüng­lichen Text herstellen können! Wehmütig war mirs, Dein „Wible" (so ist sie genannt) noch als lebend und webend behandelt zu sehen. Das hätte sie noch lesen sollen! Es steht eine ganze kleine Charakteristik von ihr da, nach brieflichen Andeutungen von mir. Nun kannst Du mit Deiner Mariann und dem Schreiner usw. an dem Holländisch kauen! Wäre nicht etwa in Bezau oder weiter in Bregenz ein holländ. Wör­terbuch zu haben? Geschickt sind 6 Exemplare, vier wird Dir Hirzel zuschicken. -

    Ich bin nun wirklich Universitätsprofessor, seit der Scheide des alten und neuen Jahres, die wir im Gevatterkränzchen ernst fröhlich gefeiert haben mit Punsch und Gesang; Meiß­ner begrüßte mich mit einem ernsthaft scherzhaften Toast. Nun hab ich die Schule hinter mir und richte mich innerlich und äußerlich auf mein neues Leben ein, es gibt unendlich viel Gedankenarbeit, aber fast nur fröhliche. Vorlesungen halten werde ich aber erst im neuen Halbjahr, vielleicht kannst Du bei mir hospitieren, wie Dus ja im Kleinen schon in meinem Garten wie in meiner Stube gethan hast, selbst als Mitwirkender.

    Seit gestern ist endlich auch Winter bei uns, d.h. etwa 6 Grad Kälte, aber kein Flöckchen Schnee, darans wol bei Euch nicht fehlen wird.

    Ich hab auch noch für die mitgeschickten Gedenkblätter zu danken, wie nennt Ihr sie? Eins hab ich Hirzeln gegeben, das zweite will ich Thiemen geben. Dabei fällt mir ein, Du sag­test mir einmal Eure Namen für Raupe, Puppe und Schmetter­ling, ich hab sie aber vergessen und möchte sie doch notie­ren, bitte schreib mir sie einmal mit. Auch die Siegfriedsage bei Euch bist Du uns noch schuldig; wenn Du sie bald schickst, kann sie in Zarnckes vierter Nibelungenausgabe, wo er alle Zeugnisse für die Sage sammelt, mit angeführt werden. Kürzlich find ich Dich zu meinem Staunen in einem Buch von Birlinger in München citiert, wo er oft Formen und Wörter aus dem Bregenzer „Hinterwald" anführt, auch mit Deinem Namen. Du mußt ihm doch also eine Sammlung geschickt haben? Wie bist Du aber zu ihm gekommen? Mich interessiert der Mensch, er ist eigentlich Weltgeistlicher, hat besonders in kathol. Kreisen hohe Gönner gefunden, die aus ihm ein Licht der kathol. Wissenschaft auf unserm Felde machen wollten, ist aber bis jetzt nichts als ein Sudler gewesen. Einmal schreibt er: „Im Bregenzer Wald noch das Molken, Butter und Käse, überhaupt alles was aus Milch bereitet wird (Fel­der)". Sind das Deine Worte? Aber genug für dießmal, zumal mir eben nicht recht wohl ist.

    Also nochmals gut Glück, Freund, mit Grüßen von meiner Frau und Deinen Freunden hier

    Dein Rud. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 13. Januar 1869

    Lieber Freund!

    Vor allem herzlichen Glückswunsch zum neuen Jahre dir, deiner Frau und allen deinen Lieben.

    Es freut mich, wieder Gutes von euch zu hören. Euer Unternehmen wird doch jedenfalls ein gemeinnütziges sein. Ich erwarte so bestimmt, euere Bibliothek sei fürs Land, daß ich mein früher gegründetes Institut damit zu verschmelzen wünsche. Freilich hab ich dir das schon gesagt und, offen gestanden - ich habe euere Einladung bereits erwartet. Da sie aber nicht kommt muß ich mich an euch wenden bevor ihr mit dem Anschaffen von Büchern be­ginnt.

    Wir besitzen doch Dieß und Jenes was ihr jedenfalls auch anschaf­fen müßt. Vor einem Jahr hatte ich noch für mein Unternehmen zu kämpfen. Damahls würde ich um alles nicht gewichen sein. Jetzt aber betrachte ich die Verschmelzung nicht als ein Weichen, sondern als einen Sieg. Hier würde ein Zweigverein des Euern bleiben. Dadurch bliebe mancher Gulden erspart oder könnte besser verwendet werden, als für Werke, die bereits schon im Lande sind.

    Freilich müßtet ihr unsern Handwerkerverein ein wenig schadlos halten. Er hat im Ganzen 50-60 fl. ausgelegt, eine Summe also, die schon Pierer's Universal-Lexikon, welches wir haben, bei jedem Antiquar kosten würde.

    Am nächsten Montag feiern wir unser Vereinsfest. Solltet ihr auf meinen Gedanken eingehen wollen, so müßte ich dann meinen Antrag stellen und dann zu euch kommen um mit euch zu verhandeln. Bringe Herrn Dr. Greber Herrn Bezirksförster und dem ganzen Comittee meinen Gruß, theile den Inhalt dieses Briefes mit und sorge ja dafür daß ich am Sonntag Antwort habe d. h. schreibe am Freitag an mich und las den Brief gleich auf die Post bringen. Ich hoffe, daß mein Antrag freundliche Aufnahme finde und verbleibe in Erwartung der versprochenen Fliegenden Blätter u. einer Antwort

    dein Freund F M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 12. Januar 1869

    Lieber Herr Felder!

    Als ich Ihre freundlichen Zeilen erhielt hätte ich mich lieber gleich wieder hiengesetzt, um für die äußerst liebenswürdigen Worte zu danken, doch kam mir eben noch zur rechten Zeit rettend der Gedanke, dieser Überfall könnte Sie erschrecken. Ruhig wartete ich bis heute, doch jetzt leidet es mich nimmer länger, ich muß Ihnen sagen Herr Felder wie tief und warm mich der Inhalt Ihres Briefes berührte.

    Es gibt Leiden für die dem Menschen jede Bezeichnung fehlt ­Wahnsinn wäre daher sich zu vermeßen, tröstend eingreifen zu wollen. Doch sagen darf ich Herr Felder, daß Ihr Kummer in meinem Herzen lautes Echo fand, und daß ich Ihnen in das neue Jahr den Wunsch mitgebe, die Zeit möge bei Ihnen heilen, was der Gegenwart unmöglich scheint. Überhaupt dürfen Sie, lieber Herr Felder überzeugt sein, daß ich beim Beginn des Jahres 69 auch den stillen Bregenzerwald nicht vergaß, ich kehrte unbemerkt in Ihrem trauten Heim zu Schoppernau ein, und hinterließ dort meine aufrichtigsten Glückswünsche, die erfüllt zu sehen, ich von der Zukunft erwarte.

    Ihr Entschluß - „von nun an sei die Welt mein Haus" hat mich mit sehr widerstreitenden Gefühlen erfüllt. Wie freudig ruft Ihnen diese große Familie ein herzliches „Willkommen" entgegen; doch wie trauert sie auch mit Ihnen über die Ursache, die Ihnen dieser Ausruf abgerungen!

    Ihr Intereße für Herrn Dkt. Scherer bringt mich Ihnen näher, denn er gehört zu meinen liebsten Bekannten.

    Wie angenehm überraschte mich die Herausgabe des Dichterwal­des, mit dem er so freundlich war, mich zu Weihnachten zu überraschen. Es soll das die schönste Sammlung lyrischer Gedichte der Neuzeit sein!

    Er beklagt sich in seinen letzten Zeilen über seine angestrenkte Thätigkeit. Bevor er den Dichterwald herausgab mußte er eine solche Anzahl Gedichte durchkosten, daß er vorgibt er habe für lange Zeit genug davon, was ich nicht hoffen will, da er mich hin und wieder mit eigenen Produkten beglückt. Die Adresse an: Georg Scherer Dr in Stuttgart- Langestraße N 4. wird ihn finden, ein Brief von Ihnen wird ihm sicher sehr willkommen sein! Ich konnte es nicht unterlassen ihn mit Ihrem warmen Interesse bekannt zu machen. Für heute: „gute Nacht", Herr Felder, ich will hier nur noch meine besten Grüße der kleinen Kinderschar beifügen. Von meinen Eltern soll ich Ihnen alles Freundliche sagen, mein Schwesterchen dankt selbst für den lieben Gruß. Ich sage: „auf Wiedersehen", weil ich in mir die Überzeugung trage, daß Sie mir das freundliche: „grüß Gott" nicht vorenthalten werden, wenn ich den Wunsch habe, wieder einmal einzukehren in dem fernen stillen Hause zu Schoppernau, als Ihre ergebene Freundin

    Hedwig Gassner.

    Bludenzden 12/1 69.

    Was vermag nicht alles ein freundlicher Gruß - ist imstande Schranken zu brechen die meine Schüchternheit nie überwunden hätte - und so sitze ich denn hier um den Zeilen meiner lieben Schwester auch meinen herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahr beizufügen. — Eine glückliche heitere und gesunde Zukunft möge Ihr Loos sein - dieser Wunsch enthält alles - ja alles was ich sagen wollte, und von treuem warmen Herzen dickdirt wurde. - erfüllt sich derselbe - so werden viele damit beglückt. - Ja möge die Vorsehung, die Ihnen so tiefe und schmerzliche Wunden geschla­gen hat - der Zeit den lindernden Balsam in die Hand geben - der alles bittere und schmerzliche vergessen macht. ­Indem ich bitte mir meine Freiheit nicht übel zu nehmen, zeichne ich mich mit herzlichen Gruß-

    Natalie Gassner

    Hedwig und Natalie Gassner
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 10. Januar 1869

    Lieber Freund!

    Vor allem ein recht gutes neues Jahr! Das wünschte, wünsche und werde ich Dir wünschen zu jeder Zeit. Diesmal komme ich mit meinem Glückswunsch aus dem Grunde hintendrein, weil ich einen Knaben zu einer Prüfung vorbereite und seit etlichen Wochen alle freie Zeit mit ihm zubringe, und Dir meinem Versprechen gemäß einen längern Brief zu überschicken im Sinne hatte, als dieser am Ende werden wird. Dem heutigen Sonntag will ich nun ein Paar Minuten für Dich wegnehmen,  um meinem Versprechen theilweise zu genügen. Das, was ich Dir zu berichten mir früher vornahm, werde ich einer mündlichen  Besprechung vorbehalten,  da  ich  neuerdings die Erfahrung gemacht habe, daß man nichts schriftlich in die Welt hinaus schicken soll, was man nicht, wie es Deine Gewohnheit ist, unversiegelt auf die Post geben mag. An mein letztes Schreiben anknüpfend, wiederhole ich ein altes Sprichwort, „daß der Schein oft trügt". Wer sich Menschenkenntnis zu sammeln bemüht hat, wird daseinsehen.-Wem es zu kalt ist, in Wirklichkeit u. im Ernste, der wird sich einheizen, wenn er zu Hause bleiben will, nicht beim Fortgehen. Durch Duzende von Histörchen, die aber wahrscheinlich größtentheils jedem Ohre werden verschwiegen bleiben, könnte ich die Wahrheit des Gesag­ten und Gedachten darthun. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an den Disput in der Bunt bei meiner letzten Ankunft in Vorarlberg. Wer hatte damals recht? Vielleicht keiner ganz. Im Ganzen wird sich aber doch die Wahrheit auf meine Seite neigen u. das wahrscheinlich, ich möchte fast sagen sicher, bedeutend. Leider. Ich erinnere Dich nur noch auf einen Mann, den ehemaligen Pfarrer von Mittelberg, Math.

    Nun ein Paar Worte von mir speziell: Nach meinem letzten Beileidschreiben gieng ich einer Einladung folgend noch ein Paar Wochen aufs Land. Jetzt wohne ich Wien, IX Bezirk, Badgasse No 7. Thür 12. Ich bin Gottlob gesund, habe ziemlich weite Wege zu machen wegen Lektionen, u. stehe so, daß ich exestiren kann; im Momente bereite ich, wie schon erwähnt, einen Knaben zur Prüfung vor, was mir alle sonst freie Zeit raubt. Hoffendlich wird die Zeit auch Deinen Schmerz über den Verlust Deines trefflichen Weibes gelindert haben und immer mehr lin­dern. Bedenke nur, daß der glücklicher zu nennen ist, welcher das besaß, was Wenigen zu besitzen vergönnt ist, als der, der es nie besaß. Und ein Weib so edel wie das Deine war, haben sicher sehr sehr Wenige. Auch in Deinen litterarischen Arbeiten wünsche ich Dir viel Glück, u. indem ich Dich ersuche, beiliegenden Brief an der Addresse zu übergeben u. alle meine Freunde zu grüßen zeichne ich mich als das was ich immer bleibe als Deinen Freund

    Jochum.

    Franz Xaver Jochum
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 8. Januar 1869

    Lieber Freund!

    Dein Schreiben habe ich erhalten und dem Comite vorgelegt. Nach den bereits berathenen Statuten die im Ganzen auf demokra­tischer Grundlage beruhen, kann das Comitee keine endgültige[n] Beschlüße faßen, sondern es sind alle Vorschläge desselben der Versammlung der Vereinsmitglieder zur Beschlußfassung vorzu­legen.

    Es wäre deßwegen am angemessensten wenn du bis in einigen Tagen nach Bezau kämest, mit Vollmachten versehen um über die Vereinigung beider Bibliothecken verhandeln zu können. Das Resultat dieser Verhandlungen würde dann der Mitgliederver­sammlung mitgetheilt u. wenn dieselbe die Vorschläge des Comite begutachtet wäre die Sache abgeschlossen. Eine Mitglieder Versammlung findet längstens bis 17. Jänner statt. Es wäre natürlich sehr angenehm wenn du das Verzeichniß der Bücher mitbrächtest.

    Es ist schon eine ganze Kiste Bücher unterwegs, die zweckmäßige Auswahl wird jedenfalls eine schwingte] Arbeit abgeben u. beson­ders da jetzt gegenwärtig noch nicht über 200 fl. zur Disposition stehen. Ich erwarte dich im Verlaufe einiger Tage in Bezau, wo uns dann Gelegenheit gebothen ist uns über dieß u. anderes zu unterreden.

    Mit Reich u. Arm sind wir nun bald fertig u. ist der Eindruck den dasselbe auf uns gemacht ein so vortrefflicher daß ich dich eigentlich nur den Verfasser von Arm u. reich nennen möchte. Das Volksleben ist darin tief u. treu wiedergegeben, die sozialen Mißverhältniße getreu u. ohne Leidenschaft wiedergegeben, obwohl mancher Leser sich bei verschiedenen Stellen etwas unan­genehm berührt fühlen wird, wenn das was er durch hergebrachte Uebung u. Gewohnheit als zu Recht bestehend u. in Folge dessen auch als bilig u. unantastbar betrachtete hie u. da einer strengen Prüffung unterzogen sieht. Natter hat mich auf der Durchreise besucht, und gefiel mir ganz gut daß sich derselbe noch weiter in einigen nothwendigen Fächern ausbilden will. Den bereits ausge­heckten Plan deine u. Feldkirchers Gedichte in einer Sammlung herauszugeben dürfen wir nicht liegen lassen, deine humoristi­schen Gedichte stehen dabei nach meiner Ansicht in erster Linie. Es grüßt dich

    dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 6. Januar 1869

    Herr Schwager!

    Der Kirchprobst von Hochkrumbach ersucht mich daß ich Dier Schreibe um den Zins welchen Du alle Jahr hereingeschickd hast für die Kirche auf Krumbach, wann Du es richten kannst etwa bies nach Lichtmeß. Er ist selbst nicht im Stand einen Brief zu schreiben u. kann doch Kirchprobst sein, er ist ein Bruder zum Vorsteher in Warth, aber der ist schon klüger, wann er einen Aufsatz macht der einen guten Satz hat, so weißt man das ihn der Pfarrer Fink dicktirt hat, u. wann man Ihn hört lesen oder Politisieren, so glaubt man: man höre einen guten Schüler von 6 1/2 Jahr u. so wird hier nach diesem Stiel die Gemeinde verwaltet. Übrigens ist bei mihr alles gesund u. wünschet Dier u. der ganzen Familie ein gutes neues Jahr. Ich habe auch gehört, daß Dich Pius wieder von der Pein erlößt habe welche ich Dier durch die von Dier schön eingebildete Ruh verursacht habe, ich habe sie Dier zwar nicht schön geschil­dert, nur hast Sie Dier schöner Vorgestellt. Ich hab sie nur so schön beschriben als es hat mögen Leiden, aber es ist jetzt alles in Ordnung. Neues weis ich Dier nichts zu schreiben ich verharre in einer baldigen Antwort von Dier über Deine neuen Entschlüsse

    Dein Schwager: Jakob Moosbrugger.

    Jakob Moosbrugger
    Warth
    Franz Michael Felder
  • 31. Dezember 1868

    Verehrtester Freund!

    Herzlichen Glück= und Segenswunsch zum neuen Jahr! Freilich wird Ihnen immer u. überall das Beste u. Liebste fehlen; aber ein gütiges Schicksal wird Ihnen auch mehr u. mehr Trost schenken in der Liebe u. Verehrung Ihrer Kinder u. Freunde! Möchten Sie - ich bitte - zu letztern auch ferner zählen

    Ihren ergebensten Stettner.

    Johann Thomas Stettner
    Lindau
    Franz Michael Felder
  • 27. Dezember 1868

    Lieber Freund!

    Der Gedanke einer Volksbibliotheck hat sich verkörpert!  Den 21. Dzbr. waren wir beim Angodarle die Sache kam zur Sprache man beschloß dieselbe zu besprechen, wählt Christian Jochum zum Präsidenten für diese Verhandlung, und es kamen über längern und kürzern Reden und Gegenreden folgende Beschlüße [zustande]

    I.  Wir bilden eine Volksbibliothek zur allgemeinen Benützung

    II.    Es ist bei der nächsten Versammlung ein Comitee zur weiteren Ausführung des Beschlußes l zu wählen.

    III.  Die Versammlung hat am nächsten Montag den 28 Dzbr Abends 8 Uhr in der Krone stattzufinden.

    IV.  Wenn diese Beschlüße zu Stande kommen, so zeichnen die nachstehenden Herrn folgende Beiträge

    /:Folgen die Unterschriften:/

    Dr. Greber zeichnete 50 fl. von den übrigen Beträgen sind zu 10 fl.

    15fl.3fl. 5fl. 2fl. etc. etc.

    fortgesetzt d. 2. Jänner 1869.

    Vor 5 Tagen wurde ich an der Fortsetzung meines Briefes gehindert, seitdem habe ich mich für neue Mitglieder u. Spender bemüht und wirklich haben wir gegenwärtig beinahe 200 fl. für die Bibliothek gezeichnet. In Folge des Beschlußes vom 21/12 fand die Versamm­lung am 28/12 in der Krone statt. Die Verhandlung wurde ganz ordnungsmäßig geführt, ein Comittee zur Entwerfung der Statuten bestehend aus 5 Mitgliedern: Dr. Greber, Bezirksförster Koderle, Angodar Thierarzt Meusburger u. Feuerstein Lithograf gewählt, u. auf 5 Jänner wieder Zusammenkunft zur Berathung der Statuten bestimmt.

    Wir hielten schon eine Sitzung bei welcher aber noch nicht viel zu Stande kam, indem sich B. Förster u. Dr. Greber um Stilisirungen stritten, [und] die ändern Mitglieder des Comitees ordentlich in Verlegenheit waren, welchen Beträgen sie zustimmen sollten, da man Gefahr lief bei dem unterliegenden Antragsteller in Ungnade zu fallen. Bei nächster Sitzung handelt es sich nun um die Vollmachten die dem Ausschuße der jedenfalls zur Leitung noth­wendig ist, gegeben werden sollen. Bezf. u. Greber stimmen für unbedingte Vollmacht, ich hingegen möchte das Ganze auf demo­kratischer Grundlage wissen, u. bereits alle Beschlüße desselben von vorhergehender Genehmigung von Seite der Mitglieder abhän­gig machen.

    Ich wünschte, daß du gegenwärtig in Bezau wärest und das Ganze mit durchmachen könntest.

    Schicke mir wenigstens umgehend die Statuten eurer Bibliotheck u. schreibe mir deine Ansichten.

    Ich habe von Anfang darauf hingewirkt, daß keine Dorf sondern eine allgemeine Volksbibliotheck gegründet werde. Du wirst jedenfalls auch Mitglied derselben werden; oder kommst du vielleicht auf die Versammlung vom 5. Jänner auch heraus? Mit dem Käsereigenossenschaftspreis sind wir abgewiesen, herent­gegen hat das Ministerium meine Persönlichkeit mit Lobsprüchen überhäuft, deren ich durchaus unwürdig bin. Hiemit übersende ich dir die Bücher von Hr. Baron. Mit Grüßen von meiner Frau

    Dein ergebener Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 26. Dezember 1868

    Lieber Freund Felder!

    Sie haben mir mit Ihrem Briefe vor vierzehn Tagen eine fast unverdiente Freude gemacht. In der dankerfüllten Absicht, Ihnen mit einer recht langen Erwiederung entgegen zu kommen, legte ich Ihren Brief auf den Schreibtisch vor mich hin, zum täglichen Ansporn. Aber indem ich mir zu viel vornahm, kam ich zu nichts. Vor Allem muß ich Ihnen bekennen, dass ich in Ihrer Wiederkehr zur geistigen Arbeit die glücklichste Wendung Ihres Grames begrüsse. Ich habe das bei der Kraft u. Tiefe Ihres Geistes, so wie bei dem Reichthum Ihres Gemüthes mit Zuversicht erwartet. Der Schmerz hat seine Rechte; aber das Leben hat sie nicht minder. Als ich las, wie Sie daran gegangen, Ihre Tagebücher, u. Ihren Lebenslauf zu mustern, um den Freuden und Leiden des hinter Ihnen liegenden Lebensabschnittes Form u. Gestalt zu geben, wie lebhaft wurde ich da erinnert an die wunderbaren Worte, die Göthes Tasso spricht:

    .. .Alles ist dahin! - Nur Eines bleibt:

    Die Thräne hat mir die Natur verliehen,

    Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt

    Es nicht mehr trägt. - Und mir noch über alles -

    Sie liess im Schmerz mir Melodie u. Rede,

    Die tiefste Fülle meiner Noth zu klagen:

    Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,

    Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.

    Die heilende Kraft, die von der neuen Arbeit aus bereits in Sie geflossen, sei Ihnen ein Wink, ihr treu zu bleiben. Bei der bewun­dernswerthen Anlage, die Sie zur Auffassung u. dichterischen Gestaltung Ihrer heimischen Umgebung haben, ist nur wieder etwas Vorzügliches u. in jedweder Hinsicht erfolgreiches zu erwar­ten. Ihr jüngstes Werk, von dem Sie mir den ersten Bogen schon vor Monaten zeigen konnten, hab' ich sogleich nach dessen Erschei­nen kommen lassen. Zuerst las es mein Vater u. zwar mit ausseror­dentlicher Befriedigung. Dann kam ich. Der Anfang wollte mich nicht recht packen, aber bald wurde ich wärmer u. wärmer bei der Sache. Reich u. Arm! Wie naturgetreu verstehen Sie den ewigen Widerstreit der Gegensätze zu entwickeln und auszuführen! Was wissen Sie auf dieser engen Bühne für eine Mannigfaltigkeit der Personen und Umstände zu entfalten! Wie sehr mich die Erzählung zu ergreifen vermochte, dürfen Sie aus dem Bekenntnisse schlie­ßen, daß ich mir vornahm, in einer der Landeszeitungen das Buch zu besprechen. Als ich aber hörte, daß Hr Prof. Elsensohn bereits für die Feldkircher Zeitung eine Besprechung vorbereite, wozu derselbe als Ihr engerer Landsmann u. als gelehrter Mann mehr Beruf hat, so stand ich von meiner kühnen Idee ab. Die Bespre­chung Ihres Buches durch Hr R. B. hat mich durchaus nicht befriedigt.

    Ihre zahlreichen hiesigen Verehrer, namentlich aber Frl. Fusseneg­ger, Luger u. mein Vater grüssen Sie freundlichst. Dessgleichen, samt üppigsten Neujahrswünschen

    Ihr treuergebener Freund D Waibel

    Mit aufrichtiger Freude las ich kürzlich von der Ernennung Ihres wackern Freundes Hildebrandt zum ausserordentl. Professor.

    Johann Georg Waibel
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 21. Dezember 1868

    Lieber Freund!

    Heute in aller Eile nur die Meldung daß mir nun auch Bergmann schrieb und vom Schillerverein erzählte, ja mich zur Einreichung einer Bittschrift aufforderte und sie zu befördern und zu unterstüt­zen versprach. Er äußert sich dabei, daß mir Muße zur vollen Entwicklung geschaft werden müsse.

    Reich und Arm hat ihm sehr gut gefallen, auch will er bei Hofe sehr günstiges über mich gehört haben, was - nebenbei gesagt ­vielleicht der Grund seines plötzlich erwachten Eifers sein mag. Ich will mich jedoch gern getäuscht haben.

    Meine Auffassung des Briefes von Hamm und meine Schlüsse hast du so ziemlich errathen. Laß Du mich einmal frei stehen für die ersten Jahre, dann kann ich vielleicht anderes erringen oder ertrotzen. Der Schillerverein hat aber nur noch bis 69 Wien zu seinem Vorort. Vielleicht waltet dann 5 Jahre wieder ein mir fremder Verwaltungsrath in einer Stadt, in der mir alle Verbindun­gen fehlen. Die von Dir erwähnte Berechnung lag mir daher sehr nahe und ist nicht einmal besonders schlau. Wenn Meßner nach Bregenz geht, soll er ja meinen jungen Schuster nicht vergessen und auch des Schneiders gedenken. Ihr aber gedenket meiner in alter Treue! Wie weit seid ihr mit Reich und Arm? Was macht Lisabeth? Gehst du noch zum Agader. O ich sehe unser frohes Leben wieder vor mir. Die Biografie wächst und wird mit einer Liebe behandelt, die mich zuweilen breit macht. Recht frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr wünscht Dir Margrethen und allen euren Lieben

    euer Freund F M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 21. Dezember 1868

    Lieber Freund!

    Heute nichts oder doch nur wenig mehr von meinem Roman, obwohl ich noch manches zu sagen hätte. Ich habe Dir wichtige Mitteilungen zu machen, die Dich freuen werden. Den Brief von Hamm hat nun Mariann für Hildebrand abge­schrieben, denn ich glaubte, dem die Mitteilung des Inhalts schuldig zu sein. Unter den mir gemachten Anerbietungen hab ich vorläufig die Unterstützung durch den Schillerverein gewünscht, damit „nicht weitere Ausbildung und freudiges Schaffen - womöglich auch im Sinn des Ministerialrats ­durch das blasse Gespenst der Sorge gehindert werde". Es hätte etwas Behagliches, ein von der Regierung bezahlter Schriftsteller zu sein, aber vor allem will ich mir freie Hand behalten. Es war nicht die Aussicht auf Gewinn, sondern die Macht des Gedankens, die Wärme der Empfindung, was mich zum Schriftsteller machte. Diesen beiden dient meine Feder. Das Übrige wird sich finden. Übrigens ist Hamms Brief in einem Tone gehalten, der mich froh werden läßt über die zu ihm gewonnenen Beziehungen. Man sieht's gleich, daß er ein Deutscher ist.

    Als ich ihm geantwortet hatte, kommt gleich ein Brief von Bergmann, der ersucht mich, ihm sofort ein Gesuch an die Schillerstiftung zu übersenden, denn nach Lesung von Reich und Arm ist er zur Überzeugung gelangt, daß mir Muße zur vollen Entwicklung meiner Kraft geschafft werden müsse. Er teilt mir mit, daß auch bei Hofer von meinem Schaffen die Rede gewesen sei, und tut das mit einer bei ihm erklär­lichen Wichtigkeit. Ich habe dann das Gesuch verfaßt und geschickt, gleichzeitig aber Bergmann von Hamm und dann auch diesem von jenem das Nötige mitgeteilt, damit keiner bös auf mich werde und sie ihre Schritte gemeinsam tun können. Mehr hoffe ich - offen gesagt - von Hamm. Bis Ende Jänner wird sich's zeigen, was ich zu erwarten habe. Unterdessen arbeite ich an meiner Biographie mit einer Liebe und Hingebung, die vielleicht das Ganze etwas breit macht.

    Du sollst, sobald ich sie entbehren kann, einige Kapitel er­halten. Jetzt drängt es mich wieder mehr zu freiem dich­terischem Gestalten, und es ist möglich, daß die Arbeit wieder für eine Weile beiseite gelegt wird. Wie war's denn, wenn man   einmal   so   eine   Dorfmutter  ä   la  Auer   Rößlewirtin, Stocks [?]  u.d.gl. streng liebevoll und naturwahr zeichnete. Es wäre leicht, sie in einem Roman zur Heldin zu machen, wie Gotthelf seine Anna Bäbi, und doch ganz anders. Das Briefschreiben nach allen Ecken nimmt mir viel Zeit weg, und doch ist mir der Verkehr mit so lieben begabten, teil­weise bedeutenden Menschen eine Anregung und Gewinn. Aus Artigkeit schreibe ich selten, aber zuweilen doch. Sei so gut, beiliegenden Brief zu befördern. Mit Gruß und Glückswunsch zum neuen Jahr Dein Freund

    Felder

    Schicke Hamms Brief gleich wieder, wenn Du schreibst.

     

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 20. Dezember 1868

    Ich danke Ihnen herzlich, Verehrtestes Fräulein! Für die Freude, welche Sie mir mit Ihrem Schreiben gemacht haben. Es traf mich aber dasselbe nicht in meiner stillen Häuslichkeit. Ich hatte diese auf längere Zeit verlassen um vielleicht in engerem Verkehr mit Gesinnungsverwandten manchem trüben Gedanken, wenn auch nicht dem tiefen Schmerz um meine verlorene Gattin zu entrinnen. Der ist nun einmal mein Theil geworden und nur die Erinnerung an das edle reine opferwillige Wesen der Seligen vermag ihn zu mildern und zu verklären, indem nun ein neues Band mich an den Himmel knüpft. Früher war mein kleines ärmliches München meine Welt. Sie erlauben mir wol daß ich wehmütig jener schönen Zeit gedenke, daß ich eine Thräne weine am Grabe meines Glückes und dann, noch feuchten Auges den Lebenden die Hand reiche und ausrufe: Von jetzt an soll die Welt mein Haus sein!

    An diesem Gedanken vermochte ich mich wieder aufzurichten, er erhob mich aus dem engen Thal, in dem ich mich vereinsamt und unverstanden sah. Ja ich bin doch auch in der Welt außer diesen Bergen. Das hat mir mancher Theure gesagt, der meinem Geist in jenen Stunden erschien. Auch Ihr Brief, verehrtes Fräulein, sagte mir das. Auch er ermutigte mich zu neuem Schaffen und nun werden Sie es mir glauben, daß er mich doppelt und dreifach freute.

    Unvergeßlich bleibt mir der Tag, an welchem Herr Dr Scherer mich in Hinterhopfreben besuchte. Es war der Letzte, an dem ich mit meiner Frau auf dem Felde arbeitete. Gern hätte ich ihm später geschrieben, wenn ich seine genaue Adresse gehabt hätte. Sollten Sie mir diese mitzutheilen die Güte haben, so würde ich Ihnen dafür sehr dankbar sein.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Hedwig Gassner
  • 20. Dezember 1868

    Lieber Freund,

    Mit Schreck seh ich am Datum Deines Briefes, daß ich Dich auf Deinen warmen Brief fast sechs Wochen habe auf Antwort warten lassen. Du denkst am Ende, das ist das Professoren­gefühl, zumal Du in Deinem Briefe Miene machtest, aus Ehr­furcht etwas ferner zu treten als sonst. Warte, Schelm - das glaubte ich Dir nicht, wenns auch noch ernstlicher ausgesehen hätte! Und doch, mir wird eben aus der und jener Erinnerung, als kenntest Du mich doch noch nicht so weit, um nicht zu denken, daß ich so etwas für passend hielte. Aber genug von der Tiftelei, ich absolvire Dich auf jeden Fall, wenn Du nur dabei bleibst, künftig Dich mehr aufzuschließen, wie Du in dem Bezauer Briefe schon einen hübschen Anfang gemacht hast. Ich beschwöre Dich, fahr so fort, auch gegen Andere. Laß die Bewegung in Dir mehr heraus aus Dir, Du setzest damit auch Deine Welt mehr in Bewegung; auch in Deine Arbeiten muß noch mehr Bewegung kommen, das laß Dir gesagt sein.

    Aber da ist der Professor - der Schulmeister - schon wieder, wirst Du denken, er kathedert und predigt daß es eine Art hat. Ja aber es ist dießmal mein bitterer Ernst, und mein Recht, denn ich bin 14 Jahre älter als Du. Nun aber Dank, warmen Dank für Deinen prächtigen, freundschaftswarmen Brief mit seinem geschriebenen Juchzer; nur das närrische Blatt, das Du zuerst geschrieben hattest, das will ich doch auch haben, falls Du nicht das Unrecht begangen hast es zu vermaculiren, ich bitte mirs auf jeden Fall aus - ebenso sehr Deinetwegen als meinetwegen, ich freue mich drauf. Meine öffentliche Ernennung erfolgte heute vor 5 Wochen, ich habe eine unerwartete Fülle von Freundschaft und Liebe in den darauf folgenden Tagen erfahren; denke nur z. B., daß unser Bürgermeister zu mir sagte, als ich um meine Entlassung von der Schule einkam, er freue sich wie ein Kind darüber, zweimal sagte er das. Da verlohnt sichs doch der Mühe, gelebt und-gelitten zu haben, wie mans eben gethan hat. Nun zurück zu meinen kühnsten Jugendplänen, die auf einmal in greifbarer Nähe und klarer Gestalt vor mir auf­tauchen, während es früher nur Wolkenbilder waren - nota bene, solche Dinge kriegst nur Du zu hören, und wirst am Ende auch nicht recht wissen was Du Dir darunter denken sollst.

    Heute vor 3 Wochen war ich in Dresden, um mich bei unserm Cultusminister vorzustellen und zu bedanken-ein interessan­ter Besuch, natürlich in Frack und weißer Cravatte, Bäuerlein! - und sonst einige Freunde zu besuchen. Von Dir war da auch die Rede - freilich nicht beim Minister, wo nur von Wissenschaft die Rede war-d. h. ein lieber Freund, ein Eng­länder, mit einer lieben Frau, hatten sich bis dahin vergeb­lich bemüht, etwas von Dir in einer Leihbibliothek aufzutrei­ben, eine Schande für unsere Residenzstadt! Daran mag wol Fedor Wehl schuld sein mit seiner dummen Anzeige der Son­derlinge in der Constitutionellen Zeitung, wie Karl Frenzel Dir in Berlin geschadet haben wird.

    Übrigens mache ich hier Gelehrtenbesuche, um mich meinen neuen Collegen vorzustellen, bin auch schon mit Frau in Halle drüben gewesen, es war ein recht freundschaftswarmer, ja ehrenvoller Tag für mich. In der Schule bei meinen guten Jungen (mein Hugo darunter) bin ich nur noch bis Mittwoch, Doch nun genug oder schon zu viel von mir. Von Reich u. Arm ist noch nicht eine einzige öffentliche Besprechung er­schienen; es gieng ja bei den Sonderlingen auch langsam. Aber mündliche Berichte kann ich Dir geben. Einer Schwester Köhlers in Weimar z. B. hat es sehr gefallen (er selbst ist noch nicht daran gekommen); Hirzel sagte mir, er hörte es an Werth über die Sonderlinge stellen; Reuter berichtete das Urtheil einer hochgebildeten Frau, sie wäre noch nie von einem Roman so entzückt gewesen wie von Reich und Arm. Du siehst also, die Wirkung kommt langsam. Du mußt Dich vor der Hand mit Goethes Worten über Schiller trösten vom Widerstand der stumpfen Welt, der besiegt sein will, und daß das Echte der Nachwelt unverloren bleibt. Aber Du soll­test doch auch den Geschmack und Bedürfniß des Cultur­stroms, wie er nun einmal ist, Dich noch mehr anbequemen lernen; das Wort ist ein Hebel, der die Seelen und Geister auf eine bessere, höhere Stelle heben soll, aber man muß doch den Hebel da ansetzen, wo der Gegenstand (der immer zugleich der Widerstand ist) eben beweglich ist, nicht da­neben. Spürst Du nicht einige Förderung in dieser Richtung durch Deinen doppelten Leipziger Aufenthalt? Du hast dar­über noch gar nichts geäußert.

    Ich muß Dir aber auch Glück wünschen zu der glänzenden Anerkennung, die Deinen Vereinsbestrebungen zu theil ge­worden ist, ich freue mich ganz außerordentlich darüber; wenn Du persönlich nur auch etwas davon hättest! Nun wenigstens Freundschaft und Geltung im Lande muß Dir doch immer mehr werden? Was macht denn nur die religiöse Gegnerschaft? Die scheint sich ruhig zu verhalten? Einen Vor­trag hattest Du mir zu schicken versprochen. Läßt man Dir denn in Schoppernau und Au völlig Ruhe? Ist denn der Uhr­macher wirklich mit Weib und Kind fort nach Alberschwende? Wegen der gewünschten Nummer der Grenzboten hab ich zu melden was unangenehm und angenehm zugleich ist. Außer dem Exemplar des Verlegers, das bleiben muß, ist oder war nur beifolgender eine Bogen auf Lager, d. h. die Nummer muß so oft nachverlangt worden sein, daß sie ver­griffen ist. Vielleicht läßt sich aber doch noch ein ganzes Exemplar auftreiben; meins möcht ich doch selber behalten, nicht wahr? Mir fällt dabei ein, daß ja die holländ. Überset­zung der Sonderlinge gar nicht kommen will?! Über die von Hrn. Curat Herzog gewünschte Harmonika hab ich zunächst einen Irrthum zu berichtigen in Betreff der Phis­harmonika; das ist nicht ein Handinstrument wie Deins, son­dern ein ganzes kleines Gebäude etwa in Form und Größe eines Schrankes und unter 60-80 Thaler sicher nicht zu haben.

    Wenn aber der Hr. Curat den Preis, den er daran wenden will, näher bestimmt, wird Lippold gern das Nötige besorgen, die Bezahlung ließe sich durch  Postanweisung oder Nach­nahme abmachen, ohne Zusendung des Geldes. ­Daß Dein Jakob nun tüchtig lernt, hab ich mit Freude gelesen, Du hilfst wol mit Unterricht, ich meine mit Fragen und Den­ken, lehren? Ich thue das jetzt mit meinen Kindern (früher that ichs nicht) und finde viel Vergnügen darin. Bei uns ist nun Weihnachten vor der Thür, alles ist in freudi­ger Bewegung,  alle Herzen  und  Herzchen   leben  nur von Weihnachtsgedanken   und   Empfindungen;   nur   eins   fehlt, Schnee, wir haben hartnäckig warmes Wetter. In unveränderlicher Liebe und Treue

    Dein Rud. Hildebrand.

    Karl (der mein Famulus wird im Colleg, Vetter und Vetter als Professor und Famulus) läßt für den Gruß danken und da­gegen grüßen, ebenso Thieme und alle Ändern. - Weißt Du, daß der Ministerialrath Dr. W. Hamm ein Leipziger ist? er ist auch Schriftsteller, Novellist, und war 1848 als Führer einer Freischar in Schleswig-Holstein. - Was macht die Biographie? ich bin sehr neugierig, und nicht nur ich. Noch eins fällt mir ein. Reuter sagt mir, Du hättest ihm zu­gesagt, eine Photographie von Dir für ihn bei mir zurückzu­lassen. Ich finde und weiß aber nichts davon, hab ihm aber versprochen Dich zu erinnern. Ach bitte schick ihm doch eine, Du machst ihm eine große Freude.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 19. Dezember 1868

    Dem Verwaltungsrath der Schillerstiftung

    Vor Allem ist es die Sorge um meine fünf unerzogenen mutterlo­sen Kinder, die mir den Muth gibt, mich mit einer Bitte um Unter­stützung an die Schiller-Stiftung zu wenden.

    Mit blutsaurer Arbeit habe ich mir seit Jahren bisher immer durchgeholfen, ohne irgend eine fremde Geldunterstützung zu suchen. Im Bregenzerwalde, im innersten engsten Achthaie gebo­ren und schon im zweiten Lebensjahre durch Ungeschick eines Arztes, der mein krankes Auge behandeln wollte, um das andere gesunde gebracht, ließ man mich nur noch die Dorfschule in Schoppernau besuchen und meine Lernbegier blieb unbefriedigt, weil meine Kurzsichtigkeit den heißgewünschten Besuch höherer Schulen unmöglich zu machen schien. So ward ich Bauer wider Willen und arbeitete nun auf dem kleinen überschuldeten Anwe­sen meines früh verstorbenen Vaters, um mich und die alternde Mutter zu erhalten. Durch Taglöhnerarbeit verschaffte ich mir all­mälig die Mittel zu Büchern, von denen jedes seine Geschichte blutsaurer Erwerbung hat. Freundlos, unverstanden und gemie­den von meiner Umgebung, konnte ich lange mein Bedürfniß, meine Gedanken und Gefühle auszusprechen, nur in stillen Stun­den der Nacht mit der Feder befriedigen. Endlich lernte ich ein Mädchen kennen, das mich verstand, und als die 62jährige Mutter im Hause nicht mehr ohne eine Gehilfin gelassen werden konnte, führte ich die Braut heim. Sie war mir Auge und Hand. In freien Stunden, die wir unserer Berufsarbeit abkargten, las sie mir vor. Durch sie habe ich die Liebe zu der früher ängstlich gemie­denen Bevölkerung meines Ländchens und einen lebhafteren Verkehr mit dieser gewonnen. Ich begann über meine Landsleute zu schreiben und ihr Leben dichterisch zu gestalten. Drei größere Erzählungen, die meistens neben strenger Bauernarbeit und auf Unkosten meines schwachen Auges geschrieben wurden, sind bereits veröffentlicht. Eine davon, „Die Sonderlinge" (Leipzig 1867), hat eine Übersetzung ins Holländische erlebt und ich erfahre, daß auch eine ins Französische zu erwarten ist.

    Die materiellen Erfolge meiner schriftstellerischen Thätigkeit sind aber keine derartigen, daß sie mich auch nur der drückend­sten Sorgen entheben. Ich habe jetzt eine mehr als 70jährige fast erblindete Mutter und fünf noch unerzogene Kinder zu erhalten und alle Sorge liegt auf mir allein, denn im letzten Sommer starb mir meine liebe Frau und an der verwaisten Stätte waltet die Fremde. Ich steh allein und kann mich nur mit dem Gedanken einigermaßen trösten, daß die Gesellschaft keinen Redlichstre­benden verlassen werde.

    Ich wage es daher, mich vertrauensvoll an einen Verein zu wenden, der, den Namen unseres großen Schiller tragend, sichs zur Aufgabe gemacht hat, nothleidende Schriftsteller zu unter­stützen, daß ihre beste Kraft nicht von der Last bitterer Sorge er­drückt werde.

    Ist mir selber ein Wort über meine Werke erlaubt, so möchte ich ihre Mängel theilweise mit meinen Verhältnissen entschuldigen. Das Gespenst der Sorge ist überall. Es macht mir nicht nur die Anschaffung von Büchern und Zeitungen in dieser abgeschlosse­nen Gegend schwer und oft unmöglich, und hindert so meine weitere Ausbildung; es verscheuchte auch oft liebere Gestalten, die mir erscheinen wollten, wenn Abends die müde, fast wunde Hand zur Feder greifen wollte.

    Und doch ist jetzt schriftstellerisches Schaffen mein einziger Trost und meine Erholung. Die Bauernarbeit, die meinen schwa­chen Körper zu sehr anstrengt, vermag nicht mein ödes Dasein auszufüllen. Noch bin ich nicht 30 Jahre alt und fühle zuweilen die Kraft in mir, noch Bedeutenderes zu schaffen, wenn nur das blasse Gespenst der Sorge von meinem Arbeitstische verscheucht würde.

    Diese Hoffnung, dieser Wunsch, nebst der Vaterpflicht für die liebenden Meinigen ist es, die mich treiben, um eine Unterstüt­zung zu bitten, die mir mein Leben und Schaffen erleichtern und fruchtbarer machen könnte.

    In der festen Zuversicht, der verehrte Verwaltungsrath werde meine Bitte nicht unberücksichtigt lassen, sondern derselben womöglich zu entsprechen sich bewegen finden, zeichnet hoch­achtungsvoll ergebenst

    Franz Michael Felder in Schoppernau.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 19. Dezember 1868

    Verehrtester Herr Landsmann!

    Ihre werthen Zeilen hätten mich recht glücklich gemacht, wenn deren Inhalt auch weit weniger erfreulich gewesen wäre. Meine jetzige Lage werden Sie aus beiliegendem Gesuche kennen lernen. Ich habe mich natürlich beeilt, Ihnen dieses so schnell als möglich zuzusenden. Ich halte es dabei für meine Pflicht, Ihnen, verehrter Herr Landsmann, folgendes mitzutheilen

    Unserer landwirtschaftlichen Ausstellung ward im letzten Herbste die Ehre, von Herrn Ministerialrath Dr Wilhelm Hamm (im Acker­bauministerium) besucht zu werden. Wie derselbe schrieb, hoffte er auch mich zu treffen. Aber meine Verhältnisse erlaubten mir bisher keine Ausflüge als die 2 Reisen nach Leipzig, deren Kosten von Herrn Dr Hildebrand und meinen ändern dortigen Freunden getragen wurden, damit ich doch einmal etwas von der Welt sehe und so eher einen Maßstab für meine heimatlichen Zustände gewinne als das aus Büchern alein möglich war. Herr Dr Wilhelm Hamm schickte mir nun seine Karte, ich ihm meinen Roman, worauf er sich in einem Briefe für mich an die Schillerstiftung zu wenden versprach. Ein Bittgesuch von mir hat er nicht gewünscht und ich weiß nicht, wie er die Sache durchzuführen gedenkt. Vielleicht werden Sie nach dieser Mittheilung, die ich Ihnen schuldig zu sein fühle, Ihre Schritte gemeinsam mit ihm thun, oder sich doch jedenfalls mit ihm besprechen. Sollten Sie mein Gesuch benützen, so bitte ich, es zu adressieren, da ich nicht wußte, ob ich die Aufschrift vorn an einen Einzelnen oder den Verwaltungsrath überhaupt machen sollte.

    Hülfe thut mir jetzt wahrhaftig noth und ich danke Ihnen zum Voraus herzlich für alle Schritte, die Sie meinetwegen thun. Mehr als danken kann ich nicht, außer auch das Versprechen geben, daß es mein Streben sein soll mich der geleisteten Hülfe nach Kräften werth zu zeigen.

    Ihre Landskunde hab ich mir gleich nach dem Erscheinen ange­schafft und mich an der reichen Arbeit gefreut Das Land wird Ihnen dafür dankbar bleiben. Ich möchte die Schrift in allen Schulen sehen und habe mein Exemplar gleich dem Lehrer hier gegeben. Ein Anderes schickte ich dem Übersetzer der Sonderlinge Herrn Grottendieck nach Alkmar, als mich dieser um die besten Schriften über meine Heimat bath, die er im nächsten Sommer zu besuchen denkt.

    Vielleicht finden Sie wieder einmal Zeit, den Einsamen, Einge­schneiten mit einigen Zeilen von Ihnen zu erfreuen. Sehr bedauerte ich immer, daß es mir nicht mehr vergönnt war, Sie und die lieben Ihrigen persönlich kennen zu lernen. Grüßen Sie mir alle herzlich und nehmen Sie für alles was Sie für mich thun den tiefgefühltesten Dank

    Ihres ergebensten Landsmanns Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef von Bergmann
  • 19. Dezember 1868

    Lieber guter Freund! Juheiololouhu hui hihi!

    Wenn Du, zumal im Eingang eines meiner Briefe solche Jodel­töne hörst aus dem Schnee meiner Nebel bedeckten Heimat heraus und von mir, dann richte Dich auf und mache vor allem einige Freudensprünge zwischen deinen Bücherreihen herum, dann aber bitte ich den Professor, sich zu setzen, die Cigare anzuzünden und meinem Verzähl (von Erzählung) ge­lassen zuzuhören.

    Eigentlich sind heute die Beilagen freilich das Wichtigste. Der Brief von Bergmann kam über Nacht ganz unerwartet, wie daher geschneit. Ich bitte Dich, ihn mir gelegenheitlich wieder zu senden.

    Der zweite ist von Ministerialrath Dr Wilhelm Hamm. Ich schicke ihn Dir in einer Abschrift von Mariannen, die Dich und die Deinen herzlich grüßen läßt. Dieser Brief hat eine kleine Geschichte. Die Bekanntschaft mit Hamm hat Feurstein, der Obmann meines Vereins vermittelt, der mir mehr und mehr den Dank des Landes erwirbt.

    Ich schrieb nun an Hamm und bath ihn sich für mich an die Schillerstiftung zu wenden. Kaum ist dieser Brief fort so kommt gestern der von Bergmann. Heut nun schrieb ich das gewünschte Bittgesuch und hernach machte ich mich daran, Herrn Hamm von Bergmann und diesem von jenem zu schreiben, damit sie nun ihre Schritte gemeinsam thun kön­nen und keiner auf mich böse wird.

    Daß ich Dir nicht gleich von meinem Briefwechsel mit Dr. Hamm berichtete, kam davon, weil ich warten wollte, bis ich gleichzeitig auch einen Brief von Dir beantworten zu können hoffte.

    Nun aber muß es heraus und ich warte nicht mehr, obwol ich nächste Woche ganz bestimmt etwas von Dir zu hören erwarte. Ich bitte Dich, meine Freude auch dem Club mit­zutheilen. O das hätte auch das Wible erleben sollen. Es konnte sich so recht aus ganzer Seele mit mir freuen. Über Reich und Arm habe ich einige recht anerkennende Zu­schriften, auch eine von Seiffertitz, erhalten. Vom Redakteur des Süddeutschen Sonntagsblatts ist mir eine Einladung zur Mitarbeiterschaft geworden. Ich habe noch nicht geantwortet. Bisher bin ich mit meiner Selbstbiografie beschäftigt, doch drängt es mich zuweilen wieder zu freiem dichterischem Ge­stalten. In Bezau hab ich etliche schöne Wochen verlebt. Ich und Feurstein sind uns noch viel näher gerückt. Auch sonst hab ich manche liebe Bekanntschaft gemacht. Auch mit Dr Greber steh ich auf bestem Fuß.

    Und nun noch eins. Im katholischen Kasino in Au war am vorletzten Sonntag eine Vorlesung über - Reich und Arm. Sie war sehr zahm. „Das Buch stehe auf katholischem Boden. Hiebe seien von mir immer zu erwarten. Schreibfehler wie Not ohne H müsse man mir? verzeihen.*) Gegen die Sonder­linge sei das Buch ein Fortschritt und enthalte köstliche Pro­ben, sei aber im Ganzen nicht zu empfehlen und damit auch nicht zu verwerfen." O lieber, was willst du noch mehr?

    Weihnachten naht. Möge das Fest für euch alle recht recht fröhlich sein. Grüße mir herzlich Deine Frau, die Kinder und alle die sich um mich kümmern. Hat Hirzel Reich und Arm nicht an Gottschall geschickt? Das würde ich bedauern. In der L.Zeitung erschien eine günstige aber kurze Besprechung des Buches von R. Byr. Lebe wol. Mit Gruß u Handschlag

    Dein Freund F M Felder

    *) Wehr Dich, Corecturenleser! ! Der Pfarrer von Au kommt mit sammt dem Kasino.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 19. Dezember 1868

    Dem Verwaltungsrath der Schillerstiftung

    Vor allem ist es die Sorge um meine unerzogenen fünf Kindern, welche mir den Muth gibt, mich an eine Stiftung zu wenden, welche sich die Unterstützung dürftiger Schriftsteller zur Aufgabe gemacht hat.

    Mit blutsaurer Arbeit hab ich [mir] seit Jahren durchgeholfen, ohne irgend eine fremde Geldunterstützung zu suchen oder zu verwer­ten. Im Bregenzerwalde im engsten Aachthal geboren und schon im zweiten Lebensjahr durch Ungeschicklichkeit eines Artztes, der mein krankes Auge behandeln wollte um das andere gesunde gebracht, ließ man mich nur noch die Dorfschule in Schoppernau besuchen und meine Lernbegierde blieb unbefriedigt, weil meine Kurzsichtigkeit den Besuch höherer Schulen unmöglich zu machen schien. So ward ich Bauer wider Willen und arbeitete auf dem verschuldeten Anwesen meines frühverstorbenen Vaters um mich und die Mutter zu erhalten. Durch Taglöhnerarbeit verschafte ich mir Bücher von denen jedes eine Geschichte blutsaurer Erwerbung hat. Freundlos, meiner Umgebung ein gemiedenes Räthsel konnte ich meinen Drang, mich auszusprechen, nur in stillen Stunden der Nacht mit der Feder befriedigen. Als meine Mutter mehr als 60 Jahre und zur Verrichtung der meisten Arbeiten unfähig war verehlichte ich mich mit dem einzigen Mädchen, das, im Thale aufgewachsen mich ganz verstand und in den Stunden die wir unserer Berufsarbeit abkargten, meine Bestrebungen theilte und unterstützte wie nur ein liebendes Weib es vermochte. Durch meine Gattin hab ich auch die Liebe zu der früher ängstlich gemiedenen Bevölkerung und einen lebhaftem Verkehr mit dersel­ben wieder gewonnen. Ich begann über meine Landsleute zu schreiben und ihr Leben dichterisch zu gestalten. Drei größere Erzählungen, die neben strenger Bauernarbeit und in stillen Näch­ten auf Unkosten meines schwachen Auges geschrieben wurden, sind bereits veröffentlicht. Das zweite davon, im vorigen Jahr erschienen, hat eine Übersetzung ins Holländische erlebt und ich erfahre eben, daß auch eine ins Französische bevorstehen soll. Die materiellen Erfolge meiner schriftstellerischen Thätigkeit aber sind keine derartigen, daß sie mich auch nur der bittersten Sorge enthöben. Ich habe eine mehr als siebzigjährige Mutter und fünf unerzogene Kinder, das älteste 6 - das jüngste Xt Jahr alt, zu erhalten und alle Sorge liegt auf mir alein, denn mein liebes Weib die Freundin, die Haushälterin hab ich im letzten Sommer durch den Tod verloren. Ich stehe alein und nur der Gedanke, daß die Gesellschaft keinen Redlichstrebenden verläßt. Besonders hoffe ich auf Unterstützung einer Stiftung die sichs zur Aufgabe gemacht hat, die Sorge nothleidender Schriftsteller zu erleichtern. Über den Werth meiner Schriften haben angesehene Kritiker sich günstig ausgesprochen. Ist mir selbst ein Wort hierüber erlaubt, so möchte ich ihre Mängel theilweise mit meinen Verhältnissen entschuldi­gen. Das Gespenst der Sorge ist überall. Es macht mir nicht nur das Anschaffen von Büchern zur weiteren Ausbildung schwer und oft unmöglich; es verscheuchte auch oft die Gestalten, die mir erschei­nen wollten, wenn abends die arbeitsmüde schwielenbedeckte Hand die Feder ergriff. Und doch ist mir jetzt schriftstellerisches Schaffen einzig mein Trost und meine Erhebung. Noch bin ich nicht 30 Jahre alt und fühle die Kraft in mir, noch bedeutenderes zu schaffen, wenn nur das blasse Gespenst der Sorge von meinem Arbeitstische verscheucht würde

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 14. Dezember 1868

    Lieber Herr Landsmann!

    Als ich im August des Jahres 1867 im Bregenzerwalde, erst in Hittisau, dann durch 16 Tage am Schwarzenberg war, erfuhr ich, daß Sie nach Leipzig abgereiset sein, weshalb ich Sie nicht besuchte, wohl aber veranlaßte ich Frau und Tochter, die mich in meine Heimat begleiteten, die innersten Orte des Waldes zu besuchen u. so kamen sie auch nach Schoppernau. Die Eindrücke, die beide aus unserem Ländchen mitbrachten, haften unvertilg­bar.

    Wie bald ich 72jähriger Mann wieder einen Besuch machen kann, hängt von meinen amtlichen Verhältnissen und von Gott ab. Nun erlaube ich mir Sie, lieber Herr Landsmann, auf etwas anderes in Ihrem Interesse aufmerksam zu machen.

    Hier bestehtein Zweigverein der Schillerstiftung für dürftige Schrift­steller. Ich habe mich von diesem Wiener Zweigvereine unterrich­ten lassen u. erfahren, daß im herannahenden/änner eine Verthei­lung stattfindet. Um auch einer Unterstützung theilhaftig zu werden richten Sie ein Schreiben - ohne Stämpel u. ohne irgend ein Zeugniß Ihrer Dürftigkeit von Seite des Pfarrers u. des Gemeinde­vorstehers - an Herrn Dr Leopold Kompert u. zwar möglichst bald. In diesem Bittschreiben setzen Sie Ihre dürftige Lage gewissenhaft auseinander, den Verlust Ihres Weibes (das nach der Zeitung gestorben) u. so weiter.

    Dieses Gesuch, wie gesagt an Hrn Dr Kompert stylisiert, schicken Sie mir. „Jos. von Bergmann, kk. Director in Wien" Landstrasse, Rennweg N. 6 zu, um es ohne Verzug dem Herrn Dr einzuhändi­gen; denn es dürften der Bittsteller viele sein. Ich werde hier Ihre drei literarischen Producte als Beleg Ihrer Leistungen beilegen, welche wohl in der Hofbuchhandlung Braumüller zu bekommen sind.

    Ich hoffe, daß Sie für dießmal 100 fl erhalten; mein Wunsch geht aber dahin später eine weitere Unterstützung zu erreichen, um Muße zu schriftstellerischen Arbeiten zu gewinnen u. durch neue Leistungen Ihre Lage zu verbessern.

    „Reich u. arm" habe ich mir im Octob. von meiner Frau u. Tochter abends vorlesen lassen u. war sehr erfreut über diese Lectüre, so auch die beiden Vorleserinnen. Neulich bei einem der ersten Herren des kais. Hofes speisend kam die Hausfrau, eine geborene Gräfin Chotek, auf Ihre „Nummamüller's", die ihr überaus wohl gefielen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich im Gespräche mehr in das Wesen des Waldes u. seiner Bewohner eingehen, so auch vom Verfasser sprechen.

    Meine „Landeskunde v. Vorarlberg" ist nun aus der Presse gekom­men. Sollten Sie kein Exemplar von diesem Buche v. 128 S. u. mit einer Landkarte besitzen, so wollen sie mich hievon in Kenntniß setzen.

    In der Hoffnung von Ihnen recht bald die Bittschrift zu erhalten, verbleibe ich Ihr wohlmeinender Landsmann

    Jos. Bergmann

    Josef von Bergmann
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 12. Dezember 1868

    Lieber Freund!

    Gegenwärtig verlaufen mir die Tage in Ziffern u. Zahlen, und nur am Abend erfolgt durch die nicht gar zu langen Vorlesungen der Margareth eine Unterbrechung.

    Um so mehr freut es mich von dir Nachrichten zu erfahren die wahrhaft nicht in den Bereich des Gewöhnlichen gehören. Das Schreiben des Ministerialraths Hamm hat wenigstens meine Erwartungen noch übertroffen. Ich habe dasselbe zuerst gelesen und mir gedacht was du von seinen Anerbiethungen zuerst an­nehmen werdest.

    In der Eile fiel mir ein du werdest wohl zuerst darnach greifen, ein von der Regirung unterstützter Schriftsteller zu werden wenn dir über die Art deines Wirkens vollkommen freier Spielraum gelassen werde.

    Aber bei Lesung deines Schreibens mußte ich dir doch recht geben, und meinte noch hinter deiner Wahl eine dir eigene Berechnung zu erblicken, dahingehend, daß man die scheuen Vögel zuerst fangen müße.

    Mir scheint mit diesem Schreiben hat die Aussicht auf deine finanzielle Zukunft sich auf einmal ganz anders gestaltet, deß­wegen war ich einigermassen überrascht daß dein Jubelruf einzig dem Freigesprochen des Auer Caßino galt; aber auf der ändern Seite ist auch wahr, daß dich der Anklagezustand in früheren Jahren gewaltig geärgert hat.

    Der Käsehandlungsverein wächst im Kredit; binnen einigen Tagen wurden von Bregenzerwäldern über 6000 Fl. Anlehen in die Caße eingelegt. Dadurch haben wir natürlich Geldüberfluß bekommen und der Außschuß beschloß in der Folge dessen, daß allen jenen Mitgliedern, welche noch unausgeglichene Schätzungen besitzen der betreffende Betrag oder ein Theil deßselben zu 5 % abgelassen werde, wenn sich das betreffende Mitglied binnen 4 Tagen melde.

    Wir haben „Reich und Arm" wieder von neuem zu lesen ange­fangen und ich habe wieder viel schönes dabei gefunden, was ich bei der ersten Lesung gänzlich übersehen habe. Dein Stiel ist so gedrängt daß, wenn sich der gemüthliche Zuhörer auf dem Kanapee einige eigene Gedanken erlaubt, u. die gütige Leserin dessen ungeachtet mit ihrem Vortrage fortfährt, der Erstere sich bei ein paar überträumten Sätzen auf einem ganz anderen Gedanken­felde wiederfindet.

    Der Stülzlis Mari habe ich deinen Gruß ausgerichtet, sie machte aber ein ganz ungläubiges Gesicht dazu. Der Karl ist mit deinem Roman den du ihm geschickt hast, sehr zufrieden, allein er kömmt vor lauter Liebesangelegenheiten nicht recht zum Lesen. Viele Grüße von der Margreth u.

    Deinem Freund Josef

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 11. Dezember 1868

    Lieber Freund!

    Heut ist großer Briefschreibetag. Schon mehr als ein halbes Dutzend liebe Menschen hab ich angeredet. Du kommst zuletzt, gerade wo das Plauderstündlein angeht. Mein Reich und Arm hast Du etwas mitgenommen. Ich muß mir das schon gefallen lassen, denn Bücher werden geschrieben, daß man sie lese und überlege. Sie sind daher schon nicht umsonst, wenn sie nur Material bringen und Fragen anregen. In der Beziehung tadelst Du mich nicht und hättest wohl auch keinen Grund, denn es dürfte kaum ein Blatt, ja wohl keine einzige Seite sein, worauf der Titel nicht paßte. Auch mensch­liche Gerechtigkeit - die des Geschichtschreibers findest Du geübt, indem Licht und Schatten ziemlich gleich auf beide Seiten verteilt sind. Am grellsten hab ich die Mitte - d. h. die Kluft zwischen Reich und Arm beleuchtet, die Entsittlichung, die der gesellschaftliche Gegensatz schon auf den einfachsten Menschen ausübt. Das hätte von Dir Erwägung verdient. Wenn Du das Ganze von diesem Gesichtspunkt betrachtest, könntest Du zugestehen: Es ist alles gesagt oder doch an­gedeutet.

    Aber die Lösung ist Dir zu - ästhetisch? Du wolltest auch dort noch die Entartung des Menschen gezeigt, Du forderst jene höhere göttliche Gerechtigkeit, welche man dem Dichter zuspricht und mit Recht, denn wenn sie nicht da ist, fehlt alles.

    Ich hoffe und wünsche daher, daß wir sie finden. Freilich suche ich mit dem Auge des Ästhetikers, aber laß mich jetzt machen.

    Du gibst schon zu, daß in Wirklichkeit eine Verbesserung der sozialen Ordnung in einem Kunstwerke nur innerhalb der sittlichen Weltordnung gezeigt und angestrebt werden kann. Diese Weltordnung beruht auf dem Satze: Was du nicht willst, tu ändern nicht, auf den Pflichten gegen den Nächsten und auf den Verboten, z. B. du sollst nicht töten. Sage mir, welchen Eindruck machte es, wenn das Volk sich rächte, statt daß den Krämer die Furcht vor dem selbstgeschaffenen Ge­spenst ins Verderben treibt. Ich bleibe dabei, das ist Arbeit des Dramatikers, das große Trauerspiel der Gegenwart zu schreiben. Heute würde das Pfaffentum auf dem Grabe jubeln. Ein Trauerspiel war's noch trotz dem Jubel am Aus­gang, aber wer gewinnt, wenn man es schreibt? Die Bour­geoisie.

    Wenn das Volk mein Buch läse, könnte es denn nichts daraus lernen als warten, bis ein Krämer ins Feuer springt? - Dann war's freilich umsonst, im Roman eine Frage zu bearbeiten. Ich denke, man sollte dem Volk nicht zu sehr voraus eilen. Und der Bourgeoisie und dem Pfaffentum möchte ich keine Waffen in die Hand geben. Ich schrieb auch das Kapitel „Im Wald", aber ich stellte es nicht an den Schluß. Die Leiden­schaft des Rachegefühls wecken wollte ich, sie auch befreien durfte ich nicht.

    Unser Vetter Bruggmüller in Egg ist nun zweimal nach Amerika und zweimal zurück und ist noch immer groß vor dem Herrn, obwohl er am Vater zum Mörder, an der Mutter zum Dieb wurde und Weib und Kind dem Schicksal preisgab. Und der Kronenwirt in Bezau!

    Aber ich will Dich verschonen mit unsern ungestraften Er­bärmlichkeiten und auch zu Ende eilen mit meiner Selbst­kritik, obwohl ich Dir noch vieles sagen möchte und nicht ungern meinen Roman dem Schweizerschen gegenüber­stellte. Der reißt alles nieder und läßt am Schluß die Bour­geoisie obenauf, um im Leser das Gefühl der Rache zu wecken. Dabei zeigt er die Erbärmlichkeit der Bourgeoisie in ihrem gegenwärtigen Stadium. Das ist nicht ästhetisch, und wirken tut es schon darum nicht, weil es nicht gelesen wird, obwohl der Preis auf 1/4 herabgesetzt wurde. Schweizers Kapitalisten sind nur Unmenschen, Narren, Wüstlinge und Wucherer, Menschen sind es nicht, und der Roman will doch auch einige Menschlichkeit, damit das Interesse erhalten bleibt. Der Krämer geht unter im Kampfe gegen das Menschliehe in sich, weil ihm die Umgebung noch nicht gewachsen ist. Hättest Du es gerechter gefunden, die ändern Mörder werden zu lassen, daß denn ihre Tat Böses gebärend fort­wälze nicht nur in ihrem Leben und auf die Kinder, sondern auch aus meinem Buche durch alle Blätter auf die Sozial­demokratie.

    Vor fünf Wochen kündete Pfarrer Birnbaumer im Kasino für nächsten Sonntag einen Vortrag über Reich und Arm an. An besagtem Sonntag sagte er: Er müsse das Buch noch besser durchgehen in den nächsten 14 Tagen. Dann sagte er nach 14 Tagen, er möchte nicht zu viel sagen auf keine Seite, man solle ihm noch 14 Tage Bedenkzeit gönnen. Endlich am letzten Sonntag kam das Urteilchen so zahm und lamm­fromm, als ich, sonst niemand, es erwartet hatte. Meine Ge­danken über die soziale Frage seien Perlen, Hiebe wären vom Verfasser der Sonderlinge zu erwarten. Das Buch be­zeichne diesem gegenüber einen großen Fortschritt. Es stehe auf katholischem Boden und sei zwar gerade nicht zu emp­fehlen, doch auch nicht zu verwerfen.

    Birnbaumers Stellung in Au hat sich sehr verschlimmert, und man würde ihm noch einmal kränzen, wenn er ginge. Daß ich an vielem schuld sein soll, versteht sich. Übrigens ist man gegen mich, wie Du siehst, sogar mehr als vorsichtig. Ministerialrat Hamm hat mir einen freundschaftlichen Brief geschrieben, der mich sehr freut und den ich Dir nächstens schicke mit einem Brief von Hirzel, den ich bisher schon in Deinen Händen wähnte.

    Die Frau des Baron Seyffertitz schickt meinen Kindern Klauso­züg und mir Bücher. Meine Selbstbiographie wächst, und schon gewinne ich wieder Mut zu freiem dichterischem Ge­stalten.

    Mariann liest mir fleißig vor, tut die Arbeit und lernt mit mir und von mir. Die Kinder haben sie recht lieb und ich auch. Schreibe bald wieder. Es grüßt Dich mit Brudergruß und Handschlag Dein Freund           Felder.

    Die Bilder sind beliebig zu verwenden.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 10. Dezember 1868

    Coeslin, Provinz Pommern den 10. Decbr 1868 Geehrter Herr!

    Beim Lesen der Gartenlaube pro 1867 finde ich Seite 234 ff. einen Aufsatz über Sie.

    Wenngleich ich wohl annehmen darf, daß Ihre Zeit es wenig gestattet Sich in weitere Correspondenz einzulassen, so kann ich doch nicht umhin, auf kurze Zeit dieselbe in Anspruch zu nehmen. Mein noch in Stolp lebender Vater der Glasermeister Franz Xaver Felder geboren zu Bezau am 23 December 1 789 hat es nie geliebt, uns seinen Kindern viel über seine Heimaths= und Familienver­hältnisse mitzutheilen, da ich während mehrjähriger Reisen aber nie den Namen Felder gefunden habe, so hat es mich um so angenehmer überrascht, demselben nun mit einemmale aus der lieben Heimath meines guten Vaters erklingen zu hören. Sie werden meine Bitte nicht für unbescheiden halten, wenn ich Sie freundlichst ersuche, mir, wenn Ihre Zeit es gestattet, gefälligst mitzutheilen, ob Sie oder Ihr Vater sich des meinigen erinnern können, und in welchem verwandtschaftlichen Verhältniß wir zu einanderstehen.

    Mit dem herzlichsten Wunsche, daß Ihr begonnenes Streben ein von Gott gesegnetes sein möge und indem ich Ihnen und Ihrer lieben Familie ein aus dem Herzen kommendes „Grüß Euch Gott" zurufe, bleibe ich in Erwartung eines Bescheides

    mit größter Achtung Ihr

    Eduard Ludwig Felder

    Magistrats Kanzlist

    zu

    Coeslin, Provinz Pommern, Preußen.

    Eduard Ludwig Felder
    Coeslin/Pommern
    Franz Michael Felder
  • 10. Dezember 1868

    Verehrtester Herr

    Ihr werthes Schreiben hab ich längst erhalten und nur darum nicht sofort beantwortet, weil ich gleichzeitig auch den Empfang der von Ihnen erwähnten Sendung bestätigen zu können wünschte. So wartete ich denn bis heute. Da aber noch nichts von Hrn Hirzel in Leipzig gekommen ist, so möchte ich doch endlich meinem Herzen genug thun und Ihr liebes Schreiben erwiedern. Wie war es mir erfreulich Sie auf dem Boden meiner Heimat zu begrüßen! Der Sohn des fernsten Nordens beim Vorarlberger und durch Schreiben so zusammengekommen! Schon der Gedanke, als ich ihn mir ausmahlte, daß ich denn doch nicht gar so verlassen sei auf der Welt als es mir zuweilen

     

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    H.F. W. Grottendieck
  • 10. Dezember 1868

    Lieber Freund! Freigesprochen. Juhui!

    Diesen frohen Laut hast Du lang nicht mehr von mir gehört aber wenn einmal Wunder für Eins geschehen, darf man sich wol aus seiner Werktagsstimmung erheben.

    Das Kasino in Au ist endlich über Reich und arm zu gericht gesessen und hat mich ziemlich gut gehen lassen.

    Wenn Du den Roman gelesen hast, wirst Du sehen, welches Opfer hier der Berechnung gebracht, welche Zugeständnisse der - Furcht vor mir und meinem Anhang in Au gemacht wurden. Es hieß: das Buch habe Hiebe, wie vom Verfasser der Sonderlinge zu erwarten sei aber im Ganzen ein großer Fortschritt. Viele neue Gedanken seien geradezu Perlen, die Schreibfehler wolle man dem Autor vergeben.  (Hildebrand hat sie auch stehen lassen) und übrigens stehe das Ganze auf katholischem Boden und sei weder zu empfehlen noch zu verbieten. Siehst Du sagt ichs nicht!

    Seit die Herrn die sociale Frage in die Hand nehmen möchten, wagen sie sich nicht und können nicht mehr hinter mich. Drei Kapitel meines Buches, das 11 te 13te und 18te haben sie gegen ihre Gewohnheit ganz mit dem Mantel der christlichen Liebe be­deckt.

    Seyffertitz hat mir auf ein Schreiben brieflich und seine Frau mit einer großen Schachtel voll Kinderspielsachen u. Büchern geant­wortet.

    Auch Hamm hat geschrieben ich lege den Brief bei. Sei aber so gut, ihn für Dich zu lesen und bald wieder zu schicken. Ich sollt ihn schon nächste Woche haben und möchte Dich auf diese Weise zum Schreiben zwingen.

    Meine Antwort kannst Du Dir denken. Ich bath, er möchte sich an die Schillerstiftung wenden. Wir wollen sehen. jetzt lese ich Bornes Schriften die ich mir-aus-angeschafft habe. Du weißt schon warum.

    Meine Selbstbiografie wächst auch gewinne ich wieder mehr Lust zu freien Gestaltungen. Ich fühle meine Kräfte wachsen. Meine Kinder sind bei Mariannen gut versorgt und ich auch. An Bezau denk ich noch gern und bitte mir alle Bekannte zu grüssen Reinhardt, Förster, Cärbers Lisabeth, die Stülzo Mari u. besonders Deine Frau. Der Lisabeth - so heißt sie doch - werd ich etwas zu lesen schicken durch Dich. Lebe wol und vergiß nicht

    den besten Freund Dein Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 7. Dezember 1868

    Lieber Herr Felder!

    Ihre freundlichen Zeilen vom 2. d. M. die mir gestern zukamen, haben mich eigentlich sehr trübe gestimmt, denn ich habe daraus entnommen, daß es Ihnen nicht gut geht. Dazu habe ich mir immer Vorwürfe zu machen, daß Sie um das Heft der Grenzboten gekommen sind, durch meine Schuld, u. daß ich außer Stand mich sehe, Ihnen dafür Ersatz zu bieten.

    Unterdessen hat mir der Buchhandel Ihr neues „Arm u. Reich" gesendet u. ich habe daraus viel Vergnügen geschöpft, u. glaube entdeckt zu haben, daß Ihr Geist darin einen neuen Aufschwung genommen. Wie wenige Ihrer Leser, welche sich aus jenem Buche Freude u. Erholung schöpfen, denken daran, in welch trüber Lage der schaffende Geist sich befindet, der so Schönes geschaffen? Den Trompeter v. Säkingen, - ein Geschenk Scheffels an meine Frau - leg ich Ihnen hier bei, zum beliebig langen Gebrauche, u. meine Frau fügt noch für Ihre Kinder, da es gerade Niklaustag sei, einige kleine Spielereien, damit sie in Ihrer Einsamkeit auch eine kleine Abwechslung haben. Ich hoffe, Sie werden diesen Schritt freundlich aufnehmen; u. ihrdie Freude machen, die Kleinen damit zu betheilen.

    An Scheffels Ekkehard habe auch ich vor ein paar Jahren große Freude gehabt, nicht leicht findet man eine so zarte Behandlung eines zarten Gegenstandes, wie in jenen Blättern, u. eigens um den Schauplatz jener Ereignisse zu sehen, bin ich im J. 1865 einmal auf dem Hohentwiel gewesen. -

    Lassen Sie mich bald wieder etwas von Ihnen hören, oder kommen Sie einmal noch besser mich heimsuchen u. empfangen Sie derweilen meine u. m. Frau beste Grüße.

    Ihr ergebener C. Seyffertitz

    Carl von Seyffertitz
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 6. Dezember 1868

    Lieber Freund!

    Deine zwei letzten Briefe haben mich recht gefreut, da in denselben ein harmonisches Zusammenwirken ungebroche­ner, noch viel versprechender Kräfte sich erkennen läßt. Das Sonett ist trefflich und an die Adressen verteilt. Den Brief an die, wie es scheint, von Ehrgeiz geplagte Hedwig Gaßner werde ich besorgen. -

    Auer Burschen sind allerdings imstande, eine respektable Ver­schwörung zusammenzubringen. Mir ward es im Jahre 1861 und 1862 klar, wie ein Häuflein dieser Auer die Kraft haben konnte, der mächtigsten Kirchengemeinschaft der Welt und der populärsten weltlichen Obrigkeit zu trotzen und lieber als Verworfene auszuwandern, als ihrer neuen Überzeugung zu entsagen.

    Wie leicht diese verkommenen Gewohnheitsdusler für einen Gedanken zu gewinnen sind und mit welcher musterhaften Disziplin sie sich ihm unterordnen, habe ich selbst erfahren. Das Faschingdienstagstückl vom Jahre 1862 ist psychologisch eine Heldentat, deren wirklich nur Auer fähig sind und auf die die Täter mit Recht immer stolz sein können. Einige ver­kommene Burschen verschworen sich gegen die bornierte Obrigkeit und setzten unvermerkt eine Demonstration in Szene, worüber die Obrigkeit sich derart entsetzte, daß sie vollkommen den Kopf verlor und in die gröbsten Lächerlich­keiten verfiel, z. B. die komische Gegendemonstration in der Sonne, die illoyale Amtierung des bezirksamtlichen Abgeord­neten und schließlich das totale Abgehen von früher gefaßten Gemeindebeschlüssen und Außerkurssetzen der maßgeb­lichen Persönlichkeiten in der Gemeinde. Unsere stramme Disziplin und legale Haltung imponierte den besiegt sich fühlenden Gegnern derart, daß sie sicher heute noch im Innern uns Dank wissen, daß wir vom Sieg so bescheidenen Gebrauch machten. Dem Bezirksrichter Mathis merkte ich, als ich einmal hier das Gespräch auf jene Vorkommnisse, die ihm sehr viel Kopfarbeit machten, lenkte, Ähnliches sehr wohl an. - Wenn verkommene Auer Burschen /: Schmidlebub und Adlerwirt, Witwer von dazumal etc. :/ einem Gedanken gegenüber, der nichts weniger als einer Begeisterung würdig und fähig ist, eine solche hervorzurufen, sich so tapfer hielten, wessen sind diese fähig, wenn eine Idee sie ergreift, die wirk­lich eine hohe und große ist und die Kraft zeigt, eine Welt­revolution in Aussicht zu stellen. - Welchen unerbittlichen Trotzes ein Auer Proletarier fähig ist, weiß ich, wenn ich mich selbst anschaue, und diese Proletarier können nicht bloß, sie müssen sich verschwören, wenn sie ihre Blutsauger kennen und die Mittel, sie zu bewältigen; sie werden auch nicht lange warten, wenn sie den vom Dämon gepeitschten Krämer zum Brandstifter werden sehen, bis er in die Flamme springt, sondern werden ihn einfach hineinwerfen und die Fähigkeit erweisen, Organe der rächenden Nemesis zu sein. Wenn man im Jahre 1868 ein Buch schreibt ,Reich und Arm' und die Handlung in die Au verlegt, so gebietet der Ruf eine groß­artige Behandlung und sollte keines Schillers bedürfen. -

    Bezüglich der Verpachtung Deiner Güter würde ich wohl ausschließlich dem Gutachten der Mutter folgen. Könnte diese nicht hierin ein Provisorium vermuten, das Du noch für ihre restliche Lebenszeit triffst? Das wäre für sie gewiß schmerz­lich. -

    Auf Deine Biographie bin ich nach dem vorletzten Brief begierig und würde, um einen Vorgeschmack zu erhalten, einige Brocken gerne zu Gesicht bekommen. -

    Jetzt noch Einiges davon, wie ich in neuerer Zeit von dem Frauengeschlecht beansprucht werde.

    Daß ich der Berater und Beistand meiner Tante in Rehmen sein mußte, ist alt. Ein gut Stück meiner Kraft brauchte ich, um den Gemütsdruck zu parallelisieren, den mir der Tod Deiner Gattin verursachte. Die Nann und ich sind in unserer Familie immer nebeneinander gestellt worden, und ich hatte bei meiner letzten Anwesenheit in Au deshalb nebst dem allgemeinen Schmerz der Familienglieder noch einen ganz aparten zu erdulden. Die wehmütigen Blicke, denen ich bei meinen Geschwisterten begegnete und die eine unsägliche Sprache sprachen, die zu ertragen und zu verwinden, unter jenen Umständen zu verwinden, erforderte viel, viel. Um jene Zeit suchte Augusta Rhomberg, Tochter des Jakob Rhom­berg in Dornbirn, ein sehr talentvolles, kräftiges Frauen­zimmer, einstige Geliebte des Dr. Waibel, nach harten Schick­salsschlägen bei mir eine Stätte, um ein angenehmeres Dasein zu genießen. Sie ist seither bei mir, und kann Pius Dir manches von ihr erzählen. Seine Kritik wird aber etwas hinken. -

    Die Witwe des Jakob Moosbrugger, meine Schwägerin in Schruns, scheint es trotz meines Widerstrebens beim Gericht in Schruns nun durchzusetzen, daß ich als Mitvormund ihr bestellt werde. Da Moosbrugger ein reines Aktivvermögen von 36.000 Fl. hinterließ und darunter einen Fabriksanteil, ist diese Bestellung kein Spaß und umso weniger, weil der zweite gleiche Fabriksanteil der Frau Stöckl in Bregenz, Schwiegermutter des Feurstein in Bezau, gehört, die unter jene Wälderinnen zu zählen ist, welche laut Arm und Reich einst das Land regierten. -

    Ist das nicht eine leise Ironie des Schicksals, daß ich ein Mit­regent einer Bourgeois-Fabrik werden muß? -

    Der Schweizer Hirzel hat seine Sache sehr gut gemacht. Fast interessanter ist mir die Kritik der Kirchenzeitung. ­Die vom Ministerium des Ackerbaues herausgegebene Bro­schüre ,Zur Hebung der Alpenwirtschaft' ist sehr wertvoll und sollte im Bregenzerwald, obwohl dieser vom Verfasser völlig ignoriert wurde, fleißig gelesen werden. Allerdings hat sie großartige Schattenseiten. Wenn ich Zeit und Muße gewinne, werde ich über die Industrie des Bregenzerwaldes etwas schreiben und allerlei Anträge machen, die zur För­derung des Assoziationswesens dienen sollten. Hiebei hätte auch unsere Assoziation eine Rolle zu spielen, mit der wir uns schon sehen lassen dürfen. Mit Neujahr 1868 stellte sich bei der vorgenommenen Inventur eine Verminderung des Schuldenstandes per 900, eine Vermehrung des Aktivstandes per 900 und eine Vermehrung des Viehstandes per 1200 Fl. innerhalb der drei Jahre des Bestandes der Assoziation heraus, somit ein Vorhausen per 1000 Fl. jährlich oder eine 5pro­zentige Verzinsung des Stammvermögens und ein jährlicher Arbeitslohn per 100 Fl. ö. W. für jedes Mitglied über die Deckung aller Bedürfnisse der wirklich Arbeitenden. Dieses Jahr wird voraussichtlich relativ das Beste sein. ­Diese letzte Mitteilung ist Vertrauenssache, und behalte sie daher für Dich. -

    Der Pius soll der Augusta schreiben. Schicke mir gelegentlich auch das Manuskript von Vonbun. ­Bei uns alles gesund und wohl. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger Schreibe bald wieder!

    Anna Katharina Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 3. Dezember 1868

    Geehrter Herr,

    Wir haben unsere Begegnung mit Ihnen nicht vergeßen - noch weniger des großen Schmerzes, der Sie in dem Verlust Ihrer theuren Frau betroffen, - ich denke mir Sie werden das schöne Weihnachts­fest recht traurich verleben, wenn nicht die geliebten Kinderchen etwas Licht in die dunkle Nacht bringen. Wohnten wir näher, so würde ich den lieben Kleinen ein Weihnachtsbäumchen anzün­den, nun muß ich mir daran genügen laßen den theuren Vater durch einige herrliche Lieder aufzurichten. Ich habe sie gesammelt und die Zeichnungen dazu gemacht. Wenn Sie nur Etwas Trost darin finden, so wird das auf die lieben Kleinen zurück strahlen. Meine Liebe 84jährige Mutter, der mein Mann u. ich v Ihnen erzählt hat, schickt es mit mir vereint. Mein Bruder mögte durch seine Photographie Ihnen empfolen sein, er bemühte sich in Bregenz u. Lindau vergebens nach der Ihrigen, wenn Sie mit der Zeit ihn dadurch erfreuen können seine Adreße ist: Senator Schiei­den. Altona. Holstein. Die herzigen Kinder, die uns Blumen brachten, Ihren Hügel und Bänkchen sehe ich vor mir, - u wenn sie sich mit frischem Grün schmücken, dann denken Sie an den Frühling droben, der nimmer aufhört.

    Mein Mann grüßt herzlich u. ermahnt Sie die Geschichte Ihrer Liebe in Ihrer ganzen Einfachheit u. Poesie zu erzählen in einem kleinen billigen Buch, das schnelle Verbreitung findet. Vergeßen Sie ja nicht zu erzählen, wie Sie unseren geliebten Schi Her u. Göthe sich anschafften.

    - Gott segne Sie im neuen Jahr! mit seinen besten Segen! gebe Ihnen Trost u. Freude an den Kindern, Kraft u. Freudigkeit zum Schaffen daß Sie es sicher fühlen Ihr guter Engel sei noch immer um Sie! Grüßen Sie mir die liebe Frau Wirthin in Au! deren unver­gleichlichen Gasthof wir mit Freuden gedenken.

    Voll Hochachtung Angelica v Woringen.

    Angelica Woringen
    Freiburg/Baden
    Franz Michael Felder
  • 1. Dezember 1868

    Verehrtester Herr Ministerialrath!

    Herzlichsten Dank für die Freude, die Sie mir mit Ihrem werthen Schreiben gemacht haben. Hier im engsten, schattigsten Aachthal, fern von Freunden und verlassen von dem einzigen Wesen, das mich recht und ganz verstand, vielfach angefeindet von denen, die hier noch der Menschen Gedanken beherrschen und auch fürder hin noch alein beherrschen und leiten möchten, thut es einem schon an Leib und Seele wohl, das was man möchte und damit auch sich selbst irgendwo freundlich beachtet und mit einer Nachsicht beurtheilt zu sehen, die ein herzliches Wohlwollen verräth.

    Diesem Wohlwollen gedenken Sie aber nicht nur durch Worte ­und schon diese machten mich glücklich - sondern auch durch die That Ausdruck zu geben. Das läßt mich einmal etwas freier aufathmen, etwas weniger beklemmt an die Zukunft denken, die bisher kaum von einem Hoffnungsstrahl erhellt, vor mir lag und mich ängstigte.

    Zwar bin ich von Jugend auf an bitterste Entbehrungen gewöhnt. Von den etwa 400 - 600 Bänden meiner Bibliothek hat fast jeder seine eigene Geschichte blutsaurer Erwerbung. Ich konnte fast nur bei Nacht lesen und schreiben; den Tag über mußte ich mir auf meinem Anwesen unser Brot und durch Tagwerkerarbeit u. dgl die theuren Bücher verdienen. Professor Dr Hildebrand war im Som­mer 1867 mehrere Wochen hier bei mir, um meine Verhältnisse kennen zu lernen. Er war vielleicht der einzige Freund, der meine Heimat in recht trüber Stimmung verließ. Als ein wahrer Freund that er für mich was er konnte. Er bettelte bei seinen Freunden in Leipzig für mich daß ich Geld bekomme, um einmal ein wenig etwas von der Welt zu sehen. Er beherbergte mich in seinem Hause und erschloß mir die bessere Gesellschaft. Aber es war ihm nicht möglich, für meine beiden Romane ein Honorar herauszubringen, das mich und die Meinen für längere Zeit sicher stellte. Die Sonderlinge sind bereits ins Holländische übersetzt und eine Übersetzung ins Französische ist in Aussicht, aber was hilft mir das, wenn ich unterdessen wieder die Mistgabel zur Hand nehmen oder das Anwesen des Vaters verlassen muß. Wenn meine Feder mir kaum so viel verdient, daß ich einen armen Verwandten die ärgste Würgerarbeit thun lassen darf, die dem kurzsichtigen geradezu lebensgefährlich ist.

    Gestatten Sie mir, Ihnen kurz meine gegenwärtige Lage darzu­stellen.

    Mein Anwesen dahier trägt vier Kühe. Rechne ich nun Jahreszins, Steuern, Taglöhne u. andere durch das Anwesen bedingte Ausga­ben, so bleiben mir vom jährlichen Ertrag höchst selten zweihun­dert Gulden, niehmals ein Kreuzer mehr dagegen oft viel weniger. Davon soll ich nun fünf Kinder mich und die beinahe blinde Großmutter erhalten. Freilich muß ich hier auch der Erträgnisse meiner Feder gedenken, aber mein Verleger zahlt mir bisher für den Bogen noch nicht einmal volle zehn Gulden. Und nun noch etwas recht trauriges etwas, das mir noch immer einen Stich ins Herz gibt und doch gesagt sein muß. Mein liebes gutes Weib hat nicht nur mein Auge geschont und bei Nacht für mich geschrieben und gelesen sondern mir auch - eine Magd erspart, die ich von jetzt an ebenfalls zu erhalten habe. Wie viel Geld mir da noch zu Büchern, wie viel Zeit zu so nötiger weiterer Ausbildung, wie viel Stimmung zu tüchtigem schriftstel­lerischem Schaffen bleibt, können Sie Sich denken.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 1. Dezember 1868

    Mich schreckt weder der dumme Zweifel - über den unbestimmten Empfang, noch einen möglichen Verstoß gegen Frau Etiquette zurück, Ihre stille Häuslichkeit aufzusuchen! Begeisterung kennt kein warum: sie durchbricht jede Schrancke und gibt Muth den Gedanken zur That werden zu lassen. Ich habe: „Reich und Arm" soeben vollendet. O das war herrlich Herr Felder! Ich fand so viel Klänge in diesem Ideenspiel, die mich unendlich harmonisch berührten. Wir armen Menschenkinder haben ja hie und da auch schöne Phantasiegebilde, doch nur den höher Be­günstigten ist die Macht gegeben, sie zur Freude und zum Genuß Anderer zu verwerthen!

    O Herr Felder was möchte ich dafür bieten - und wie lächerlich, ich wage es zu kommen mit einem einfachen Dank auf den Lip­pen.

    Aber ein tiefgefühlter Dank aus warmer Menschenbrust, ist er nicht ein Gebet für das Wohl desjenigen, der diese Empfindung wach ruft? Sonderbarer Mensch, der aus so einfachen Vorkommnißen des Lebens es versteht, eine derartige Schöpfung in's Leben zu rufen. Der Gedanke, alle diese Ideen sind Kinder Ihrer eigenen Überzeugung - sind mit Ihnen groß gewachsen - und nicht in der Schule eingeimpft worden; das ist's, was mir Alles bedeutungsvoll macht, was mich zum Entzücken hinreißt! Doch nein - diese Sprache nicht, ich wollte Ihnen so Vieles sagen, doch zu Allem fehlt mir das passende Kleidchen, und ich komme mir so bettelarm vor, einem solchen Manne gegenüber.

    Doktor Scherer aus Stuttgart ist mein Freund, seine Schilderung ließ mich erkennen, daß Sie ihm eine warme Sympathie abgerungen, als er im verflossenen Herbst das Vergnügen hatte, Sie kennen zu lernen. Auch er ist ein bevorzugter Sohn der Musen, sein Urtheil kein alltägliches, es freute mich deßhalb, daß er ein solches Lichtbild in unsern Bergen fand, das wird ihm unser Ländchen noch reizender machen.

    Ich habe ein Kleinod, in einem liebenswürdigen Schwesterchen, das meine Begeisterung für Sie theilt, das mich das Organ sein läßt, durch welches sie Ihnen tausend Dank entgegen sendet. Zum Abschied reichen Sie mir die Hand-geehrter Herr Felder-es soll mir ein Beweis sein, daß Sie dem kecken Eindringlinge nicht zürnen, daß Sie ihm im Gegentheil die Erlaubniß geben, vielleicht wieder zu kommen, wenn mir etwas unklar sein sollte, oder mich ein Zweifel quält.

    Daß Sie noch recht - recht lange zur Freude der Menschheit - Ihre geistige Thatkraft opfern - das sei das tägliche Gebet

    Ihrer Sie hochverehrenden Hedwig Gassner

     

    Hedweig Gassner
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 30. November 1868

    Lieber Freund!

    Endlich komme ich mit der längst versprochenen Zeitung. Daß die Zusendung nicht aus meiner Schuld verzögert wurde, kannst Du Dir denken, daß ich Deinen Brief so lange unbe­antwortet ließ, wird Dir mehr aufgefallen sein. Mündlich hätte ich Dir sehr viel darauf geantwortet, brieflich nimmt sich die Sache ganz anders aus, wenn man sich selbst loben und tadeln sollte. Freilich handelte sich's hier mehr ums Ver­teidigen, und da muß ich schon einiges beantworten. Ich selber bin, seit das Buch gedruckt vor mir liegt, mit dem Jos am wenigsten zufrieden. Aber das kann ich doch weder an ihm noch an Hansjörg tadeln (psychologisch), daß das Bewußtwerden ihrer Lage sie herabdrückt. Ich glaube nicht, daß sie eine Verschwörung unter den verkommenen Gewohn­heitsduslern in Au zustande brächten, die man sehen lassen dürfte. Das Kapitel - im Walde - jedoch solltest Du nicht vergessen. Meinst Du, das müsse nicht wirken aufs Volk, mehr als eine Behandlung des Stoffes, wie sie vielleicht in 100 Jahren ein zweiter Schiller wagt?

    Die innere Lösung vollzieht sich in den von dem Helden und den Bauerngemeinden losgerungenen Gedanken, und zwar so, daß sie einen Sozialdemokraten befriedigen dürfte, die äußere gemütliche Lösung ist für den Romanleser da.

    Vielleicht nehme ich - da doch noch so manche Verzahnun­gen da sind, den Stoff wieder einmal auf und lasse meine Helden ihre Rolle weiter spielen. Jetzt freilich trage ich einen ändern Gedanken herum, während ich rüstig an meiner Selbstbiographie arbeite.

    Etwa drei Wochen war ich bei Feurstein in Bezau. Man war bemüht, mir das Leben schön zu machen, und ich habe mich in seinem Kreise recht heimisch gefühlt. Der Mann trägt sich mit kühnen Plänen und ist für die Pflege des bereits Ent­standenen unermüdet. Hier in Schoppernau und Au haben wir für den Winter 8 Vereinssennereien. Galli muß für die Maß Milch 18 Pf. zahlen und bekommt doch noch nicht genug.

    Von Frl. Hedwig Gaßner in Bludenz hab ich einen Brief erhalten, den ich hier beilege. Lese ihn für Dich, sende ihn dann wieder an mich. Ich möchte schon wegen Scherer ant­worten, wenn Du so gut sein und einen Brief besorgen willst, den ich nicht gern auf die Post gebe.

    Bei mir daheim geht alles seinen Gang, so gut es kann. Mariann hält sich, daß ich sie nur loben kann. Den Kindern ist sie längst wie eigen, auch mir ist sie recht lieb, und ich ließe sie schwer wieder heim. Sie denkt auch nicht ans Gehen, obwohl man sie daheim dazu bereden zu wollen scheint, weil es der Mutter um den Verdienst einer Näherin ist.

    Ich denke jetzt ernstlich daran, meine Güter für einige Jahre zu verpachten, um dann keinen Knecht mehr halten zu müssen. Jetzt würde alles viel gelten, und wir hätten es dann ruhiger, bis die Kinder gewachsen sind. Schon das Wible hat das gewünscht. Eine Kuh für uns würde ich allenfalls behalten. Was sagst Du dazu?

    Von ändern Planen, die jetzt in mir aufdämmern, möchte ich lieber mündlich mit Dir reden.

    Von Hamm hab ich noch immer nichts. In Bezau wuchs meine Biographie. Soll ich Dir einen Brocken davon schicken? Ich glaube, Du wirst mit der Arbeit zufrieden sein.

    Über Kathrinentag wenig Neues, was geschrieben zu werden verdient.

    Ich erwarte von Dir einen Brief in meiner Schoppernauer

    Einsamkeit, gegen die das Leben in Bezau ein städtisches ist.

    Grüße mir die Deinigen.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein Freund                                                          F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 25. November 1868

    Verehrter Herr!

    Rechnen Sie mir es nicht als Unart oder Vernachlässigung an, daß ich Ihr werthes, interessantes Schreiben erst heute beantworte. Als es einlief, war ich schon wieder auf Dienstreisen; kaum waren diese beendet, so kam der Agrarische Congreß, der mir keine freie Minute gönnte, und als der vorüber war, wollte ich doch erst Ihr „Arm und Reich" lesen, für dessen freundliche Uebersendung ich herzlich danke. Das hab' ich denn nun am Sonntag in einem Zuge gethan und zwar mit doppelt gefesseltem Interesse, da ich ja nunmehr Land und Leute kenne. Da ich auch die „Sonderlinge" frisch von der Presse weg gelesen habe und besitze, so darf ich mir vielleicht ein Wort der Kritik erlauben, welches lautet: Arm und Reich ist ein Fortschritt in der knapperen Charakteristik, in der geschickten Bewegung der handelnden Gruppen vielleichtauch im Styl und Ausdruck. Ich hoffe damit, den Sonderlingen nicht zu nahe zu treten, die ich hoch verehre, und mir für die Winterabende zur abermaligen lecture zurechtgelegt habe, die mir jetzt erhöhten Genuß gewähren wird. — Ihre eigenthümliche Laufbahn verfolge ich schon seit dem ersten Bekanntwerden derselben mit großem Interesse, denn, wenn ich auch meine fachliche Thätigkeit dem materiellen Gebiete zuwende, so bin ich nichts destoweniger den schönen Wissenschaften nicht fremd, bin namentlich seit Jahren Mitarbeiter der Gartenlaube und ähnlicher periodischer Schriften. Daher war mir der Ausflug in den Bregenzer Wald, speziell zur Thierschau nach Andelsbuch, schon um deswillen so anziehend, weil ich fest darauf zählte, bei dieser Gelegenheit mit Ihnen zusammenzutreffen. Je nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben; es hat mir so gut in Ihren reizenden Bergthälern gefallen, daß ich sie gewiß so bald als möglich wieder heimsuchen werde. - Vor allen Dingen möchte ich aber jetzt die Frage erörtern: Wie und auf welche Weise kann ich Ihnen hülfreich sein? Sprechen Sie sich darüber ganz offen aus. Brauchen Sie Geld, brauchen Sie Aufträge? Ich kann, wenn Sie das wünschen, die Schillerstiftung für Sie interessiren, ich kann für Sie eine Nationalsubscription in der Gartenlaube eröffnen und werde dies gern thun, sobald Sie mir dazu Erlaubniß geben. Sträubt sich dagegen ihr Sinn, so möchte ich Sie auf ein Gebiet weisen, auf dem Ihre Feder jeden wünschens­werthen Lohn erwerben könnte. Es ist dies die landwirthschaftliche Belehrung im Gewände der Dorfgeschichte. Daran fehlt es noch sehr, was wir davon haben, ist wenig werth; dergleichen Bücher, wenn gut, nützen viel, werden überall gekauft u. gelesen. Hier könnte ich auch von meinem amtlichen Standpunkt aus mit Remuneration und Subvention ohne Weiteres zu Hülfe kommen. Gern bin ich persönlich bereit, zu jeder Ihnen etwa nöthig erschei­nenden Auskunft, zur Berathung des Plans, zur Aufstellung der Gesichtspunkte und Ziele etc. ohne dabei im Geringsten der Gestaltungskraft des Autors zu nahe treten zu wollen. Es sollte für mich wahrlich ein schöner Erfolg sein, wenn es mir gelänge, Sie auf ein Gebiet zu ziehen, welches Ihnen ja das nächstliegende sein muß. Kennen Sie die Schriften von Jeremias Gotthelf? Unter ihnen ist ein Band, betitelt: Die Käserei in der Vehfreude; dieser span­nende Roman im schlichtesten Gewand der Dorfgeschichte hat­trotz seiner vielen rohen, oft unverzeihlichen Auswüchse - für das Käserei = Genossenschaftswesen in der Schweiz mehr geleistet, als alle ändern daraufgerichteten Bestrebungen. In ähnlicher Weise Ihr Talent zu verwerthen, dahin möchte ich Sie stimmen; der Charakter= Roman bleibt Ihnen nebenbei unbenommen. Was sagen Sie dazu? Neulich hatte ich an R. Gottschall in Leipzig geschrieben von meiner Vorarlberger Reise; er hat mir geantwortet: Schreiben Sie mir so rasch als möglich einen Beitrag für Unsere Zeit über das wundervolle Land und vergessen Sie dabei nicht umständ­lichen Bericht über die Felder'schen Romane! - Sie sehen, wie sehr man Sie draußen schon schätzt.* Find' ich über Winter Zeit, so schreib' ich wohl eine „Vorarlberger Scizze". Leben Sie wohl, verehrter Herr, und erfreuen Sie mich mit einer recht offenen, vertrauenden Antwort, die mir Gelegenheit giebt, Ihnen zu beweisen, daß Handeln besser ist, als Worte.

    Ihr ergebenster

    Dr. W. Hamm

    Ackerbauministerium

    * Dagegen ist es unverzeihlich, daß man gerade in Ihrem Vater­lande, in Österreich, noch am wenigsten von Ihnen weiß; wem ich von Ihnen erzähle, dem berichte ich Neues. Arm u. Reich habe ich dem Hofrath v. Tschabuschnigg, dem bekannten Dichter, zu lesen gegeben.

    Wilhelm Philipp von Hamm
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 16. November 1868

    Werther Freund!

    Wir stehen am Anfang einer neuen Aera, wie im Politischen, so auch im Sozialen Leben. Das hat sich gestern, in unserm Dörflein durch die That bewiesen, indem die Oberdörfler sich zu dem heroischen Entschluß vereinigt haben ihre Milch gemeinschaftlich in den Landwirtschaftlichen Käseverein zu versennen. Die Bauern sind sehr geneigt gewesen beizustehen, mit Ausnahme deines Vetters Schuhmacher, der sich bis Heute noch nicht unter­schrieben hat; aber dafür haben sich der Vorsteher u. Batas auch dazu unterschrieben. Den Pius Willam glaubt man allgemein auch noch dazu zu bringen. Der Jodok Sieber hat sich auch, ohne Wiederrede unterzeichnet. Merkwürdig ist, daß auf der ganzen Liste kein einziger Felder unterzeichnet ist.

    Am Freitag ist allgemein Berathung, u. Wahl deß Obmanns. Wie verlautet wird Josef Kohler allgemein gewünscht. Sennen soll unser Bruder Joh. Josef. Das Holz liefert der Bräuer. In Widann, u. auf dem Wiedamm haben sich auch Vereins=Senne­reyen gebildet.

    Der Johann Hofer hat seine Anhänglichkeit an das Haus Moosbrug­ger wieder auf ein neues bewiesen, da er den Antrag stellte, es wäre schon recht; aber ich glaubete doch, man sollte noch zuerst dem Gallin dafon sagen, da man schon so viele Jahre mit ihm zu thun gehabt. Dieser Antrag wurde aber nicht weiter besprochen, denn es zeigte sich sehr deutlich, daß diese Zeiten u. Anschauungen sich abgelebt haben.

    Ich muß Dich noch um einen Liebesdinst bitten. Ich habe nehmlich den Erben deß Jos. Ant. Aberer das Haus sammt Hofstatt gut abgekauft, u. sollte mehreres daran repariren, wo ich das Holz dazu kaufen muß. Daher bitte ich Dich bey Josef Feurstein mir anzufragen ob er mir nicht 100 Banknoten, auf ein Jahr leihen würde, da ich bis dahin wieder Geld bekommen sollte. Mit Gruß u. Achtung

    Josef Oberhauser

    Sollte er Dir das Geld nicht geben, so bitte ich Dich mir, sobald als möglich zu schreiben, da ich sonst anderwärts mich Umsehen kann.

    Josef Oberhauser
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 15. November 1868

    Hochgeehrtester Herr!

    Selbst auf die Gefahr hin, Ihrem Schmerze neue Nahrung zu geben, drängt es mich, Ihnen wegen des Sie betroffenen harten Schicksals­schlages meine aufrichtigste Theilnahme auszusprechen. Doppelt leid thut es mir nun, die Entschlafene nicht persönlich gekannt zu haben, denn solche Frauen, die mit dem Manne innig Hand in Hand gehen, sind große Seltenheiten, und darum der größten Achtung ihrer Mitmenschen um so würdiger. Der Grund meiner späten Antwort auf Ihr liebes Schreiben vom 14. Sept. ist lediglich der, daß ich Ihnen zugleich den Eindruck melden wollte, den Ihr Erstlingswerk „Nümmamüllers" auf mich und meine Frau gemacht hat. Wir sind jetzt mit dessen Lektüre fertig und haben uns an der schlichten und lebendigen Schilderung Bregenzerwald=Zustände recht erfreuet und erquickt. Wie ich lese, ist Ihr neuestes Werk „Reich und Arm" auch bereits im Buchhandel, es soll uns, wie „die Sonderlinge" gleichfalls später beschäftigen.

    Aus meiner kleinen Familie kann ich Ihnen mittheilen, daß der Sohn seit 1. Oktober in Berlin ist und dort seine hier begonnenen mathematischen Studien fortsetzt.

    Unter Versicherung aufrichtigster Hochschätzung empfehle ich mich Ihrem fernem freundlichen Andenken, und zeichne

    ganz ergebenst Wittstein.

    G.C. Wittstein
    München
    Franz Michael Felder
  • 15. November 1868

    Geliebter Freund!

    Soeben habe ich Deinen Brief erhalten u. gelesen; er hat mich recht gefreut u. ich werde ihn in dieser Woche noch oft lesen u. mich in Gedanken zu Dir versetzen. Ich bedaure, daß ich wegen Kälte hier im Stüble Dir nicht so viel schreiben kann als ich wünschte; indeß kommst Du ja bald, u. dann läßt es sich besser mündlich erzäh­len.

    Daß Du zum Herausziehen kommst, ist nicht nötig, wir können es leicht allein. Es wäre schade, wenn Du Dir deswegen eine Freude od. Vergnügen versagen müßtest.

    Wie ich höre, werden heute hier die Bauern wahrscheinlich zusammen kommen, wegen der Sennerei.

    Von der Zürcher Zeitung habe ich nur eine Nummer finden können. Gesund sind wir Alle, u. laßen Dich grüßen, besonders

    Deine M. Anna Moosbrugger

     

    Anna Katharina Moosbrugger
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 13. November 1868

    Geehrter Herr!

    Unbekannter Weise bin ich so frei diese Zeilen an Sie zu richten um nämlich Sie zu bitten, mir einen kleinen Freundschaftsdienst zu erweisen wenn es im Bereiche der Möglichkeit ist. Ich sollte nämlich aus den Taufbüchern von der Familie meines Mannes einiges herausschreiben lassen im Pfaramte Betzau, da ich aber weder die Geistlichen Herrn kenne noch überhaupt in Verlegenheit bin, an wem ich mich wenden soll in dieser Gegend, so fiel mir ein voriges Jahr in der Gartenlaube Ihren werthen Namen gelesen zu haben. Ich dachte ich will es wagen vileicht gewähren Sie einer Unbekannten diese Bitte und ersuche Sie daher im ersteren Fall mir es wissen zu lassen, ob ich Sie belästigen darf einen Brief in den ich alles nothwendige angeben werde, an das Pfarramt zu befördern. Da es besonders im Intresse meines Kindes geschieht so werden Sie gewiß nicht übel deuten das ich unbekannterweise meine Zuflucht zu Ihnen nahm.

    Achtungsvoll zeichnet

    sich Witwe Maria Felder

    Universitätsgasse

    No 308

    Innsbruck.

    Maria Felder
    Innsbruck
    Franz Michael Felder
  • 9. November 1868

    Liebster Freund

    Deine letzten, langerwarteten Zeilen haben mich endlich in Bezau gefunden, wo Freund Feurstein mir einige Wochen der Erholung bei sich in seinem lieben Kreise gönnt. Mich nimmts Wunder, daß Du das nicht schon von Hirzel wußtest, dem ich, seiner freundlichen Aufforderung bei Übersendung der Sonderlinge entsprechend, von hier aus schrieb und Dich grüßen ließ.

    Dein letzter Brief hat mich gefreut, wie schon lange nichts mehr. Juhu jolabubuhihiu soll ich mit Dir zu unseren schneebehangenen Bergen hinauf jauchzen mögen. So wärst Du denn endlich droben. Ich athme mit Dir auf, erleichtert und froh, denn auch mir ist damit einer der heißesten Wün­sche erfüllt. Aber ich schwätze da und denke bei allem Reden davon nicht einmal daran, daß ich an einen Professor schreibe. Na Du verzeihst mir schon, denn heut kann ich nicht anders. Mein erster heut an Dich angefangener Brief war so närrisch vor Freude, daß ich ihn gar nicht schicken darf. In meiner Freude hab ich unter dem Mittagessen aus Deinem Briefe geplaudert trotz Deinem Verboth und Feuersteins bitten mich nun, Dir mit ihrem Gruß auch ihren herzlichsten Glücks­wunsch zu melden.

    Mein Jakob geht nun zur Schule und der Lehrer ist mit ihm sehr zufrieden für den Anfang. Der Erfolg meines Käsevereins ist über alle Erwartung, wenigstens das wäre mir glänzend gelungen. In unsern bedeutendsten Blättern ist von der Sache die Rede, sogar in der alten Presse. Die Regierung ist auf die Sache aufmerksam geworden und hat zur Aufmunterung Preise von 500 - 250 - 200 fl auf ähnliche Vereine gesetzt. Daß unser Verein den ersten Preis bekommt ist ohne Frage und vom Ministerialrath Dr Hamm dem Obmann des Vereins ziemlich bestimmt zugesagt. Ich hab in letzter Zeit ermun­ternde Zuschriften erhalten die mich sehr freuen. Ich möchte fürs Volk arbeiten, dabei aber muß ich doch auch meiner armen mutterlosen Kinder gedenken. Ihre Zukunft liegt jetzt recht schwer auf mir. Mir nahen sich hundert theilnehmende Tröster, die es wenigstens recht gut meinen, aber für die Kinder bin nur ich und ich bin so wenig, zumal jetzt, wo mir doch noch oft die gehörige Stimmung zum rechten Schaffen fehlt. Was sagst denn Du zu der Art, wie ich mein Leben gebe? Ich komme nur langsam vorwärts weil ich alles für euch da draußen Interessante mitnehmen möchte. Jetzt be­arbeite ich meine ersten Schuljahre. Feurstein ließt Reich und Arm. Er lobt das Buch und lobt es. Auch von ändern hörte ichs loben, von Dir aber kein Wort. Ich weiß nicht, ob Du es vergaßest, oder nichts hörtest, oder das Gehörte nicht schreiben magst.

    In dem Nachbardorf Reute, wo Du eine Prozession mitmach­test, entsteht jetzt auch ein Kasino. Ich war gestern dort bei der Statutenberathung und hatte Abends hier in der Garns den Herrn allerlei lustiges zu melden. Ein pensionierter Inge­nieur von Wien, Freund Bergmanns und Vetter meiner Frau ist eins der hervorragendsten Mitglieder. Bei Bergmann fällt mir eben ein, daß nun seine Landskunde Vorarlbergs, eine sehr fleißige Arbeit, erschienen ist. Wollte ich einmal ein Reisehandbuch verfassen so würde sie mir treffliche Dienste leisten.

    Hier schneit es, daß man kaum von einem Hause zum Än­dern sieht. Die Meinen in Hopfreben müssen schon 1 1/2 Fuß Schnee haben. Da wirds denn wol enge genug im kleinen Hüttchen ohne mich. Jakob kann Gott danken, daß er in Schoppernau beim Gottle bleiben darf. Mariann ist auch in Hopfreben bei der Mutter und den Kin­dern. Ich möchte nicht dort sein, beschäftigungslos, wo ich mit dem Wible die schönsten Stunden verlebte, obwol es mich auch fast hart ankam, das Mädchen alein hinzulassen. Es hat einen Ballen Bücher mit, die es dort mit seinem nahe­wohnenden Vater und seiner Jüngern Schwester lesen will. Die beiden Mädchen, strenge gehaltene Stiefkinder, haben stets im Lesen gelehnter Bücher ihren Trost gefunden. Schon mein Wible machte ihnen so manche Freude mit meinen Büchern und Mariann war ihm besonders lieb. Es ward sogar zuweilen ihre Fürsprecherin bei seiner strengen altern Schwe­ster, Mariannes Stiefmutter. Nun wirds den Kindern belohnt. Das ungewöhnlich kleine aber an Leib und Seele gesunde Mädchen ist zu allem willig und geschickt. Als im Sommer ich und Diakon Hirzel von Zürich nach Au giengen ist es uns begegnet und wol sein ausdrucksvolles Gesicht auch hat ihn zu der begeisterten Schilderung der Wälderinnen begeistert. Sie ist noch nicht ganz 22 Jahre alt, aber zuweilen ungemein ernst. Fast ob ein tiefes schweres Leid auf ihr liege. Wer ihre Vergangenheit kennt: eine freudlose, kann sich das erklären, ein anderer fände sie abstossend und stolz, mir ist sie eine liebe Freundin und es machte mich sehr unglücklich, wenn es meinen frommen Gegnern gelänge, ihre Altern so gegen mich aufzureden, daß man sie heimberufen wollte. Gethan wird dazu alles Mögliche, ich hoffe jedoch daß es nichts nütze. Deinen Gruß will ich ausrichten, so bald es mir mög­lich ist.

    Dem Kurat Herzog in Rehmen hat meine Zugharmonika so gut gefallen daß er nun auch ein ähnliches oder noch grö­ßeres Instrument von Leipzig will. Er hat aber für die Sache mehr Neigung als Talent und bittet daher Freund Lippold den wackern Tongünstler [sie] um seinen Rath. Wäre denn nicht eine Beschreibung der Werke zu bekommen? Herzog möchte wol eine Fisharmonika, wenns nicht zu schwer zu lernen wäre. Lippold würde dem guten, unter seinen stren­gen Amtsbrüdern vereinsamt stehenden Mann mit einer bal­digen Antwort an mich eine große Freude machen. Eben las ich eine Schrift von dem erwähnten Vetter Ingenieur, die mich am guten Verstande dieses Kasino-Mannes ernstlich zweifeln läßt. Wenns irgend möglich ist, sollst Du 1 Exemplar erhalten als Perle der Kasino-Reden.

    Von Grottendieck erhielt ich vor 14 Tagen die Meldung, daß die von mir gewünschten 6 Exemplare der Übersetzung an Hirzel abgegangen seien, der sie mir zusenden werde. Zwei Exemplare nun sind für Dich und Hirzel, die ändern 4 weiß ich sonst zu verwenden.

    Grüß mir herzlich alle, die meiner noch gedenken, besonders Deine Frau, Karl, das Hinterhaus, den Klub, Hirzel und alle. Schreib mir doch recht bald wieder und auch etwas von Reich und arm.

    Und nun lebe recht wol, mein lieber guter verehrter unver­geßlicher Herr Professor und vergiß nicht

    Deinen armen Freund Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Bezau
    Rudolf Hildebrand
  • 7. November 1868

    [...] Die Arbeit macht mir manche schöne Stunde und ich hoffe, daß sie einmal auch ändern gefalle. [...]

    Franz Michael Felder
    Bezau
    Johann Josef Felder
  • 7. November 1868

    Lieber Freund!

    Ich bin seit einigen Tagen hier, und in einem recht hübschen Zimmer wie daheim an meiner Selbstbiografie. Die Arbeit macht mir manche schöne Stunden und ich hoffe daß sie einmal auch ändern gefalle. Über die Aufnahme von Reich und Arm hab ich noch wenig vernommen. Sogar von Dir noch kein Wort. Warum schreibst Du denn nicht? Melde mir wenigstens, wann Du mich hier zu besuchen gedenkest, damit ich auch gewiß zu Hause bin.

    Von uns heraus weiß ich wenig zu melden. Pfarrer Rüscher ist unwohl wenn nicht gar krank. Der Käsverein brachte aus der Wintermilch 18 1/2 Pfenig halb Silber. Das gibt nun viel zu reden und mancher bekommt zur Sache mehr Lust als vorher. Was aber schließlich geschieht, ist jetzt noch schwer zu sagen,

    Der Rößlewirth hat uns wieder einmal Assekuranz Schelme geschumpfen wofür ihn der Vorsteher verklagen will. Bei mir ist alles wohl und Jakob geht nun in die Schule die heuer fast zu voll wird. Daher ist dem Lehrer auch ein Gehaltszuschlag bewilligt. Mehreres mündlich da ich Dich nächstens hier zu sehen hoffe. Schreib bald Deinem

    Freund Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Bezau
    Johann Josef Felder
  • 6. November 1868

    Lieber Freund!

    Ich habe schon seit Wochen im Sinn, Dir einmal einen ordentlichen Brief zu schreiben. Ich ward aber diese Zeit her mit so vielerlei Sorgen und Arbeiten, mit deren Mitteilung ich Dich verschonen möchte, belastet, daß es beim Wunsche blieb. Nun endlich hab ich mich aus vielem Quälenden herausgerissen, und erster Ausdruck des angenehmen Gefühls, nun doch wieder frei aufatmen zu können, sind diese Zeilen. Meine Familie lebt im engen Hüttchen zu Hinterhopfreben. Mich hat Feurstein schon früher eingeladen, einige Wochen bei ihm zu verbringen, und ich bin gestern heraus aus dem engen schneeigen Tal. Ich war allein und hatte meine lieben trüben Gedanken. Da ist keine Stelle, der ich nicht auf irgend einer frohen Wanderung in Gedanken der etwas erzählte, die immer meinem Herzen nahe war, mit der ich alles gemein hatte. Dem Stein, auf dem ich einmal ruhte, dem Baum, dessen Schatten mir einmal - ich wußte genau wann, ­Kühlung zuwinkte, ach! allem hätt ich's zurufen mögen, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weile, nicht mehr in Gedanken mich begleite. Wohl umschwebt meinen Geist noch ihr reines Wesen, sie lacht noch in mein Leben herein mit ihrer Stimme Silberklang, meine Tränen um sie rinnen sanfter, aber nach Hopfreben, unserm Eldorado, hätt ich doch nicht gehen mögen. Hier hab ich ein eigenes Zimmer, eine freundlichere Umgebung und Ruhe genug zum Arbeiten. Meine Kinder weiß ich in guten Händen. Mariann ist ein gutes Mädchen. Es hat das Herz der Kleinen schon ganz gewonnen. In der Zeit, wo ich jeder geistigen Arbeit unfähig war, hat ihre Lernbegierde mich wunderbar angeregt, und im Drange, sie zu befriedigen, ward ich auch meiner besten Kräfte wieder gewahr. Sie ist eine tüchtige Magd, mir aber ist sie mehr, ist mir eine liebe Freundin geworden. Mit vielem Verständnis urteilt sie schon über manches gute Buch, das wir zusammen gelesen. Die Abende vergingen uns schnell und schön bei Goethe, Scheffel, Gotthelf und anderen Freunden aus meinem Wingolf. Den Tag über möchte ich das Mädchen etwas fröh­licher sehen. Auch mir würde wohl tun, sie nicht immer so zu sehen, als ob ein tiefes herbes Leid auf ihr liege. Jakob geht nun in die Schule und hat sein Kosthaus beim Gottle, so lang die ändern in Hopfreben sind. Ich arbeite an meiner Selbstbiographie und finde dabei meine besten Kräfte wieder. Du darfst aber nicht glauben, daß diese Arbeit etwa nur müßiger Selbstbespiegelung diene. Mein Leben ist ein Spiegel unserer Zustände, und viel des Guten und Besten an mir ist direkt oder indirekt aus unserem Volkstum heraus. Das soll meine Arbeit in ernster, liebevoller Weise dartun und so der Heimat auch, nicht bloß dem Produkt derselben, mir, zum Spiegelbilde werden. Von diesem Standpunkt aufgefaßt, ge­währt meine Arbeit so gut als nur irgend etwas, was Du mir in Deinem letzten Briefe gewünscht und mit Recht empfohlen hast.

    Reich und Arm hast Du hoffentlich längst erhalten und wohl nun bald ausgelesen. Ich bin ungemein begierig auf Dein Urteil und erwarte es täglich. Daß ich sonst noch nichts von dem Buch hörte, kann ich mir leicht erklären, da es erst seit kurzem im Handel ist. Du hast eines der ersten gedruckten Exemplare erhalten. Mit dem Deinen ist auch eins an den k. k. Ministerialrat Dr. Hamm nach Wien abgegangen. Laß Dir erzählen, wie ich darauf gekommen bin. Daß ich nach Götzis zu gehen dachte, ist Dir bekannt. Ich habe das auch mehrfach geäußert, so daß es weiter herum bekannt und, wie es scheint, erwartet war. Ich erhielt nun von Dr. Waibel in Dornbirn eine förmliche Einladung, mit ihm zu fahren und nebenbei sein Gast zu bleiben. Du kamst nicht, und das Wetter versprach nichts Gutes. Aber weniger als eine eigene trübe Stimmung hielt mich daheim und machte mich abge­neigt, das Treiben froh geschäftiger Menschen zu sehen. Statt auf die Ausstellung ging ich nach Hopfreben, wo für mich nur Schwermut haust, und führte den im Herbst gemachten Dünger aus.

    Einige Tage später besuchte mich Feurstein und sagte mir, daß man mich auch in Andelsbuch gemangelt habe, und er sei eigens vom Ministerialrat beauftragt, mir seine Karte mit seinem Gruß zu überbringen. Weiters erfuhr ich, Dr. Hamm habe sich angelegentlich nach meinem Wirken erkundigt, wo­bei er verriet, daß ihm schon das meiste von meinen Verhält­nissen bekannt sei. Er habe dann auch gesagt, daß mir ge­holfen, mein Streben unterstützt werden müsse, wenn ich es wünschen sollte, von Wien aus, doch möchte er da mit mir selber sprechen, und ein Schreiben von mir wäre ihm schon darum sehr erwünscht. Nun schrieb ich denn sofort und legte auch meinen Roman bei. Eine Antwort hab ich bis heute noch nicht erhalten. Die holländische Übersetzung der Son­derlinge ist nun heraus, und der Übersetzer meldet mir, daß einige Exemplare für mich schon auf dem Wege seien. Ich denke, u. a. unserm Museum eins zu schicken. Auch Reich und Arm ist bereits an Bayer in Bregenz abgegangen. Das Resultat der letzten Vereinsrechnung hab ich Dir kurz gemeldet. Dasselbe scheint denn doch bedeutend genug, um viele Bedenken zu besiegen, und es ist doch Hoffnung, daß man bald den gestellten Anforderungen entsprechen könne, wie man möchte. Jetzt wünschte Feurstein sich nur viermal mehr Waren. Gallus ist wütend. Seine Frau kann ihn nicht mehr besänftigen, denn sie ist gestorben. Schnell ging sie meinem Wible nach, aber dort haben [es] die Geistlichen nicht augenscheinliche Strafe Gottes genannt wie bei mir. Nun - sie mögen recht gehabt haben.

    In Reuthe ist nun die Gründung eines Kasinos gesichert. Hier ward von einem Verein der Verfassungsfreunde die Rede. Feurstein und ich und mehrere sind mit Erfolg dagegen, indessen findet der angeregte Gedanke einer Landesbiblio­thek mehr und mehr Anklang.

    Der Artikel der Feldkircherin „Aus dem Bregenzerwald" be­ruht auf Tatsachen. Der öffentlich und wörtlich vom Pfarrer Verdammte ist Freund Feurstein. Willam aus Wien ist sehr tätig fürs Kasino.

    Was machst Du und wie geht es den  Deinen? Grüß mir Theresen, Dr. Bickel, Gaßner und alle, die sich noch um mich kümmern. Schreib auch bald einmal, recht bald.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Bezau
    Kaspar Moosbrugger
  • 4. November 1868

    Lieber Freund!

    Auf Deine zwei letzten flüchtigen Briefe flüchtig folgendes: ,Arm und Reich' habe ich erhalten und danke für die Zu­sendung. Ich habe das Buch auch bereits gelesen, und blieb die Stimmung hiebei eine harmonische. Nach meinem Dafür­halten ist der Hauptwert der ästhetische. Trefflich sind die Schilderungen der Natur und ihres Einflusses auf die Stim­mungen des Gemüts, desgleichen die reinen Seelengemälde, die durch das kühne Einbeziehen der Traumwelt nur ge­winnen. Hiebei ist mir mehrfach das gelehrte Werk ,Ge­schichte der menschlichen Seele' von Schubert eingefallen, das Du lesen solltest. Merkwürdig sind einige Dialoge, die wahrhaft dramatisch wirken, z. B. des Krämers mit der Zusei, des Mathisle mit der Dorothee. Sitten, Gebräuche und Volks­charakter sind getreulich und schön dargestellt. Die weibliehen Figuren schöner und vollendeter als die männlichen. Die interessanteste die Schwester der Zusel, das Weib des Andreas und nachträglich des Hans. Die Schilderung im Wider Wäldle gemahnte mich an Ähnliches /: Wahnsinnartiges :/ bei Shakespeare, dem besten Seelenkenner. Vortrefflich ist auch der Seelenzustand der Dorothee nach dem Besuch beim Vater wiedergegeben und bleibt merkwürdig, daß nur in diesem Mädchen die eigentliche Lage der Armen zum Be­wußtsein gekommen ist. - Hansjörg ist ein mir fast unver­ständlicher Charakter, sowie teilweise Jos, ähnlich wie Klaus­melker in den Sonderlingen. Krämer und Hans verstehe ich und gehen mir ein, auch Pfarrer und Kaplan, nur weiß ich die letzte Rede des Kaplan mit seinem frühern Auftreten ohne ein inzwischen eingetretenes Läuterungsstadium nicht in Ein­klang zu bringen. -

    Interessant ist mir die Erklärung der Weiberherrschaft im Bregenzerwald; da aber der Grund ihrer Entstehung noch nicht entfernt ist, muß sie wohl als noch bestehend ange­sehen werden und ist daher mehr Zufall, daß die schließlichen Heiraten im Buch dennoch zustande kamen. Mein Gerechtig­keitsgefühl ist überhaupt am wenigsten befriedigt worden. Diese armen, gutmütigen Burschen können aus sich gar nichts und haben ihr anscheinend besseres, späteres Los nicht dem raschen Verschwinden des Krämers /: Gerechtigkeit :/ zu danken, sondern der Gutmütigkeit der Töchter und des Hans, wobei es zweifelhaft bleibt, ob dieser Hans seine im Taumel der Hochzeitsfreuden gemachte Zusage nicht ebenso uner­füllt lasse, wie ähnlich frühere. Auf der Krone in Au wird die Arbeit wohl trotz der erzählten Vorgänge noch verkauft wie früher, und ich fürchte, daß Hansjörg und Jos auch unter den Verkäufern sind, und wenn sie Kinder haben, wette ich darauf, daß diese sich sorgfältig einen anständigen Käufer aussuchen. -

    Ich komme aber vom Himmel des Ästhetischen unvermerkt auf die harte Erde der Praxis und sehe, daß ich von der eingangs gewollten Flüchtigkeit bald abgekommen wäre. -

    Es würde mich sehr freuen, wenn Dein Schreiben an Hamm einen Erfolg hätte. Den Zeitungsartikel habe ich noch nicht erhalten. Ich bin begierig, wie [es] dem Felder in Alber­schwende geht. Das Barometer-Mindle [?] hat mir den letzten Brief nicht gebracht, er kam ohne Briefmarke auf der Post an, und ich mußte deshalb 111/2 Kr. zahlen, was ich nur zum Zeichen der Diskretion des Rößle bemerke. In dem­selben lagen nicht zwei Briefe, wie Du schreibst, sondern nur einer von Hildebrand do. 4. September. Von der Käsvereinsversammlung schrieb mir Jakob mehreres, was mich sehr gefreut hat. Schicke mir gelegentlich den Brief von Mayer, da ich doch antworten sollte, und den der Admini­stration der Volkszeitung. - Fabrikant Gaßner hat Reich und Arm gelesen und gesagt, daß es ihm sehr gut gefalle, was ich glaube. Dr. Bickel ist am Lesen. -

    Halte mir das Gesagte nicht für ungut. Ich war wirklich ge­spannt auf Deine Lösung der sozialen Frage und habe teil­weise mit derselben bereits gerechnet. Diese Lösung kann ich aber nicht als Lösung ansehen und muß das Buch als für die bürgerlichen Leser und Ästhetiker allerdings geeignet, nicht aber als dem armen Arbeitsmann sonderlich dienlich ansehen. Unsere Bourgeoisie /: die Krämer :/ hat die Staatseinrich­tungen und Gesetze für sich, und es kommt wohl nicht vor, daß das Gewissen sie ins Feuer treibt wie Deinen Krämer. Die Weltgeschichte weist kein einziges Beispiel auf, daß eine privilegierte Klasse so freiwillig abgetreten ist. Warum ist aus der Verschwörung beim Jos nichts geworden? Das wäre wohl nicht ästhetisch gewesen wie der Stuhl des Mathisle /: Hilde­brand :/. -

    Baldiges Schreiben und die Sendung erwartend Dein Freund

    K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 2. November 1868

    Lieber Freund,

    Ich habe lange nicht geschrieben und werde doch nun selbst begierig nach Nachrichten (klingt freilich schlecht) von Dir. Ich hab aber auch mit mir selbst viel zu thun gehabt. Die erste Octoberwoche und mehr vergieng über Würzburg und dem Frankenlande, wie Bamberg, Schweinfurt, Baireuth, die wir mit genossen haben, zum Theil wunderschöne, unver­geßliche Tage, mir nur dann und wann etwas versalzen durch das Gefühl der Angegriffenheit, das manchmal stark über mich kam - Gott, man wird ja am Schreibtische immer wie­der ein halbkranker Mann und ist es, ehe mans merkt. Aber Flügel war recht frisch und lebendig, ich freilich oft doch auch. In Würzburg hab ich schon meinen Mann gestanden mit Vorträge halten und sonst. Auch an erlebter Poesie hats nicht gefehlt, wie an erneuten und neuen Freundschaften. Namentlich der Holländer De Vries, von dem Du schon wol durch mich gehört hast, ist ein Prachtmensch an Gemüt und Geist. Er wußte auch ungefähr von dem Aufsatz in de Gids über Dich, aber von Hrn. Grottendieck wußte er gar nichts, will sich aber um ihn und Dich weiter kümmern. Der Über­setzer läßt doch aber gar nichts weiter von sich hören?! Ich möchte scrTon seinen Brief an Dich lesen. Von dem Pariser Besuch im Sept. hab ich Dir wol schon berichtet und von der Aussicht auf eine franz. Übersetzung der Sonderlinge.

    Nach meiner Rückkehr gab es saure Arbeit, äußere und in­nere. Meine Angelegenheit war in der Schwebe, und der Ausschlag näherte sich. Jetzt ist er nun geschehen, wenigstens an der einen Stelle, und zwar höchst günstig für mich. Ich bin in einer Sitzung der philosophischen Facultät am Sonnabend vor acht Tagen zum außerordentlichen Professor an der Uni­versität ernannt worden (juchhe!), auf Vorschlag des Mini­steriums. Ich habe also meinen höchsten irdischen Wunsch, der mir immer hoch oben am Himmel hieng wie die Sterne, unerreichbar scheinend, oft von Wolken verhüllt, nur in stiller Nachtzeit dann und wann einmal mir scheinbar näher tre­tend - Gott im Himmel Dank zehntausendmal! Könnt ich Dir doch auch gleich Deinen höchsten Wunsch erfüllen. Ich komme mir auf einmal wie ein Glückskind vor, und war mir so lange und so oft ein rechtes Unglückskind, wie ein ab­sterbendes Fünkchen unter einem Aschenhaufen vergraben, und es war mir doch da unten oft genug, als könnt ich - und sollt ich - die Welt in Flammen setzen, um sie - zu erneuern. Behalt das um Gottes Willen für Dich, als wärst Du mein Tagebuch. Nun wird ja aus dem Fünkchen wenigstens noch ein klein Flämmchen werden, das eine bestimmte Zahl von jugendlichen Herzen und Geistern wärmer und heller macht, daß es besser werde in der Welt.

    Die Sache ist übrigens noch nicht officiell (aber sicher), ich sag es hier nur ein paar Leuten, den Allervertrautesten; nun Du da unten kannst es schon wissen, ohne daß es vorzeitig an die große Glocke gehängt wird; Du hast aber auch durch Dein Herz ein Anrecht auf Mittheilung zuerst, hast ja auch darum gebeten. - Vom Geldpunkte freilich, dieser weltlichen leidigen Hauptsache, weiß ich noch nichts; aber auch da wird am Ende etwas vom Glückskinde zu Tage kommen, zumal vom Norddeutschen Bunde aus nun auch eine namhafte Un­terstützung in sicherer Aussicht steht, wahrscheinlich bald. An der Schule bleib ich längstens bis Ostern, dann verlasse ich das alte Haus zum zweiten Male, aber nun für immer­bin 7 Jahre als Lernender, und dann 20 Jahre als Lehrender drin gewesen, beide Male als armer Teufel. Jetzt geh ich fort in das selbe Haus als Lehrender, wohin ich 1843 von der Thomasschule weg als Lernender gieng - eigene Symmetrie meines äußeren Lebens - nun dort noch 20 Jahre? das war himmlisch! Siehst Du aber, Du wirst rein zu meinem Tage­buch, und Du bist doch im Ganzen immer mehr der Ver­schlossene, unter Umständen selbst der Räthselhafte - ich werfe Dirs nicht vor, ich bedaure es.

    Doch nun zu Dir und Deinen Angelegenheiten. Wegen der Schillerstiftung hab ich noch nichts thun können, mir wird aus gewissen Gründen der Schritt überhaupt etwas schwer. Aber wenn er wirklich nothwendig ist, so will ich dran gehen sobald ich selbst als Professor auftreten kann; ich hab schon gestern auf unserer letzten diesjährigen Vogelweide bei Groddecks um Rath gefragt, und man billigte das Vorhaben durchaus. Solltest Du übrigens nicht auch in Wien Aussicht haben, unter die jungen Künstler und Schriftsteller aufge­nommen zu werden, die, so viel ich mich erinnere, dort jähr­lich mit Staatspensionen bedacht werden? Hast Du etwa dem Minister des Innern einmal geschrieben oder ihm Reich und Arm geschickt? Ich war auch ganz gern erbötig, einmal einen Brief zu wagen (als Professor), seis an Herbst oder an meinen Lansdmann Beust, ich hab daran schon früher gedacht. Seifer­titz, Bergmann u. A. würden gewiß gern dazu mitwirken durch Empfehlung; wissen denn beide Deine Lage? Selbst für das Gesuch an die Schillerstiftung wären beide am Ende mehr die näheren, wirksameren Gesuchsteller als ich, da Wien jetzt der Vorort ist. Bedenk doch das einmal reiflich und rühre Dich.

    Ich habe viele nachträgliche herzlichste Beileidsbezeigungen auszurichten, vom Hinterhause, vom Club, von der Vogel­weide, aus Halle, besonders von Heynes und Gosches; mit der Professorin Gosche hab ich im Hofkeller zu Würzburg in gehobenster Stimmung auf Dich angestoßen (und andere Professorenfrauen halfen dazu). Viele wissen auch von Deiner gefundenen guten Mariann und freuen sich drüber, ich lasse sie herzlich grüßen samt meiner Frau (wie alt ist sie? ich möcht einmal ein paar Zeilen von ihrer Hand sehen). Frau Dr. Groddeck läßt Dir noch sagen, daß ihre Bemühungen um die Stickerei, die bis an zwei der ersten Häuser in Berlin ge­gangen sind, leider gänzlich fehlgeschlagen sind. Aber Papier und Zeit sind alle, also Gott befohlen, meine Frau u. A. lassen grüßen, schreib bald einmal

    Deinem R. Hildebrand.

    Das Grenzbotenheft will ich Dir zu verschaffen suchen. Felders Fortgang von Schoppernau thut mir selbst ordentlich weh, er verkauft doch sein Haus nicht? Grüß mir ihn und Deine Freunde, auch die gute Rößlewirthin.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 1. November 1868

    Herrn Fr. Michael Felder in Schoppernau!

    Zuerst durch die Gartenlaube, dann durch Ihren trefflichen Roman ist mir Ihr werther Name bekannt geworden. Ich befliß mich daher, Sie persönlich kennen zu lernen, als ich vor mehr als einem Jahre zweimal durch Schoppernau reiste; allein meine Hoffnung zerrann wie Wasser; einmal hieß es, Sie wären in Leipzig, das andere Mal ­in Bludenz. So bin ich nun so frei mich Ihnen kurzweg brieflich vorzustellen, als der jüngste Sohn des Gedeon Fritz v. Mittel­berg.

    Der Zweck warum ich Sie mit diesen Zeilen in Anspruch nehme, ist folgender. Ich habe mich während meiner juridischen Studien sowohl, als auch bes. jetzt da ich hier Landwirtschaft studiere, mit Nationalöconomie und bes. mit Genossenschaftswesen beschäf­tigt, und mir scheint daß sich Letzteres auf landwirtschaftlichem Gebiete, zum materiellen und folglich auch zum geistigen Interesse des Bauernstandes, in vielen Richtungen und Formen, zur Errei­chung der verschiedensten nützlichen Zwecke, mit Erfolg durch führen ließe. Ich hörte dann zu meiner nicht geringen Freude, daß Sie der Erste in Vorarlberg diesen Gedanken durch das Zusammen­bringen einer Käseverkaufs=Genossenschaft glücklich ins Werk setzten. Ich wünschte nun zu erfahren, wie dieselbe gedeiht, und ob sie im Zunehmen begriffen ist, was mich in meinen Ansichten bestärken würde. Falls Sie vervielfältigte Statuten derselben haben, würden Sie mich mit einem Exemplare sehr verbinden. Ferner möchte ich Sie bitten, mir Ihre Gedanken über landwthschft Genossenschaften u. deren Durchführbarkeit, soweit es Ihnen beliebt, mitzutheilen. Sollten Sie Werke betreffenden Inhaltes kennen, möchte ich um deren Titel, und wenn Sie Männer kennen die sich mit dieser Frage des Näheren beschäftigen, um deren Namen bitten. -

    Womit ich Sie hiemit belästige, ist nichts Geringes; ich hoffe jedoch von Ihrer Freundlichkeit die Erfüllung meiner Bitte.

    Achtungsvoll

    Dr. Tiburtius Fritz

    Academiker in Ung. Alt. -

    Tiburtius Fritz
    Ungarisch-Altenburg
    Franz Michael Felder
  • 24. Oktober 1868

    Lieber Freund!

    Ich  benütze die  gute  Gelegenheit,  Dir einige Zeilen  zu­kommen zu lassen. Ich komme eben von der Generalver­sammlung in Bezau. Sie machte einen bedeutenden Eindruck. Das Resultat, überaus günstig, werden die Blätter bringen. Es trifft für die Wintermilch 181/2 Pf. per Maß. Jakob von Krumbach war auch da. Nächstens mehr. Wie gefällt Reich und Arm? Ich sende auch zwei Briefe, der Zeitungsartikel folgt, sobald ich ihn habe. Mit herzlichem Gruß

    Dein Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 22. Oktober 1868

    Hochgeehrter Herr!

    Vielleicht ist, indem Sie diese wenigen Zeilen lesen, in Leipzig bei Ihrem geehrten Freunde Dr S. Hirzel das Packet der 6 Exempl. meiner Übersetzung Ihrer Sonderlinge schon angekommen. Da Sie in Ihren geehrten Schreiben d. d. 7. Aug. mich wohl berichteten, wieviele Exempl. Sie wünschten, jedoch nicht wie Sie die empfan­gen möchten, und Sie nebenbei die Güte hätten mir zu melden, daß Sie gerne ihren geehrten Freunden Dr Hirzel und Dr Hildebrand ein Ex. anbieten möchten, dachte ich, es wäre vielleicht das Beste alles zum Herrn Hirzel zu schicken. Ihr Herausgeber und Freund werde, so dachte ich, doch wohl mit Ihnen in Correspondenz stehen und jedenfalls wird es viel leichter sein etwas von Leipzig aus nach dem Bregenzerwald zu spediren als von hieraus. Gerne hätte ich Bericht von Empfang, doch dabei möchte ich Sie noch um etwas Anderes bitten. Durch Ihren Nümamüllers und Sonderlinge ist in mir die Lust geweckt Land und Leute näher kennen zu lernen. Ein sehr einfaches und natürliches Mittel ist eine Reise nach und ein Zeitlanger Aufenthalt in Vorarlberg und dem Bregenzerwald. Dazu ist aber die Winterzeit nicht besonders geeignet. Ob im künftigen Sommer? hängt gänzlich von meinen häußlichen Verhältnißen ab. Und wenn auch dieß im nächsten Sommer geschehen möchte, was schon manchmal in der letzten Zeit mein Herzenswunsch war, doch wollte ich schon jetzt näher mit Ihrem Lande und Leuten bekannt sein. Zu wem anders als zu Ihnen kann ich mich am besten wenden mit der Frage: Welche ist die beste Beschreibung von Land, Leute, Sitten, etc, von Vorarlberg überhaupt, vom Bregenzerwald besonders. In Ihren Nümamüllers reden Sie von Oppermann. Daß dieser mir unbekannt ist, werden Sie mir, dem Niederländer, nicht übeldeuten. Ist das Belvederevon Karl W. Vogt genügend und zuverlässig, oder gibt es etwas Besseres? Wenn Sie die Güte haben wollten mich zu unterrichten, werde ich Ihnen von Herzen recht dankbar sein.

    Mit wahrer Hochachtung und ergebenst

    Ihr HFW Grottendieck.

    H.F.W. Grottendieck
    Alkmaar
    Franz Michael Felder
  • 18. Oktober 1868

    Lieber Herr Felder!

    Die traurige Nachricht, die Sie mir mittheilten, hat mich mit regem Mitleid erfüllt u. umsomehr überrascht, als ich Ihre verstorbene Frau ja in Ihrem Alter wußte u. kräftiger Gesundheit glaubte. Ich begreife daß Sie sich in der gewohnten Umgebung nun doppelt einsam fühlen, glaube darum aber auch, daß es Sie nun früher oder später aus den gegenwärtigen Verhältnissen herausdrängen wird. Ihre äußern Erfolge, von denen zu hören ich erfreut war, können Sie zwar über den herben Verlust nicht trösten, aber wenigstens mögen sie beitragen Sie zu stüzen u. Ihnen den Zusammenhang mit der großen Welt wachzuerhalten.

    Ihren Roman habe ich noch nicht erhalten, auf der Post wo ich nachfragte, wußte man nichts. Ich sehe dem Buche mit großer Spannung entgegen u. will mich sofort an die Lektüre machen. Ich bin überzeugt, daß es Interessantes ist, was Sie uns da spende­ten.

    Erlauben Sie mir noch das Ersuchen beizufügen, uns jene Berg­mann'schen Bücher, deren Sie nicht mehr bedürfen, gelegentlich einmal hereinschicken zu wollen, da schon wiederholt Nachfrage darnach gehalten wurde. Mit freundlichem Gruße

    Ihr ergebenster Bayer Rttmst

    Emmerich Bayer
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 17. Oktober 1868

    Lieber Freund!

    Dein offenes herzliches Schreiben hätte längst eine derartige Antwort verdient. Ich bin aber so vielfach in Anspruch ge­nommen, daß ich auch heute nur chronologisch aufzeichnen kann.

    Erstlich hab ich eine Übersetzung der Sonderlinge ins Fran­zösische anzuzeigen. Reich und Arm wirst Du erhalten haben, und ich bin begierig auf Dein Urteil.

    In Götzis war ich nicht. Der Ministerialrat Dr. Hamm aber hat sich bei Feurstein angelegentlich nach mir erkundigt, mir seine Karte geschickt und mich zum Schreiben an ihn einge­laden. Er sprach davon, daß mir von der Regierung eine Unterstützung werden müsse, und will auf mein Ansuchen die Sache vermitteln. Nun hab ich gestern an ihn geschrieben und ihm Reich und Arm überschickt.

    Den versprochenen Artikel hatte ich verlegt. Nun sollst Du ihn nächstens erhalten.

    Mit meiner Selbstbiographie geht's langsam, weil  ich jetzt so viel sonst zu schreiben, zu antworten und einzufädeln habe, bis Reich und Arm überall hin verschickt ist. Laß mir den Schneider grüßen und melde mir etwas von seinem Befinden. Moosmann von Schnepfau ist hier. Er denkt, sich als Advokat in Vorarlberg niederzulassen. Uhrenmacher Felder ist mit Kind und Rind nach Alberschwende gezogen. Aber ich  muß schließen  und  noch  mehr Briefe schreiben. Nächstens mehr. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 16. Oktober 1868

    Verehrtester Herr Ministerialrath

    Aufgemuntert durch die Theilnahme die E W den Bestrebungen meiner Heimat und den Verhältnissen ihrer fleißigen Bewohner zuwenden, wage ich es, Ihnen in beiliegender Erzählung ein Spiegelbild unserer socialen und wirthschaftlichen Zustände zu übersenden. Der Entschluß, es zu thun, stand fest, noch bevor mein verehrter Freund Feuerstein mich durch seine Mittheilungen aus einer mit Ihnen gehabten Unterredung erfreute. Nun aber erfasse ich um so schneller und mutiger die Hand, welche Sie dem schwer Geschlagenen Sorgenbelasteten gütigst reichen. Noch bin ich nichtdreißigjahrealt, aberein Leben voll Kampf, voll blutsaurer Arbeit und bitterster Entbehrung liegt hinter mir, ein Leben, wiees wol schon halbejahrhunderteeines Menschenlebens ausfüllte und manches Haupt bleichte. Oft und oft hat die blasse Sorge liebere freundlichere Gestalten verscheucht die dem Ein­samen in seinem Arbeitszimmer, seinem Wingolf erscheinen und mich dem Jammer des Alltagslebens entrücken wollten. Unverstan­den, der Umgebung ein unheimliches gefürchtetes Räthsel, schloß ich mich um so inniger an die, deren Herz für mich schlug. Ein edles großes Weib ward mein ganz mein und eine Mutter umgab den Sonderling mit ihrer Liebe ihrer Sorge, ihrem Gebeth. Friedlich und froh bearbeiteten wir zusammen unser kleines überschuldetes Gut die freien Stunden aber, die ich mir abkargte oder auf Unkosten der Meinigen gewann und die Nächte waren edlerer Beschäfti­gung, waren dem gewidmet, was immer meine Erhebung mein Trost meine Erbauung war. Was meine Landsleute mir dem Unver­standenen in den Weg legten, vermochte nicht mich zu verbittern. Mein Auge und mein Herz blieben offen für des Volkes leibliche und geistige Noth. Doch Sie wissen wol von meinem Freunde Feuerstein, wie ich bemüht war, hier den Vereinsgedanken zu verwirklichen. Es ist mir manches gelungen und das war mir immer ein Trost wenn häusliche Sorgen, für die erblindende Mutter, die siebzigjährige Witwe, meine Frau, die mir Auge und Hand, Hausmutter und Magd war, oder die unerzogenen fünf Kinder mich niederdrücken wollten.

    Unter diesen Verhältnissen sind sowol die Sonderlinge als auch reich und arm entstanden und - ich möchte sagen - mit meinem Herzblute geschrieben, geschrieben unter tausend Sorgen und Kämpfen mit Schwielenbedeckter Hand. Und nun, als ich einmal aufathmen wollte, da erkrankt meine Frau und stirbt. Ich habe das wie einen furchtbaren Riß durch mein ganzes Wesen empfunden. Was man sagt, mich zu trösten, war vergebens. Wie ich früher im Hingeben ans Allgemeine alein überwinden konnte, was als Last sich auf mein Einzelleben legte, so vermochte auch jetzt nur das Hinausleben aus mir selbst meinem gebrochenen Wesen wieder einige Spannkraft zu geben. Als ich in der Zeitung las, das Vereine, dem von mir ähnlich, mit einem veranlaßten Preise bedacht werden sollen

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 15. Oktober 1868

    Rechnung

    für F. M. Felder in Schoppernau von Joh. Nep. Teutsch über

    1868

    Sept. 21         1  Bergmann Landeskunde                       f1, 20

    1 Fremdwörterbuch                                      — 40

    Octobr15    1 Haidinger Selbstadvokat                             2, 50

    f 4,10

    Buchhandlung Johann Nepomuk Teutsch
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 2. Oktober 1868

    Lieber Freund!

    Dein Schreiben vom 24. v. Ms. ist mir sehr erfreulich, da ich sehe, daß Du wieder auflebst. Ich bin begierig auf die Zusendungen, die Du erwähnst, insbesonders auf den Hilde­brand'schen Brief, da ich die Gründe hören möchte, nach denen jetzt Deine Selbstbiographie rätlich wäre. Nach den Erfahrungen, die ich auf dem Gebiet des Geistigen gemacht habe, gewinnt der Mensch, der Stärkung und Hebung sucht, diese mehr, wenn er sich in das Höhere, Allgemeine, Göttliche vertieft als in das eigene Ich, mehr in der Hingabe, in der Opferung des Ich als in dessen Selbstbeschauung. Wenn bei letzterer auch klar wird, wie uns Gott wunderbar und liebe­voll geleitet hat, so ist das mehr eine Erweiterung des Wissensbereichs als eine Vermehrung der geistigen Kraft. Wie der physisch ermüdete Mensch seine Kräftigung im Schlaf sucht und findet, so der geistig müde die seine im Selbst­verzicht, in der Hingabe. Unsere Aktivität ist im großen und ganzen nur dann eine glückliche, wenn wir die hohe, gott­ebenbildende Kunst der Passivität gelernt und geübt haben. -

    Die Frau des Feurstein in Bezau hat unter anderm meiner Schwägerin in Schruns davon geschrieben, daß man jetzt erst, nachdem der Schmerz Dich so heimgesucht, von Dir Schönes und Großes erwarte. Ähnlich scheinen Deine Freunde die Sache anzuschauen. Ich muß sagen, mir, subjektiv, kommt diese Anschauung hart, peinlich vor. Möge sie Dir in besserem Licht erscheinen. -

    Nach Götzis kann  ich der bereits angeordneten Verhand­lungen am 6. und 8. d. Ms. wegen nicht gehen. Ich muß abbrechen, weil die Post geht. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund   K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 1. Oktober 1868

    Lieber Freund!

    Ein Schrecken, der noch jetzt lebhaft in meiner Seele nachklingt, überkam mich, als ich vor gerade Einem Monate, am Tage der Beerdigung Ihrer unschätzbaren Frau, die Nachricht von dem namenlosen Unglücke anhören musste, das Sie, das den besten Menschen inmitten des aufblühenden häuslichen Lebens inmitten des Behagens einer segen- u. ruhmreichen Thätigkeit betroffen. Es war mein tägliches Vorhaben, selbst zu Ihnen zu eilen u. Ihnen meine Theilnahme zu beweisen; aber die ununterbrochene Abwe­senheit von zwei Collegen (Martignon u. Ölz) erlaubte mir als Gerichts u. Gemeindearzt nicht, drei Tage von hier fern zu sein. Indessen höre ich von Herrn Kofier, der mir Ihren freundlichen Gruss ausgerichtet hat, dass Sie zur Ausstellung nach Götzis zu kommen gesonnen sind. Ich bitte Sie nun, bei mir zuzukehren, u. mich mitzunehmen. Sie wissen, dass am Vorabend der Ausstellung die Generalversammlung abgehalten wird. Trachten Sie dahin, dass wir derselben beiwohnen können.

    Es wird gut sein, wenn Sie die Stätte des Unglückes auf einige Tage verlassen, u. an der Seite Ihrer Freunde neuen Lebensmuth zu gewinnen suchen.

    Von Herzen grüsst Sie Ihr

    getreuer Freund

    Dr. Waibel

    Johann Georg Waibel
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 1. Oktober 1868

    Lieber Freund

    Ein Monat ist nun vorüber seit dem Traurigsten Tag, der trau­rigsten Zeit meines Lebens, das doch nicht arm war an innern und äußern Kämpfen. Es ist ein langer Monat gewesen Freund, aber doch nicht so, wie ichs mir hätte denken müssen, wenn ich überhaupt an so etwas einmal gedacht hätte. Aber das alles kam ja, wie ein Blitz aus heiterm Himmel, ungerechnet und unbegründet. Ja ich hätt einmal mit allem hadern, von allem weglaufen mögen. Nanni starb so still weg, daß ichs lang nicht glauben konnte. Der Tod hatte ihrGesicht so schnell entstellt, daß man sie nicht mehr gekannt hätte nach wenigen Stunden und das war mir noch fast lieb. Ich schied leichter von ihrem Sarge.

    Zur Beerdigung hatten sich trotz der drängenden Feldarbeit viele Theilnehmenden eingefunden. Es war einer jener tief­blauen Tage, denen die Selige so froh entgegenzujubeln pflegte. Während mehrere Priester in der Kirche sangen und Messen lasen für das Honorar von Reich und arm. (Nur wer unsere zusammen ausgestandene Noth kennt, kann sich die­sen Gedankengang erklären.), über das Nanni sich so sehr gefreut hatte, standen ich und Moosbrugger auf dem frischen Grab und weinten. Ich mußte an den sauern Weg bitterster Entbehrung denken, den sie mir fröhlich und vertrauensvoll herauf klimmen half. O wie wenig hatte ich ihr zu biethen vermocht für den stolzen Glauben, die feste Hoffnung auf mich. Wol konnte ich mir nichts vorwerfen. Wir haben uns keine einzige böse Minute gemacht, aber immer wars der Sporn meines Strebens gewesen, einmal mit ihr aus düsterer nebliger Tiefe heraus zu kommen in liechtere Höhen. Nun fehlte mir alle Lust zum Leben und Schaffen, es fehlte mir alles, alles. Mehr als mein Schwager hat mich der Anblick meiner Kinder getröstet. Gleich nach dem Gottesdienst gieng ich mit den Angehörigen Nannis nach Au. Im Rößle aßen wir Mittag, dann suchte ich mit Moosbrugger Mariannen auf. Eine wohlgesetzte Anrede vermochte ich nicht zu halten an das Mädchen, aber es versprach zu kommen und ist nun da und ich danke Gott daß es da ist.

    Mit Hirzels Artikel in der Zürcher Zeitung hat mir derselbe einen herzlichen Brief und Scheffels Ekkehard zugeschickt, den mir dann Mariann sofort vorlas. Nächstens - sobald wir mit Lessings Nathan fertig sind, gehen wir an Reich und Arm. Mit meinen Erinnerungen (Selbstbiografie) hab ich angefan­gen, und zwar recht gründlich. Wenn ich meine Entwickelung und Verwickelung durchweg so gebe, wirds wol ein so um­fangreicher Band, wie Reich und Arm. Und doch glaub ich das zu sollen wenn ich überhaupt etwas geben will. Übrigens geht die Arbeit doch etwas langsam, wenns mir schon gerade nicht an Zeit fehlt. Ich werde wol nicht in einem Zuge fertig machen, denn hundert Gestalten und Bil­der drängen sich mir auf. Vergessene Freunde besuchen mich in meiner Einsamkeit und rufen allerlei wehmütige Stimmun­gen in mir wach, denen ich Gestalt und Form geben möchte. Gern will ich hören, was unterdessen Du und Flügel erlebt. Ich hab Euch in Gedanken begleitet. Laß mir ihn und alle grüßen, die sich mir freundschaftlich erwiesen, besonders die Deinigen, das Hinterhaus von A bis Z und den Klub. Kasinomitglied bin ich nicht und auch meine Freunde haben sich ganz nach meiner Weisung verhalten. Die Geschichte nimmt hier überhaupt - wie es scheint - in kurzer Zeit ein schäbiges Ende. Ich denke das Ganze gelegenheitlich in einem politischen Tagblatt zu schildern. Die Grenzbothen würdens schwerlich aufnehmen, obwol der Kasinoschwindel gerade für Euch da oben recht interessant sein müßte. Daß ich mir so eine Versammlung selber bei Liechte besah, kannst Du Dir noch eher denken als das Aufsehen vorstellen welches mein Erscheinen machte. Pfarrer Birnbaumer, der Gründer sah mit Zähneknirschen, wie meine frühern, von ihm übertölpelten Freunde sich um mich versammelten und in ihrer Unschuld mich mit drin haben wollten um jeden Preis, daß es doch ein wenig Leben gebe. Ich aber will der Sache kein Leben geben und vermeide daher jede Opposi­tion. Jetzt ist das überhaupt die Haltung der Freisinnigen bei uns. Auch die der Feldkircher Zeitung, die nun wieder einen besseren Leiter hat.

    Wenn einmal dem Schillerverein gegenüber etwas geschieht, so sei so gut, es mir zu melden. Früher aber hoffe ich etwas von Deiner Zukunft zu hören. Vergnügungsreisende hielten die Unterstützung des Wörterbuchs für eine ausgemachte Sache. Schreib mir doch, wie es steht.

    Es dunkelt, aber ich muß Dir doch noch sagen, daß - mich nun auch der Uhrenmacher verläßt. Er verdient hier nicht viel im Winter und zieht daher nächste Woche nach Alber­schwende. Er ist Vater geworden und sein wenige Tage nach Wibles Tod geborenes Kind heißt Nanni. Also wieder eine treue Seele weniger, dafür ! aber zählt sich das Dökterle zu aller Erstaunen wieder zu meinen Freunden und begegnet mir wirklich in der herzlichsten Weise.

    Seine Schritte gegen mich und den ins Kasino nennt es öffent­lich Dummheiten eines gutmütigen Tröpfleins. Nun, das ist hier noch manchem so gegangen, aber das Dökterle hätte doch klüger sein sollen.

    Dein letzter Brief sammt Beilage hat mich sehr gefreut. Ich will Dir Letztere bald übersenden. Könntest Du mir nicht meinen Grenzbothen-Artikel noch schaffen. Seyffertitz hat das letzte meiner Exemplare dem Minister Herbst gegeben, und sich einfach entschuldigt.

    Mariann bittet, Dich grüßen zu lassen. Herzlichen Gruß auch von mir Dir, Deiner Frau und allen den unsern, Karl, Lipold. Lotze, Hirzel Thieme u a von Deinem

    Franz M Felder.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 1. Oktober 1868

    Lieber Herr Felder

    Hier kommt Arm und Reich! Es sind die ersten zwölf Exemplare, die fertig geworden.

    Möchte der Anblick Ihres neuen Geistesproductes Ihnen einen frohen heiteren Tag bereiten, nachdem ein so schwerer Schlag Ihr Leben verdunkelt hat. Wir haben alle herzlichen Theil genommen, als wir durch Hildebrand die traurige Nachricht erhielten, ich ließ sogleich den Druck beschleunigen, weil ich dachte, daß der Empfang des fertigen Werkes die einzige Freude wäre, die Ihnen jetzt zu Theil werden könnte.

    Hoffentlich hat mein Herr Vetter in Zürich Ihnen die Blätter der Neuen Zürcher Zeitung zugesandt, in denen er Ihnen und seinem Besuch bei Ihnen ein so schönes Andenken gestiftet hat. Schenken Sie mir gelegentlich ein paar Zeilen und erhalten mir Ihr Andenken.

    Ihr Ihnen aufrichtig ergebener S. Hirzel

    Salomon Hirzel
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 27. September 1868

    Verehrtester Herr Baron!

    Ihr werthes Schreiben hab ich richtig erhalten und wenn ich Ihnen erst heute für Ihre herzliche Theilnahme meinen wärmsten Dank auszusprechen [erlaube], so dürfen Sie das nur meiner Unlust, am Schreibtische zu sitzen, zuschreiben, und meiner Unfähigkeit die Gedanken zu sammeln. Aber gerade die warme Theilnahme meiner Freunde in Nah und fern hat mich auch wieder aufgerichtet und mich an

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Carl Seyffertitz
  • 27. September 1868

    Lieber Freund,

    Dein Brief war mir sehr wohltuend und beruhigend; er ist auch im Club und sonst gelesen worden, z. B. von den Frauen und Mannen des Hinterhauses, Hirzels, überall mit wärmster Theilnahme. Ich hätte Dir auch längst wieder geschrieben und länger als heute, wenn nicht ein Arbeitssturm und ande­res Abziehende dazwischen gekommen wäre; z. B. hab ich bis gestern drei Wochen lang den Universitätsfreund (Her­mann Schmidt) zur Cur im Hause gehabt, dessen Rückfall in eine Gemüthskrankheit mir bald nach Deiner Ankunft hier gemeldet wurde; Du erinnerst Dich wol noch der Bestürzung, in der Du mich einmal bei einer Frage fandest, als Du hinter mich an meinen Schreibtisch tratest. Morgen aber, mit Dei­nem Zuge, 4 Uhr 40 M., reise ich nach Würzburg, zur Philo­logenversammlung, Flügel geht auch mit; ich hab mir die Reise durch stürmisches Vorarbeiten verdienen müssen (ich meine die Zeit hauptsächlich) und bin nun marode, wie mirs immer geht, wenn ich einmal fort will. Doch zu Dir zurück. Beruhigend ist vor allem was Du von dem Sonderling oder der Sonderlingin, der Mariann schreibst; die wird sich ja wol leicht einleben in Deinen äußern und innern Lebenskreis. Grüß mir sie herzlich, ich wollte ich hätte sie dort kennen lernen. Einen schweren Stand wird sie frei­lich haben mit Kindern und Wirthschaft, aber die Abende mit Lust und Lehre werden sie ja aufrecht erhalten.

    Reich und Arm ist nun fertig, wenigstens was mich angeht. Ich hab heute das Letzte corrigirt - mit eigener Wemuth hab ich da jetzt die von Deiner Katharina geschriebenen Worte in der Handschrift angesehen, sie sahen mich so rein, frisch und innig an. - Die Dorothee, der Hans, besonders die beiden sind mir schon so lebendig geworden in mir, daß ich oft an sie denke wie an vorhandene Menschen; weniger hat der Jos in mir Gestalt und Dasein gewonnen, er tritt in der zweiten Hälfte doch etwas zu sehr zurück. Das Ganze ist aber vortrefflich, es freut sich hier schon mancher darauf.

    Die Äußerungen Frickes über die Sonderlinge schicke ich Dir mit. Du mußt mir aber das Blatt wieder zukommen lassen, ich werde Dir von Fricke oder Hirzel ein anderes besorgen. ­Die Aufsätze des Diaconus Hirzel über Dich in der Neuen Zürcher Zeitung hat er Dir sicher zugeschickt, mich haben sie lebhaft gefreut. Der Mann hat Geist und Herz.

    Und noch etwas von den Sonderlingen. Vielleicht werden sie nun übersetzt ins - Französische. Bestimmt versprochen ist mirs wenigstens. Vor ein paar Wochen war nämlich ein Pari­ser hier, an mich empfohlen durch seinen Schwager in Paris, einen Gelehrten mit dem ich befreundet bin, er selbst Lehrer des Deutschen (z. B. beim kaiserlichen Prinzen), begeistert für deutsche Literatur, selbst eigentlich ein Deutscher, d. h. ein Elsässer, mit Namen Prof. Levy - erschrick nicht vor dem Judennamen, er war sonst nicht wie ein Jude. Wir waren für ein paar Tage zusammen, nach Clubart, und da hab ich ihn denn für Dich gewonnen, sodaß er von selbst jene Überset­zung versprach und überhaupt ein Wirken für Dich in der Pariser Presse. Ob er zugleich ein Worthalter ist? Das müssen wir abwarten. Ich las ihm auch ein Cap. aus Reich und Arm vor, Zacharias war dabei. Von der holländischen Übersetzung hat man doch noch nichts gesehen!

    Doch ich muß weiter für heute, und morgen fort an den Main. Wünsche mir Glück, wie ich Dir,

    in alter Liebe Dein R. Hildebrand.

    Den Gedanken, Deine Lebenserinnerungen zu schreiben, halt doch ja fest, mach doch gleich eine kleine Skizze, die Du dann nach Belieben hier und da ausführen kannst?

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 24. September 1868

    Lieber Freund!

    Drei Wochen sind seit Deiner Abreise vorüber. Damals dacht ich nicht, daß ich mit Schreiben an Dich so lange warten würde. Ich glaubte, kaum noch etwas mit der Zeit anfangen zu können. Nun will ich Dir kurz Rechenschaft geben.

    Jeden Abend empfing ich Briefe, die mir in der Seele doch wieder wohl taten, besonders einer von Hildebrand, den ich Dir statt ferneren Lobreden auf dieses herrliche Gemüt übersenden werde. Er sagt mir, wie ich nicht mehr allein sei, und legt mir's nahe, daß meine Freunde noch Bedeuten­des von mir erwarten und daß das Unglück mich nun auch inniger an den Himmel binde. Er sprach in Form eines Wun­sches den Rat aus, jetzt mit meiner Selbstbiographie zu begin­nen, damit ich darüber nachdenke, wie Gott mich immer so wunderbar und liebevoll geleitet habe. Schon dieser Gedanke tat mir wohl und begann, das Leere meines Wesens weit besser auszufüllen, als es die Feldarbeit vermocht hatte. Ich fing nun wieder an, in meinen Briefsammlungen herumzu­stöbern, die noch nicht verbrannten Jugendarbeiten und Tagbücher zu lesen, wobei ich mehr und mehr wieder aufzuleben begann. Wohl tat mir auch, meine Kinder bei Mariannen so behaglich zu sehen, daß sie nur selten und immer froh von der Mutter plauderten und so unbewußt vielleicht dem guten Mädchen oft andeuteten, was es zu tun habe. Ich nenne sie ein gutes Mädchen und das würdest Du auch, hättest Du gesehen, wie sie, wenn ich abends traurig mein Zimmer durchschritt, zu mir kam und mir etwas vorlesen wollte. Ihre Lernbegierde tut mir wohl, in ihrer Be­friedigung kann ich meine besten Kräfte wieder üben, wenn ich die Macht unserer edelsten Geister auf ihr reines, reiches Gemüt wirken sehe, ist's mir, ob sie auch mir sich wieder erschlossen und genähert hätten.

    Das Mädchen bleibt nun hier, obwohl das Mötele resp. Mutter, aufgeredet von frommen Basen und um des lieben Nähens willen, schon gewaltig dagegen sein wollte. Dieser Tage erhielt ich von Hirzel in Zürich einen gründlichen Artikel über den Dichter aus dem Bregenzerwald, der durch viele Nummern durchgeht. Er enthält neben einigem Un­richtigen so viel Schönes, daß ich ihm auch im Vaterland mehr Verbreitung gönnte. Vielleicht kannst Du das durch die Wiener Volkszeitung vermitteln. Der Artikel - mit Wärme geschrieben - ist eine Verherrlichung des Bregenzerwalds, und ich werde Dir ihn bald auch zur Mitteilung an Bickel, Gaßner und andere schicken, nur könnt ich Euch das einzige Exemplar nicht überlassen.

    Die Rüscher'sche Partei - deren einzelne Mitglieder jubelten, während meinem guten Wible die Sterbglocke geläutet wurde, verfällt immer mehr der Gemeinheit, die alle bändigt. Ich habe mit meiner Selbstbiographie begonnen, und die Arbeit schreitet - aber mit von mir doch kaum glaublicher Langsamkeit - voran. Ich denke zuweilen daran, nach Götzis zu gehen. Wenn Du auch gehst, so schreib mir's, denn dann komm ich bestimmt; schreib aber auch sonst bald Deinem Freund

    Franz Michel Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 23. September 1868

    Lieber, theurer Felder!

    Der sonst so freudige Besuch des Uhrmachers ist uns zur Trauer geworden. Schmerz - ja Entsetzen hat uns ergriffen bei seiner Nachricht vom Tode Ihrer herrlichen Gattinn. Wir fühlen mit, wir ahnen die Größe Ihres Verlustes. Ich kann es fassen, daß Sie damit wieder an den Rand der Verzweiflung gestellt sich sahen. Aber - raffen Sie sich als Mann u. Christ zusammen u. empor. Setzen Sie ihr später als Schriftsteller ein würdiges Denkmal. Gott erhalte, Gott tröste u. stärke Sie-u. sei mit seinem Segen über den armen, armen Kindern u. Ihrer alten Mutter!

    Ich kann heute nicht mehr schreiben

    In tiefster Theilnahme Ihr H Hirzel nebst Frau u. Schwägerinn.

    Heinrich Hirzel
    Zürich
    Franz Michael Felder
  • 14. September 1868

    Mein lieber Herr Felder!

    Seit wir im Mondscheine, vor dem Rößli in Au, uns die Hand zum Abschiede drückten; ist kein Tag vergangen, an dem wir nicht Ihrer gedacht, über Sie gesprochen u. verhandelt hätten. Als thatsäch­lichen Beweis davon übermache ich Ihnen meine Feuilleton = Arbeit für die N.Z.Z. Natürlich bin ich begierig, was Sie zu derselben sagen. Fürdie Freimütigkeit, mit der ich mich in ihr über Sie ausspreche, entschuldige ich mich nicht: als freie Männer werden wir dieselbe stets nicht nur einander gestatten, sondern geradezu von einander verlangen. Hingegen bitte ich um Entschul­digung u. angelegentlich auch um Berichtigung da, wo ich sei es in Darstellung von Fakten, sei es im Urtheilen geirrt u. wider Willen gefehlt habe. Boten mir auch Hrrn Hildebrands Arbeit in der Gartenlaube u. Ihre eigenen freundlichen Mittheilungen ein schö­nes Material: so habe ich doch noch hie u. da selbst kombinieren, auch etwa durch Schlüsse des Verstandes u. Thätigkeit der eigenen Phantasie eine Lücke ergänzen müssen; u. da kann schon Unrichti­ges mit untergelaufen sein. Im Ganzen werden Sie den guten Willen u. dann auch die aufrichtige Verehrung für Sie u. von uns gefaßte Affektion für Ihr Ländchen wohl aus Allem herauslesen. Ihre bisherige schriftstellerische Thätigkeit erschien mir mehr u. mehr im Lichte einer innerlich bestimmten u. Sie selbst bestimmen­den Nothwendigkeit. Die 3 bisherigen größern Werke stellen einen in sich abgeschlossenen, in drei Stufen sich gliedernden Entwick­lungsprozeß dar. Daß Sie nach diesem vorläufigen Abschlüsse nun etwas ruhen, kommt mir ebenfalls begreiflich u. nothwendig vor, so wie das, daß diese Ruhe nicht in Thatlosigkeit, sondern in der Ausarbeitung kleinerer Novellen besteht, für welche Sie Ideen u. Material bis jetzt schon bei der großen Arbeit beinebens gesammelt haben. Die „Liebeszeichen" als kleinere Arbeit hat uns wieder unbedingt gefallen. Das sittliche Thema, welches Sie behandeln; die Aufgabe, die Ihnen durch das Leipziger=Urtheil über die Kuß= Leere Ihrer Romane gestellt war, sind vortrefflich u. gewiß auch zur vollsten Zufriedenheit Ihrer Leipziger=Freunde gelöst. A propos der Berspuchner=Brücke, bei der diese Novelle anhebt: das Mädchen, welches von ihr hinunter sich stürzend den Tod suchte u. fand, möchte auch ein reiches Motiv darbieten zur Darstellung mehr des grübelnden, melancholischen Elementes, das immerhin im reichen Naturell des Wälders u. der Wälderinnen

     

    Heinrich Hirzel
    Zürich
    Franz Michael Felder
  • 12. September 1868

    Lieber alter Freund!

    Obwohl ich mir fast täglich vornahm Deinen Brief von Leipzig zu beantworten, komme ich doch erst heute dazu diesen Vorsatz zu verwirklichen; warum? um weder mich noch Dich zu täuschen, aus Faulheit. Zuerst verschob ich es bis zu Uhrenmacher Felders Ankunft zum Schützenfest, dann bis Ende des Schützenfestes u. dann von Tag zu Tag bis jetzt. Die Festhalle besuchte ich, als der Studentenkommers zu Ehren der Schützen abgehalten wurde; die Halle gefiehl mir mehr als ich den Bildern nach vermuthen konnte, sie war wirklich großartig, so zwar das ein Commers ein Unsinn war. Zwei Tische vom Katheder entfernt verstand ich von den Reden keinen Satz, kaum den Chorgesang hörte man deutlich, was werden die am 20 oder 30sten Tische gehört haben? Getroffen habe ich nur einen bekannten Vorarlberger einen „Winter" aus Feld­kirch. Kritiken u. Berichte über das Schützenfest hast Du sicher genug gehört u. gelesen.

    Die Nachricht von Deinem u. der Deinen Wohlergehen u. Deinen litterarischen u. politisch-socialen Erfolgen zu Hause hat mich sehr gefreut: hoffentlich wird Dein neuestes Produkt zur Vermehrung Deines Ruhmes beitragen. Die Bildung des Volkes geht jetzt auch in diesen Gegenden rasch vorwärts, die Staatshülfe (von mir immer vertheitigt) wirkt Wunder, obwohl sie eigentlich in nicht viel mehr besteht, als daß man den Fortschritt nicht hemmt. Dadurch schon scheint Österreich sich viele Sympathien erworben zu haben. Wer das Leben hier genauer ansieht, muß sich die Meinung bilden, daß unser Staat gegenwärtig wohl der freiste ist, der existirt; Bei euch werden wohl Regierungsorgane u. Volk das ihrige beitragen, daß man ein bischen anders denkt.

    Auch ich war auf dem Wege, meine Gedanken mittelst Gutten­berg's Erfindung hie u. da zu verbreiten. Es wurde nämlich von einem Bekannten nach vielen Mühen eine Arbeiterzeitung gegründet u. dieser engagierte mich als Mitarbeiter. In der ersten Nummer ist ein meinem Schädel entsprossener Aufsatz. Schwierigkeiten zur Gründung waren leicht begreiflich die Finanzen. Finanzen waren auch die Ursache des frühen Todes dieses Blattes. Ein Fabrikanten­sohn hatte das nöthige Geld geliefert für Caution u. Auslagen. Da aber nach Ausgabe des zweiten Blattes kein Erträgniß erzielt war, zog er die Caution zurück u. gab kein Geld mehr her u. deßhalb gieng die schon gesetzte Auflage des dritten Blattes als Embryo ab. Die Haltung des Blattes war dem Fabrikantensöhnchen auch nicht nach seinem Sinne, sondern zu demokratisch. In Arbeiterkreisen der gebildeten Sorte fand es hingegen schon nach der ersten Nummer sehr großen Anklang u. es hätte wahrscheinlich bald eine ziemliche Verbreitung gefunden. Tonangeber in Vereinen haben dem Redakteur versprochen, dahin zu wirken, daß eine baldige Fortsetzung ermöglicht wird. Für die eintreten, die nichts besitzen ist aber sehr schwer. Wir wollen sehen ob es ihm gelingt. Einige Tage vor der erwähnten Katastrophe habe ich dem Redakteur Deine Addresse übergeben u. für Dich ein Exemplar bestellt; wäre die 3te Nummer gesund zur Welt gekommen, so wäre sie Dir mit den 2 älteren Schwesterchen zugeschickt worden. Ich wohne noch immer in der Dir schon bekannt gegebenen Wohnung, vielleicht dauert es noch einen Monat bis ich weichen u. Quartier für meine Rechnung beziehen muß, je nach der Witterung. Lektionen habe ich bisher immer noch wenige, für Wien schlecht bezahlte und ungelegene, so daß ich finanziel nicht glänzend stehe, jedoch Noth leide ich nicht, muß aber unverhält­nißmäßig viel Zeit für die bloße Existenz vertandien. Mein Leben ist so einfach, daß sich wenig darüber bemerken läßt. An Vereinen habe ich bisher nicht Theil genommen, theils weil mir keiner vollständig nach meinem Gusto war, theils der Auslagen wegen. Letzten Samstag gieng ich zum ersten Male in einen bis dahin nicht gekannten Verein als Gast, er nennt sich „veritas" und besteht großentheils aus Doktoren u. Professoren. Er hat mir sehr gut gefallen. Politische, sociale u. religiöse Fragen werden in vollsten Sinne frei besprochen u. so werde ich denn auch heute der Einladung des Vorsitzenden Folge leisten u. wieder erscheinen, ja auch seine große Bedeutung zu haben scheint. Und zur schön = literarischen Bemerkung hinzu noch eine ebensowohl vom ästheti­schen als vom Utilitäts=Standpunkte aus: diese Brücke ist ein prachtvoll romantischer Punkt; aber nicht im Mindesten als solcher zugänglich gemacht. Meine 2 lieben Begleiterinnen u. ich suchten mit aller Sorgfalt hüben u. drüben u. auf der Brücke selbst einen Standort, von dem aus man das geniale Brücklein selbst u. seine Umgebung u. den tief=unten grün=blau gekleideten, schwermü­thig herauflächelnden Fluß behaglich betrachten könnte; es war kein solcher Punkt zu finden. Auf der Brücke verhindern die hohen Bretterwände ein Hinabschauen u. am Ein= u. Ausgang lassen die senkrechten Felsen u. das auf ihrem Rande stehende Gebüsch= u. Baumwerk den Wanderer auch nirgends in die großartige Schlucht hinabblicken. Da sollte man mit ganz weniger Arbeit nachhelfen: solches versteht man in der Schweiz nur zu gut; bei Ihnen aber wirklich noch zu wenig. Auch da heißt's: ,,z' Lützel u. z' Viel verderben alle Spiel". Und weil wir einmal dort in der Nähe sind, noch Eines: der kleine Hieb auf die Wirthshäuser von Schwarzen­berg wäre fast noch etwas derber ausgefallen u. auch dann noch verdient gewesen. Im Hirschen daselbst bedienten uns zwei Wäl­der=Mädchen, ich weiß nicht waren's Töchter oder Verwandte oder Angestellte des Wirths, - vielleicht weil wir anspruchslos u. staubbedeckt zu Fuß anlangten - sehr unfreundlich, „g'schnuoper" nennen wir das, kurz angebunden, im Gegensatz zu dem ganzen übrigen Ton, der uns durch den ganzen Wald so sehr angespro­chen. Wir wären, wie Ihnen vielleicht unser Träger erzählt hat, auch lieber auf der Equipage, als auf Schuhmachers Rapp angefah­ren; aber sintemalen in Bezau kein Pferd zu kriegen war, so mußten wir uns bescheiden; haben gelächelt über die furchtbaren Crinoli­nen u. Chignons, die aus den großen Städten Bregenz u. Lindau u. Friedrichshafen sich in der Sommerfrische Schwarzenbergs breit machen, wobei ihre Trägerinnen sich überdieß noch gehörig zu langweilen schienen; u. den dummen Kellnerinnen gedachte ich eigentlich eine gehörige Feuilletons=Ohrfeige zu applicieren. Aber sie verstehens halt noch nicht besser u. beurtheilen die Leute nach den Kleidern u. ahnen in einem bescheidenen Wanderer nicht einen furchtbaren Feuilletonisten. Diese Brücken= u. Kellne­rinnen = Betrachtungen können Sie gelegentlich anbringen, wenn Sie im Hirschen in Schwarzenberg einkehren. Da haben dann freilich die Frau Base in Alberschwende u. das dortige Bäbeli einen ganz ändern Stein sich bei uns ins Brett gelegt. Da muß ich aber doch Sie noch um Verzeihung bitten, daß ich den naiven Bericht der Frau Bilgery über das allerliebste naive Wort Ihres Fraueleins „was er nüd hübsch ist, ist er gschiit" aller Welt verrathen habe. Kehren wir von diesen Abschweifungen wieder zu Ihnen zurück: so halte ich also die Herstellung einiger kleinerer Novellen jetzt für durchaus indiciert u. freue mich sehr darauf, ihnen hoffentlich in der großen Gartenlaube zu begegnen. Es ist dieß gewiß ganz der nothwendige u. zweckmäßige Ruhepunkt, auf dem Sie ein Weil­chen sich niederlassen u. auch - ein so willkommenes Stücklein Brot mit den Ihrigen genießen werden. Aber dann, denke ich, muß ja doch nach einer Weile wieder aufgestanden u. nach höher liegenden Zielen emporgeklommen werden. Wohin dann der Geist Sie treibt, darauf bin ich sehr begierig u. habe die Ahnung: Ihr Schicksal - zunächst als Schriftsteller, aber dann auch als Mensch ­hängt von der Richtung ab, welche Sie dann einschlagen, von den Zielpunkten, nach welchen Sie dann Ihre Schritte lenken. Der Geist leitet zwar theilweise unbewußt seinen Träger u. Ihr Genius hat Sie bisher sichtbar u. nachweisbar aufs Beste geleitet. Doch hat der Apostel auch recht, wenn er der Ansicht ist, der Prophet sei des Geistes, der in ihm wohne, mächtig. Wie ich Ihnen schon münd­lich andeutete, ist z. B. Ihrem sehr kundigen Verleger ein Wenig bange über Ihre zukünftige schriftstellerische Entwicklung. Ich bin beruhigt für mich u. werde nächster Tage auch ihn beruhigen. Ja ich frage mich, ob es nicht von meinem geringen Standpunkte aus fast eine Anmaßung sei, hierüber Ihnen irgend einen Rath ertheilen, den Pegasus, der Sie trägt, auf irgend einen Weg mit= lenken zu wollen. Er wird ja wohl seinen Weg auch weiter finden u. Sie werden auch ferner sich selbst am Besten rathen. Und doch hat gerade das einläßlichste Studium Ihrer Werke u. die theilnahmvoll­ste Beschäftigung mit Ihrer Persönlichkeit mich immer wieder zum Problem zurückgeführt: wie wird Felder, der als erst 30jähriger Mann noch eine schöne, lange Zeit des Wirkens vor sich hat, zum immer größeren Schriftsteller weiter sich entwickeln? Darüber glaube ich meinen verehrten Herrn Vetter in Leipzig ganz beruhi­gen zu können: Felder weiß die Wurzeln seiner Kraft in den Boden seiner Heimath eingesenkt u. wird nicht durch Losreißung aus diesem Boden seine Wurzeln sich selbst abschneiden. Wenn aber dieß gewiß ist; so erhebt sich ja nur um so mehr die gegenteilige Frage: kann dann aber auf so beschränktem, engem Boden ein Dichterleben u. =Streben sich fröhlich u. mächtig entfalten; wird's nicht grad durch diese Enge erdrückt werden u. frühe absterben? Wenn - ich weiß nicht, ob Hrr. Hildebrand selbst oder andere Leipziger=Freunde je einen Gedanken daran hatten, Sie sollten in die weite Welt hinaus sich verpflanzen; so war's gewiß das Gewicht dieser Frage, welches sie hiezu überwog; u. auch ich verkenne nicht dieß Gewicht. Aber ich bleibe dennoch dabei: im Vaterlande „da sind die Wurzeln Deiner ganzen Kraft". Und ich glaube: es giebt eine innere Vertiefung u. Ausweitung, welche die äußerlich beschränkten Grenzen durchaus aufzuheben vermag. Sie mögen mich schon ein Wenig auslachen, daß ich mir solche Sorge mache um Sie, und, vielleicht ganz unnöthiger Weise, manche Stunde über dieses Problem nachgedacht habe. Alles Nachdenken hat mich aber nur bestätigt in dem Gedanken, der mir schon bei Ihnen durch die Seele schoß: Ein tüchtiges, eingehendes Studium der Ceschichte des Bregenzer=Waldes wäre jetzt dann das Förderlichste für Felder.

    Sie kennen die Natur u. kennen das Volk Ihrer Heimath durch u. durch. Aber nun: wie ist dieß Völklein geworden, was es ist?- Der, der dasselbe verstehen, geistig leiten u. es beherrschen will, muß auch diese Frage noch ganz klar sich beantworten. Die Antwort giebt die Geschichte. Kenntniß dieser Geschichte bringt dreierlei Gewinn:

    1) Ihnen selbst. Das Studium der Geschichte, bei dem ja zuerst an der Hand eines guten Lehrbuches die allgemeine Geschichte namentlich auch des Mittelalters müßte berücksichtigt werden, macht den Geist objektiv, weit, frei. Ihre Selbstbildung zieht aus ihm den größten Gewinn.

    2)       Ihrer Schriftstellerei. Die bloße Dorfgeschichte erschöpft sich. Dem Dichter ist ein weiterer Horizont nothwendig; ihn eröffnet die Geschichte. Weil Ihrer Heimat Geschichte einige große u. reiche poetische Motive darbietet, so ist es Ihr Beruf u. Ihre Pflicht, diese auszubeuten. Dieß aber kann nur geschehen, wenn Sie in der Geschichte ganz zu Hause sind; die Perioden,  in denen jene Episoden spielen, genau kennen u. so im Einzelnen, welches Sie herausgreifen, zugleich das Ganze sich darstellt.

    3)       Ihrer Heimath. Kennen Sie Zschokkes Geschichte des Schwei­zerlandes. Es ist kein tiefes historisches Werk. Aber für's Volk volksthümlich lebendig, begeisternd geschrieben, hat das Buch unserm Volk großen Dienst geleistet. Ich stelle mir vor, Ihr Freund Bergmann könnte Ihnen da rathend,  helfend, alle Materialien bietend an die Hand gehen. Sie würden vielleicht einmal auch eine solche populäre Geschichte des Waldes zunächst als Familienbuch für Ihr Völklein schreiben. Historisches Material zur Bearbeitung im historischen Roman würde Ihnen dann in Fülle sich darbieten. Nebenbei gesagt u. als untergeordneter Punkt - auch das wäre ein Verdienst um Ihr Land, wenn eine tüchtige Verlagshandlung einen Landschaftszeichner anstellen, die schönsten u. wichtigsten Punkte des schönen Landes in guten Stahlstichen wiedergeben Lassen würde u. Sie einen lebensvollen historisch=topographischen Text dazu schreiben würden.

    Ich meine: mit Allem dem bleiben Sie in Ihrer Heimath, verherr­lichen, bauen, u. pflegen Sie diese Heimath u. zugleich damit wachsen Sie heran zum immer bedeutenderen Menschen u. Dich­ter. Sie haben eine reiche Begabung u. große Kraft. Sie sind vom Standpunkte des Fünfzigers aus beurtheilt noch jung u. haben noch lange Zeit der Bildung u. des Wachsthums vor sich. Verzeihen Sie mir meine Sorge; prüfen Sie meine Räthe. Dieselben sind sehr unmaßgeblich; in aller Bescheidenheit u. mit jedem Vorbehalt, beser belehrt zu werden, vorgebracht. Ich muß für heute zu Ende eilen. Meine I. Schwägerinn Caroline u. meine I. Frau so wie ich grüßen Sie innigst u. danken Ihnen noch viel Mal für alle Ihre Freundlichkeit. Ebenso die herzlichsten Grüße an Ihre liebe Gattinn u. verehrte Mutter... Den Uhrmacher haben wir Tag für Tag erwartet. Warum ist er noch nicht gekommen? Wir hoffen auch jetzt noch, er werde Wort halten u. in dem Stück kein Gaskogner sein. Der I. Frau Rößliwirthinn in Au unsere besten Grüße u. wir erwarten Sie ebenfalls bei ihren Seiden=Einkäufen; wir haben uns vorläufig nach der besten Bezugsquelle für sie umgesehen. -Auch dem biedern Adlerwirth in Schoppernau unser gutes Andenken. Wir sagen noch oft in der Erinnerung an ihn zu einander: „das Worl!" Es waren herrliche Tage, die wir in Ihrer Heimat verlebten. Wir werden sie nie vergessen. Und Sie waren uns die Sonne dieser Tage! - Wann kommen Sie zu uns? je eher je lieber! Bedenken Sie: in 1 1/2 Tagen sind Sie bei uns. Das ist ja nicht weit. Darum, wenn Sie irgendeinmal ausruhen, aufathmen u. Menschen sehen wollen, welche Sie lieben u. verehren, so kom­men Sie zu uns. Es empfiehlt sich Ihrem freundlichen Andenken u. Wohlwollen angelegentlichst

    Ihr aufrichtig ergebener Heinr. Hirzel, Diakon am St. Peter

    Franz Xaver Jochum
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 12. September 1868

    Lieber Freund!

    Wie ein Blitz aus heiterem Himmel erschrektest Du mich mit Deiner letzten Nachricht. Ich frage mich jetzt noch, ist es möglich, oder nur Traum, wenn ich jedoch Deine wenigen Zeilen immer wieder anblicke, so muß ich es doch für traurige Gewißheit halten.

    Ja wohl, wer Dein Glück an der Seite dieses Wible gesehen, u. selbst mitempfunden hat, der begreift u. ermißt das Unglück, das Dich getroffen. Es wäre eigentlich meine Pflicht, Dich zu trösten, allein das würde dem Versuche eines Strohalmes gleichen, eine Eiche im Sturme zu stützen.   Doch wenn Theilnahme Leiden erleichtern kann, so kannst Du der meinigen im höchsten Grade versichert sein. Habe ich ja doch im Kreise Deiner Famielie die schönsten u. besten Stunden meines Lebens zugebracht, u. sollte nicht schmerzlich ergriffen sein, wenn diese meine eigentliche Heimath soviel von ihrem Reiz eingebüßt. Denn zu Hause konnte, u. kann es auch jetzt noch nicht, ich Dich nicht denken, ohne Dein Wible dazu. Doch wozu das alles noch einmal wiederholen, was wir schon lange gewußt, u. nurdazu dient, die Wunde noch schmerzlicher zu machen, besser ist es, sich in das Geschehen mannhaft zu fügen, u. dem Schicksal zu zeigen, daß es uns zwar wohl biegen, aber nicht brechen kann. Könnte ich jetzt nur einen Theil Deines Kummers übernehmen, u. Dir tragen helfen, aber das ist eben das Schlimmste, während alle Deine Freunde  Dein Glück mitgenossen,  können sie  Dir das Unglück mit dem besten Willen nicht tragen helfen. Doch, wenn ich Dir in irgend etwas dienen kann, o so bitte ich Dich, laß mich thun was ich kann, ich möchte Dir so gerne helfen, wenn ich nur könnte. Doch jetzt habe ich nichts mehr, als Thränen, es sind die ersten seit dem Tode meines Vaters, u. einen Gruß an die Hinterbliebenen

    Deiner Famielie u. Dich.

    Dein Freund Josef Natter.

    ich gedenke auch Mitglied zu werden, wenn auch die Börse ein bischen protistirt, u. es bei einem Umschwung der Regierungsart vielleicht keine Empfehlung sein dürfte Mitglied gewesen zu sein, wenn ich um eine Lehrstelle ansuchen werde. In der jetzigen Zeit ist es aber Pflicht eines Jeden Farbe zu bekennen u. nach Möglichkeit dem Vorschub zu leisten, was man für das Beste hält. Es hat mich das letzte Mal gefreut viele mit Dir besprochene Ansichten von einem berühmten Professor der Medicin hier ganz in meinem Sinne klar u. deutlich entwickeln zu hören u. zwar mit fast ausnahmsloser Anerkennung beim Auditorium. Das wirkt selbstverständlich an­ziehend.

    Es bleibt mir hiernach nichts mehr zu sagen übrig, als daß ich sehnlichst in Bälde einen Brief von Direrwarte, u. daß ich Dich, die Deinen meine Mutter, Uhrenmacher Felder Resel, Möslers, Leonis etc. freundlichst grüße beziehungweise grüßen lasse u. hoffe von Dir zu erfahren, daß Du glücklich zu Hause angekommen bist, daß es Euch allen gut geht u. Du Dir schon wieder neue Lorbeeren erworben hast.

    Meine Addresse ist immer noch Rossau, Porzellangasse No 2. Thür 15 u. wenn der Brief nach meiner Auswanderung oder besser nach meiner Austreibung daselbst ankommt, werden die neuen Bewohner den Briefträger schon zu weisen wissen. Dich herzlichst grüßend Dein Freund

    J.

    Josef Natter
    Finstersee
    Franz Michael Felder
  • 10. September 1868

    Mein lieber Felder!

    Die Trauernachricht,  die Sie mir mit Ihren Zeilen v.   5.  dM. mittheilten, kannte ich bereits aus den öffentlichen Blättern, u. manchmal dachte ich an Sie u. Ihren tiefen Schmerz. Lebhaft standen Sie vor meiner Seele, ein einsamer Wanderer nun auf rauhem, steilen Pfade, lebhaft hätte ich gewünscht, Etwas beitragen zu können, um Sie zu trösten u. Ihnen Ihr tiefes Herzeleid tragen zu helfen.

    Nehmen Sie wenigstens mein u. meiner Frau inniges Beileid als einen kleinen Trost in Ihren Leiden, u. versprechen Sie mir doch ja nicht Bregenz zu passiren, ohne uns heimzusuchen. Bezüglich des Grenzbotenartikels muß ich mich als Ihren Schuld­ner gegen meinen Willen bekennen -; ich nahm diesen Artikel mit nach Wien, sprach von Ihnen bei Gelegenheit der Wahlumtriebe v. Schoppernau mit Minister Herbst, u. gab ihm jenen Artikel zu lesen. Ich habe ihn mehrmals um die Rükstellung gebeten aber nicht erhalten.

    Entschuldigen Sie mich doch, u. erlauben Sie mir, mich selbst an die Redaktion zu wenden um Ihnen m. Schuld abzutragen; dazu erbitte ich mir nur die genaue Bezeichnung der Nummer des Heftes in welchem der fragliche Artikel enthalten war. Es thut mir wahrhaft leid, doch bin ich fast außer Schuld. In Hoffnung einer baldigen Antwort

    Ihr ergebener C. Seyffertitz

    Carl von Seyffertitz
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 10. September 1868

    Lieber guter Freund!

    Ich hab einen großen Verlust erlitten. Furchtbar tief ist so eine Wunde und man empfindet sie wie einen Riß durch sein ganzes Wesen. Meine Freunde haben sich alle in rüh­render Besorgniß um den Trostlosen bemüht, die beste Trö­sterin aber war mir die Selige selbst. Ihr Hinscheiden ahnend verwies sie mich auf meine großen Aufgaben und versprach mir und den Kindern unser Schutzengel zu werden. O sie hält Wort! Immer mehr ists mir, ob sie mich umschwebe. Gott ladet keinem mehr auf, als er mit redlichem Willen tra­gen kann und schickt wieder gute Menschen, die uns an ihn glauben, ihm trauen lehren durch den Schatz von Liebe, den sie uns erschließen. Zu diesen gehörst auch Du, Du lieber guter Tröster. Für Deinen letzten Brief hätt ich Dich gleich umarmen und küssen mögen.

    Doch Du wirst nun vor allem wissen wollen, wie es bei mir zu Hause stehe. Zwar fehlt das Wible, die Mutter überall, aber auch da haben Gott und gute Menschen geholfen, so gut es möglich war. In Au lebte ein Mädchen, das ich als Sonderling unter einer strengen Stiefmutter, einer Schwester meines Wible heranwachsen sah. Als mein Wible starb, war es unter meinen Freunden, auch der Adjunct war mit im Rath u das wieder bekehrte Dökterle - eine ausgemachte Sache, daß dieses Wesen am besten neben mich und zu mei­nen Kindern passen würde. Nur meine Kenntniß ihres guten Herzens und ihres bisher unbefriedigten Bildungsdrangs gab mir den Muth sie, die nicht zu dienen braucht, zu fragen, ob sie zu mir kommen, und einstweilen neben dem düstern Mann für seine Kinder sorgen wolle. Sie sagte mit bewun­dernswerthem Muth, daß wirs ja zusammen und nebenein­ander versuchen könnten. Schon am ändern Tag ist sie mit Ihrem Bündelein gekommen und ich kann Dir nicht sagen wie mir dabei zu Muthe gewesen ist. Sie hat ein Herz für die Kinder, die neben ihr nur selten der Mutter gedenken, und mir ist es ein Trost und Zeitvertreib geworden, der Lern­begierigen von unsern großen Männern zu erzählen oder etwas vorzulesen. Ich bin demütig und dankbar, daß Gott mir wieder so geholfen hat, daß ich auch wieder an die Zu­kunft zu denken wage. Dein Vorschlag, eine Biografie zu schreiben, kommt mir wie eine höhere Eingebung. Das ließ Gott Dich denken. Schon heut hab ich mich oft an dem Ge­danken erbaut. Etwas muß ich gleich nach dem Heuen an­fangen, und zu künstlichen Geweben fehlt mir die gehörige Spannkraft.

    Die fragliche Stelle in Reich u Arm - ich habe den Brief erst jetzt erhalten weil auf der Adresse Vorarlberg fehlte - soll die Worte vor mir, nicht von mir enthalten.

    Lebe recht wol, grüß mir Deine Frau und alle, wünsch Ihnen langes gesundes Leben zusammen und schreibe bald wieder

    Deinem armen aber nicht verlassenen Freund

    Franz M Felder

    Deinen lieben Brief hat auch Mariann gelesen. Heut muß ich heuen, nächstens mehr.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 9. September 1868

    Geehrter, lieber Herr Felder!

    Sie werden schon entschuldigen wenn ich dem Versprechen, daß ich Ihnen in Ihrem mir so theuren Hause gab u. in Schrecken wiederholte, erst heute nachkomme.

    Die Schuld davon war nicht Nachlässigkeit, sondern entstand aus folgenden Ursachen: Die Photographien die ich vorräthig hatte wollte ich Ihnen nicht schicken, weil es sehr Gefehlte sind, u. mußte somit andere machen lassen, welches sich so lang hinaus zögerte. Ihren Brief an Hr. Dr. Waibel hab ich gelesen u. die höchst traurige Nachricht vom Tode Ihrer guten, edlen Gattin, vernommen. Es hat mich tief erschüttert, denn ich wußte, was sie Ihnen, Ihrer Familie u. jedem der sie kannte, war. Es nehmen auch viele meiner Freunde, die Sie u. Ihr braves, seliges Wible nur aus meinem Erzählen kennen, große Theilnahme an Ihrem Schmerz. Wenn ich so nachdencke welches Glück das Schicksal Ihnen durch sie bereitet, u. welches Glück Ihnen durch den unverzeihlichen Tod wieder entrissen wurde, so ergreift mich jedesmal ein wehmüthiges Gefühl wie es nur einen innigen Freund u. tiefen Verehrer ergreifen kann. Trostworte für Sie stehen nicht in meiner Fähigkeit, weil mein Geist zu beschränckt ist für einen Mann der schon so vieles überwunden hat, wie Sie. Nehmen Sie nun diese Zeilen der innigsten Theilnahme an dem Größten Ihrer Schmerzen u. es wird mir wohl thun, wenn sie nur ein Körnchen zur Linderung derselben beitragen können.

    Mit vielen Grüßen

    Ihr theilnahmsvoller, ergebener

    Joh. Georg Luger

    Johann Georg Luger
    Dornbin
    Franz Michael Felder
  • 7. September 1868

    Lieber Freund!

    Dein Schreiben machte auf mich den Eindruck wie ein Bliz aus offenem Himmel. Das Unglück schreitet schnell u. es hat Dich in vollem Maaße getroffen; ich begreife es in vollem Maaße was Du verloren hast.

    Ich wollte Dir gleich schreiben aber ich stand vom Versuche wieder ab, ich fand keine Worte des Trostes.

    Es gibt kein Glück auf Erden, das man sein eigen nennen kann, und darum sollte unser Herz eigentlich auch an gar nichts hängen. Wenn wir aber vom Leben[s]glück genossen so bleibt uns des Lebensschmerz zu kosten gewiß nicht erspart. Du hast einen großen Schlag erlitten, ich fühle es Dein Herz ist tödlich verwun­det, die Zeit muß und wird dieselbe wieder vernarben. Ich möchte Dich nur bitten, daß Du alles vermeidest was die Heilung verzögert oder unmöglich macht; schließe Dich nicht von der Außenwelt ab und stoße dasjenige nicht von Dir wovon Du fühlst das es Dir Linderung verschlaft. Wenn ich nicht in Bregenz beim Landtage wäre, so würde ich nicht ablassen, bis Du mit Deinen Kindern nach Bezau kämest. In 14 Tagen komme ich wieder zurück; könntest Du Dich nicht entschließen auf 3 oder 4 Wochen mit den Kindern herauszukommen? Ich habe eine Frau und Du hast Kinder, und unsere Freundschaft die dieß mit einander verbindet, eine andere Gegend die Dich nicht mit jedem Schritt an Dein geschwundenes Glück erinnert, würde wohltuhend auf Dich wirken. Es würde mich sehr freuen wenn Du in meinen Vorschlag eingehen würdest, u. erwarte deßwegen gelegentlich ein Schreiben von Dir. Mit herzlichem Gruß

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 6. September 1868

    Hochgeehrtester Freund!

    Da ich immer der Hoffnung war, persönlich mit Ihnen zusammen­zutreffen, so warte ich bis heute um Ihnen brieflich für Ihre Gefälligkeit, durch Übersendung Ihrer „Sonderlinge" danken zu können.

    Kannte ich Ihnen bisher nur aus der Gartenlaube u. Ihrer werthen Corespondenz, so hat mir das Lesen der „Sonderlinge" einen ganz ändern Begriff von Ihrer hochgeschäzten Person beigebracht. Meine, fast möchte ich sagen unverschämte Einmischung in Ihre Corespondenz, kommt mir jezt, einem Manne von solcher geisti­gen Gediegenheit gegenüber, als unstatthaft, als ungebildet vor.

    Nun sehe ich erst ein, daß ich nichteinmal werth bin, Ihnen nurdie Schuhriehmen aufzulösen. Und doch sind es wiederum die Son­derlinge die mir den Muth geben, fortzufahren an dem angefange­nen Werke der Bildung meiner selbst u. meiner Standesgenossen; denn gerade die „Sonderlinge" sind der sprechenste Beweis, was Ausdauer, Selbstüberwindung u. ein fester Willezu leisten vermag. Meine Frau ist gewiß keine Freundin vom Lesen, aber die Sonder­linge mußte ich Ihr vorlesen u. erklären. Auch war ich so frei (oder unverschämt?) die 2 Bände einem gleichgesinnten Freunde zum Lesen zu leihen. Er ist leider der einzige Gesinnungsgenosse unter 84 Mitarbeitern. Die Katholiken unter ihnen sind zu ultramontan u. die Protestanten zu schläfrig um sich für die Arbeiterbewegung zu intressiren. Überhaupt will man hier von geistigem Fortschritt nichts hören. Daß ich auf Ihre Corespondenz einen gewissen Stolz habe, werden Sie mir leicht verzeihen, denn ich weiß sehr wohl, daß es wenigen Arbeitern vergönnt sein wird, mit einem bedeuten­den deutschen Schriftsteller in Corespondenz u. freundschaftli­chem Verhältnisse zu stehen, wie gerade ich die große Ehre habe. Andrerseits aber verkenne ich nicht, welche Mühe, Zeitverschwen­dung u. Geldverlust (durch Briefporto u. Papier) Ihnen meine Corespondenz verursacht, ohne von mir nur einen geringen geisti­gen Genuß zu haben. Denn da ich in geistiger Beziehung weit unter Ihnen stehe, kann ich folglich zu Ihrer Ausbildung nichts beitragen. Es ist also nur wahre Menschenliebe, wenn Sie Ihre brieflichen Unterhaltungen mit mir fortsetzen.

    Die „Sonderlinge" schikte ich Ende Juli wieder an die Rieger'sche Buchhandlung von der ich sie erhielt. Da sie aus einer Leihbiblio­thek entnommen, so bin ich noch Schuldner u. bitte Ihnen daher mir darüber das Nähere mitzutheilen.

    Was ich Ihnen über das allgemeine Stimmrecht sagen wollte, läßt sich kurz zusammenfassen. Dasselbe ist eigentlich nur Zweck einer Oppositionspartei, hat aber für den Arbeiter keinen speziellen Nutzen, es wird ihnen derselbe blos vorgespiegelt. Überhaupt suchen ja alle möglichen Parteien die Arbeiter wegen ihrer Mehr­zahl, auf ihre Seite zu ziehen u. so sind dann Allge. Wahlrecht, Gewerbefreiheit, Coalationsrecht u.s.w. nur die Köder die ihnen von verschiedenen Seiten zum Anbeißen vorgeworfen werden. Das ist meine Ansicht!

    Alle möglichen Parteien suchen sich der Arbeiterbewegung zu bemächtigen aber keine meint es aufrichtig mit ihr. Deßhalb bilde man den Arbeiter zuerst geistig, damit er keine Advokaten oder eigennützige Fabrikanten zu Führern u. Vormündern braucht! sonst wird er vom Geführten zum Angeschmierten!! Besonders wurde in Süddeutschland die Unwissenheit (in politischer wie sozialer Beziehung), der Arbeiter von den Ultramontanen u. Demokraten bei den Zollparlamentswahlen wahrhaft empörend ausgebeutet! ­Was meine eigene Persönlichkeit anbelangt, so stehen meine materiellen Verhältnisse wieder nicht am Besten. Die Vermehrung der Familie, die Abgeneigtheit meiner Frau gegen alles Schreiben, der geringe Lohnsatz 1 [71] 24 bei den wirklichen Verhältnissen lassen mich in geistiger Beziehung nichts thun, obwohl sich mein Innerstes gegen alle geistige Trägheit sträubt. Mein Manuscript habe ich bisdato noch nicht erhalten. Eine mündliche Besprechung hätte freilich mich über manches belehren können, denn ohne Hilfe eines klassisch gebildeten Mannes, wie Sie geweßen wären, muß ich schriftstellerische Arbeiten bleiben lassen.

    Es grüßt Ihnen freundlichst

    Ihr Freund u. Verehrer

    Friedr. Riedlin

    Friedrich Riedlin
    Friedrichshafen
    Franz Michael Felder
  • 5. September 1868

    [...] Nun aber ist ein Ereigniß gekommen, welches mich tief beugt und mir alle Schaffenslust nimmt. Am 31. August hab ich meine liebe gute Frau verloren. Sie starb an Tiphus nach Stägigem Leiden. Wer sah und weiß, was alles die Edle dem sonst so selten verstandenen, der Heimath entfremdeten Sonderling in den letzten 8 Jahren war, wie sie ihm die schwersten Kämpfe leichter machte, sein ganzes Wesen hob und mit ihrem reinen selbstlosen Wesen durchgeistigte, der muß den Riß ahnen, den ich fühle und meinen tiefen Schmerz theilen. Sie war ein Sonderling, Bäuerin, Mutter alles, ein großes herrliches Weib!

    Nur der Gedanke an die süßen Pflichten gegen ihre 5 lieben Kinder vermag mich einigermaßen zu erheben. [. . .]

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Herman Sander
  • 5. September 1868

    Hochgeehrtester Herr!

    Nachdem nun meine Reise durch den Bregenzer Wald, einen Theil Tyrols und des bayerischen Hochgebirges zu Ende geführt ist, gestatten Sie, daß ich mich Ihnen auch brieflich vorstelle und für das freundliche Entgegenkommen, was ich bei Ihnen gefunden, meinen verbindlichsten Dankabstatte. Jeseltenerdie Fällesind, wo ein Mann aus dem Volke sich lediglich durch eigene Kraft über das gewöhnliche Niveau emporarbeitet und sich darin durch heimliche und offene Angriffe finsterer Parteien nicht beirren läßt, um so mehr verdient ein Solcher die Hochachtung und Anerkennung von Seite seiner Mitmenschen. Betrachten Sie daher in diesem Sinne meine Wenigkeit, und seyen Sie versichert, daß mir nichts angenehmer seyn wird, als, mit Ihnen in steter geistiger Verbindung zu bleiben. Als kleinen und schwachen Beweis meiner Aufrichtigkeit bitte ich Sie, die beiden einliegenden Photographien entgegen zu nehmen; das jüngere Bild ist das meines 22jährigen Sohnes, unseres einzigen Kindes, der sich der Mathematik gewidmet hat und im Oktober die Universität Berlin beziehen wird. Gern hätte ich Ihnen auch die Photographie meiner Frau gesendet; allein dieselbe ist beim Künst­ler total mißrathen. Um so mehr würde es mich aber freuen, wenn ich Ihnen meine Frau einmal persönlich vorstellen könnte; ich bitte daher recht inständigst, uns, wenn Sie wieder München berühren sollten, ja nicht vorbeizugehen, denn wir Alle würden uns durch Ihren Besuch erfreuet und geehrt fühlen.

    Ihre bis jetzt erschienenen Schriften werden wir im Laufe des kommenden Winters zum Gegenstande gründlicher Lektüre machen, und dadurch erst recht in den Geist Ihrer schriftstel­lerischen Produkte einzudringen suchen.

    Für heute schließend, bitte ich Sie also nochmals um die Fortdauer unserer angeknüpften Bekanntschaft, ja um Erweiterung und Befe­stigung derselben, und zeichne

    mit aller Hochschätzung

    ergebenst

    G. C. Wittstein.

    G.G. Wittstein
    München
    Franz Michael Felder
  • 4. September 1868

    Lieber guter Freund,

    Also doch - ! Du Armer! Wir hatten nach dem Ausgang Dei­nes ersten Briefes vom 29. uns fest eingebildet, es würde alles gut abgehen - da kam gestern Dein Schmerzensbrief. Ich bin seitdem in tief wehmütiger Stimmung, ich habe mit Dir ge­weint, und meine Frau auch, und kriege Dich und Dein Haus nicht aus den Gedanken. Gott wie gern war ich gleich hin zu Dir, hätt ich fliegen können, ich war gekommen. Mir wars als müßt ich wenigstens ein paar Stunden bei Dir sein, um mich zu überzeugen, daß Du Deine Kraft noch hast, und - daß Du Dich nicht zu sehr verschließest, wie Du Dir das leider angewöhnt hast und es nun auch festhältst weiter hin­aus als nötig und gut ist. Laß Deine Natur sich ausleben ­lieber sich einmal der Gefahr aussetzen, sich eine Blöße zu geben, als thun als ob man in der Welt im Grunde allein wäre! Du schließest die Menschen mit auf, wenn Du Dich aufschließest - doch verzeih die Predigt, sie kommt nur aus warmer Neigung und Sorge für Dich.

    Ach wüßt ich nur ungefähr, wie es bei Dir im Hause und in Dir nun aussieht. Ich fühle ja wie furchtbar der Schlag für Dich ist, wie viel Du verloren hast. Ich selbst empfinde in mir einen Verlust. Denn sieh, Deine gute Frau gehörte schon mit zu den Gestalten, die ich in mir fühlte als meinem Ge­sichtskreise angehörend wie ein liebes inneres Eigenthum. Ich hieng mit Behagen dem Gedanken an, sie einmal mit Dir hier in Leipzig zu haben, daß sie einmal nach saurer Arbeit aufathmend die Welt vom Berge betrachten könnte. Es sollte nicht sein.

    Trost gibt es ja da keinen - als den, daß der Verlierer durch den Verlust ein festes Band mehr gewinnt, das ihn an den Himmel bindet, wie ichs greifbar beim Verluste meiner Mut­ter empfand. Aber weit mehr als Du haben ja Deine Kinder verloren - doch dafür ist der Trost, daß sie das nie ganz, zum Theil gar nicht empfinden werden; für sie gilt: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Du aber, liebster Freund, sei tapfer, und sorge vor allem für Deine eigne Gesundheit. Du hast mehr Hilfsquellen in Dir als tausend Andere - das wirst Du in diesem Falle auch empfinden. Sobald Du Dich und Deine Stimmung wieder hast, wie wärs wenn Du jetzt an die Ausarbeitung Deiner Biographie giengest? Du könntest ja abbrechen, wenn Du möchtest, und es liegen lassen bis auf gelegene Fortsetzung. Aber Du würdest da recht dankbar und deutlich gewahr werden, wie wunderbar durch die schwersten, ausgesuchtesten Hindernisse hindurch Dich eine höhere Hand, ein höherer Beruf geführt hat, und zwar auf eine Höhe, die denn doch zumal bei Deinen Jahren schon eine ganz respectable ist. Muth, Felder, Du mußt noch weiter. -

    Wenn Du wieder schreibst, und es Dir möglich ist, so melde uns doch etwas Genaueres über die schlimmen Tage, in denen Dein Liebstes vor Deinen Augen versank, und wie Du Dich nun zunächst eingerichtet hast. Es war ja schon ein eigener Glücks(!)umstand, daß statt Rüschers Dein Stockmaier zur Hand war bei dem traurigen Amte. Und Freundschaft und echte Theilnahme hast Du gewiß auch in reichem Maße er­fahren. Der Uhrenmacher und der Schreiner waren gewiß recht gut und warm in diesen Tagen. Grüße sie doch von mir. -

    Von den Sonderlingen kam dieser Tage eine sehr günstige Besprechung oder doch eingehendere Anzeige in der Darm­städter (protestant.) Kirchenzeitung, von Prof. Fricke hier, dessen Du Dich wol noch erinnerst; er empfiehlt das Buch seinen geistlichen Amtsbrüdern nachdrücklich, ich werde Dir das Blatt schicken, wenn ichs von Flügel und Hirzel wieder­habe. Siehst Du, Du wirkst doch schon in Deutschland h[er]au­ßen in vielen echten und tieferen Gemütern - das kann Dir doch auch ein inniger Trost sein. Auch Prof. Puckert hier (Du hast ihn auf der Bibliothek kennen lernen) ist entzückt von den Sonderlingen. Reich und Arm rückt hübsch vorwärts, ich hab heute früh den 19. Bogen gelesen, die Unterredung Hans­jörgs mit seiner Schwester, es ist prächtig. Aber vor dem Be­suche Dorotheens bei ihrem Vater graut mir offen gestanden, der erhobene Stuhl ist - so unvermittelt - schrecklich, quä­lend, das tritt doch wol aus dem Rahmen der Kunst heraus, die nie quälen soll. Ich habs nur vergessen, es während Dei­nes Hierseins zur Sprache zu bringen, ich dachte auch öfter auf Abhilfe, die den Plan nicht störte und doch jenen Gräuel abmilderte, wüßte aber augenblicklich nichts Einfaches vor­zuschlagen.

    Doch genug für heute. An Deinem Schicksal nimmt hier alles den wärmsten Antheil. Wir grüßen Dich herzlich, grüß auch Deine gute Mutter von mir und laß nicht zu spät etwas von Dir hören, was uns Deinetwegen beruhigt. In alter Wärme und Freundschaft

    Dein Rud. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 2. September 1868

    Verehrtester Freund!

    So eben wird mir durch Greusing in Au Kunde von dem unerwarte­ten furchtbaren Schlage, der Sie betroffen hat. Empfangen Sie von mir u. meiner ganzen Familie die Versicherung innigster, tiefge­fühltester Theilnahme!

    Ihr Joh. Thom. Stettner.

    Johann Thomas Stettner
    Lindau
    Franz Michael Felder
  • 1. September 1868

    Werthester Freund!

    Soeben erhielt ich von Frau Margaretha, die so höchst unerwarthete u. betrübende Nachricht von dem Tode Ihrer geliebten Frau. Ich kann nicht unterlassen Ihnen mein Innigstes Mitleid zu bezeigen, um so mehr, da ich selbst auch in dieser Lage war, u. weiß, wie schmerzlich eine solche Trennung auf ein Menschliches Herz einwirkt.

    Da aber solche Schiksale von der Hand Gottes geleitet, so möge der Himmel Ihnen Trost geben, diese schwere Prüffung u. herben Trennungs=Schmerz Geduldergeben zu tragen.

    Ich war heute (am beerdigungs Tage) Ihr im Gebete eingedenkt, daß sie der Herr Selig habe. Schön Grüssend verbleibe ich

    Ihr Freund Christian Jochum

    Christian Jochum
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 1. September 1868

    Geehrter Herr,

    Mit innigster Theilnahme haben wir vor vierzehn Tagen Ihren unersetzlich schweren Verlust gehört, und beim Lesen Ihrer Schrif­ten oft mit wahrem Herzeleid an Sie denken müßen. - Dürften wir nun wohl die Bitte wagen, Ihnen vielleicht einige freundliche Augenblicke im Gespräch mit unseren Männern, Herr Dr. Schiei­den, u. Professor v Woringen zu machen, wir wollen alsdann noch zu Mittag hier bleiben und bitten Sie daßelbe um 12 Uhr mit uns einzunehmen!

    Hochachtungsvoll A v Woringen

    Frau Wiechmann

     

    Angelica Woringen
    Au
    Franz Michael Felder
  • 1. September 1868

    Geehrter Herr Felder!

    Ihre heutige traurige Nachricht hat mich tief ergriffen, u. ich kann Sie nur bitten meiner vollen Theilnahme versichert zu sein. Hat mich Gott bisher auch vor ähnlichem Schmerz verschont, kann ich doch ahnen, daß es für ein Herz, welches das seiner Gattin mit so viel Liebe umfaßt, bitterer sein muß überleben, als sterben. Und wohl dem, dem Gott für solche Stunden den Glauben an ein Wiedersehnerhalten hat! Für Engel hat er ja einen schönen Himmel gebaut, welcher das Land der Liebe ist, u. wo uns die Liebe wieder vereint.

    Ihr Wible hatte ich in den paar Stunden unsers Zusammenseins liebgewonnen, u. ich hatte mich überzeugt, daß sie Ihrer Liebe vollkommen werth war; um so größer daher mein Bedauern über Ihren Verlust.

    Wenn Josef zu Hause wäre, würde ich Sie bitten auf einige Zeit zu uns zu kommen, heißt das, wenn Ihnen so viel Kraft geblieben ist, daß fremder Menschen Theilnahme noch wohlthuend auf Ihr Gemüth wirken kann.

    Ich würde sehr gern morgen selbst nach Schoppernau kommen, da aber weder der Josef noch die Magd zu Hause ist, kann ich unmöglich hier abkommen. Bitte mich daher zu entschuldigen. Ich werde hier für die Gute bethen. Ihren Brief hab ich heute schon für Josef auf die Post gegeben, wie sehr wird er mit Ihnen fühlen! Schließlich möcht ich Sie nun noch bitten, sich nicht ganz dem Schmerz zu überlassen, um Ihren Kinderchen doch noch den Vater zu erhalten, der ihnen jetzt doppelt nothwendig ist. Vermelden Sie auch Ihrer guten Mutter meine Condolation, nebst einem freundlichen Gruß. Möge Gott Ihren Schmerz lindern! Dieß wünscht von Herzen

    Ihre aufrichtige Freundin Margretha Feuerstein.

    Nachtr: Karl trägt mir seine Condolationen auf.

    Margareta Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 1. September 1868

    Viel geehrter Herr Felder!

    Mit Ihrem geschätzten Schreiben vom 4' d. Mts. an Herrn Dr Waibel, machen Sie uns die traurige Nachricht vom Ableben Ihres würdigen Herrn Wible, und es hat diese Trauerkunde uns Alle sehr überrascht; wohl hatten wir bei unserem Beisammen sein am 15. u. 16.' Aug. keine Ahnung von dem unglücklichen Ereignisse, daß Sie betroffen. -

    Wir wissen was Sie Ihnen war, die Gattin und Mutter die Sie betrauern, und nehmen den innigsten Antheil an Ihrem Schmerze, den Sie fühlen über diesen harten Verlust. - Die Natur fordert ihre Pflicht; lassen Sie deßhalb Ihren Mannesmuth nicht sinken, u. bekämpfen Sie Ihre schmerzlichen Gefühle mit den Waffen der Vernunft, an denen es Ihnen ja nicht gebricht! -

    Leben Sie wohl lieber Herr Felder, und behalten Sie in Ihrem

    freundlichen   Angedenken   die  Turnergesellschaft  vom   15   u.

    16'Aug.

    Dornbirn 11. September 1868.

    Ihre ergebenen

    Jos. Weiß

    Leo Herburger med. kand.

    Rob. Rhomberg

    Jos. Rhomberg

    Joh. G. Luger

    Raimund Feurstein und auch im Namen des:

    Raimund Rhomberg

    Raimund Feuerstein
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 1. September 1868

    [...] Ich möchte und will's einmal der Welt erzählen, wie wir alles gemeinsam trugen, wie wir uns Muth machten zum Schwersten, wie sie mir, dem scheu gewordenen fröhlich, ganz von unten heraufklimmen half und sich an jedem Erfolge mit mir freute, wie wir mitten in Kampf und Noth und Verfolgung ein schönes frohes Leben zusammen lebten und durch einander auch besser gewor­den sind. [Fünf Stunden vor ihrem Scheiden nahm sie feierlich Abschied von mir und unseren fünf Kindern und sprach zu mir:] „Ich danke Dir schöne - nur schöne Stunden. Ich kann fröhlich gehen. Dich überlasse ich Gott, Deiner Kraft, Deiner großen Aufgabe, Deinen Freunden; und ich will Dein Schutzengel sein." [. • •]

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Heinrich Hirzel
  • 31. August 1868

    Lieber lieber Freund

    Ich kann Dir heut nur ein Wort schreiben: Mein Wible ist gestorben! Ich hab es verloren, ich und meine 5 Kinder. Weint ihm nach mit mir. Ich hab meinen Schutzengel alles alles verloren.

    Weint, weint mit eurem                                  trostlosen Freund

    Franz Michel.

     

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 31. August 1868

    Lieber Freund!

    Dein teilnahmevolles Schreiben hab ich gestern, Sonntag, erhalten. Leider ist der Zustand der Kranken bisher immer schlimmer. Wohl hat sie ruhige Augenblicke, an die meine schmerzumnachtete Seele sich halten möchte, aber bald ist der Sturm des Fiebers wieder da und wühlt in ihrem und meinem Innern.

    Gestern sagte mir der Arzt, die Krisis sei nun eingetreten und bis heute müßte sich's entscheiden. Gegen Abend war die Kranke so ruhig wie selten. In der Nacht durchschauerte es ihren Körper, ihr Atemholen war am Steigen und Sinken der Bettdecke zu sehen, und in Pausen der Ermattung betete sie ein Bruderschaftsgebet. Als ich und die Mutter ans Bett kamen, begrüßte sie uns mit einem Jubel, der mir, wie noch nie etwas, in die Seele schnitt.

    Am Morgen schickte ich zum Dökterle, welches den Zustand bedeutend weniger hoffnungslos finden wollte. Augenblick­lich liegt sie ziemlich ruhig. Für Deinen Antrag, die Isabell zu behalten, bin  ich sehr dankbar.  Ich werde nicht länger davon Gebrauch machen, als  ich  muß.  Hoffentlich  kommt sie  in einigen Tagen  und  meldet Dir, daß  nun  die  Krisis glücklich überstanden. Oder sie meldet- etwas anderes. Freund, ich bin in einer furchtbaren Lage! Daheim war ich glücklich.  Da konnte der Sonderling sich wohl sein lassen, wie andere Menschenkinder, da ward er verstanden, und nun auf einmal sollte das aus sein, alles aus, nichts mehr da als 5 unerzogene Kinder, die nicht mehr der Mutter klangvolle Stimme heim ruft. Es ist schrecklich - ungeheuer.

    Zum Tröste kann ich mir nur sagen, daß nicht ich, daß nie­mand daran schuld. Es kam wie das Leben und wie sonst so viel Gutes. Es kommt auch aus der nämlichen Quelle und wird also mit mein Teil sein. Nun, ich will auf den großen Allgeist bauen, in dem wir leben, weben und sind. Beten - recht ganz beten kann ich leider nicht. Ich hab es im Unglück nie können. Nur Gott danken kann ich recht von ganzer Seele, wenn ich wieder aufatme.

    Morgen oder ganz bestimmt übermorgen will ich Dir wieder schreiben. Lebe wohl bis dahin und gedenke Deines tiefge­beugten Freundes

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 30. August 1868

    Lieber Freund,

    Wieder eine Frage aus Reich u.Arm Auf dem 18. Bogen sagt Hansjörg zum Krämer: Dir spricht nichts für, als dein Alter, und das ist nicht ehr­würdig.

    Aber fürchten mußt du dir nicht vor mir oder von mir? Aus Deiner Schrift kann ichs nicht entscheiden, aus unserem Deutsch auch nicht, denn wir sagen: fürchte dich nicht vor mir. Bei dem Dativ dir (der altdeutsch ist und noch im 16. Jahrh.  bei Schriftstellern vorkommt)  halt ich aber von  für möglich oder für besser.  Da  ich die Stelle aber auch fürs Wörterbuch brauche, so muß ich die Zeit dran wenden, den Bogen aufhalten und aus dem Bregenzer Walde die Entschei­dung holen. Aber bitte schreib bald, daß die Druckerei nicht ungeduldig wird. Jacob ist doch wolauf? Herzlich grüßend                                                 Dein R. Hild.

    Auf vorigem Bogen hatten Setzer und Corrector für Schwär­zerhandwerk Schwängerhandwerk gelesen.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 28. August 1868

    Lieber Freund!

    Auf den so traurigen Brief vom 25. d. Ms., den ich soeben erhalte, beeile ich mich, Dir zu sagen, daß ich Dir die Isabella so lange überlasse, als Ihr in der bedrängten Lage seid. Hoffentlich wird das Wible bald wieder gut und ist dann alles wieder recht. Wenn Ihr sie nicht mehr nötig braucht, so schickt sie, bis dahin wollen wir hier uns helfen, wie es geht. Ich teile mit Dir den Schmerz über diese ernste Krankheit, die Gott bald wieder heben möge. Ich wünsche Euch, insbe­sonders dem Wible, Mut und Ausdauer und baldige Besse­rung. Ich hoffe, daß Ihr alle erreichbaren Mittel anwendet und daß Du, wenn ich in etwas behilflich sein kann, ohne Rück­halt es mir sagst. -

    Recht baldige, bessere Nachricht erwartend, Dein Freund

    Kaspar Moosbrugger

    Den Brief meiner Theres habe ich nicht gelesen, nehmt ihn in keinem Fall übel auf.

     

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 28. August 1868

    Lieber Freund!

    Deine beiden Sendungen hab ich erhalten. Daß ich schon alles durchgesehen, kann ich aber nicht sagen. Nur den Brief hab ich mir zu Gemüte führen wollen, doch Kopf und Hand waren immer wieder beim kranken Wible, immer redete sein Fieber in Deinen Vortrag hinein, und heute muß ich Dir von ihm, vielleicht nur von ihm schreiben. Die Bauchanschwellung hat sich bald nach Abgang des letzten Briefes verloren. Das Dökterle redete gleich vom Nervenfieber, was ich bald nur zu sehr bestätigt fand. Am Dienstag schon verschlimmerte sich ihr Zustand von Stunde zu Stunde. Abends, schon im furchtbarsten Fieber, nahm sie Abschied vom Leben, empfahl mir die Kinder, und es gelang mir kaum, die Aufgeregte zu beruhigen. Auf andere hörte sie gar nicht. Sie verlangte den Pfarrer Stockmayer, der sie abends 12 Uhr mit allen Sterb­sakramenten versah. Nachher war die Aufregung, das Fieber noch ärger. Ich habe da eine furchtbare Nacht erlebt. Am Mittwoch schlief die Kranke, ihr häufiges Erwachen war immer schrecklich. Mir wollte sie alles sagen, was sie drücke, und nur mit Fragen nach dem und jenem Hausgerät konnte ich sie auf ruhigere Gedanken und wieder zum Schlafen bringen. Gestern endlich gab es wieder etliche bessere, hellere Stun­den, und das Fieber stellte sich erst abends wieder ein. Die Nacht war schlaflos. Heut klagt sie über Schlaf, ohne zur Ruhe zu kommen.

    Eben hab ich sie in mein Bett gebracht, weil sie dort viel besser und sicherer ruhen zu können meint. Das ist auch schon früher vorgekommen. Das Dökterle hofft, es werde wieder besser, doch kommt es täglich zweimal herauf. Die Isabell wird, da ich nun eine Wärterin habe, die nächste Woche kommen und Dir vielleicht auch eine Antwort auf Deinen Brief mitbringen, deren Grundgedanken Du erraten kannst. Ich liebe mein enges Vaterland, welches mir mit dem armen Wible vielleicht eines seiner besten - Güter und Wesen ließ, aber mit der Pflege speziellen Vorarlbergertums kann's nicht gehen, und gerade der Demokrat muß nicht seine Alliierten [?] durchaus auf heimatlichem Boden suchen. Ich beklage mit Dir die Haltung und das Wesen der sog. Libe­ralen und verdamme das Ultramontane. Auch ist mir klar, daß von außen ein Stoff geworfen werden muß, um die gesundern Teile beider Massen frei zu machen und als dritte Gruppe kräftig zu vereinen. Doch für heute muß ich Dich leider auf meine gedruckte Klarstellung, auf ,Reich und Arm' vertrösten.

    Am Gründungsfest des Auer Kasino haben wider Gesetz und Ordnung alle die Bayern und Badenser Gäste Reden gehalten, mit denen man den Bauern imponieren will, auch der Preußenfresser Dr. Lindau. Das Deutschtum ward - nach Dökterles Bericht - verhöhnt, das Handwerk, die Arbeit beschimpft, indem es lächerlich dargestellt ward, wenn Schweinhirt und Schneider mit über die Schule reden wollten. Das Ganze scheint so gewesen zu sein, daß man gern die Hände in Unschuld wäscht.

    Beckers Schrift über Lassalle ist sehr interessant in mancher Hinsicht. Isabell bringt sie mit; daß er Katholik werden wollte, ist also richtig. Das Schlußwort scheint mir manches Beher­zigenswerte zu sagen. Mit Deinem Urteil über Fetz und Feur­stein bin ich - wie mein letzter Brief zeigt - einverstanden. Ich habe für Fetz keinen Schritt getan, aber wir waren gegen Berchtold, von dem ich eben eine Hintertreibung unserer Schritte besorge.

    Doch ich muß schließen, anderes ruft mich. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 27. August 1868

    Lieber Freund!

    Ich habe nur kurze Zeit um an Dich einige Zeilen zu richten. Du bist also gesund u. wohl wieder zu Hause angelangt, u. auch ich kann Dir vom Wiener Schützenfest nur angenehmes und wohlthu­hende Eindrücke mittheilen. In den Räumen der Festhalle wieder hallten mächtig die Worte der Freiheit, u. fanden Wiederhall in den Herzen deutscher Männer.

    Am Montag wird also die Wahl des neuen Landtagsabgeordneten stattfinden]. Als Kandidat wird von lieberaler Seite Dr. Andreas Fetz Advokat in Wien, von ultramontaner Pfarrer Berchtold von Hittisau aufgestellt.

    Fetz ist ein sehr tallen[t]voller Mann von meinem Alter mit festem Charakter.

    Ich und Egender gehen schon am Sonntag Morgen nach Bregenz. Der Ort wo die Vorberathung mit den Bregenzern stattfindet ist mir noch unbekannt.

    Jedenfalls rechnet mann auf die Wahlmänner von Schoppernau, Schrecken Hochkrumbach u. Warth.

    Habe die Güte dem Vorsteher von Schoppernau das Vorgehende mitzutheilen und ihn zu grüßen er möge wenn thunlich auch die Wahlmänner von Schrecken Hochkrumbach u. Warth verstän­digen.

    Die Zusammenkunft vorder Wahl wird wahrscheinlich in Bregenz stattfinden. Mit herzlichen Grüßen

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 27. August 1868

    Liebster Freund!

    Dein Brief kam zu mir in bösen bangen Stunden. Seit 8 Tagen leidet mein gutes Wible am Nervenfieber. Vorgestern ward es von unserm frühern Pfarrer Stockmaier, der gerade hier und Rüschern sehr im Weg ist, mit den Sterbsakramenten versehen. Es war eine furchtbare, ewig scheinende Nacht. Ich war alein am Bett, weil die Kranke sonst niemand wollte, als mich um mir zu erzählen, zu klagen, was sie im Fieber sah und empfand. Gestern schlief die Kranke ziemlich ruhig, wenn sie erwachte, redete sie aber noch verwirrter als vorher. Eben hat mich Pfarrer Herzog verlassen. Wir unterhielten uns mehrere Stunden. Über das Kasino hat er meine Ansicht. Letzten Sontag war in Au das Gründungsfest. Der bekannte ultramontane Zollparlamentsabgeordnete Dr Lindau u meh­rere Gäste aus dem Badischen hielten Festreden. Ich trat natürlich unter diesen Umständen nicht bei, war aber vor der Erkrankung des Wible bemüht eine „unparteiische" Ge­sellschaft zu bilden. Lebe wohl. Herzliche Grüße an alle von Deinem Freund

    Franz M Felder

    29 August

    Ich bin so vielfach weggerissen festgehalten und gedrückt, daß ich selbst an Dich kaum noch einen Brief zu Stande bringe. Fremde Hände walten im Hause, die armen Kinder, auch der noch nicht ganz wieder hergestellte Jakob - rufen der Mutter - aber ihre klangvolle Stimme hört man nicht mehr, als wenn das Fieber aus ihr redet und mich fast zur Verzweiflung bringt. Besser freilich gehts jetzt aber noch nicht gut. Doch das Dökterle wähnt die Gefahr vorüber. Ich will ihm glauben und muß.

    Ich dachte Dir viel interessantes zu schreiben. Es war uns so wohl noch vor kurzem, und in dieser Frühlingswärme wollte gar wunderliches Zeug zu erblühen beginnen. Aber es soll nun einmal nicht sein, daß ich mich recht behaglich fühle auf der Welt. Kämpfen, schweigen, in mir verarbeiten, das ist mein Theil geworden.

    Mit dem 2 ten Theil von Reich und Arm machs nur wie Du gesagt hast. In der Stelle, die du erwähntest, ist Hansjörgs Schwester gemeint. Du kannst also statt seiner Hansjörgs sanfte - setzen.

    Ich schreib auch bald wieder und hoffe dann Besseres be­richten zu können.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 25. August 1868

    Lieber Freund!

    In unser schönes ehliches Leben sind die ersten trüben Tage gekommen. Mein gutes Wible ist letzte Woche bedeutend erkrankt. Es leidet an der Bauchfellentzündung, und bisher hat sich sein Zustand nur verschlimmert. Ein wahrer Trost war mir, daß wir die Isabell da hatten. Sie konnte doch mit mir nach Hopfreben in die Schlaud, während - lese das Deiner Frau - während meine 70jährige Mutter das Wible und fünf Kinder pflegt. Den Brief Deiner Frau hat Isabell erhalten und gelesen. Wäre der Brief nicht gekommen, so hätt ich Dich gebeten, mir die Magd zu lassen, bis es etwas besser. Nun aber - wenn nicht das Allerschlimmste eintritt, wird sie am Montag kommen und die jüngere Schwester, der sie einen Dienst hat und die erst bis dahin mit ihren Reisevorbereitungen fertig wird, mit­bringen.

    Jetzt ist Stockmayer hier dem Rüscher groß in den Augen. Er ist im Bad. Doch davon und von vielem ein andermal. Deine Frau soll ja der Isabell nicht böse sein. Es bittet darum Dein besorgter Freund

    Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 25. August 1868

    Lieber Freund!

    In unser schönes ehliches Leben sind die ersten trüben Tage gekommen. Mein gutes Wible ist letzte Woche bedeutend erkrankt. Es leidet an der Bauchfellentzündung, und bisher hat sich sein Zustand nur verschlimmert. Ein wahrer Trost war mir, daß wir die Isabell da hatten. Sie konnte doch mit mir nach Hopfreben in die Schlaud, während - lese das Deiner Frau - während meine 70jährige Mutter das Wible und fünf Kinder pflegt. Den Brief Deiner Frau hat Isabell erhalten und gelesen. Wäre der Brief nicht gekommen, so hätt ich Dich gebeten, mir die Magd zu lassen, bis es etwas besser. Nun aber - wenn nicht das Allerschlimmste eintritt, wird sie am Montag kommen und die jüngere Schwester, der sie einen Dienst hat und die erst bis dahin mit ihren Reisevorbereitungen fertig wird, mit­bringen.

    Jetzt ist Stockmayer hier dem Rüscher groß in den Augen. Er ist im Bad. Doch davon und von vielem ein andermal. Deine Frau soll ja der Isabell nicht böse sein. Es bittet darum Dein besorgter Freund

    Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 24. August 1868

    Herrn Franz Michael Felder!

    Es ist die höchste Zeit, daß die Tannberger auch an die Öffentlich­keit treten u. die Hochmuthsgeister bekämpfen, die sie allzeit verdummen, dem Vieh gleich stellen wollen. Deßhalb haben wir am Sonntag den Bienenverein gegründet u. die l. Generalversamm­lung abgehalten, u. auch beschlossen auswärtige Freunde als Mitglieder mit Freuden beitreten zu lassen. Wie ich vernommen, geben uns auch Herren aus Schoppernau die Ehre beizutreten, u. unter diesen auch Sie. Bereiten Sie also uns die Freude als Vereinsdichter sich an uns zu schließen. Wir laden Sie nochmals aufs freundlichste ein u. besonders der Vorstand

    Strolz Alois

    NB Es wird mir zu früh Nacht u. deßhalb geschwind etwas mehreres.

    Alois Strolz
    Schröcken
    Franz Michael Felder
  • 23. August 1868

    Lieber Freund,

    Deine Heimkehr war also eine heitere, wenn Du im Wagen, den Leuten, sogar solo gesungen hast! hören hätt ich das schon mögen, sowol das Wie als das Was? Deine mit Dr. Engelmann gemachte Bekanntschaft interessiert mich, ich kenne ihn zwar nicht, aber er gilt hier für den Gelehrten unter den großen Verlegern; kannte er denn Deine Schriften? oder wollte er sie vornehmen? Den Gruß des Past. Hirzel an Sal. Hirzel hab ich ausgerichtet. Letzterer war erfreut über den Besuch, den er bei Dir gemacht hat - ich kenn ihn nicht. Aber in Deinem Thale dort wird Dir wol das Singen vergehn müssen. Ich bin wahrhaft neugierig, wie die Dinge weiter gehn werden. Das Casino in Au soll euch Freimaurer offen­bar in die Enge treiben oder abschneiden oder sichten, wer wird am Ende bei Dir bleiben? oder mußt Du nicht auch selbst eintreten? Auch bei uns hier ist endlich der öffentliche Kampf um die rechte Religion im Gange und verschärft sich, ich habe meine Herzensfreude drüber, daß endlich ein Ge­witterwind über die Straßen fegt und den Staub fortwirbelt. Könnt ich nur mitmachen, aber ich muß schweigen. Wirkliche Gewitter haben wir endlich dieser Tage gehabt, am Donnerstag war der erste längere Regen seit Deiner Ab­reise! Afrikanische Hitze haben wir ausgestanden. Am Mitt­woch ist beim Exercieren ein Soldat todt niedergefallen, plötzlich, vom Sonnenstich, und solcher Fälle hat es mehr gegeben. Euer Heuen muß doch endlich auch gut Wetter ge­habt haben? Sag mir doch was davon.

    Von Reich u. Arm hab ich eben den 16. Bogen gelesen als Sonntagsmorgenkost, den Besuch der Zusei bei ihrer Schwe­ster, es hat mich wahrhaft erbaut. Da übrigens die Eintheilung in 2 Bände wegfällt, so wird statt des 1. Cap des 2. Teils wei­ter gezählt: Vierzehntes Capitel. Das ist Dir doch recht? Ein eigentlicher innerer Abschnitt war mir ohnehin dabei nicht so fühlbar wie bei den Sonderlingen. Etwas ist mir übrigens nicht klar bei jenem Gespräch, in den Worten der Zusei: Den ersten Burschen in der Gemeinde will ich, und lache wenn das dann seine sanfte Schwester zur Verzweiflung bringt. Die Schwester soll doch Dorothee sein? man stutzt aber über die Schwester, und dabei liegt auch der Gedanke an die An­gelika nicht fern. Ich kann allenfalls den Bogen so lange zu­rückhalten, bis eine Rückäußerung von Dir kommt. Grottendiek schrieb mir bald nach Deinem Fortgang, er hat wie er angibt auch an Dich selbst geschrieben, über die Ho­norarfrage aber aus Zartgefühl geschwiegen; mir sagt er dar­über, daß der Verleger die Gerechtigkeit Deines Anspruchs wol empfände, aber eine Zusage nicht geben könnte, weil der Erfolg des Unternehmens zu wenig sicher wäre und min­destens erst abgewartet werden müßte; doch bei gutem Er­folg würde er sicher auch Dich zufrieden zu stellen bemüht sein.

    Was machen Deine Novellenentwürfe? Denkst Du noch dar­an? oder denkst Du schon wieder an Größeres? Ich wünschte doch, Du wähltest einmal einen Stoff mit mehr Pfeffer und Salz, mit grelleren Gegensätzen, mit mehr Schuld und Noth und Angst, Dein Talent würde daran sich selbst noch größer finden. Und auch Land und Stadt mehr in Berührung zu brin­gen könntest Du wol nun einmal unternehmen. Der Unfall, der Deinen Jakob betraf, ist hoffentlich ohne üble Folgen vorübergegangen? Wie hatte er denn nur vom Stege fallen können? er hatte doch ein Geländer, wenn ich mich recht erinnere? Sag mir doch ja Genaueres davon. Und wer hat ihn denn aus der Aach geholt? Bei uns geht alles gut. Ich schwanke, ob ich zum Herbst nach Würzburg gehe zur Philologenversammlung, werde aber wol zu Hause bleiben, es müßte denn bis dahin etwas von dem Gehofften von Dresden aus geschehen sein. Ihr seid wol nun im Vorsaß? Grüß mir die Deinigen und laß bald etwas von Dir hören

    Deinen R. Hildebrand.

    Weißt Du übrigens, daß Du trotz Deines sorgfältigen Packens doch von Deinem Reisegepäck etwas zurückgelassen hast? Ich will doch einmal sehen, ob Dus weißt und Dirs heute noch nicht verrathen.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 22. August 1868

    Lieber Freund!

    Anliegend übersende ich Dir: 1) Ein Manuskript von Dr. Von­bun, 2) den Brief des Holländers, 3) den mir von der Admini­stration des Telegrafen zugesendeten Brief samt meiner Antwort, 4) einen Brief von Professor Mayer. - Zugleich mit diesem Paket übergebe ich der Post unter Kreuzband 4 Num­mern des Arbeiterblattes, 2 Nummern des Telegrafen und die Ankündigung eines sozialen Romans. ­Das Manuskript hat mir Dr. Vonbun kürzlich geschenkt. Es ist der Aufsatz, der bald nach unserer Unterredung mit Von­bun im letzten Winter zustande kam. Er schickte denselben wieder an die Feldkircher Zeitung, die ihn aber nicht aufnahm und dem Autor auf seine Rückforderung sofort wieder behän­digte. Es ist ein merkwürdiges Schriftstück. Wenn die Literaten schließlich zu solchen Produktionen gelangen, so kann man sich, meine ich, leicht trösten, kein Literat vom Tag zu sein. Was sagst Du dazu?

    Den Holländer Brief habe ich dem Bickel und Gaßner zu lesen gegeben, er freute sie wie mich. Man sollte denselben im Vaterland bekannt machen. Welch herrliches Gemüt be­sitzt dieser Holländer! -

    Der Brief der Administration des Telegrafen, der Mayer'sche und die Kreuzbandsendung beziehen sich auf das Politische. Ich ersuche Dich, diese Sachen zu lesen, Dir das jetzige österreichische Parteiwesen zu vergegenwärtigen und Dich sofort zu erklären, ob und wie Du auf dem von Mayer angedeuteten Gebiet aktiv zu werden bereit bist oder was überhaupt Deine Meinung ist. -

    Meine Meinung will ich mit demokratischem Freimut her­setzen: Ich bin Sozialdemokrat und hoffe, es zu bleiben. Meine Bemühungen, eine sozialdemokratische Partei in Vor­arlberg ins Leben zu rufen, sind bekannt. Ich wollte es nicht auf Grund einer materialistischen Lebensanschauung, wie dies bei der Sozialdemokratie sonst leider der Fall ist, sondern auf Grund der christlichen Weltidee. Ich wendete mich daher nicht an die durch die materialistische Bourgeoisie materia­listisch gewordenen Massen, sondern an die Leute, die ich für die allumfassende christliche Idee mehr empfänglich hielt. Der Erfolg war leider ein sehr geringer. Die Leute, die da mit dem Christentum groß tun und bei denen jedes zweite Wort „Katholizismus" ist, sind so engherzig und so selbstzufrieden, daß vielleicht noch leichter die liberalen Bourgeois' aus ihren Begriffs-Kerkern herauszubringen wären. Ich war letzten Sonntag bei dem Kasinofest in Nenzing, wo bei 3000 Men­schen und die Koryphäen unserer sog. Ultramontanen waren und letztere laut und vernehmlich sprachen, aber nicht ein Wort fiel für die Armen, Hilfsbedürftigen. Die reine Reaktion ist da Losung, und alles läuft darauf hinaus, die ultramontane Bourgeoisie zu stärken und zu organisieren, um so der liberalen Bourgeoisie Meister zu werden. Die Herren in beiden Lagern wollen eine Welt für sich, die große Welt­strömung ist für sie wie nicht vorhanden. Genauso scheint mir die Stellung der „Ultramontanen" und „Liberalen" in ganz Cisleithanien zu sein und - nur große Katastrophen können eine Änderung zum Bessern herbeiführen. Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage. Bei diesem Sachverhalt sehe ich es meinerseits für eine zwecklose Kraftvergeudung an, jetzt in unserm Sinn weiter aktiv zu sein, und ich überlasse es Dir und dem Mayer oder wer will, die Initiative zu weiteren Schritten zu ergreifen. Wenn Ihr aber etwas Ordentliches anfangen und mich dabei haben wollt, so bin ich immer am Fleck. Aber Entschiedenheit möchte ich und halte daher dafür, daß man möglichst die Sache auf die Spitze treiben sollte. Die Liberalen und die Ultramontanen sollen ad absurdum geführt werden. Feursteins Haltung bei der letzten Wahl gefällt mir daher gar nicht. Fetz, Euer Kandidat, würde kein Wässerlein trüben. Ich halte ihn für einen ultramontanen Advokaten im Sinne der Gesichtspunkte. Die wohlfeile Be­handlung, die er Feurstein, Dir und Deinen Mannen zuteil werden ließ, paßt zum Geschäft, und ich muß bekennen, daß die hiesigen ultramontanen Wahlmänner bei weitem nicht in dem Grade als Maschinen gebraucht wurden wie Deine Freunde. Ich vermisse bei Euch Energie und die für Demokraten so nötige Entschiedenheit. Wieviel besser stünde unsere Sache, wenn unser Frühlingsprogramm entschieden aufrecht erhalten worden wäre, wie es in Szene gesetzt wurde, da nun zwei Männer des Programms im Landtag sitzen. Ich schreibe mir keine Schuld zu, wenn diese Männer wieder auf Seite der ultramontanen Bourgeoisie gezogen werden und unser Einfluß auf sie aufhören sollte, wenn unsere Sache also auch im Landtag unvertreten bleibt, aber Konsequenz schreibe ich mir zu, wenn ich mich freue, daß Männer, die mit uns dasselbe Programm fertigten, vom Volk erhoben wurden, und es ist anzuerkennen, daß das Volk den Instinkt fürs Richtige hat, und es ist total unschuldig, wenn die Dinge anders kommen, als sie nach seinem Instinkt kommen sollten. - Im Bregenzerwald hat die demokratische Idee gesiegt, und zwar die christlich-germanische, und denen zum Trotz, die sich Demokraten nennen, sogar das Schicksal hat sich für sie erklärt, wenn diese Idee in Berchtold aber nicht die entsprechende Verkörperung findet, so ist eben die groß­artige Unlauterkeit aller unserer Parteibestrebungen schuld, welche nur Katastrophen herbeiführen kann. ­Das ist nun beiläufig meine Meinung, und wenn sie Dich unangenehm berührt, so schreibe dies meinem hartgesot­tenen Demokratismus zu, der keine Schonung kennt, wo es sich um Recht und Wahrheit handelt. Ich schaue nun dem Weltlauf zu und warte ruhig ab, wie die materialistischen Massen und Parteien aufeinander platzen. Wenn Ihr Euch aufrafft und mit Kraft und Entschiedenheit für die Idee, die mich beherrscht, auftretet, so bin ich, wie gesagt, mit Freuden dabei. - Jetzt will ich noch etwas anführen, was Dir wohl in dem Ideengang der Literatur, in dem Du Dich dermalen bewegst und bei Deinen selbstgeschaffenen Idealen abstrus vorkommen mag, aber zur Klarstellung gehört, die einmal unvermeidlich ist. Aus meiner- ich muß jetzt wohl so sagen - Klarstellung spricht eine große Sehnsucht nach einem Konzilium und nach der Scheidung der Kirche von der Nationalität und dem Staat. Meine Klarstellung wurde ge­schrieben, als von einem Konzilium noch kein Wort ver­lautete. Als ein solches sofort von dem Papste, der gleich bei seinem Regierungsantritt entschieden mit der Demokratie ging, in einer Art ausgeschrieben wurde, die die Absicht, die Trennung von Staat und Nationalität durchzuführen, durch­blicken ließ, war meine Freude eine innige und große, wie Du begreifen mußt, wenn Du die Klarstellung jetzt wieder liest. Bei Besprechung der fraglichen päpstlichen Bulle sagt der Univers in einem von dem berühmten Veuillot unter­zeichneten Artikel unter anderem: „Wenn man die Blicke in die Zukunft wendet, so erschaut man die kirchlich-katho­lische Organisation der Demokratie. Auf den Trümmern der ungläubigen Monarchien sieht man zahlreicher die Menge der Nationen erstehen, die untereinander frei und gleich sind und einen allgemeinen Bund in der Einheit des Glaubens unter dem Vorsitz des römischen Oberhirten bilden, der gleich sehr Schützling und Beschützer der ganzen Welt ist. Es wird ein heiliges Volk geben, wie es ein heiliges Reich gab. Und diese getaufte und geweihte Demokratie wird das voll­bringen, was die Monarchien nicht vollbringen konnten und wollten." Die Aufstellung dieses Ideals war mir natürlich wieder ein Labsal, und ich erkläre es für ein vollberechtigtes, weil von der kirchlichen Weltidee gefordertes. Wie das Christentum Realität hat, wird dieses Ideal Realität erlangen. Wenn ich nun mit den Ideen, die meine Broschüren trugen, sozusagen ganz allein im Lande dastehe und meine eigene Partei bilde, so werde, hoffe ich, wenigstens ich von dieser Partei nicht abfallen, der die großartigen Weltereignisse so merkwürdig recht geben. -

    Jetzt will ich noch das Gedicht hersetzen, das ich am 14. d. Ms. dem Thurnher geschickt habe:

    An August Thurnher,

    als er am 10. Aug. 1868 zum Landtagsabgeordneten

    erwählt wurde.

    Es schwebt Dein Bild mir vor, - Glut in allen Zügen, Das Auge Feuer, die Haltung stramm, die Faust geballt, Die Lippen lispeln dumpf: „jetzt brechen oder biegen". So war's, als byzantinische Intrige Dir galt.

     

    Es war das Bild des Stark'n von Manneszorn verklärt,

    Das Bild des deutschen Streiters, den wälsche Tück' bezwang,

    Dem alles sie genommen, was den Streiter ehrt:

    Das Vaterland -, so zogst Du fort, kein Laut, kein Klang.

     

    Die Freunde reichten stumm, vom Schmerze übermannt, Zum

    Abschied Dir die Hand, die Losung tief im Herzen: „Jetzt

    brechen oder biegen, der Frevel wird entmannt, Der Frevel

    vor Gericht! - was schwarz ist, muß man schwärzen."

     

    Das höchste Tribunal ist zu Gericht gesessen, Das Tribunal des

    Volks hat seinen Spruch getan: „Nicht duldet Volkes Majestät

    ein solch Vermessen, Nicht kennt es blinden, feigen

    Ostrazismus an.

     

    Unwert des deutschen Namens, ehrlos sei erklärt Ein jeder aus

    dem Volke, der solch Griechentat In deutschem Lande übt,

    doch sei ihm nicht verwehrt Ein großer Akt, - der Akt der

    Sühn' vor'm hohen Rat -

     

    Ins Vaterland, ins teure, sei zurückgerufen

    Der Mann, der stets des Volkes Fahne hochgehalten,

    Er freue auf des Volkes Thrones höchsten Stufen

    Des Sieges sich, des Rechts und deutscher Männer Walten."

     

    Es schwebt Dein Bild mir wieder vor, ein schön'res Bild: Im

    Antlitz Herrscherruh, im Auge Harmonie, Die Rechte sanft

    erhoben, der Mund spricht ernst und mild: „Germane sei

    stets frei und beug' den Nacken nie." -

     

    Dieses Gedicht hat bei dem Überwuchern des Römertums in allen Rechts- und öffentlichen Verhältnissen nur eine ideelle /: instinktive :/ Berechtigung, und würde der bei diesen Vorgängen zu Tage getretene germanistische Volks­instinkt von den realen Tagesmächten, dem römisch-heidnischen Kunstwesen, alsogleich überfahren. Bei Thurnher trat richtig der in diesem Brief schon vorgesehene Fall ein. Wenn es da eine Entschuldigung gibt, ist es die Tatsache des allge­meinen geistigen Bankerottentums, welches alles mit den Ver­hältnissen entschuldigt. Diese Verhältnisse zeichnet schön und wahr ein germanistischer Gelehrter in einem an mich gerich­teten Brief, in dem er sagt: „Wenn Sie alles auf den Kampf zwischen dem Romanismus und dem Germanismus zurück­führen, so ist gerade das zwischen uns ein intimer Be­rührungspunkt. Der Kampf gegen das Römertum in unserm Innern und Äußern ist der Kern meines Weltinteresses, ich kämpfe ihn jetzt auf dem Katheder Tag für Tag gegen das lateinische Römertum und das französische Römertum. Jenes sitzt uns auf dem Nacken, dieses auf der Nase, es ist ein Wunder, daß wir noch da sind und uns noch ein wenig wehren können. Am schwersten aber wehrt sich's gegen das deutsche Römertum, in dem unsere Studierten, und die nicht allein, zu einem großen Prozentsatz ersoffen sind. Ja, es wird uns von Jugend auf in unser Inneres hineingeflößt und gestopft, ehe wir einen Maßstab haben, an dem wir's wert­messen könnten. Unser ganzer Staats- und Kirchenbegriff ist ein Stück Römertum, der unselige Gedanke einer Geister­uniform, der Tausenden so bestechend ist, - Herrschenden und Beherrschten."

    Wenn ich im Gedicht und im Brief von „Volks"wahlen rede, wirst Du wohl nicht bestreiten, daß Fetz und Staatsanwalt entschieden größere Niederlagen erlitten hätten bei wirk­lichen „Volks-", d. h. allgemeinen Wahlen und ihre Gegner mit ganz anderer Majorität gesiegt hätten, ein Beweis, wie angemessen der Volksnatur eigentlich unser Programm wäre. Eben erhalte ich von Mayer ein Dutzend Fotografien ä 25 Kr. ö. W., die ich bezahlt habe und hier beilege. Ein Stück gab ich der Augusta Rhomberg, Tochter des Jakob, meiner weitschichtigen Base, die sich jetzt bei mir aufhält und Dich hoch ehrt. Ich schreibe Dir den Betrag zu dem Übrigen. -

    Das von Mayer erwähnte Werk von Jörg habe ich und ist jedermann, der eine gründliche Belehrung wünscht, bestens zu empfehlen. Ich habe es ausgelehnt, kostet nur 1 Fl. 50 Kr. Linter [?] ist Kommissär, Leiß Sekretär, Deigentesch [?] Disponibel. In Bezau bleiben nur zwei Konzeptsbeamte beim Gericht. Es werden 23 Aktuare und bei 70 Kanzellisten in Tirol und Vorarlberg disponibel. Über die Besetzung der Bezirks­hauptmannschaften schlägt man sich die Hand überm Kopf zusammen. Wir richterliche Beamte bekommen jetzt eine viel schönere und freiere Stellung. -

    Den Brief der Administration, den des Mayer und das Manuskript Vonbuns bitte ich mir wieder zurückzusenden. Nichts für ungut. Schreib mir bald, etwa soviel, als ich eben Dir schrieb, und donnere nur drauf los, wenn es Dir drum ist. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger.

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 20. August 1868

    Lieber Freund Felder!

    Deinen Brief habe ich zwar schon vor mehreren Wochen erhalten u. kam trotz meines guten Willens bis jetzt nicht zum schreiben. Vor allem danke ich Dir für den amtlichen Bericht in Betreff meiner lieben Base; dann kommt erst der geschäftliche Theil nämlich: der Bericht über das beiliegende Hemd welches ich vom Oberkelner im Stachus erhielt, aber dasselbe wurde auf No 10 gefunden, nicht, wie Du angegeben auf No 38 oder 39. Dem Schnitt nach scheint dasselbe schon im Bregenzerwald gemacht worden zu sein, aber die große stimmt nicht mit der Deinigen überein; auch Dein Name ist nicht zu finden darin. Das alles erschwerte meine Funktion als Spediteur u. ich erhielt es auch nur unter der Bedingung, daß, wenn es Dein Eigenthum nicht ist, Du es wieder zurückschicken sollest.

    Du bist also schon beim Eintritt ins engere Vaterland als Sieger davongegangen u. hast Dir in Dornbirn wieder neue Freunde erworben, beim guten Bier. Du bemerktest unter ändern Neuigkei­ten in Deinem letzten Brief über das Wühlen der Maulwürfe, daß sie trotz ihren großen Bemühungen nur einen schäbigen Rest gewinnen. Darüber bin ich der Ansicht, daß der Rest allerdings schäbig, aber dabei so zahlreich ist, daß das Wort Rest nicht mehr geeignet scheint diese Brut zu bezeichnen.

    Unsere Landsleute haben sich am Tag Deiner Abreise von Mün­chen mit sichtlichem Interesse um Dich näher erkundigt u. freuten sich dann, den Mann von dem sie schon so vieles reden hörten u. theilweise auch gelesen, kennen gelernt zu haben. Auch ein guter Freund von mir, der Hildebrand's Artikel über Dich in der Gartenlaube jüngst gelesen hat schwärmt für das Bäuerlein als Dichter; u. ich bin dabei natürlich stolz darauf von Dir Freund genannt zu werden.

    Schreibe mir bald wieder, Stoff könnte villeicht das letzte Wahler­gebniß genug bieten, worauf ich sehr neugierig bin. Grüße mir alle Bekannten schönstens, sowie auch Dein liebes Wible u. ich verbleibe mit vielen Grüßen

    Dein aufrichtiger Freund G. Feurstein

    Georg Flurstein
    München
    Franz Michael Felder
  • 18. August 1868

    Lieber Freund!

    Über die letzte Mitteilung Deiner „verbesserten Belassung" in Bludenz kann ich nicht unterlassen, meine Freude und meinen Glückswunsch auszusprechen. Freilich, meine Furcht vor einer Versetzung nach Tirol war grundlos. Man hält uns beide - laut geheimem Landtagswahlbericht - noch für viel liberaler als die liberalsten Liberalen. Jochum in Schröcken, den es ärgerte, daß man hier bis zuletzt nichts von dem auf­gestellten Kandidaten hörte, wollte durchaus einen von uns beiden im Landtag haben. Zuerst redete er mit den ändern von mir, aber Pfarrer Sieber machte den Kasinomännchen die Hölle heiß und plauderte von meinem Freimaurertum als ausgemachter Sache.

    Für Dich wäre Tannberg und mit Ausnahme des Galli Moos­brugger so ziemlich der ganze Hinterwald gewesen. Feur­stein war für Fetz, und Jochum dachte mit Albrecht an meinen Zuspruch, ja keine Zersplitterung herbei zu führen. Auf dem Heimgang von der Wahl wurden meine Freunde wie die von Gott geschlagenen Sünder behandelt. Ich ging ihnen bis Au entgegen und traf sie in einer Erregung, welche mich die Leidenschaftlichkeit des Wahlkampfes ahnen ließ. Birnbaumer gebärdet sich als Erzbrixner, und ruhige Köpfe beginnen, sich ernstlich zu schütteln. Seine frommen Zuhörer sehen einen Religionskrieg vor der Tür. Er predigt immer nur vom Glau­ben. Vorletzten Sonntag war ich mit im Kasino und sah mir die Sache an. Es nimmt sich pudelnärrisch aus, wie man die Figuren am Faden sieht, da kommt nie Seele hinein! Ich kam vor der Sitzung hin, deren heutiger Gegenstand die Wahl des Verwaltungsrates sein sollte. Man sagte mir überall, die Wahl des Dökterle zum Präsidenten sei eine ausgemachte Sache. Nun aber, als sie hübsch beisammen waren und das festlich geschmückte Dokterle in ihrer warmen Mitte, da trat Pfarrer Birnbaumer, der die Woche in Bregenz war, aus der ehrwürdigen Reihe hervor und sagte: Er habe anfangs keine Stelle anzunehmen gedacht, aber in Erwägung, daß er der guten, aber noch jungen Sache mehr nützen könne als ein anderer, nehme er es nun mit Freude an, wenn man ihn wähle. Den Erfolg kannst Du Dir denken. Er bekam 49 von 55 Stimmen. Seitdem ist das Dokterle schlecht auf den Pfarrer und das Kasino zu sprechen. Wenn's so fort geht, steht das Männchen bald allein.

    Andere Anträge brachte Birnbaumer folgendermaßen zur Abstimmung: Wer gegen meinen Antrag ist, soll aufstehen. Von Schoppernau sind Herr Rüscher, Rößlewirt und Greber die einzigen Mitglieder. Nächsten Sonntag ist das Gründungs­fest, zu welchem Gäste aus Nenzing, Feldkirch, Bregenz und Egg und großartige Feier [?] angekündigt wurde. Letzte Woche habe ich geheut, ward aber auch da fast täglich von Reisenden besucht. Besonders wichtig ist mir die Be­kanntschaft des Dichters Scherer, von dem ich Dir einmal mehr erzähle. Wir haben Interessantes verhandelt. Vorgestern besuchte mich eine Gesellschaft aus Dornbirn, die ich mit dem Wible bis Schrecken begleitete. Das Wirts­haus war so voll, daß man für unsere Nachtruhe nicht einmal mehr Heu, geschweige denn ein Zimmer hatte. Wir über­nachteten beim „Präsident". Allgemein beklagt wurde die Haltung der Feldkircher Zeitung und Ganahls Einfluß auf das Blatt. Man redet von einer Rückberufung des Kunz, der sich nicht glänzend steht. Einstweilen wird ein gewisser unab­hängiger Heim Redakteur. Mich haben die Herren dringend um Beiträge ersucht.

    Eben erhalte ich „Enthüllungen über Lassalles Tod", eine Schrift von Bernhard Becker, die nicht uninteressant zu wer­den verspricht.

    Beiliegendes Schreiben von meinem Übersetzer kannst Du auch meinen Gönnern in Bludenz mitteilen, doch bitte ich Dich, es mir recht bald wieder zu schicken.

    Unsere Gassen sind weiß und grau von Vergnügungsreisen­den. Fast der Drittel besucht auch mein Haus, und ich habe nun ein Fremdenbuch errichtet, um doch manchen lieben Namen fester zu behalten.

    Wenn ich nie fleißiger geschrieben hätte als jetzt, so würde man nichts von den Sonderlingen wissen. Ich dusele behaglich sammelnd und verarbeitend in meiner Heimat herum, und mit der Heugabel in der Hand laß ich mir wohl sein. Die Ver­urteilung meiner Gegner bei der Gemeindewahl tut eine gute Wirkung, unserm Müller jedoch scheint sie noch sehr im Magen zu liegen.

    Die Isabell ist nach Krumbach und noch nicht zurück. Ge­naueres über sie mag der beiliegende Brief bringen, den ich gestern zur Beförderung an Dich erhielt. Das Grumet steht sehr schön, die Bauern sind guter Dinge, nur daß viele einen Religionskrieg fürchten. Grüße mir Dein Wible, Bickel, Gaßner und alle Bekannten. Schreibe bald wieder. Ich bin sehr begierig, wie Berchtold und Thurnher sich vertragen. Warten wir es ab. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Franz M. Felder

    Schicke zur Einsicht ein Exemplar des Telegraf. Mayer soll Fotografien schicken!

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 17. August 1868

    Lieber Freund Felder!

    Mit der innigsten Theilnahme eines Freundes habe ich Deine Trauerkunde vom Tod Deiner Lebensgefährtin in Deinem letzten Brief vernommen. Ich kann Dich versichern, daß ich am selbigen Tag, wo ich Deinen verhängnißvollen Brief erhielt, ganz verstimmt war; da ich wußte, daß die Verblichene Dein zweites Ich war, auch in schriftstellerischer Beziehung, gewiß begeisterte sie Dich zu den gefühlvollsten Stellen in den Sonderlingen. Und nun auf einmal ist sie nicht mehr. Villeicht ist sie nur deßwegen so frühzeitig hinüber­gestiegen nach jenen lichten Höhen, um von dort aus Dein dichterisches Schaffen noch mehr zu begeistern. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß Deine poetische Natur sich in diesen zwar sehr harten Schlag wird schicken können. Nach unsern christlichen Grundsätzen hat sie nur eine schönere Gestalt angenommen gleich dem Schmetterling im Mai. - Also tröste Dich wieder mein lieber Freund; leider reichen meine schwachen Gedanken nicht aus, um Dir Trostworte schreiben zu können, da Du ja selbst über das Alltägliche hinaus bist. Ich kann, wie schon gesagt, nur von Herzen bedauern.

    Du fragst mich wegen dem Portrait Deiner lieben Frau: Es ist allerdings sehr schwer nach einer kleinen Vothografie zu modellie­ren, allein, ich will es doch versuchen, wenn Du mir eine solche schicken willst. Wahrscheinlich würde sie für ihren Grabstein bestimmt sein. Du schreibst mir also im nächsten Brief dann das Genauere nicht wahr? Bis dahin harrt in herzlichster Theilnahme

    Dein aufr. Freund G. Feurstein

    Georg Feuerstein
    München
    Franz Michael Felder
  • 11. August 1868

    Lieber Freund!

    Eben erfahre ich telegrafisch, daß ich als Adjunkt mit bes­serer Zahlung hier bleibe. Bitte, dies den Meinigen und wer es wissen will, mitzuteilen. Die Wahlschlacht ist ge­schlagen und Thurnher ist mit 30 Stimmen von 46 gewählt. Der Staatsanwalt erhielt trotz eifriger Agitation und trotz seiner glänzenden Kandidatenrede nur 10 Stimmen. Die Ultramontanen hielten stramme Disziplin. Diese Wahl wird im Lande viel Redens geben. - Daß Fetz gegen Berchtold unterlegen ist, wußten wir gestern schon. Fetz ist mir von den Studienjahren her bekannt. Er besitzt ein sehr umfangreiches Wissen. Seine Kandidatur war mir schon lange bekannt, und es wundert mich, daß uns Feurstein nicht schon in Bezau davon gesagt hat, was er doch hätte tun können. ­Thurnher ist zum Konzipisten bei der Statthalterei in Inns­bruck ernannt mit 800 Fl. Gehalt. Ich werde 900 Fl. haben. Du siehst, man behandelt uns nicht wegwerfend. Ich erhalte nun lebendigere Fühlung mit den Vorgängen im Landtag und in den Regierungskreisen.

    Das Nenzinger Kasinofest vom nächsten Sonntag wird zwei­felsohne bedeutend Aufsehen erregen. Die Gegensätze sind hier sehr schroff und werden immer schroffer. Wir neutrales Publikum im Städtle reden davon, eine Vereinigung ohne politische Färbung zur gegenseitigen Bildung und Unterhal­tung zu gründen.

    Zu Deinen Erfolgen in Deutschland gratuliere ich und freue mich derselben mit Dir. Baldiges Schreiben erwartend, mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger. Freundlichen Gruß an Isabella!

     

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 6. August 1868

    Lieber Freund!

    Sei freundlichst auf vaterländischem Boden und in der lieben Heimat wieder gegrüßt. Wenn ich mir aus meinen Sturm­und Drangperioden nach den Kreuz- und Querzügen in der großen weiten Welt das Daheim wieder vorstelle, komme ich zu der Annahme, daß Du jetzt in behaglichster Stimmung mit erhöhter Lebens- und Strebenslust in Deinem Schop­pernau der Süßigkeiten des Daseins Dich erfreust. Glück auf. -

    Ich konnte vom Amt nicht los werden, um Dir entgegenzu­kommen, ich mußte daher in der Alltäglichkeit fortwaten und den Hundstagen meinen Schwitztribut als ein Gefesselter dar­bringen. - Ich muß Dir anzeigen, daß ich beim Auspacken meiner Reisetasche bei der Rückkehr von Euch das Manuskript des Arbeiters in Friedrichshafen nicht mehr hatte. Wenn es nicht auf Krumbach oder Warth liegen geblieben ist, muß ich es für verloren ansehen. Ich überließ die Packsachen dem Weib, und sie weiß gar nichts von diesem Manuskript, das ich in Hopfreben doch in die Reisetasche getan habe. Sollte nun dasselbe nicht mehr zum Vorschein kommen, so werde und muß ich es dem Eigentümer bezahlen. Frage daher bei den Unsrigen an, und wenn sie nichts wissen, so sei so gut, dem guten Proletarier zu schreiben, er soll sich wegen Entschädigung an mich wenden, zu der ich erbötig bin. ­Wir haben jetzt auch im Amt die liebe Not wegen der das Land durchbrausenden Agitationen und können noch lange nichts Besseres erwarten. Die Festgäste von Wien kehren wieder zurück, und ich lache sie aus, daß sie sich so aufgeführt haben, daß man sie im großen Vaterlande nirgends mehr einlasse. Ich nehme nämlich an, daß die großen Städte ebenso vernünftig sein werden wie Leipzig. Mayer wird heuer nicht heim kommen. Hier kandidiert der Staatsanwalt für den Landtagssitz, wird aber wohl gegenüber dem Thurnher nicht durchdringen. Er suchte auch mich auf und ließ sich in eine interessante Diskussion ein. Ich erklärte mich für diesen Fall neutral. - Nun erzähle mir etwas von Deutschland und der wiedergefundenen Heimat. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger.

    Ende dieser Woche will Isabell Euch und die Ihrigen be­suchen. Sie sei bestens empfohlen. -

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 3. August 1868

    Lieber Freund!

    Ich bin glücklich wieder da, froher, unternehmungslustiger als je. Leipzig mit denen, die es [in] meinen Gedanken einschließt, machte diesmal einen etwas ändern Eindruck als das erste Mal, wo sich der Bewunderer nur leidend, nur empfangend verhielt. Ich empfinde Stadt und Land, hier und dort nicht mehr als ganze Gegensätze, sondern beginne da wie dort das allgemein Menschliche zu suchen, das Gesetz, nach dem wir leben und uns entwickeln. Ich freue mich wieder, hier zu sein, und bin froh, daß ich dort war. Die Reise ging etwas langsam, weil ich da und dort mich aufhielt. Zur Verhandlung in Bregenz aber kam ich früh genug und freute mich, Freunde und Gegner schon am Damm zu treffen. Die letztern sollten einen schlimmen Tag haben, denn schon vor der Verurteilung, die ich mir gelind erbat, mußten sie sich den Text lesen lassen, wie sie es wohl noch niemals erlebten. Sie wurden zu einer - dreitägigen Arreststrafe und den Kosten und 10 Fl. in unsere Armenkasse verurteilt. Abends 6 Uhr waren wir fertig, und ich fuhr nach Dornbirn, wo Dr. Waibel sogleich einen ganzen Kreis unbekannter Freunde um mich herum versammelte. Wir ließen manchen Zapfen springen bis früh 2 Uhr. Dann übernachtete ich beim Waibel, der am ändern Tage mich mit seinen Freunden die halbe Lose hinauf begleitete. In Schwarzenberg traf ich einen Professor aus Schulpforta, der, weil er mich aufsuchte, nun mit in meine Heimat ging. Am ändern Tage besuchte mich ein Vetter des Verlegers Dr. Heinrich Hirzel samt Frau und Schwägerin. Gestern gingen wir zusammen nach Schröcken und wieder zurück, wobei Bedeutendes verhandelt wurde. Er sagte über­all, er komme nur, mich zu besuchen, und mir scheint es auch so. Ich komme also erst heut zum Schreiben an Dich und bin noch nicht recht aufgelegt, denn ich möchte lieber reden, als mit der Feder Dürftiges nur mühevoll wiedergeben. Zu erzählen hätt ich viel. ,Reich und Arm' ist erst zum dritten Teile fertig. Von meinem Übersetzer in Alkmar hab ich ein Schreiben erhalten, welches mich recht freut. Ich werde es Dir zum Lesen und Mitteilen an meine dortigen Freunde senden, denn es ist mit Verständnis meines Werkes ge­schrieben und besonders mit einer Wärme, die beim Hollän­der doppelt erfreulich ist. Die Übersetzung dürfte nächstens noch vor ,Reich und Arm' erscheinen. Ich wollte, daß dieser Umstand, oder gar des Übersetzers Brief etwas bekannter würde.

    In der Gartenlaube dürfte bald ein Artikel von mir erscheinen, denn es ist mir gelungen, das gute Einvernehmen mit Keil wieder herzustellen. Überhaupt hab ich von meiner Reise manchen Gewinn. Fürs Schützenfest wollten sich die Leipziger nicht begeistern. Man freut sich dort an unserem Wirr­warr [?]. Letzten Sonntag mußten hier herum die Leute unterschreiben, „daß sie noch beim rechten Glauben blei­ben". Das Schriftstück ist nicht datiert und ward von der Kanzel verlesen. Auch fürs Kasino wird in Schoppernau von der Kanzel gearbeitet. Es gibt hier Leute, die Dich oder mich für die neue Landtagswahl vorschlagen. Ich bin leider noch zu kurze Zeit hier, um Dir Genaueres und Genaues mitteilen zu können. Sobald Feurstein von Wien zurück ist, will ich ihn besuchen. Ich möchte gern einen tüchtigen Vertreter vor­schlagen, aber es fällt mir selbst außer Dir keiner ein. Gestern war in Au die Wahl eines neuen Wahlmanns für den verstor­benen Vorsteher. Den Leuten hier ist die Sache so unwichtig, daß ich noch nicht erfahren konnte, wie es ablief. Das Dökterle soll sehr tätig sein, ohne sich auch nur den Beifall des Klerus zu verdienen. Man sieht das unsolide Wesen zu sehr und denkt an den getauften Juden, der nun eben der getaufte Jude ist.

    Die Heuernte ist endlich vorbei und die Leute wandern in die Berge, so daß es dem Kasino an Teilnahme zu fehlen scheint. Ob das im Winter anders wird, weiß ich nicht. Diese Woche noch soll Stockmayer ins Hopfrebner Bädle kommen. Das wird Rüscher nicht besonders gerne sehen. ­Ich aber freue mich, ihn zu treffen.

    Der Uhrenmacher hat von Dr. Jussel noch nichts erhalten, was mir nicht gefallen will. Felder hätte selbst zum Advokaten, nicht bloß schreiben sollen. Meine Prozesse, wenn  man's so nennen will, sind nun zu Ende, und ich kann trotz Müller mit den Erfolgen ziemlich zufrieden sein. Weißt Du noch nicht, wohin es Dich wirft und wohin andere Bekannte? Schreibe mir recht bald. Es grüßt Dich, Dein Wible und alle herzlich Dein Freund

    Franz M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 2. August 1868

    Liebster Freund!

    Nun war ich also glücklich wieder hier und freue mich dar­über mit den Meinigen. Sie haben mir alle viel zu erzählen; auch im Geschäftsgang ist die Lücke groß geworden, in die ich nun wieder einstehe, wie tüchtig auch das gute Wible überall eingriff. Ich bin jetzt in der heitersten Stimmung und immer aufgelegt, das nicht etwa nur mit der Harmonika zu zeigen, die allerdings wie ein Familienereigniß begrüßt wor­den ist. Dießmal mußte ich in Bregenz auf dem Zollamt wirklich aufspielen um zu beweisen, daß ich sie nur für mich selber kaufte.

    Doch mein Bericht soll etwas ordentlich werden. Die Heim­reise war eine sehr glückliche. Dem Frohen, von tausend lie­ben Erinnerungen begleitet, erschien alles heiter, zuweilen traf ich kurzweilige Gesellschaft, sonst aber waren die bei mir, die ich eben verlassen und auch dann ward die geistige Unterhaltung mir anregend. Daß Du mir am nächsten warst, das brauch ich Dir wol kaum zu sagen. Zuweilen sang ich auch, aber nur so laut, daß im Geräusch es niemand hörte. Im Stachus wies man mir nur noch aus Gnade ein unglaub­lich bescheidenes Plätzlein an. Ich konnte besser rauchen oder dampfen als schlafen. Am Morgen fühlte ich mich nicht ausgeruht und blieb daher in München, wo mir in Feursteins Gesellschaft der Tag nur zu schnell vergieng; wir waren im Schwanthaler Museum, in der Residenz, bei Nimfenburg usw. Abends traf ich einen Krämer von Andelsbuch mit seiner Frau, die Leute sahen mich für einen Fremden an, bis ich sie im Dialekt anredete. Am ändern Tag blieb mir in Augsburg so viel Zeit, mich ein wenig umzusehen. In Lindau holten Stettner und seine Tochter mich vom Bahnhof und öffneten mir gastlich ihr Haus. Am ändern Morgen 5 Uhr 30 M fuhr ich nach Bregenz. Unbändiger Regen trieb mich in die Kajüte, wo ich den Buchhändler Engelmann von Leipzig sprach, der sich sorgfältig des Geschäftlichen  bei  meinen Arbeiten er­kundigen wollte.

    Am Hafen traf ich meine vorgeladenen Gegner und meine Freunde. Letztere sagten mir, die Untersuchung schaffe neue Erregung, was die düstern Gesichter der Ersteren bewiesen. Während der Verhandlung nun, in der sich ihre Erbärmlich­keit zeigte wurden sie mehrmahls tüchtig abgekanzelt. Die Leute standen rathlos und mehrere reichten mir, obwohl sie zu Geld- u Areststrafe verurtheilt wurden, am Schlüsse der Verhandlung, Abends 6 Uhr die Hand zur Versöhnung. Nach Bezau war es nun zu spät, drum gieng ich nach Dornbirn zu Waibel, der in froher Stimmung rasch einen Kreis von mir noch unbekannten Freunden um mich versammelt hatte. Wir blieben sitzen bis 2 Uhr Morgens, wie sehr ich auch zum Aufbruch - aber etwas leise - gedrängt habe. Ich übernachtete bei Waibl, der mich mit seinem Freundes­kreis, auch Luger war dabei, eine große Strecke des Weges gen Schwarzenberg begleitete. Sie alle drückten mir beim Abschied herzlich die Hand und versprachen mich in 14 Ta­gen hier zu besuchen. Ich war nun alein mit einem Vergnü­gungsreisenden, dem ich den Weg zeigen sollte bis Schwar­zenberg. Dort verließ mich der schweigsame Gefährte und eilte - zum Pfarrer, ich aber aß im Hirschen Fastenspeisen. Da traf ich Prof. Dr. Buchbinder. Wie - mag er Dir selbst sagen, denn ich könnte nicht unterlassen, einige Sommer­frischlerinnen zu tadeln, wenn ich lange davon redete. Kurz er eilte auch zu erfahren, was es da zu sehen gäbe, da fand er mich und einen meiner Zeugen und gieng mit uns nach Schoppernau. Ich machte in Au meine Einkäufe u erfuhr, daß auch der Rößlewirth Kasino-Mitglied worden ist. - Nun war ich daran gekommen Dir die Freuden des Wieder­sehens zu schildern, aber eben hat mich mein Nachbar er­schrekt, der meinen Jakob auf einem Karren heimbringt. Der Junge war mit ihm ausgegangen und da er schlecht beauf­sichtigt war, fiel er über den Salzbacher Steg in die Ach, ge­rade da, wo ich vor Jahren dem Tod so furchtbar nahe kam.

    Glücklicherweise ist wol der gehabte Schrecken das Ärgste, denn die Verletzungen des Kopfes sind wol nicht gefährlich. Ich bin kaum noch in der Stimmung Dir noch zu sagen, daß Rüschers Köchin wieder kam. usw. Ich muß überhaupt zum Schluß eilen, wenn Du meinen Brief am Mittwoch bekom­men sollst, denn da ist nun der von Salomon Hirzel ange­kündigte Pfarrer Hirzel aus Zürich gekommen, mit dem ich sofort nach Schröcken zu gehen gedenke. Deine und die Grüße Deiner Frau an die Meinen, Oberhauser, Uhrenmacher Rößlewirthin usw hab ich ausgerichtet und bin von allen gebethen, sie in herzlichster Weise zu erwiedern. Grüße mir Deine Frau, die Deinen und alle die mir wohl wollen. Wie gehts mit Reich u Arm vorwärts? Schreibe doch auch wenn Du einmal Zeit hast und behalte in treuem Andenken

    Deinen dankbaren Freund Franz M Felder. Von Pfarrer Hirzel Gruß an seinen Herrn Vetter.

    Rudolf Hildebrand
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 1. August 1868

    Wohlgeboren

    Herrn Franz Michael Felder

    Schoppernau.

    Mit diesem erlaube ich mir Euer Wohlgeboren noch um einige Tage Geduld zu bitten, bezüglich unserer Reisebeschreibung v. Schrök­ken über Mittelberg nach Allgäu u. zu Hause, u. bezüglich meiner Fotografie. Ich habe die Reisebeschreibung zwar in Arbeit; aber andere Geschäfte lenken mich hin u. wieder davon ab u. neue Fotografien bekomme ich erst in einigen Tagen. Indessen empfehle ich mich Ihnen mit aller Hochachtung in welcher verharret

    Raimund Feurstein

    P.S. Viele herzliche Grüße von uns Allen an Ihr sehr verehrtes „HerrWible".

    Raimund Feuerstein
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 30. Juli 1868

    Hochgeehrter Herr!

    Von einer kleinen Ferien-Reise wieder heimgekehrt, fand ich Ihre werthe Zuschrift aus Leipzig. Das zu hoffen, zu erwarten hätte ich nicht gewagt. Darf ich Ihnen dafür meinen aufrichtigen, herzlichen Dank bringen? Es war mir eine freudenvolle Überraschung. Bei der Probe vom letzten Bogen Ihrer, nun gänzlich übersetzten, Sonderlinge lag auch Ihr lieber Brief. Sie haben mir damit gleich­sam die Hand gereicht. Mir ist es ein Herzensbedürfniß Ihren warmen Handdruck zu erwiedern. Durch Ihre Dichtung, die mich so angriff, daß ich es wagen wollte, auch meine Landsleuten mit ihr bekannt zu machen, bin ich Ihnen herrliche Stunden und Tagen verschuldet. Bei der Übersetzung, beim Durchsehen der Proben ward Ihre Dichtung mir immer schöner, immer lieber. Fortwährend lernte ich sie besser genießen. Meine Anerkennung, meine Hoch­schätzung Ihres tiefen, warmen Blick im Menschenherzen nahm immer zu. Ihre warme Liebe für das wahrhaft-Göttliche im Men­schen erwärmte auch mich immer mehr. Meine aufrichtige Vereh­rung für Sie, den kräftigen Kämpfer für Freiheit und Humanität, blieb immer wachsen. Aus Ihrer Dichtung wehte mir stets der heilige Gottesgeist zu, der überall in der Welt, bis auch in den tiefsten Winkel, den Menschengeist erhellt und erleuchtet, das Menschenherz erwärmt, das Menschenleben verherrlicht, die Menschliche Gesellschaft erhebt. Es war mir so innig wohl auch in Ihre Schöpfung aus dem Bregenzerwald den Flügelschlag dessel­ben Geistes zu vernehmen, der immer durch die ganze Menschheit dahinrauscht, mit süßen Worten der Liebe, des Friedens, der Versöhnung kranke Herzen genesend, und dann wieder in breiten Strömen von den höchsten Höhen des Menschengeistes daher­braust, neue Kräfte, frisches Leben weckend. Fremd sind Sie vielen Gebildeten unseres Volkes nicht mehr. Ihr geehrter Freund Dr Hildebrand, wird Ihnen schon gemeldet haben, wie Sie in der besten, gediegensten Niederländischen Zeitschrift besprochen und anerkannt sind. In kurzer Zeit wird auch Ihre Dichtung in meine Übersetzung erscheinen, und ich bin tief überzeugt, daß Vielen mit mir in unserem Lande Ihnen dafür danken werden, daß Sie uns in Ihren frischen Wälder- und Alpenle­ben, arbeiten, streiten, leben lassen, was unendlich Vielen Kopf und Herzen erfüllt, was den reichsten, größten Geister beschäftigt. Auch bei uns im hohen Norden werden dann auch gefunden werden, die den Vorarlberger in fernsten Südwesten Deutschlands die Hand drücken, als wollten sie sagen: „Sie sind Unser Einer, Sie wollen, wie wir, was wahr, schön und gut ist!" In unserer Zeit, wo zwei Einander gegenüberstehende und doch Einander verwandte, Mächten, Jede für sich, den Menschen sich bemächtigen wollen, wo der praktische Materialismus an der einen Seite, der Geist und Herztödtende Formalismus auf die andere Seite, den Menschen zum Sklaven machen wollen, thut's Noth, daß da auftreten, die in Schrift und Wort und Lied, in Gleichniß, Ton und Farbe, in jede wahre, schöne Lebensform dem Mitleben­den zurufen, daß er noch höhere Aufgaben hat als die des Thieres, und daß auch nicht die Weltanschauung des Mönches die Gott­verherrlichende, Menschen-beglückende ist. Auch bei uns streiten Vielen diesen Kampf und von diesen werden Sie als Einer der Ersten, meist begabten Kämpfer erkannt und begrüßt werden. Meine Übersetzung Ihrer Sonderlinge ist vollendet. Sie werden wohl von Ihrem Freunde Dr Hildebrand wissen, wie ich von Ihnen ein Bild wünschte. Das mir durch Ihn freundlichst zugesandte Photogram wollte ich durch Lithografie vervielfältigen lassen, damit meine Landsleute den Dichter der Sonderlinge und des Schwarzokaspale auch dem Äußeren nach könnten kennen. Die erste Probe aber, war, leider! nicht die glücklichste. Nun muß ich ein besseres machen lassen, deshalb wird die Herausgabe der Sonderlinge noch eine kleine Frist warten müssen. Sehr angenehm würde es mir sein, wenn ich wissen möchte wieviele Exemplaren ich Ihnen anbieten darf, ebenfalls, auf welche Weise Sie dieselbe zu empfangen wünschen, direkt nach Schoppernau, oder...? Recht viele Freude hat's mir gemacht, von Ihnen selber zu wissen, daß Sie dem Erscheinen einer neuen Dichtung entgegensehen. Wenn es möglich wäre, so möchte ich sie recht bald genießen. Wenn ich weiß, wo sie gedruckt und herausgegeben wird, will ich sie mir gleich kommen lassen, damit ich wieder bald eine recht schöne Freude erleben möchte.

    Hochachtend und ergebenst

    einer Ihrer aufrichtigsten Verehrern

    H. F. W. Grottendieck.

    H.F.W. Grottendieck
    Alkmaar
    Franz Michael Felder
  • 23. Juli 1868

    Liebes Wible

    Ich bin wieder da und habe eben Uhrenmachers Brief gelesen, der mitgetheilte Umstand verzögert meine Abreise auf ganz erwünschte Art. Ich mache mich nun etwas später auf den Heim­weg und lasse mir auch etwas mehr Zeit, so daß ich am Don­nerstage früh in Bregenz bin. Sind auch einige meiner Freunde als Zeugen dorthin vorgeladen so soll der Uhrenmacher ihnen sagen, daß sie mich im Löwen bei der Seekapelle treffen oder erfragen können.

    Mit Keil ists auf guten Wegen. Ich gehöre wieder der Leipziger Gartenlaube, die bald einen Artikel von mir bringt. Mich freut das. Heut Abends sind wir zu Hirzels geladen. Von Weimar u. meinen Ausflügen werd ich viel zu erzählen wissen. Wenns hier nur nicht immer so furchtbar heiß wäre. Es ist nicht zum Aus­halten bei Tage und Abends fehlt der Schlaf.

    Ich bedaure, daß der Uhrenmacher nicht schrieb, wer außer mir noch vorgeladen ist. Ich freue mich, nun doch mit etwa einem guten Freund im Bregenzerwalde einzuziehen.

    Wenn ihr mir noch etwas zu schreiben habt, wenn ihr mir etwa melden wollt, wer außer mir noch vorgeladen ist, so thut es gleich und adressiert den Brief an Buchhändler Stettner in Lindau, bei dem ich am Mitwoch Abend eintreffe. Schreibt Stettner auch, daß ihr keine Zeit habt zur Abholung und meldet ihm die Zeit meiner Ankunft.

    Wie die Sachen hier stehen war ich ohne den gemeldeten Zwischenfall doch wol nicht so schnell gereist u vielleicht über Obersdorf heim.

    Nun aber ists auch recht. Ich freue mich, euch nächste Woche zu sehen. Gruß und Handschlag allen den eueren

    Franz Michel Es geht gegen Abend, ich eile

     

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Anna Katharina Felder
  • 21. Juli 1868

    Geehrter Herr Felder!

    Es sind schon 14 Tage verflossen seit ich von Ihnen Abschied genommen und das Versprechen gab, nach meiner Ankunft zu schreiben.

    Sie werden schon entschuldigen, das es erst heute erfolgt, denn es war mir unmöglich früher zu schreiben, indem ich zu wenig Zeit hatte.

    Nachdem ich den Brief, von dem ich Ihnen sagte, in Empfang genommen, reißte ich selben Tages um 12 Uhr nach Dresden ab, hielt mich dort anderthalb Tage auf, machte dann nach Berlin und verblieb daselbst 2 Tage. Von Berlin gings über Wittenberg, Halle, Naumburg, Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach, Marburg nach Frank­furt, wo ich den 10ten Abends halb 9 Uhr ankam. Von dort reißte ich den ändern Mittag wieder ab über Darmstadt nach Heidelberg, besuchte daselbst das Schloß und kneipte nacher in sehr angeneh­mer Gesellschaft bis halb 2 Uhr in der Nacht, setzte mich dann wieder auf die Eisenbahn und fuhr über Karlsruh, Rastadt, Straß­burg, Freiburg nach Basel. Hier blieb ich über Nacht & reißte den ändern Tag bis Schaffhausen. Denselben Abend brachte ich noch 2 Stunden bei dem wunderschönen Rheinfall zu. Den 14ten, also den letzten Tag meiner Reise gings über Constanz und auf dem Spiegel des Bodensees nach Rorschach und Au, wo ich Abends 4 Uhr hinkam. Dort wurde ich von Dr. Waibel und noch 2 Turner mit Fuhrwerk abgeholt und herzlich empfangen. Abends 9 Uhr kamen wir in Dornbirn auf der Post an, wo schon cirka 20 Turner auf meine Ankunft warteten, und mich mit dem größten Enthusiasmus begrüßten. Die erste interessante Neuigkeit die ich hörte war, daß der Thurnher schon am 8ten angekommen, und am 12ten zu der Versammlung vom katholischen Casino nach Wolfurt gegangen sei.

    Sie werden sich auch noch erinnern können, wo ich sagte, der Thurnher warte in einem Hotel in Dresden; aber es war keine Spur davon. Als ich hin kam, war der gute Thurnher verschwunden ohne etwas zu hinterlassen.

    Den Gruß und  Brief an  Dr.  Waibel  hab ich den ersten Tag ausgerichtet und abgegeben; Dr. Waibel bedauerte wegen Mangel an Zeit etc. Ihrem Wunsche nicht nachkommen zu können; wird Ihnen vieleicht schon geantwortet haben.

    Auf baldiges Wiedersehn in Schoppernau grüßt Sie achtungsvoll

    Ihr ergebenster Joh. Georg Luger.

    Bitte um gütige Nachsicht in Bezug der Schrift u. orthographischen Anstöße meines Briefes.

    Johann Georg Luger
    Dornbirn
    Franz Michael Felder
  • 20. Juli 1868

    Lieber Seppel

    Von einem Ausflug ins Preußische und auf den Schauplatz der Gustav Adolfschlacht kommend, fand ich Deinen Brief und das war wol das einzige, was Dem Vergnügenssatten noch einen Genuß bringen konnte. Daß Du nicht die Allgemeine Zeitung bestelltest muß ich bedauern. Sonst ist ja alles gut und ich hoffe bei dem erwähnten Feste gegenwärtig zu sein da ich am Freitag abdampfen will. Der Schattendichter soll nur sein Empfangslied beginen, denn wer bloß einmal kann dem ists nun gerathen.

    Du gehst also nicht nach Wien? Kannst Sonabends nicht nach Lindau und nicht gi Bäzouw? Nun vielleicht doch am Montag gegen Abend nach Au und wenn ich nicht komm, am Dienstag wieder, denn am Dienstag denk ich ganz bestimmt zu kommen. Ich werde viel zu erzählen haben und viel Fröhliches, Jeder Tag hier ist mir Gewinn gewesen und besonders hübsch war es, seit für Hildebrand die Ferien begannen, Einzelnes zu schildern behalte ich mir für die Zukunft vor. Es wird sich dann mehr Zeit finden als jetzt obwol ich den Kopf voll Pläne zu neuen Arbeiten herumtrage nur zweifelnd, worauf ich mich werfen soll. Vor allem wird man heuen müssen wie wild, denn die Leute scheinen ohne mich nicht vorwärts zu kommen.

    Nun auch darauf hin freu ich mich wie ich überhaupt viel Heiterkeit mitbringen und unter euch statt einem Kraum verthei­digen werde - wollte schreiben vertheilen, aber so gehts, wenn man nebenbei plaudert. Niemand kann zwei Herrn dienen. Das wird auch das Dökterle merken. Laß mir Martins Schneider grüßen und sag ihm ich hätte seinen Brief erhalten, und mich sehr darüber gefreut. Auch Oberhausers grüße mir und bestättige den Empfang von Kaspars Brief. Ich würde ihm auch schreiben, doch heut ists Nacht, Morgen gehts nach Weimar und hernach habe ich mit Packen und Abschiednehmen zu [tun]. Das Abreißen aller Fäden hat etwas ungemein Peinliches, doch ich blicke nach Süden, wo euere Heimat liegt und rufe euch ein frohes Grüß Gott entgegen, euch allen, die treu zu mir standen in guten und bösen Tagen. Gut Heil, bisher ists immer beser geworden und wir sind doch keine Greise -

    Es grüßt Dich und meinen ganzen Kreis, auch meinen Heuer und Dein Weib und die Schwester, Oberhausers, Bierars Brauas, Vorsteher, Baltas Michales, Mühles, Schlossers im Bad, alle alle und Dich selbst grüßt 999 Mal Dein

    Freund Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Johann Josef Felder
  • 20. Juli 1868

    Liebes Wible!

    Ich bin immer noch in Leipzig und immer noch gern, wie furcht­bar auch hier die Hitze sein mag. Morgen verreise ich, aber nicht heim, sondern als guter Katholik mache ich eine Wallfahrt gen Westen - nach Weimar zu. Köhler, den Du in meinem Album fin­dest hat mich eingeladen. Bin ich wieder von da zurück und fallt nichts besonderes ein, so bin ich Freitags um 8 Uhr früh schon in Reichenbach 2 Uhr Eger 6 Uhr in Regensburg, 10 Uhr Abends in München. Samstags gehts gen Lindau und am Montag oder Dienstag bin ich Abends daheim bei Dir und den Unsrigen. Wärst Du oder wäre der Uhrenmacher am Samstag in Lindau so könntet ihr um 11 Uhr Nachts mich vom Bahnhof holen, doch ich höre, daß ihr mit Heuen noch nicht weit seid. Wartet nur bis ich komme, dann muß es gehen. Auch hieher ist mir das schöne Wetter nachgekommen, so daß ich ausgehen und ausfahren konnte. Gestern war ich mit Thieme, der mich von früh 5 bis Abends zehn Uhr mit Aufmerksamkeiten erfreute, wie es nur der reiche liebenswürdige Leipziger kann. Heute war ich bei Keil. Erst klopfte ich im Gartenlaubenschloß mit einem Schreiben an. Als Antwort kam ein Herein zurück und nun, drei Tage später bin ich dort gewesen. Keil selbst war nicht da, den treffe ich also erst vor der Abreise und er muß und wird ein entscheidendes Wort spre­chen.

    Hoffentlich läßt sich wieder ein ziemlich gutes Verhältniß her­stellen. Ich werde mich um so mehr bemühen, da es mit der Grazer Gartenlaube bald alle sein dürfte, sie auch schlecht und gar nicht bezahlt. Mein Patriotismus hat auch seine Gränzen.

    Von Groten Dick dem Übersetzer hab ich noch immer keine Antwort. Er scheint nicht daheim zu sein, wie ich und alle berühmten Leute. Nur Hirzel ist seit 10 Tagen da. Sonnabends speißte der ganze Club bei Dr Flügel. Nur Dr Meißner, der Artzt war nicht mit, denn der ist jetzt, seit die Blattern herrschen, ein gesuchter Mann. Er hat auch uns den Antrag gemacht uns wie viele Erwachsene zu impfen. Gestorben sind allerdings nur 40 Personen, was für Leipzig nicht viel heißt, aber vielen wird es bei der Hitze doch unheimlich.

    Um mich ängstige Dich nicht. Ich bin, wenns geht, wie ich rechne am Dienstag Abends daheim und sehe nach, wie ihr mit dem Saufleisch dran seid und wie unterdessen der Martinus gewachsen ist. Das Passionsspiel wandert herum, aber das Kohlerle soll nicht sorgen. Es ist in Händen die mit Büchern umzugehen wissen, wie mit Heiligenschmalz. Ich bring es wol noch nicht mit da meine Tasche sonst voll werden dürfte. Wenn ich am Dienstag noch nicht komm, so kommt bald ein Brief und meldet etwas, das ich jetzt selbst nicht weiß, nämlich einen Grund zur Verzögerung. Hildebrand will mich noch da behalten sonst war ich schon daheim. Wenns am besten geht, sollte man aufhören. Ich wills jetzt auch und schließen. Es grüßt Dich die Mutter und alle Dein

    Franz Michel Felder Die Beilage an den Uhrenmacher

     

    Nachschrift

    Das vom Bothen geforderte Rezepisse hab ich unterzeichnet an Ort und Stelle abgegeben Laß es ihm gleich sagen daß er keine Sorgen machen.

    Die Motette hab ich eben besucht. Es war wieder was Göttliches, Wenn Du mir schreibst, so thu es gleich, Später weiß ich nicht wo ich bin. Melde auch, wie es dem Uhrenmacher gieng wenn der keine eigene Tinte hat oder schenk ihm lieber einen Bogen zum Schreiben da er doch nicht heuen muß.

    Wenn mir jemand nachfragt so laß mir den grüßen.Vom Schnei­der erwarte ich einen Brief. Es ist hier sehr heiß und wenns bei euch so war, müßte das Heu bald dürr werden.

    Also Morgen gehts wieder über die Gränze. Ich werde davon melden und dan auch die Zeit meiner Rückkehr angeben können. Hirzel ist wieder da.

    Lebe wol

    Dein

    Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Anna Katharina Felder
  • 20. Juli 1868

    [...]Ich werde viel zu erzählen haben und viel Fröhliches. Jeder Tag hier ist ein Gewinn gewesen und besonders hübsch war es, seit für Hildebrand die Ferien begonnen. Einzelnes zu schildern behalte ich mir für die Zukunft vor. Es wird sich dann eher Zeit finden als jetz allweil, wo ich den Kopf voll Pläne zu neuen Arbeiten herumtrage, nur zweifelnd, worauf ich mich werfen soll. Vor allem wird man heuen müssen wie wild, denn die Leute scheinen ohne mich nicht vorwärts zu kommen. - Nun auch darauf freue ich mich, wie ich überhaupt viel Heiterkeit mitbringen und unter euch statt einem Kraum verteidigen (wollte schreiben: verteilen) werde, aber so geht's, wenn man nebenbei plaudert. Morgen geht's nach Weimar und hernach habe ich mit Packen und Abschiednehmen zu tun. Das Abreißen aller Fäden hat etwas ungemein Peinliches, doch ich blicke nach Süden, wo meine Heimat liegt und rufe euch allen ein frohes Grüß Gott entgegen. [...]

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Johann Josef Felder
  • 17. Juli 1868

    Lieber Feuerstein!

    Hier sende ich Ihnen den Brief meines Mannes wieder zurück, u. danke Ihnen zugleich für die Mühe, Güte u. Freundlichkeit. Er intreßirte mich wirklich, obwohl ich die erwähnten zwei Schreiben der Nachschrift, auch ähnlichen Inhalts, richtig erhalten habe, u. mich mit der Antwort des ersteren deßhalb verspätete, weil eben das Paket mit dem Passionsspiel bei dem akuraten Bothen in Au, Hinderniße machte. Vorgestern erhielt ich den dritten Brief, worin er den Empfang des ersehnten bestättiget. Auch schrieb er vieles von Tagen, wo jeder ein Fest jeder anders gefeiert, u. hiemit ganz unbemerkt hinschwinde, nurdaß ihn jeder reicher mache. Es ist mir recht lieb, u. ich wünschte, das er das großstädtische Leben von recht vielen Seiten kennen lernte, auch seine Schattenseiten, was ich in Ihrem Schreiben mehr als in dem meinigen bemerkte. Den Tag seines Kommens wußte er nicht bestimmt anzugeben, doch jedenfalls diesen Monat. Mit Gruß an Sie und Ihre Frau

    Anna Katharina Felder

    Anna Katharina Felder
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 16. Juli 1868

    Werthester Vetter Michel!

    Endlich nun sitzeich beim Papir mit der Feder bewafnet, um mit Dir lieber Michel zu plaudern, schon längst hätte ich gerne mit Dir geplaudert, aber! aber! Du kennst ja auch meine Trägheit welche nirgends einen so hohen Grad erreicht als gerade in Briefschreiben. Seit Deiner Abreise nun hat sich bei uns allerlei zugetragen, Menschen ja Verwante sind aus dem großen All entstanden u. verschwunden, was Du aber schon wissen wirst. Auch wirst Du wissen, daß in Au einer jener Grundpfeiler erbaut wurde, worauf Bildung u. Freiheit u. Recht ruhen sollen. Doch man hat dem Ding hier einen ändern Namen gegeben u. es klingt dem von Freiheit u. Recht schon beinahe abgestorbenen Landmann ja vil besser wenn es Katholisch Constitutionelles Kasino genannt wird, denn dadurch ergreift er den Balcken nach welchem der Schiffbrüchige ringt, ohne ihn nur gesehen zu haben. Übrigens glaube ich hat Dir K. Oberhauser davon geschriben. Am 8ten d.M. Endlich spilte sich jenes blutige Drama vom 12 Jänner in Feldkirch ab. Herrliche Begriffe erhilt ich dabei von unser alhöchstseligen Justizpflege, ein verbissener Ultramontaner vertheitigte den Knecht auf eine so Erbärmliche Art, wie ich noch nie in Erfahrung brachte, seine Hauptaufgabe schien es, wahr nichts anders als Dich u. Mich im Schwärzesten Lichte zu zeichnen. Er erhob seine hole stimme u. Schrie Die ganze Geschichte scheint durch die Inflüence des F. M. Felder hintertriben worden zu sein. Die gesetzlichen Schrancken wurden übertretten u. das Bezirksgericht] als incompetent erklärt. Der Statsanwalt wiederlegte jedoch diese Kühne auffaßung sehr glänzend. Als Milderungsgründe hob (dieses Kasino Mindle) hervor wie ein jugentliches Katholisches Gemüth wahrhaftig aufbraussen müße, wenn es höre die Gesalbten des Herrn die Bischöfe Lügen zu Strafen.

    Das Drama endete mit Wüstner der Knecht wird zu 6 Wochen Arrest zu den Gerichtskosten u. den Schadenersatz Kosten veruhr­theilt. Amen. Ich meldete Berufung an gegen das Uhrtheil u. Dr. Jussel verfaßt mir den Berufungs Protest welcher heute 12 Uhr dem Kreisgericht vorgelegt sein wird. Ich besuchte auch H. Stockmaier Pfarrer u. fand in Ihm einen sehr fröhlichen u. wackern Geistlichen, auch erhielt ich von Ihm den Auftrag Dir eine Philippika in Seinem Nahmen theilhaftig werden zu lassen, denn er hat durch Dr. Amman in Erfahrung gebracht daß Du letz[t]en Winter in Feldkirch warst, ohne bei Ihm Einzukehren, was in sehr beleidigte. Er bittet Dich das nächste mahl an seinem Hause nicht vorüberzugehen wie ein Dagdieb. Auch einen schönen Gruß von Kaspar Moosbrug. in Bludenz. Das währe nun die Hauptsache. Übrigens haben wir fortwärend Regen u. Hirtenbriefe, immer Theures Fleisch u. Brot u. kein Geld in der Staatskassa bereits so vill in der Taschen. Ob ich nach Wien gehe od. nicht kann ich noch nicht bestimmt sagen. Ich glaube zu Hause gibt es dann auch Feste, wenn doch nicht geschossen wird. Auch lebe ich in einer Erbarmungsvollen Zei­tungslosen Zeit. Der Staatsbürger auf den ich abonirte hat das Zeitliche gesegnet. Heute jedoch gehe ich noch nach Au u. werde einige Bancknoten auf den Altar legen, wofon die ohnehin schon Mageren Corespondenten leben.

    Dein Wible hat gestern abends einen Brif von Dir erhalten u. freut sich sehr, das Du Dich wohl befindest. Es läßt Dich schön grüssen. Nach Lindau wird es wahrscheinlich nicht kommen, denn das Heuen geht Erbärmlich schlecht, u. sollte es so fortdauern so wird es noch Monathe lang nicht fertig.

    In Erwartung bald mit Dir persönlich zu plaudern grüßt Dich u. Hr. Hildebrand villmahl

    Felder

    Johann Josef Felder
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 13. Juli 1868

    Verehrtester Herr!

    Es macht micht recht glücklich, daß ich Ihnen nach dem Schreiben, welches Sie an meinen verehrten Freund Dr Hildebrand richteten, nicht mehr ganz fremd bin. Die freundliche Aufmerksamkeit, welche Sie meiner Erzählung „Sonderlinge" schenkten, macht mich doppelt glücklich, weil Sie durch Ihr Vorhaben gleichsam da droben im hohen Norden dem Vorarlberger im äußersten Südwe­sten die Hand reichen. Ich bath auch meinen verehrten Freund, Ihnen sofort zu antworten und hoffe, daß das Schreiben sammt Beilage auch richtig bei Ihnen eingieng.

    Dennoch wage ich mich brieflich an Sie zu wenden mit der Frage ob alles richtig ankam und - wie bald etwa die Übersetzung erscheinen dürfte von der ich mir doch auch ein Paar Exemplare erbitten möchte. Ich bin seit 14 Tagen hier in Leipzig bei meinem verehrten Freund und lese die ersten Bogen eines neuen Romans „Reich und Arm" der im Herbst erscheinen wird und den ich Ihrer freundlichen Beachtung empfehlen möchte. Eine Antwort hoffend verbleibe ich mit aller

    Hochachtung

    Ihr ergebenster

    Franz Michael Felder

    bei Dr Hildebrand

    Windmühlenstrasse 29.

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    H.F. W. Grottendieck
  • 13. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Dank für Deinen herzlichen Wunsch und Deine Mitteilungen; ich habe das Schreiben heute gelesen, da ich gestern abends 12 Uhr erst von Thüringen kam, wo ich recht frohe Stunden erlebte. Dr. Grotteck findet meinen Gesundheitszustand er­wünscht, lobt die Wirkung unseres Bades „heandom Baa" und empfiehlt es mir mit Vorsicht und Mäßigung. Ich tagte mit der Vogelweide auf der Wartburg und in Kosen. Ich legte unser Passionsspiel vor, welches man in einer Hinsicht inter­essant fand. Es wurde über das Wesen deutscher Sprache und den Stand der Wissenschaft verhandelt, wobei ich An­regungen verschiedener Weise gewann. Übrigens ist die Teilung der Arbeit und sind ihre Folgen auch in diesen Kreisen zu empfinden. Über die Sonderlinge hab ich bedeutende Urteile gehört. Koberstein sprach von dem Buch in günstigster Weise und ist, wie manche, auf die neue Arbeit sehr begierig.

    Der Druck des letzteren schreitet so ziemlich rasch vor. Ich werde vielleicht den ersten Teil mitbringen können. Ich bleibe diese Woche jedenfalls noch hier, denke aber Sonntag, den 26. Juli, in Lindau zu sein, um doch den Schlosser in Friedrichshafen persönlich kennen [zu lernen], der nach Lindau zu kommen versprach, sobald ich dort einmal an einem Sonntage zu treffen sei. Thurnher und Luger sind vor 8 Tagen abgereist, nachdem sie sich vorher entzweit hatten. O Vaterland!! Sie gingen nicht einmal mehr mitsammen fort. Thurnhers Berichte sind aus Baedeker, und ich weiß nicht, was sie im Volksblatt sollen. Die mir zurückgelassenen Nummern werden in meinen Kreisen fleißig gelesen, und man wird staunen, Dich als Mitarbeiter? dieses Blattes zu sehen. Bisher sind Deine Gesichtspunkte etc. noch nicht da, ich denke, daher auch diesen Brief noch nicht zu schließen, sondern bloß ein freies Stündchen mit Dir zu verplaudern. Dabei komme ich am liebsten auf mich selbst. Meine Lage dürfte sich nun doch bald etwas ändern. Es soll nämlich, da es mit der Vorarlberger Sammlung seit Pfeiffers Tode - die Stelle ist nun durch einen Freund Hildebrands besetzt - nichts mehr sein wird, so will man sich von hier aus mit einem Gesuch an den Schillerverein wenden, welches durch 6 Unter­schriften, wie die des Professors Koberstein, Gewicht be­kommen soll. Hildebrand hält den Erfolg für sicher. Im Herbste, nach dem Erscheinen von ,Reich und Arm' soll es losgehen. Auch Hildebrand erwartet, bis dahin seine Würfel fallen zu sehen. Hoffen wir das Beste. Hier arbeite ich eigent­lich nichts, beginne jedoch wieder allerlei Pläne zu machen. Daß ich fürs Volksblatt augenblicklich keine Berichte schreibe, obwohl ich ernstlich daran dachte, versteht sich wohl von selbst. Ich will abwarten, was unser heimatliches Partei­leben auskocht, und mich indessen so viel als möglich mit neutralen Dingen beschäftigen. Freilich kann ,Reich und Arm' einen neuen Sturm erregen, aber dann weiß ich doch, was ich zu tun habe. Wenn Du mich in Lindau treffen willst, so fahre am Samstag dorthin. Abends bringt mich der Dampf­wagen von München, wo ich am Freitag im Stachus über­nachte.

    Von Hause hab ich endlich Nachricht erhalten. Ich wartete mit Schmerzen darauf, denn ich denke viel dorthin und nach Vorarlberg. Die Einsamkeit jener Berge und ein eigenes Heim sind Wohltaten, die man erst schätzen kann, wenn man sie entbehrt hat. Man ist viel mutiger, wo man einen Wirkungs­kreis hat, den man übersieht. Daher wohl hier die vielen Klassengesellschaften, die aber leicht auch einseitig machen können. Dem Münzenhändler Thieme hier hab ich, da ich über den Wert Deiner Sammlung mir kein Urteil erlaubte, Deine Adresse gegeben. Unsere Stickerei hat hier Beifall gefunden. Ich gab sie an eine einflußreiche Dame und hoffe, noch vor der Abreise zu erfahren, ob aus meinem Plan etwas werden kann. Von Freuden und Festlichkeiten hätt ich viel zu berichten, mehr noch als im letzten Jahr. Auf der Polizei bekam ich eine Aufenthaltskarte, ohne daß ich den Paß vorzeigen mußte. Bekannte finde ich immer wieder und immer neue, nur aufs Land und unters „Volk" komme ich eigentlich zu wenig. Das soll noch anders werden. Vielleicht gelingt es mir doch noch, das verschlossene Wesen der Bauern zu überwinden, die jeden mißtrauisch ansehen, der aus der Stadt kommt.

    15. Juli

    Gartenlaube und Gesichtspunkte sind nun da. Letztere hab ich Freund Hildebrand gegeben. Doch der ist augenblicklich so mit Arbeiten verschiedenster Art überladen, daß er vor dem Freitag schwerlich ans Lesen kommt. Übrigens gab der Artikel schon Veranlassung zu einem kleinen Disput, bei dem ich die Gesinnungen und Ansichten zutage kommen ließ. Mehr später! Mayers Fotografien gefallen hier besser sogar als die Leipziger, und es wäre mir lieb, wenn Du mir mit dem nächsten Brief noch einige schicktest. Ich glaube, Mayer wird sich durch meine Bitte geschmeichelt fühlen. Wenn Lorenz Mayer von Wien kommt, so laß ihn mir grüßen, er möge mich doch einmal mit einem Besuch in Schoppernau erfreuen. Von ,Reich und Arm' lese ich eben den 6. Bogen. Der Druck ward verzögert, weil ich das Manuskript noch einmal aus der Druckerei holte. Ich glaube, die Arbeit werde Dich freuen. Auf mich wenigstens macht das Gelesene einen sehr guten Eindruck. Bemerken muß ich Dir noch, daß in der Be­sprechung der Sonderlinge von Gottschall auch Klausmelker gewürdigt worden ist.

    Ich besuche die Vorlesungen über Literatur von Minkwitz - Stinkwitz - wenn auch nur, mich über ihn zu ärgern. Es ist schändlich, was dieser Platenide - wie er sich in der Allge­meinen Zeitung vom letzten Montag selbst nennt - für Unsinn und Hochmut zutage fördert. Das werde ich - der Bauer ­einmal geißeln, denn ich achte unsere Literatur und kann es nicht leiden, daß so von ihr geredet wird. Warte nur, bis ich einmal dazu komme, meine Reise zu beschreiben.

    Dr. Pritsche will meine Sonderlinge in der evangelischen Kirchenzeitung besprechen. Die hiesigen Theologen sind mit dem Buche sehr zufrieden. Was sagen denn unsere? Walther, Thurnher u. a. m.?

    Der Ausgang  der Stiefelgeschichte  hat  mich   unangenehm überrascht. Soll denn Felder nicht entschädigt werden? Eben hat Hirzel mich besucht und mir gesagt, daß die neue Erzählung in einem Band erscheine, da sie denn doch kleiner als die frühere sei. Das glaubte ich nicht, aber es ist richtig.

    Ich kehre übrigens nicht ungern wieder in die Berge zurück. Freilich müßte es nicht eben das enge Schoppernau sein. Wenn Du mich noch mit einem Brief erfreust, was ich hoffe und wünsche, so tu es doch, daß der Brief wenigstens bis nächsten Mittwoch hier ist. Grüß mir Bickel und A. Gaßner. Es schadet auch nichts, wenn etwas von der holländischen Übersetzung bekannt wird. Mit Brudergruß und Handschlag Dein Freund

    Franz M. Felder

    Leipzig, den 23. Juli [1868]

    Lieber Freund!

    Von Weimar kaum daheim, kommt die Meldung von daheim, daß ich mich am Donnerstag, den 30. d. Ms., zur Verhandlung über die Wahlstörung  in   Bregenz  einzufinden  habe.   Das verzögert meine Abreise auf erwünschte Weise. Ich bin nun nicht am  Sonntag  in   Lindau,  sondern  am   Donnerstag  in Bregenz zu treffen, wenn Du das willst. Uhrenmachers Mitteilung ist übrigens so ungenau, daß ich nicht weiß, was man mit mir will. Mehr zu schreiben, fehlt mir Zeit.

    Lebe wohl,

    Dein Freund                                                                 

    Felder.

     

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Kaspar Moosbrugger
  • 13. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Dein Schreiben habe ich heute weiter an Dein Wible durch die Post gesendet, u. ich erfülle hiemit Deinen Wunsch Dir sogleich zu antworten; ob es mir gelingen wird Dir interessante Neuigkeiten mitzutheilen oder ob ich Dir vielleicht gerade von jenem erzählen werde, was Dich am wenigsten interessirtdas ist freilich eine Frage; aber meine Aufgabe habe ich jedenfalls gelöst. Das erste oder vielmehr von was man bei uns immer am meisten spricht ist immer das Wetter nur das ist zum Heuen verteufelt schlecht, kaum hat man gezettet so erscheinen wieder am Hang u. auf der Loose drohende Wolken, u. mit aller Eile muß man wieder ans aufheuen; Ja Du bist ein ganz glücklicher Mensch, daß Du Dich dieser Würgerei durch einen kühnen Zug entzogen. - Aber zu gleicher Zeit hast Du auch nicht Gelegenheit die Vorträge bei Entwerfung der Statuten für den katholischen Verein in Au zu hören, während Dein Vet[t]er der Uhrenmacher hiezu herrliche Gelegenheit hat. Aber es ist eben ein kurzer Genuß, denn in Zukunft wird er denselben entbehren müssen, da er als Mitglied aufgenommen zu werden nicht für würdig befunden werden wird. Über die nähern Vorgänge wirst Du von Uhrenmacher bereits Bericht erfahren haben.

    In Bezau wurde vom Hochw. Herrn Pfarrer die Bildung eines Kassinos in Antrag gebracht, eines echt katholisch konstitutionel­len, bei welchem nur katholische Grundsätze zur Sprache kommen dürfen, u. unter katholisch verstehe man alles das wie es der Papst in Rom auslege und verstehe. /:Unterwerfung und Anerkennung der Allokution.:/

    Herr Pfarrer hielt beim Gemeindevorsteher und den bessern Bür­gern Nachfrage, fand aber für seinen Vorschlag wenig Beistim­mung, und erhielt zur Antwort man wolle sich wenigstens in politischer Beziehung nicht von Rom abhängig machen. Nun unterbleibt die Gründung des Cassinos in Bezau vorläufig. - Ueber das Vereinswesen will ich keine weitläufigeren Auseinanderset­zungen machen Du kennst meine Ansichten hierüber, daß ich es als Fortbildung der Schule betrachte wenn es vernünftig geleitet, u. nicht von gewissen Partheien ausgebeutet wird. Aber etwas eine interessante Neuigkeit muß ich Dir noch mittheilen. Der Herr Bezirksvörster Koderle ist vom Katholischen Kassino in Egg eingela­den worden als Gast eine Rede über Forstkultur zu halten, da die Herren eingestehen, sie verstehen in dieser Sache eigentlich nichts, - u. Herr Bezirksförst. hat Lust diesem Rufe Folge zu leisten da er dem angenehmen Gefühl zu glänzen, u. wie er sagt der Pflicht seines Amtes nachzukommen nicht wiederstehen kann. Ueber Deinen Vorschlag auf der Rückreise in München zusammen zu treffen, kann ich Dir vorläufig leider keine bestimmte Auskunft ertheilen, so angenehm mir dieß gewesen wäre; denn mit mir reißt noch Kaufmann von Bezau u. Metzler von Schwarzenberg, u. da bin ich nicht mehr vollkommen frey, sondern muß mich von meinen Reisekolegen auch bestimmen lassen, das ist eben das Traurige das die Freiheit eigentlich nur im Reiche der Ideen liegt. Mit herzlichem Gruß

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Wenn Du mir nach Wien noch schreibst so ist meine Adreß: J. Feuerstein bei Dr. Andreas Fetz k. k. Hof u. Gerichts=Advokat Stadt

    Wipplingerstraße

    in Wien

    Am 20sten reisen wir ab und werden uns wahrscheinlich  in München, Salzburg und Linz aufhalten u. 24. in Wien ankommen u. bis 30sten dort bleiben. Vielleicht werde ich Dir von Wien noch einmal schreiben.

    Johann Josef Felder
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 12. Juli 1868

    Liebes Mindle!

    Auf Dein liebes Schreiben vom 6 d. will ich nun gleich antworten, damit Du nicht so lange, wie das letzte Mal zu warten brauchst, denn ich hoffe daß es diesmal keine Schwierigkeiten mehr gebe, wie mit dem Paket, das noch anders gepackt u. gesiegelt, mit Frachtbrief u. weiß nicht mit was allem noch begleitet werden mußte. Wenn der Herr Both sich noch die Mühe genommen, u. die Beilage von Brief gelesen, gelesen als fünftes Ausschußmitglied des Cassinos nebst 3 Geistlichen Räthen u. dem Doktor? Dumme Geschichte, die mich einige Minuten beunruhigte. Nun so sollen [...] wissen wie mein [...].Heute, während Du in Kößen Tafeltest, sitzen wir u. das Kohlerle wirklich um den Saufleisch bedeckten Tisch, u. das Kohlerle sagt daß es die nächsten 3 Tage noch daheim zu heuen habe, somit ich u. derSprengerallein nicht rasch vorwärts kommen werden, zumal das Wetter zum Wachsen recht gut, zum Heuen aber Wilarlidig ist, u. während ich schreibe, beeilen sich die aus der Kirche kommenden, daß Gestern zum Theil Dürre, durch­näßte Heu zu troknen, u. unterzubringen. Ich kann daher an eine Holungs- u. Erholungsreise nach Lindau nicht denken, wie lieb es mir auch wäre einerseits. Auch ein Fußmarsch in einem Tage nach Lindau wäre mir zu stark, u. Feuerstein, wie auch Stettner wäre, mir alleine fremd. Das Ale mit dem Mickledem Kasper ist nach Gräsalp der Base Serafim die Fünfe zu bethen, sie ist nach lange anhalten­den unaufhörlichen Schmerzen gestern gestorben. Morgen wird sie beerdiget. Und heute hat man dem Christian dem Bräuer ein unreifes kaum Lebensfähiges Kind begraben, die Mutter jedoch ist recht munter. Jakob überbrachte dem Schneider gestern den über­aus gemüthlichen Brief, der zeugt von Gesundheit Leibs u. der Seele, was mich sehr freut. Auch wir sind gesund u. wohl ausge­nommen die Mutter. Sie ist auch nicht krank, es ist nur das Alter, das jeden neuen Tag neue Plage hat. Dein Kommen ist näher als ichs mir dachte, u. ich wäre recht glücklich Dich bald wieder hier zu wissen, wenn ich nicht nebenbei ein wenig befürchtete, das Dich, den unverwöhnten, die Leipziger u. das Leipziger Leben verwöhnt, daß Du an unserem ewigen Einerlei Elend, wie Du es nennst, gar keinen Geschmack mehr findest? Doch Du wirst Dich als Mann wieder in die Verhältnisse zu schicken u. zu finden wissen, denn naturgemäß ist man nach kräftig genossener Speise u. Trank wieder aufgelegt zu Arbeit zur That. Wir haben Arbeit u. somit auch keine lange Zeit, u. immer wieder eine Freude, wenn dieses Stück gemäht, jenes dürr ist, u. der Regen uns nichts erwüscht. Der Kaspar u. Jakob treten die Fuder, mugen u. erst dann recht wenn ich ihnen sage, das ichs dem Vater schreibe, sie fragen sogar bei jeder vermeintlich guten That: Mutter Schreibsts? Ich sage ihnen das dieses u. jenes der Vater gethan, gesagt, frage sie ob sie wohl Dein Kommen erfreue? Es wird mir ganz eigen wohl bei dieser Unterhaltung. Übrigens fühle ich mich ganz behaglich als Seele der Haushaltung, oder als solche, der auf dem Wege von Bad nach Hopfreben Himmel u. Erde übergeben wurde. Ich wäre so gerne etwas! Kein Zustand ist mir peinlicher als nichts sein können nichts sein dürfen? Und der Sprenger ist mir nur zuweilen deßhalb zuwieder, weil er eigentlich doch gar nichts ist u. nichts will.

    Die Theresie hat endlich von Dornbirn geschrieben, das ihr gut, aber auch schlecht ergangen sei. Sie Dient beim Fabrikant Salz­mann hat guten Dienst wo man sie alles ordentlich lehrt; aber wieder ihr Unstern! Ein sehr böser Arm machte sie 4 Wochen arbeitsunfähig band sie an Doktor u. Apotheke. Zwar ist es wieder auf besserungswege, aber doch auf der Waage ob es sie nicht den Dienst kostet. Von dem Gesang Verein u. seiner Herrlichkeit wirst Du im Volksblatt gelesen haben. Der Anton Ruf ist in Schützenuni­form nach Wien, er wird sich ein Gewinnst holen wollen? Denkst Du nicht nach Wien? Heute habe man in der Kirche einen langen Hirtenbrief über Civilehe vorgelesen, von den Eindrücken, den er auf die Gemüther gemacht, habe ich noch nichts gehört. Es ist überall Ruhe Friede über Schoppernau ausgebreitet. Lebe wohl u. glücklich und geniße auch für mich u. für den Winter, u. grüße mir Hildebranden seine Luise Kinder u. alle, ich danke ihnen für alles gute u. liebe das sie erwiesen, grüße mir alle die mich grüßen liesen. Es grüßt Dich herzlich Dein Wible u. Deine Kinder

    Anna Katharina

    Anna Katharina Felder
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 12. Juli 1868

    Lieber Schwager,

    Dein boetisches Schreiben hat mich sehr erfreut u. noch mehr Freude würde ich haben wenn ich eine zeit bei Dir, in Deinem irdischen Himmel viel intreßantes sehen u. erleben könnte. Lieber Schwager wann Du einmahl von uns verreist bist, da war es im Hopfreben fad öd u. still. So manchen Tag haben wir Dich auf Deiner Reiße gesucht, u. Dich begleitet bies zeandorast i Leibzig iehe. Zur erbauung im Baad ist uns ein Paater von Bregenz gekommen, auch mit einem bößen Fuß. Er war vor einigen Jahren auch drin. Da hat das schön singen u. glepl reden ein End. Der Peter geselt sich gut zum Kapazinorden. Er war manche Stunden bei Ihm auf seinem Zimmer, wo ich herentgegen mit Maria manch lustigen Jux gehabt, den Dir Maria gewis mündlich erzählen wird. Die Harmoni hat der Meußburger nach Schnepfau. Er hat Sie uns den letzten Tag als Kaspar hir war noch zum ausspielen gegeben, u. das Schnepfouar Huon zütze wieder sealb. Am Samstag vor Peterstag ist Kaspar mit seiner Vammile nach Krumbach. Ich habe Sie bies dorthien begleitet. Da ist auf Krumbach ein Mates Fest gewesen, da ist Babel u. Modol u. Modele, unsere Geschwister alle zusammen gekommen bis der Bub u. Mates Stump. Achd Tag nach Peterstag ist Kaspar abgereißt. Zwei von uns haben Ihn begleitet bies an Lech, am Lech hat Er ein Vurwerk u. ist nach Stuben gefahren mit Weib, Kind, einem großartigen Gsigleib zirka 30 [M] Butter geschenkter Schaufwollo, mit am Stuck, das ma Bekles Tunes Modla huo­gschlago heat. Wie dear Zug alla huo kuo ist kador i koa uskumpft gio. Am Peterstag bin ich wider Retur ins Baad, da waren Nachmit­tag viel Leut, gerade die Stube voll, wenn 2 mer gewesen, häteman auf die Kammer zum Pater u. Peter müßen. So hat das Bublekum den undern Stok. Da wurde schön gesungen, aber von danzen war keine Rede. Um 6 Uhr war ich nach Hopfreben zu Jauko Marile ga über Nat sin. Und am Dinsttag bin ich heraus mit Leuten zum Heuen. Das war verhäxot zum heuen Du würdest doch ou lacho wia die Büro al Tag sähest sä grüßele springe. Um halbe 3 faut als a springo äs wio verrukt. Dau head i am frist i spring nio u. win äs schu altag scheucht. Den Peter hat man am letzten Mitwoch auf einem Pferd aus dem Bad gebracht, u. gegenwärtig ist Er ganz im Bet. Der Fuß ist Ihm wieder aufgebrochen es thut merkwirdig Eittern. Das Auer Dökterle spricht aus der Fuß müße abgestoßen werden.

    Aber auf das Gütterlemendle kann man nicht gehen. Denn das ist jetz im sprung es weist nicht ist es im Zipfel, oder im Sak. Es arbeitet fest darauf, wil sich einen unsterblichen Nammen erwerben. Es wil zwei Verein bilden in der schnelikeit. Wie es Dir bekant mit dem Katolischen Kaßina, über welches Dir der Körler beßer ausschlus geben kann als ich, ferner wil Es einen Krämerverein bilden das in der Gemeinde nur ein Krämer sein soll, u. die Wahren ganz bilich geben muß. Wie hoch dieses Mendle den Kopf trag solst Du gegenwärtig sehen. Beinahe alle tage lauf es durch unser Dorf. Aber bei n Mates Hüto u. Beters Stütze da läßt es den Stutzkopf ein wenig sinken. Antwort: Denn auf uns hat es ein neuen Zahn denn gute Leute haben Ihm zugetragen wie Du wohl weist, was wir im Bad über Ihn gesagt. Den letzten Tag als der Peter noch im Bad war, sei Es Fuchswild angekommen; da hab es die Maria gerufen u. habe gesagt; Es habe ein Mann zu Ihm gesagt, man habe da herinnen über Ihn loos gezogen, Sie solle Ihm sagen welches die bößten gewesen, die wolt es kanelen.

    Die Maria habe gesagt Sie habe nichts gehört was man denn soll gesagt haben. Ja man habe Ihm Güterle Mendle, u. neues Studeum zum Tittel gegeben. Und sollte Sie durchaus nicht le[i]den: Wofern es vernehme das über Ihn dahir geschimpft werde, u. Sie es nicht verteidige, So werde Es niemahls kommen u. die Bazenten besu­chen, u. Ihnen keine Kurgast mehr schiken. Ich wünsche das Dich, meine Sudlere in beßter Gesundheit antrefe. Und verbleibe Dein Dich unvergeßlicher.

    Schneider Josef Pius Moosb.

    Josef Pius Moosbrugger
    Au
    Franz Michael Felder
  • 12. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Deinen Brief vom 6ten d. hab ich gelesen, u. daraus ersehen, daß Du Dich in Leipzig sehr wohl befindest, was mich u. alle Unsrigen von Herzen freut. Wie es scheint bist Du im Geiste auch beim Heuen, aber das geht nicht so gut als Du Dir einbildest, es Regnet alle Nachmittage wenn man das Dürre aufnehmen sollte, da erwüscht es uns dann daß es eine Art hat. Du schreibst, Du müssest in Leipzig viel von den Bregenzerwäldern erzählen. Das scheint mir doch eine Ähnlichkeit mit jener Anektode von den 2 Wäldern im herrschaftlichen Stalle zu haben. Das von den Geistlichen in Au ein Katholisches Kasino gegründet wird, weist Du schon, doch könnte Dier etwas näheres intreßant sein, heute vor 14 Tagen wahr nähmlich die erste Zusammenkunft in der Krone in Au, ich u. Koarado Bub sind auch hinunter um zu sehen wie es da zugeht. Da wahren am „Ministertisch" die 3 Geistlichen von Au Dr. Dünzer u. der Vorsteher von Au als anregende u. leitende Personen gegen­wärtig. DerPfr. Birnbaumer hielteine lange Anrede andieziemlich zahlreiche Versammlung, in welcher er die Nützlichkeit, ja die Notwendigkeit, des zu gründenden Vereins klar u. überzeugend darstelle. Das Program ist gesellige u. bildende Unterhaltung, wissenschaftliche Vorträge gemeinschaftliche Zeitungen zu halten u. eine gemeinsame Bibliotek zu gründen, u. als letzten Endzwek ließ er deutlich heraus leuchten, daß die Kasinobrüder, unter der Fahne des Konservatismus auf dem Wahlfelde, gegen den Liebera­lismuß zu kämpfen haben. In dieser Rede sagte der Pfr. viel Zutreffendes von der Notwendigkeit der Volksbildung u.s.w. Aber die Lieberalen überhaupt nannte er Ante=Katholiken u. den Lieberalismus Ante=Christentum, da kann man sich denken was das für Folgen nach sich zieht, er hätte gründlich erklären sollen, wie er mit seinen Lieberalen verstanden sein wolte, dadurch hätte man die sogenannten Lieberalen in Au und Umgebung wenigstens in religiöser Beziehung nicht um das Vertrauen der Mitbürger gebracht. Doch das ist diesen Herren gleichgültig, sie müssen ja zuerst das Erdreich der Gemeinden auflockern um das Embrio der Zwiespalt hinein zu legen u. nachher, in dem sie zu helfen scheinen, blinde Kämpfer für ihre Parteiintreßen zu gewinnen. Es wurde dann ein profisorisches Comite aus 5 Mitgliedern, nähmlich Herr Pfr Birnbaumer, Herr Kurat Herzog, Herr Kaplan Sieber, Herr Dktr. Dünzer u. Herr Postmeister Gropper gewählt, das die Statuten zu entwerfen hat. Heute ist Statuten Beratung im nähmlichen Lokale. Nach dem dann die Statthaltereibewilligung eingeholt ist, erfolgt die Wahl zum definitifen Vorstande, u. ist der Verein ins Leben getretten. Merkwürdig ist, daß der Verein auf die Grundgesetze fußend, von der Päpstlichen Alocution verdammt u. die bürgerlichen Gesetze der Mitglieder nicht in die Bibliotek aufgenommen werden, noch besprochen werden dürfen, da nach dem schon ausgesprochenen Programme nichts vorkommen darf was gegen die Kirche oder von derselben nicht gebilliget ist. Die Alocution bringt eine große Verwirrung in die Leute. Herr Pfr. Rüscher setzte die Schoppernauer in Spannung, indem er am letzten Sonntage in der Kirche aus Bischof Rudegiers Hirtenbrief sagte, u. ihn wegen seiner Schärfe u. wahrhaft apostolischen Sprache lobte, er sprach die Hofnung aus, am heutigen Sonntage einen Hirtenbrief, über die neuen Gesetze, von unserem Bischof vorlesen zu können, wobei er dann, wenn etwas nicht recht verständlich sein sollte, Gelegenheit haben werde, es recht deut­lich zu Erklären, auf dieses hin erwartete man heute eine rechte Kraft Brühe; aber der, vergleichsweise, gemäßigte Thon, in wel­chem Gaßner Schrieb, legte eine Dämmung auf die polter Saiten u. so steht jetzt der bessere Theil wieder in normalem Zustand. Die Landeszeitung verhält sich sehr Regierungsfreundlich zu der Alocu­tion. Felders Verhandlung in Feldkirch wahr am 8 Juli, er wird Dir das Resultat selbst schreiben. In der Wahlangelegenheit ist noch nichts Öffentliches geschehen. Bär Mari hat am Freitag einen Engel gebohren, welcher heute in geweihte Erde Begraben worden ist. Deine Base Serafina ist gestern auch von Ihrem Leiden erlöst u. in die Wohnung der Seligen aufgenommen worden, deren Leichnam Morgen in der Ahnengruft beigesetzt wird. Sonst ist so viel ich weiß alles beim Alten, schaue nur Du die Herrlichkeiten u. Schönheiten des menschlichen Geistes recht an, damit Du uns wenn Du wieder kommst, recht viel zu erzählen weist u. bringe Reich u. Arm sauber Gedruckt mit nach Hause, damit wir uns an Deinem gelungenen Werke mit Dir erfreuen können. Es grüßen Dich meine Schwestern u. mein Bruder Josef freundlich, Johann Josef Sennet in der Alpe Oberen, und auch unsere Mutter läßt Dich grüßen und von Herzen Dein Freund:

    Joh. Kaspar Oberhauser.

    Kaspar Moosbrugger
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 10. Juli 1868

    Liebes Wible!

    Endlich ein Brief. Die Sehnsucht mit der ich ihn erwartete, zeigt wie sehr ich an Dir, an meiner Heimat hänge. Ich habe hier frohe Tage und schöne Abende erlebt. Ich war im Theater, hörte den Tannhäuser sah den Fiesko, schwelgte im Schützenhaus, erfreute mich an dem freundlichen Entgegenkommen bedeutender Per­sönlichkeiten: aber ich vermißte den erwarteten Brief und etwas wie Heimweh wollte mich ernstlich anwandeln. Heute wallfarte­te ich mit Zacharias zu einem Professor in Gohlis, aber ich war nicht recht im Gespräch. Auf dem Heimweg ging ich in ein Bierhaus, aber die Unruhe ließ mich nicht lange bei der Zeitung - es war die Allgemeine - sitzen. Ich eilte heim und fand endlich die Anweisung, eine Sendung von der Post zu holen.

    Nun athme ich wieder auf und setze mich gleich an den Arbeitstisch der Kinder um Dir zu schreiben und für die Freude zu danken, welche Du mir gemacht hast. Mein Leben hier ist wie im letzten Jahr nur daß ich jetzt mehr zu Hause bin und mich freier bewege. Der Himmel macht jetzt endlich ein freundliches Gesicht und ich bin viel im Freien. Gearbeitet wird nicht, nur gelesen, wozu hier genug „Stoff" vorhanden ist. Mit einer genau­en Schilderung meines Herumtreibens will ich euch die Zähne nicht wässern machen, sondern nur zugestehen, daß alles auch wieder sein Ende haben muß. Freilich ists mir noch nicht mög­lich, den Tag meiner Abreise zu melden, aber ich sehe ihn kom­men und es kann sein, daß schon die nächste Woche ihn bringt. Jedenfalls komm ich noch in diesem Monath und hoffe Dir auch noch den Tag oder doch die Woche bestimmen zu können. Willst Du mir bis Lindau entgegen [kommen] so schreibe gleich und sonst auch wenns nicht schon geschehen ist.

    Es wird schon der Wunsch laut, auch Dich einmal hier zu haben. O ich wollte das auch! Wie viel könnt ich Dir zeigen. Schon hier neben mir war Dir es interessant. Neben mir zeichnet Emi, das fleißige Kind, drüben hinter einer Büchermauer sucht Hildebrand alte Wörter, Vetter Karl der Große lernt, Hugo und Rudolf spielen im Garten wo ich zuweilen mit ihnen turne, draußen das Geräusch unzähliger Wagen, die durch die Turner und Windmühlenstraße Tag u Nacht dem nahen Bairischen Bahnhofe zufahren. Hildebrands Wohnung steht jetzt schon zwi­schen Häusern an einer beinahe doppelten Kreuzstrasse und mit der frühern Stille „is alle".

    Gestern war ich auf einem Ball im herlich beleuchteten Schützen­haus, wo Leipzig seine Feste feiert. Morgen ist Klubsitzung, über­morgen früh 3/4 5 Uhr fahren wir nach Thüringen. Am Montag wenn ich hier bin ist Studentenkneip und wir werden auf der Wartburg das Erdenelend beweinen.

    Nebenbei besuche ich Vorlesungen, das Museum, die öffentli­chen Bibliotheken u d g l und die Tage schwinden unbemerkt nur daß mich jeder reicher macht - aber freilich nicht an Geld. Ists da nicht genug wenn ich keins brauche. Die Reise nach Kößen wird für mich vielleicht verhängnißvoll sein, doch davon mündlich.

    Samstag den 11 Juli 1868

    Gestern Abends fand sich eine Gesellschaft in unserem Garten, wir scherzten plauderten und thaten alles Mögliche. Schließlich las ich - Deinen Brief vor und Du kannst mit der Aufnahme zufrieden sein. Die Damen u Dämchen u s fanden etwas helden­haftes in der Art wie Du Dich in meine Welt und in meinen Stil hinein gelebt hast und das ist es auch. Ich war des Erfolges zum Voraus sicher und es machte mir Freude, Dich so gewissermaßen frei einzuführen. Wenn Du nur hier wärst. Vielleicht wirds doch einmal möglich. Nun aber will ich noch geschwind an Oberhausers Kaspar schreiben. Lese den Brief und dann über­bringe ihn. Es grüßt Dich die Mutter den Uhrenmacher u Alle

    Franz Michel Felder

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Anna Katharina Felder
  • 10. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Vor allem spreche ich meine Wünsche und die Hoffnung aus, daß das hochkultivierte deutsche Geistesleben, in dem Du Dich nun bewegst, stärkend und läuternd auf Dich wirke und ein bedeutendes Mehr zu Deinem Selbst hinzugelegt werde. - Am letzten Montag bin ich mit meiner Theres und den zwei Kleinen wieder glücklich hier angekommen, wo wir die Isabell mit den ändern Familienmitgliedern im besten Wohlsein antrafen. Heute überraschte mich Uhrmacher Fel­der, der von der gestern in Feldkirch abgehaltenen Schluß­verhandlung gegen Wüstner kam. Dieser sei zu 6 Wochen Kerker verurteilt. Rößlewirt und Stülz seien leer ausgegangen. Dieser letzte Umstand war mir auffallend so daß ich den Felder ermutigte, sogleich die Berufung (Appellation) zu er­greifen, was er wegen Kürze der Frist sofort telegrafisch tat. Die Berufungsschrift wird ihm Adv. Jussel in Feldkirch anfer­tigen. Felder ist gleich Stuben zu abgereist, um über'n Tann­berg heimzukehren. Er sagte, daheim sei alles in Ordnung. Das Kasino in Au sei wie begründet. Bei der Vorversammlung vom 28. v. Ms. haben sich bei 40 Mitglieder unterzeichnet und sei beschlossen worden, die Schnepfauer und Schoppernauer auch beitreten zu lassen. Zu Komiteemitgliedern wegen Aus­arbeitung der Statuten seien die drei Auer Geistlichen, der Doktor und der Postmeister Gropper gewählt worden. Das Dökterle habe ich auf dem Rückweg von Bezau getroffen. Es erklärte unverhohlen, daß es für das Kasino sei, wurde aber ganz kleinlaut, als ich ihm meine Meinung sagte. Es soll sich, wie Felder sagte, in letzter Zeit geäußert haben, die Kasino­geschichte gefalle ihm schon nicht mehr. Zum Pfarrer bin ich am Rückweg nicht mehr, da ich gleich den Bergen zuwanderte. Die ganze Sache schien mir zu einer Einmischung nicht geeignet. Birnbaumer habe übrigens einen schönen Vortrag gehalten und namentlich nichts gegen Euch gesagt. ­Die Skizzen aus Vorarlberg (Gartenlaube) habe ich mit den Gesichtspunkten auf die Post gegeben. Letztere bitte ich dem Hildebrand zu geben und ihm zugleich meine Empfehlung und hohe Achtung auszudrücken. - Von Wien erhielt ich heute eine Einladung zur Mitarbeiterschaft am Telegraf (Organ des Kaisersfeld, Präsidenten im Unterhaus) und dessen Arbeiterblatt, das nach Inhalt der Einladung das „maßgebende Organ sämtlicher Arbeitervereine Wiens" ist. - Das Volksblatt wirst Du wohl von Lehrer Thurnher erhalten können, doch will ich dem Vonbank schreiben, daß er es Dir zuschicke. ­Jetzt regnet's in Österreich Proteste gegen die bekannte Allokution des Papstes, und wahrscheinlich wird auch ein solcher am nächsten Sonntag in Feldkirch gelegentlich der Konstituierung des liberalen Landesvereins vom Stapel ge­lassen. Schreibe bald wieder Deinem Freund  K. Moosbrugger

     

    Kaspar Moosbrugger
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 10. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Nach sehr langer Unterbrechung komme ich endlich dazu, wieder ein paar Zeilen an Dich zu richten, von denen ich hoffe, daß sie Dich in bestem Wohlsein treffen werden. Vor Joh. Jos. Felders eingesehenem Schreiben war ich dem Gerüchte gemäß der Mei­nung, Du weilest in jetzt zu Preusen gehörigen Ländern. Nachher habe ich in Erwartung der Entwicklung der Dinge, die da für mich kommen sollten, das Schreiben von Woche zu Woche verschoben. Du siehst, daß man wenigstens in Wien auch von Dir spricht, wirst wohl auch wissen, daß Du sogar Ehrenmitglied bist von Tiroler Verein in Wien. Die Vorarlberger sind in diesem dem Zwecke nach ganz löblichen Vereine so viel ich weiß nur durch Ehrenmitglieder vertreten, trotz aller Mühe der Tiroler, das Gegentheil zu erwirken. Der hauptsächlichste Grund dürfte wohl darin zu finden sein, daß die Vorarlberger zu jeder Zeit eine wohl schwer zu rechtfertigende Antipathie gegen die Tiroler zur Schau trugen, welche unseres Ländchens wegen sogar den projektirten Namen „Andreas Hofer Verein" aufgaben. Dann habe ich vernommmen, daß die thonan­gebendern Personen in höheren Kreisen zu sehr zu gefallen suchen. Mich haben die Verhältniße abgehalten einzutreten. Von den „Sonderlingen" zu sprechen, ist zwar schon wohl zu spät, doch glaube ich Dir wenigstens ein paar Worte auch jetzt noch schuldig zu sein. Mich haben sie sehr interessirt u. amüsirt. Die Sprache, besonders anfangs, gefällt mir besser als in „Schwarzo Kaspale". Wenigstens in Wien dürfte der Erfolg jedoch größer gewesen sein, wenn die Handlung u. Entwicklung spannender u. das Räsonnement weniger u. kürzer wäre. Eigensinn zweier Alten kann wohl in Wirklichkeit Verwicklungen u. Entwicklungen her­beiführen, für ein Buch, das nicht reine Geschichte ist, dürfte das aber vielleicht doch eine zu kleine Ursache sein. Trotz der sittli­chen Entpörung Franzen's hat vielleicht doch das Döcterle so ziemlich recht gehabt, wenn es die Leute als Producte der Verhält­niße auffaßte, wie dann später Franz allerdings selbst fast ganz zugiebt. Empfängnis, Geburt, anfängliche Erziehung u. Entwick­lung etc. ist wohl beinahe ganz Zufall. In entwickelteren Menschen bekämpfen u. modificiren sich allerdings dann gegenseitig Außen­verhältniße, Neigungen, u. der auf Erkenntniß (wirkliche oder eingebildete) basirende Wille. Den Menschen als einen frei walten­den Halbgott denken ist romantisch, aber wahr dürfte es nicht sein. Doch ist's sicher besser, wenn man sich für zu viel als zu wenig hält, insbesondere muß man in Lebensbildern sich über das Alltägliche erheben u. dem Idealen sich zuneigen. Siehst Du, da hat mich mein frei oder nicht frei entwickelter Geist schon wieder weiter gerissen, als er selbst anfangs wollte, er ist ein bischen in's Fahrwasser gerathen.

    Nur noch wiederholend, daß mir im Übrigen das Buch, besonders die Charakterschilderungen sehr gefallen hat, will ich mir selbst zum Beweise, daß ich denn doch freien Wille habe, in diesem Briefe über diesen Gegenstand kein Wort mehr reden. Nach kurzer Innehabung einer Hofmeisterstelle im letzten Herbst (da Frau u. Zögling gefährlich krank wurden) habe ich seither von Lektionen nicht all zu glänzend gelebt u. nebenbei Physik u. Mathematik studirt. Unter mehreren Stellen, die ich zu erreichen einige Hoffnung hatte, ist mir eine man kann sagen glänzende Stelle durch die Finger geschlüpft. Bei Graf Althan, Mitglied des preus. Herrenhauses war mir trotz einer Unzahl von Bewerbern von der sonst Alles vermögenden Frau die Erzieherstelle schon wie zuge­sagt, als gleichzeitig vom Herrn ein Gymnasial Professor aufgenommen wurde, der ihm sehr empfohlen war. 1200 fl jährlich, freie Verpflegung u. 600 fl jährliche Pension nach 4 Jahren waren die Bedingungen.

    So eine Stelle dürfte sich wohl schwer wiederfinden, sowohl in Bezug auf die materiellen Vortheile als auch aufs zu erwartende angenehme Leben während der Zeit.

    Die unerwartete Enttäuschung hat mich aber denn doch nicht so sehr angegriffen, als es manchem in meiner Lage geschehen wäre. Mein so oft u. lang herumgeholperter Schicksalskarren hat auch die Haut schon ein wenig unentpfindlicher gemacht. Ob das bischen Leben der Zukunft nun ein wenig angenehmer ist oder das Gegen­theil, was liegt denn gar so viel daran? Der Gedanke an [Drappen-] fleisch trägt viel zu meiner gegenwärtigen u. wie ich hoffe auch zukünftigen Zufriedenheit bei.

    Hast Du nicht Lust mit dem Felder Joh. Jos. das Schützenfest in Wien mitzufeiern? Mich würde es sehr freuen Dich hierzu sehen u. zu sprechen. Ich hoffe bald, wenn es nicht mündlich sein kann, doch wenigstens schriftlich wieder etwas von Dir zu vernehmen. Unterdessen bitte ich Dich beiliegendes Briefchen zu übergeben u. den Deinen, meiner Mutter u. Bekannten meine herzlichsten Grüße auszurichten. Dich vielmals grüßend

    Dein Freund Franz Jochum

    Franz Xaver Jochum
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 9. Juli 1868

    Nachschrift

    Es scheint, daß meine Briefe nach der Heimat und die von dort wieder zum Teufel gehen wie im Letzten Jahr. Sei also doch so gut, gleich - augenblicklich an den Uhrenmacher Felder in Schoppernau folgendes zu schreiben, oder dieses Blatt zu über­senden. Ich habe schon mehrere Briefe nach Schoppernau geschickt und noch keine Antwort erhalten. Ich wünschte Nach­richt von daheim und wünschte das alte Passionsspiel, welches ich vom Heuer habe, zu erhalten.

    Man soll mir doch schreiben aber den Brief eigens auf die Post geben und das Passionspiel auch. Etwas werd ich dan wol bekommen.

    Solltest Du es vorziehen, an meine Frau zu schreiben so adres­siere den Brief: An Franz Michel Felders Wible in Schoppernau, damit der Bothe Simplicisimus Bescheid weiß. Ich hoffe daß doch daheim nichts fehlt und eben darum ists mir unbegreiflich, daß das Wible nicht schreibt u die gewünschte Schrift nicht schickt. Ich wollte sie am Sontag einer gelehrten Gesellschaft vorlegen. Ihr Besitzer soll sich keine Sorgen machen, daß er darum um seine Sache kommt.

    Sei so gut, mir den Inhalt dieses Blattes zu übermitteln u frag allenfalls auch auf der Post nach.

    Mit Gruß

    Dein Freund

    Felder Windmühlen

    29 bei Dr Hildebrand in Leipzig

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Josef Feuerstein
  • 7. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Ich werde nun eilen müssen, daß mein Brief Dich noch in deiner Heimat antreffe. Sonst kam ich wol noch nicht zum Schreiben. Ich komme wenigstens nur selten dazu und wenn ich einmal festzusit­zen meine, werde ich gleich wieder auf die angenehmste Weise unterbrochen. Du aber sollst nun Deinen Brief haben weniger weil ich viel Besonderes weiß als um auch von dir eine Antwort zu bekommen. Mein Reisebericht muß leider kurz werden, obwol es viel des Interessanten zu melden gäbe, was ich für einen der schönen Abende zurücklege, wo wir wieder mitsammen plaudern können. In München traf ich Feurstein war in seiner Wohnung und verdanke seiner Freundlichkeit einen schönen Tag. Am Sonntag flog ich von dort bis Leipzig und seitdem bin ich hier. Leider will das Wetter bisher größere Spaziergänge nicht begünstigen dafür aber komme ich um so mehr in der Stadt herum. Auch die beiden Gesandten der Turner in Dornbirn, Luger und den Lehrer Thurnherr hab ich endlich gefunden. Die beiden scheinen sich gegenseitig satt bekommen zu haben denn jeder ist alein abgereist. Thurnherr war es auch, der die herrlichen Artikel über Leipzig ins Volksblatt schrieb. Mir wich er scheu aus, während Luger sich an uns anzuschließen suchte. Hier ist viel von den Zuständen unseres Vaterlandes die Rede. Die Leute hier stehen unseren Zuständen so fern, daß man mit den neuen Gesetzen schon alles gewonnen glaubte. Nun kommt der hinkende Bothe. Doch ich soll nicht über Kirche und Staat, sondern einen schlichten Bericht von meinem Hiersein schreiben. Aber wo anfangen. Der Verkehr mit Gleichstre­benden thut mir wol. Daheim muß ich einen großen Theil meiner Kraft verwenden, mich in mich selbst zu verschließen und unemp­findlich zu scheinen auch wenn mich etwas recht schmerzlich trifft. Daß ich aufthauen konnte, kam selten vor. Doch zuweilen, z. B. wenn ich bei Dir bin, ists auch der Fall und dagegen giebts auch hier genug solche Kreise wo ich es nicht kann. In etwa 14-20 Tagen denke ich in meine Heimat zurück[zukeh­ren]. Wärsda nicht möglich, daß wir, wenn du von Wien kommst, in München zusammen träfen und mitsammen heimführen? Ich bitte, mir Genaues darüber zu schreiben. Um deine Reise nach Wien beneide ich dich ordentlich. Ich möchte schon auch einmal hin, doch nicht zu einer Festzeit, wo alles aus dem Gleis kommt. Wenn du Keßlern triffst, so frag ihn doch, warum er mir nicht mehr schreibe. Bergmann laß mir grüßen und alle die mir etwa nachfra­gen sollten. Mein Roman wird jetzt gedruckt. Ich werde schon etwas davon mitbringen. Dein Plan übrigens bei uns in deinem Verlag so kleine Volksschriften herauszugeben, gefällt mir immer besser, jemehr ich mir auch ins Geschäftliche einen Einblick verschaffe. Wir müssen jedenfalls von der Sache reden. Leipzig hat sich seit letztem Sommer bedeutend erweitert. Das Johannisthal wird immer mehr verbaut. Die Kluft zwischen arm und reich, gelehrt und ungelehrt ist hier viel, viel größer als bei uns und fast vergeht einem die Hoffnung, daß sie bald gelöst werde, jene Frage, die ich für die wichtigste halte und in der ich alle ändern sehe. Überhaupt scheint mir, ob man in unseren Bergen viel muthiger, hoffnungsvoller bleiben könne, als da, wo man entweder nur den glatten Boden und die sorglos hintanzende Menge oder nur den gähnenden Abgrund mit seinen Verlorenen sieht. Doch davon mündlich mehr und viel viel.

    Herzlichen Gruß und Handschlag allen in und außer unserem Verein die für Selbständigkeit und wahre Befreiung unserer wak­kern Landsleute wirken. Besonders auch den Kristian, Greber in Au Reinhardt und natürlich auch Deiner Frau.

    Ich erwarte bestimmt ein Schreiben von Dir zu erhalten und recht viel zu erfahren. Meßnern würde ich auch grüßen lassen, aber der könnte es so deuten, ob ich ihn an die versprochene Pfeife mahne und das will ich nicht - sag es ihm nur - obwol ich gestern die Meine zerschlug und heute eine Neue kaufen muß. Lebe recht wol. Es grüßt Dich    Dein Freund

    Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Josef Feuerstein
  • 6. Juli 1868

    Liebes Wible!

    Heut hab ich einen Brief so bestimmt erwartet, daß mich Langweile plagt weil keiner kam. Freilich kanns an hundert Dingen liegen, aber ich erwartete nun einmal den Brief. Du soll­test mir über viele liebe Kleinigkeiten berichten. Ich lebe hier frisch, fromm, fröhlich, frei, und Du brauchst Dich um mich nicht zu ängstigen sondern kanst und sollst lachen, wenn um den Saubratenbedeckten Tisch sitzend von einem Luxus geredet wird und das Kohlerle seine Witze macht, während Sprenger ganz verstohlen, daß es die Mutter nicht merke, dem Filax ein Stück Brod zuwirft. Ach es wird mir ganz eigen wenn ich an den letzten Winter denke und an das, was wir zusammen durch­machten während ich mich alein kaum noch vor die Hausthür wagte. Wärst Du doch auch einmal in freier Luft und könntest aufathmen von all dem Elend! Aber Du hast deinen Jakob, und ich hab nicht einmal mehr Platz hier für alles, was Du jetzt zu versorgen hast.

    Was machen sie doch. Grüße sie mir alle und sag ihnen, wenn sie am Herrd um Dich herum stehen, daß ich noch oft an sie denke und mich genau erkundigen werde, ob sie artig gewesen sind. Wie bald ich komme, kann ich noch nicht genau bestim­men. Jedenfalls denk ich in einem Monath daheim zu sein. Ich wollte Dir erzählen, was alles ich hier treibe, doch dazu bleibt keine Zeit. Also nur Allgemeines: Im Klub fühle ich mich heimi­scher als im letzten Jahr. Ich fühle, daß das Zusammenleben u Wirken überhaupt ein Innigeres ist als im letzten Jahr. Alle Mitglieder thauen da auf und der Rößlewirthin würde auch vor Hildebranden nicht mehr so bang werden, als da er in ihrem Herrenstüble saß. Letzten Samstag las er uns, was Platter vor 200 Jahren von seinem Gaißbubenleben erzählt. Ich war entzückt. Der Heimweg hätte 2 Stunden weit sein sollen. Es war wieder, wie ichs den Winter hindurch oft schilderte und in meinen Träumen wieder erlebte. Mondschein am großen Himel, kräftiger deutscher Gesang und zwischendurch konnte man von Herzen reden. Du weißt wie gern ich das thäte und wie schlimm es ist, wenn man seine beste Kraft dazu verbrauchen muß, wie nach allen Seiten gepanzert da zu stehen unempfindlich zu scheinen, oder kalt über die Dumheit seiner Quälgeister zu lachen. Offen gesagt: Ich hatte schon in München den ganzen Schmarren über Bord geworfen und mich davon gemacht. Aber da kommt mir unser Weltsblatt in die Hände und nun ist alles wieder da. Morgen will ich aber wieder deutsche Zeitungen lesen, oder bei dem gefundenen Spruchschatz verweilen.

    Von meiner Reise bis Bezau wird Dir Kaspar erzählt haben. Stettner in Lindau wünscht, daß Du mir bis zu ihm entgegen käm­mest, aber da das Bruggmüllerle nicht mehr lebt wirds schwer zu machen sein, außer wenn Du in Bezau beim Feurstein das erste Mal übernachten wolltest. So eine kleine Erholung gönnte ich Dir so gern, wenn es zu machen wäre und ich bitte, mir davon zu schreiben. Aber bald!

    Am Sontag fahren wir nach Kößen und von da werde ich viel­leicht nach Weimar dampfen. Ich freue mich recht auf diesen Ausflug der mich wieder zu lieben Bekanten bringen soll, während Rüscher euch prediget. Übrigens gehe ich auch hier zuweilen in die Kirche so z B vorgestern in die Motete. Sogar meine beiden Vorarlberger hab ich mitgeschleppt was mir der frome Thurnher, ein Vetter des Vielgenannten wol nie vergeben wird. Beiliegenden Brief an den Schneider sollst Du ihm bald zusenden, daß er mir am Sontag die versprochene Antwort schicken kann. Ich hoffe und wünsche, daß ihm die Badkur so gut anschlug wie mir. Ich bin recht gesund wie ich es seit einem Vierteljahre nicht war. Sage dem Mösler, es seien Bretter für ihn beim Vorsteher Albrecht bestellt und er möge sich mit diesem in Oberhausers Gegenwart oder alein vereinbaren.

    Der Mutter und allen die herzlichsten Grüße meiner Freunde, besonders von Deinem

    Franz Michel

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Anna Katharina Felder
  • 6. Juli 1868

    Beiliegende Briefe sind für Herrn Wible!

    Lieber Freund!

    Vor allem herzlichen Glückswunsch! Daß nämlich das Heu trok­ken und schon untergebracht wurde und auf den abgemähten Stumpen das Grumet so üpig aufschieße wie die katholischen Kassino in Vorarlberg. Du siehst, daß ich auch hier das Volksblatt lese - nur um in Leipzigs freier Luft mich nicht allzusehr zu verwöhnen und die düstere kalte, gesalzene Wirklichkeit ganz zu verduseln. Gesalzen heiße ich diese Kassinos, weil sie durch einen Badenser, Nahmens Häring entstanden sind. Dir schmecken wol Häringe? Ich aber kann Häringe selbst mit Kartoffeln nicht verdauen und danke Gott jeden Morgen vor dem Aufstehen, daß er mich in der Häringsreichen, Erdäpfellosen Zeit da heraus führte. ­Ich verlebe hier herrliche Tage. Schöne Tage kann ich sie nur darum nicht nennen weil der Himmel meistens trüb ist. Trotzdem gehe ich fleißiger aus als im letzten Jahr, so daß meine Stiefeln schon alle zu werden beginnen. Zum lieben Glück giebts in Leipzig mehrere Schuster. Überhaupt wohnen viele Leute hier und unter denen auch manche, die mir wohl wollen. Den beiden Abgesand­ten des Dornbirner Turnvereins war es erstaunlich, daß man sie so oft über mich fragte. Der eine der Beiden ist ultramontan und gab mir das Volksblatt, der Zweite ist liberal und gab mir eine Schilde­rung des Ersten. In diesem Geben scheinen sich mir unsere beiden Parteien zu spiegeln. Schließlich entzweiten sie sich zum Theil auch meinetwegen. Der Fromme ist gestern, der Liberale heut Vormittags nach der Heimath zurück.

    Ich verkehre meistens mit Mitgliedern unseres Klubs. Zu schriftstel­lerischer Arbeit hoffe ich wieder zu kommen während mir die Stiefel geflickt werden.

    Der Druck von Reich und Arm hat begonnen und ich freue mich an der Arbeit. Daß ich im neuen Theater war kannst Du Dir denken. Ich hoffe, bald einmal wieder dorthin wallfahrten zu können, nämlich wenn ein klassisches Stück gegeben wird. Am liebsten möchte ich schon Goethes Faust sehen. Jetzt hab ich mich etwas hinter Hildebrands Bibliothek, besonders hinter seine Sprichwör­tersammlungen gemacht. Das ist ein Schatz von Weisheit und kräftigem Humor, an dem auch Du Deine Freude haben würdest. Nebenbei sehe ich aus den Zeitungen, daß es bei uns noch immer happert. Du gehst wol zum Schützenfest, aber es wäre doch möglich daß wir uns in München träfen. Schreib mir einmal darüber. Weißt Du auch daß die Wälder als Ehrengabe einen SOpfündigen - Käs als Ehrengabe nach Wien schicken wollen. Ich war allerdings mit meinen Freunden dagegen. Eine gestickte Fahne mit den deutschen Farben hätte viel besser gepaßt. Heut erwartete ich einen Brief vom Wible. Es ist aber keiner gekommen. Nun Morgen doch, und dann bald auch einer von Dir. Ich muß hier so viel aus meiner Heimat erzählen, daß sie mir immer gegenwärtig bleibt. Dem Vorsteher u. K Oberhauser bringe meinen Gruß u. diesen Brief. Daß das, was ich mit dem Pfarrer von Au u Herzog gründen wollte, und das nun allem nach gegründete Kassino zwei grundverschiedene Dinge sind, werdet ihr einsehen. Ich hoffe und habe fast ein Recht zu erwarten daß Männer sich an der Sache nicht betheiligen, aber auch nicht durch Opposition die Gegner darauf aufmerksam macht. Wenn Ihr Euch klug und still haltet, wird kein Tüchtiger in die Falle gehen, durch Lärm treibt man wenn auch nicht den Kern so doch die Menge geradezu hinein.

    Daß Du gleich zum Wible gehst und ihm diesen Brief zeigst, versteht sich wol von selbst. Daß in der Wahlsache strenge Untersuchung vom Oberlandesgericht angeordnet ist, braucht Ihr Niemandem zu sagen. Schreibe bald, ja gleich Deinem Freund

    F M Felder

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Johann Josef Felder
  • 5. Juli 1868

    Liebes Mindle!

    Ich habe Deinen Brief nun wieder, u. zwar aus Bedürfniß, ich weiß nicht zum wievieltenmale gelesen, u. herausgefühlt, das Du den Staub schon zimlich abgeschüttelt von den Schuhen, weil der Boden wo Du stehst Dir heiliges Land ist. Du kannst Dirdenken daß ich sehr erfreut darüber bin, Dich wohlerhalten u. gesichert bei lieben guten Menschen, - in Deinem Elemente zu wissen. Ich begleitete Dich stets auf Deiner Reise, u. es ist mir Morgens das erste, u. Abends das letzte Denken, was Du wohl machen werdest? Heute bei der wunderbar schönen Präfacion fiel mir ein, daß Du gestern doch gewiß im Protestantischen Gottesdienste dem herr­lichen Gesänge u. der Göttlichen Musick gelauscht, u. bei den schönen Mondschein Nächten auf irgend einer Gondelfarth oder einem Spaziergang ins Rosenthal Dich diese Himmlischen, Musick u. Gesang, begleiteten. Genieße auch für mich! Es war mir anfangs in Minuten des alleinseins so öde, u. es freute mich wieder das enge Hüttchen vollgestopft mit Menschen, die Rührigkeit u. Thätigkeit forderten. Donnerstag abends kam Kaspar sehr begeistert u. lob­spendend wegen des Vereins u. seiner Vorstände nach Hopfreben, u. brachte mich ein wenig ins Feuer, mit der Anfangs unbegreif­lichen Neuigkeit, daß der Doctor Agent eines katholischen Vereins sei. Thatsache ist, daß der im Entstehen Begriffene Verein, von dem daß Volksblatt schon vor 14 Tagen als entstanden sagte, schon seine erste Versammlung am 29 hatte, wo Herr Pfarrer Birnbaumer in einer Stunde langen Rede auseinandersetzte, wie Nothwendig dem Volke Bildung sei. Also auf einmal wollen sie Bildung. Welche Veränderung! Aber nicht Schäbig? Darüber wird Dir Oberhausers Kaspar ausführlich schreiben, der sammt dem Uhrenmacher Auge u. Ohrenzeuge des Vorgefallenen war. Am 8 d ist die Schlußverhandlung der Stiefelhelden Angelegenheit, wo der Uhrenmacher selbst zu erscheinen gedenkt, wenn nicht das schreckliche Sauwet­ter ihn zurück hallt, daß gewiß auch dem Kaspar Malheur macht, mit seiner Familie Krumbach zu verlaßen, wohin er vordem Samstag abging.

    Ein Grazer mit unaussprechlichem Namen hate Dich Gestern besuchen wollen, u. bedauert Dich nicht zu treffen. Von der Allokution des Papstes wirst Du auch zur Erbauung gelesen haben, u. auch unser Bischof hat ein Schreiben erlaßen über die Confessio­nellen Gesetze vom 25 Mai 1868. Es scheint das unsere Geistlichen Vorgesetzten keine stummen Hunde sind, u. ihr vermeintlich gutes Recht, u. somit die Gewalt aus den Händen lassen wollen. Essoll u. muß gehen mit der Errichtung von Cassinos damit sie ihr Volk, wie sie sagen, auch Politisch Gebildet haben bis zur Zeit der Neuwah­len. Neuigkeiten weis ich keine zu schreiben, u. will daher aufhören, weil es mich an die Finger friert so daß ich mich nach einer warmen Stube sehne, von wo aus es angenehmer ist in die grauen Wolken u. seit 2 Tagen [unaufhörlichen Regenströme hinauszuschauen. Geheuet ist noch nichts, u. wir können deßwe­gen mit Muße von Hopfreben ziehen. Ich habe in der Mühle gerechnet, wo man 24 M Mehl aufgeschrieben hatte. Ich sagte daß ich gewiß wüßte daß wir alles Bezalt haben, da ließ man es dahingestellt ob Du auch daßelbe im Kopfe habest. Schreibe mir welches. Es grüßt u. küßt Dich vilmal Dein

    Wible Anna Katharina Felder

    Auch glaube den rechten Band gewählt zu haben. Den Titel Trauerspiel haben zwar alle, u. sind schön geschrieben. Aber Du willst sicher den Urtext einer Antiquität.

    Anna Katharina Felder
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 2. Juli 1868

    Lieber Freund!

    Die Reise wäre nun wieder glücklich überstanden. Sie war mir in mancher Beziehung sehr interessant, und ich würde mit genauem Berichte den Brief schon schwer genug machen können. Das Wetter war erwünscht kühl, und ich kam am Sonntag abends wohlbehalten bei meinen Freunden im Bahn­hof an. Die alten Bekannten hab ich wieder gefunden und auch neue, die mir mit Wärme entgegenkommen. Ich fühle mich hier viel heimischer als im letzten Jahr und lebe ganz behaglich, nur bedauernd, daß das schlechte Wetter häufi­geres Ausgehen hindert. Hildebranden finde ich sehr leidend. Ich glaube, ein Leben, wie wir es in Hopfreben hatten, würde ihm sehr wohl tun, aber er sorgt mehr fast für andere als für sich. Hoffen wir, daß es besser wird.

    Von ,Reich und Arm' hab ich gestern den ersten gedruckten Bogen gelesen. Es nimmt sich nicht übel aus. Hirzel ist in einem Bade, ich habe daher nur seinen Geschäftsführer spre­chen können. Bedeutende Erhöhung des zugesagten Honorars scheint schwer durchgesetzt werden zu können.

    4. Juli

    Bei meinem Schreiben werde ich stets und auf die ange­nehmste Weise unterbrochen, so daß ich an schriftstellerische Tätigkeit gar nicht denke. Ich streiche mehr herum als im letzten Jahr. Gestern abends hab ich den Lehrer Thurnher von Dornbirn getroffen. Er mit seinem Volksblattblut scheint sich doch nicht recht eingeleipzigert zu haben. Luger fühlt sich schon eher daheim, obwohl der keine Artikel fürs Volksblatt schreibt. Ich sehne mich nach schönem Wetter, welches Spa­ziergänge erlaubt. Das aber ist auch alles, was mir augenblick­lich fehlt. Mitunter besuche ich die Universität. Gestern hörte ich Wutke über 1848, heute Minkwitz über Literatur, morgen vielleicht eine protestantische Predigt. Aber was brachtest Du noch zusammen? Wie steht's mit dem Kasino, was macht das Dökterle und wie kämet ihr nach Bludenz? Über das alles möcht ich hören. Hier ist so viel die Rede von meiner Heimat, daß mir alles gegenwärtig bleibt.

    5.Juli

    Gestern abends hättest Du dabei sein sollen! Es war der erste Spaziergang des Klub. Hildebrands Vortrag aus Platten [soll wohl heißen: Platen] rührte mich und zauberte mich in eine herrliche Welt. Dieser Abend dürfte meinem nächsten Werke zugute kommen. Der Heimzug mit Gesang ersetzte mir die Prozession, die heute in Schoppernau gehalten wird. Am nächsten Sonntag ist Vogelweide ausgeschrieben. Ich freue mich recht auf die Reise ins Thüringer Land. Vom Schützenfest weiß man hier nicht viel, von unserm Sängerfest natürlich nichts. Sei doch so gut, mir das Volksblatt vom 1. Juli ab und für den ganzen Monat zu besorgen, da Du doch mit Vonbank bekannt bist. Ich vergaß es in Bregenz, und hier hab ich keine Banknoten. Schreibe bald.

    Mit Gruß und Handschlag                       

                           Dem Franz M. Felder.

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Kaspar Moosbrugger
  • 29. Juni 1868

    Liebes Wible!

    Du hast nun schon gesehen, daß ich glücklich am Ziel meiner Wallfart anlangte. Gerade wie ich annahm nämlich gestern Abends flog ich von Reichenberg da herunter und wurde von Hildebrand und den Seinen aufs freundlichste empfangen. Die Reise war sehr interessant, sie hat mich weit weniger als im letz­ten Jahr ja sie hat mich eigentlich gar nicht angegriffen. Geschla­fen aber hab ich doch heute bis 1/2 9 Uhr, dann gefrühstückt und nun ists meine erste Sorge, Dich etwas von mir wissen zu lassen. Ich kann ja dann immer noch in der Stadt herumgehn.

    Man sagt vom Staub der städtischen Strassen, von ungesunder Luft u d g l, ich aber muß schon gestehen daß mich die Luft, die ich hier einathme, wieder frisch und frei macht. In München wars noch nicht so und nun wirds mir ganz klar, daß es denn eigent­lich nur die Gesellschaft ist was den Menschen hebt oder nieder­drückt. Die Besten unter den Unsrigen verbrauchen ihr Lebens­mark, um den Druck krankhafter Verhältnisse von sich abzuwäl­zen so gut es geht und in Stunden der Erholung, in denen sonst noch das Schönste zu erblühen vermöchte können sie nichts Besseres, als eben gänzlich aus der Rolle fallen die sie fast wie eine Last empfinden und die ich daher kaum Beruf zu nennen wage.

    Aber warum, wozu sag ich Dir das? Die Mauer muß fallen zwi­schen uns und der Welt, und von hier will ich mir Muth und Kraft holen auch fürderhin an der Brücke zwischen uns und der Welt zu bauen, von der ich schon gesagt habe. Es macht mir wirklich Mühe niederzuschreiben was ich eigentlich möchte. Dreimal bin ich dabei unterbrochen worden, zuerst von Dr Meißner, der zu meiner Begrüßung herüber eilte, sobald er eine freie Minute gewann. Hugo der gestern im Traume mir schon sein Grüß Gott mit wunderbar klangvoller Stimme entgegen rief, brachte mir Nr 21 der literarischen Blätter von Rudolf Gottschall, die einen recht trefflichen Artikel aus Gottschalls Feder über meine Sonderlinge brachten. Das ist das Erste äußere Ereigniß in Leipzig und ich bin in der Stimmung, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen. Ich las ihn mit Vergnügen, setzte mich dan wieder zum Schreiben und wollte Dir das Ereigniß melden, da kam aber Lipold mit dem ich mich bis jetzt unterhielt.

    Von meiner Herreise gab es viel des Interessanten zu berichten, aber es scheint, daß Du lang auf den Brief warten müßtest, wenn das alles auch noch mit hinein sollte. Drum jetzt nur ganz kurz, von Bezau weg. Das Gericht in Bregenz hat mir Mittheilungen über den Stand der Wahluntersuchung gemacht. Es ist möglich, daß mich die dumme Geschichte nur zu bald wieder in die Berge ruft u in neue Händel verwickelt. In Lindau war ich Nachmittags bei Stettner, der auch Fräulein Rohner und 8 von Rorschach von Bregenz meiner Anwesenheit zu Ehren holen ließ. Nun, eifer­süchtig brauchst Du denn darum nun nicht zu werden.

    Abends fuhr ich mit dem Güterzuge durch die herrliche Landschaft am Alpsee und kam 11 Uhr in Kempten an. Im Hasen war ich gut aufgehoben u am ändern Tage fand ich vor der Abfahrt nach Augsburg noch Zeit, die Stadt zu besuchen. Um 1/2 4 Uhr Nachmittags war ich in München, wo ich gleich den Bild­hauer Feurstein durch einen Dienstmann holen ließ. Wir durch­streiften die Stadt ins Kreuz und die Quere und blieben endlich im englischen Garten hängen wo gerade Konzert war. Zum Unglück saßen wir neben einem Ehepaar, welches vor 2 erwach­senen Kindern einen Hauskrieg ausfocht. Mir wars ob ich eine tiefe böse Wunde bluten sehe. Ich träumte sogar davon.

    Am Samstag blieb ich in München. Feurstein war mein Führer. Gestern früh 1/2 6 Uhr fuhr ich gen Regensburg hinauf in kurz­weiliger Gesellschaft. In Regensburg mußten wir auf den Abgang des Eilzugs warten. Das Entgleisen eines Wagens hatte die Bahn 1500 Schritte weit aufgerissen. Menschenleben sind bei dem Unfall keine zu beklagen. Es hätte aber noch schlimm gehen kön­nen, weil alle Züge hin und her auf der ganzen Linie aus der Fahrordnung kamen und nun das Versäumte wieder einholen wollten. Uns wurden 2 Lokomotiven vorgespannt, die schnoben wie wüthend und ich erfuhr nun was schnell fahren heißt. Ich flog nun über Schwandorf, Eger usw. Auf dem Dach des Wagens rasselten Hagelsteine aber meine Gemüthsruhe war doch so groß daß die Mitreisenden mich im Leipziger Bahnhofe weckten, da ihnen mein Verbleiben im dunkeln Wagen auffiel. Nun frohes Wiedersehen, Hildebrand ist noch der alte und meint es so gut mit mir. Hirzel ist wegen Kränklichkeit in einem Bade. Doch reich und arm wird schon gedruckt und ich soll noch heute den ersten Bogen sehen.

    Und so beginnt nun mein Leipziger Leben. Sage meinen Freunden, sie sollen meinetwegen außer Sorge sein aber um so mehr an unsere Sache denken. Mit der Gründung eines katholi­schen Kasinos in Au hat man nur auf meine Abreise gewartet. Wenigstens hat, wie ich gewiß weiß, das Dökterle dann gleich dafür agitiert.

    Du siehst ich habe meine Heimath noch nicht vergessen. Ich stelle mir lebhaft vor, wie nun Morgen im Schalzbach Dungtag ist und daß ich am Sonntag den Himmel tragen sollte. Ich vermache diese Ehre dem Schmied und bitte Dich, es ihm schon am Sams­tag zu sagen. Meinen Freunden kanst Du diesen Brief lesen, der Uhrenmacher - ich laß ihn grüßen u Hildebrand auch soll das Gütterlimännchen nun Kasinomännchen heißen.

    Nächstens mehr denn ich werde erwartet. Herzlichen Gruß euch allen. Lebe wol und gedenke Deines

    Franz Michel

    Franz Michael Felder
    Leipzig
    Anna Katharina Felder
  • 21. Juni 1868

    Liebster Freund!

    Auch ich will Dir nur in Eile diese Zeilen schreiben, da ich schon mit dem Zusammenpacken für die Reise, oder viel­mehr mit Ordnen dessen beschäftigt bin, was ich hier zu­rücklassen muß. Deinen Brief samt Einlage hab ich erhalten und in 8 Tagen will ich Dir mündlich für Deine Bemühungen um mich und meine Arbeiten danken. Ich denke nämlich etwa bis Dienstag oder Mit[t]woch nach Bezau, am 2 ten Tag bis Lindau, wo ich bei Stettner bleiben kann, dann bis Mün­chen, wo ich einen Bekannten zu treffen hoffe, einen Bild­hauer, der sich schon auf meine Ankunft zu freuen vorgiebt-: Er ist von Bezau.

    Am nächsten Sonntag den 28 d M Abends mit dem Reichen­berger Personenzug denke ich in Leipzig einzutreffen. Sollt ich doch noch früher kommen, so will ich es von Reichenberg aus melden. Es ist möglich daß Du schon Sonnabend einen Blitzbrief von mir bekommst. Am Sonntag komme ich aber auch unangekündet jedenfalls, wenn alles gehörig seine Wege geht. Lieb ist es mir, wenn ich nun selbst eine Corectur meines neuen Werkes lesen kann. Es scheint zu gehen, wenn Hirzel mit dem Drucke gleich beginnen läßt. Über das Ho­norar können wir immer noch sprechen. Ich hab mit meinem Schwager eine schöne Woche erlebt. Der Gute wird mich etwa bis Bregenz begleiten. Auch seine Frau ist bei uns in dem engen Hüttchen zu Hopfreben. Er und Sie lassen Dich freundlich grüßen. Ich werde in Leipzig dießmal auch einen guten Bekannten treffen, mit dem ich schon frohe Stunden hatte, als ich vor einem Jahr im Schrök­ken auf Dich wartete.

    Doch genug des Geplauders damit der Brief nicht zu spät zum Bothen kommt. Dem Klub, allen Freunden und beson­ders den lieben Deinigen herzlichsten Gruß. Auf ein recht glückliches Wiedersehen freut sich Dein

    Franz M Felder

    Rudolf Hildebrand
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 18. Juni 1868

    No 720

    Dem

    Herrn Franz Michael Felder

    in

    Schoppernau

    In Folge hoher oberlandesgerichtlicher Weisung ist dieses Gericht zur Erhebung und Verfolgung jener ungesetzlichen strafwürdigen Vorkommenheiten, die sich gemäß Ihrer Anzeige beim k k Kreisge­richte Feldkirch vom 3' Feber d Js. gelegentlich der versuchten Gemeinde Ausschußwahl am 26ten Jänner zugetragen haben, allegirt worden.

    Zur Beförderung der Angelegenheit ist sehr daran gelegen, in die Kenntniß zu kommen, welche Personen als Beschuldigte und Zeugen vorzuladen sein werden.

    Wollen Sie daher ein Verzeichniß der Betreffenden mit so genauer Bezeichnung, daß eine Verwechslung möglichst vermieden wird, wenn thunlich umgehend anhier senden. K. K. Bez. Gericht Bregenz am 18. Juni 868

    K.K. Kreisgericht
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 17. Juni 1868

    Liebster Freund,

    Heute wieder in Eile, weil der Brief noch vor 7 Uhr zur Post muß. Nur die Meldung daß Hirzel Reich und Arm gleich zu drucken bereit ist, damit es im Herbst ausgegeben werden kann; und zwar zu denselben Bedingungen, wie die Sonder­linge. Dann Inliegendes als erste Hälfte zu Deinem Reise­gelde. Sächsisches Papiergeld bin ich ja in Au losgeworden, so kannst Dus wol im Nothfall dort auch wechseln. Nach einer ganz neuen Verfügung wird aber sächs. und preußisches Papiergeld auch auf bairischen Posten und Eisenbahnen (Staatsbahnen) angenommen. Du übernachtest in München doch wol im Stachus? Nimm Dich nur recht in Acht auf den Bahnhöfen. Grüß mir die Deinigen, auch Deinen braven Schwager herzlich, und Feuerstein nebst Frau, die Du doch wol noch siehst,

    auf fröhlich Wiedersehn hoffend Dein R. Hildebrand.

    NB. Einen Hut kauf Dir nicht etwa, ich hab wieder einen für Dich.

     

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 10. Juni 1868

    Lieber Freund!

    Ich weiß nicht, ob Dich mein Brief noch in Schoppernau antrifft, oder nicht, allein dessenungeachtet will ich Dir nun doch melden wie ich mich befinde.

    Meine L.Verhältnisse sind jetzt ganz erträglich, ich habe Arbeit u. dabei zu leben. Durch mein neues Verhältniß zum Strolz als Theilhaber, bin ich sogar gezwungen, wenn es mir nicht sonst Freude machte, vieles zu lernen, das mir sonst nie in den Sinn gekommen wäre.

    Auch die Bücher kommen mir sehr zu statten, ich lese am Sonntag meistens sehr fleißig, die letzten sechs Wochen ausgenommen, da ich in dieser Zeit Augenweh hatte u. keinen Buchstaben lesen konnte.

    Auch fange ich an, mit Land u. Leuten bekannter zu werden, ich komme mit den Gebildeten des Dorfes in Berührung, wodurch ich mit mancher Einrichtung im Staats u. Gemeindewesen u. mit mancher Sitte u. Gewohnheit bekannt werde. Ich lese auch jetzt „Müllers Geschichte der Schweiz" die noch kürzer u. kräftiger geschrieben ist, als seine „Allgemeinen Geschichten". Auch mit Deutschland habe ich mir eine Verbindung geschaft in Form der Wochenausgabe der Augsb. Algemein. Dieselbe gefällt mir gut, ich weiß durch sie immer am bündigsten, woran alles ist, besonders widmet sie Österreich viele Aufmerksamkeit. Dieses geschieht zwar auch in der Schweiz, alle Blätter klein u. groß, bringen Berichte über die Debatten u. Beschlüsse des Abgeordnetenhauses.

    Wie es scheint, wissen unsere Dicken ihren Einfluß u. ihre Stellung zur jetzigen Regierung sehr gut zur Abwerfung der Steuerlast von ihren Schultern oder ihren Geldsäken zu benützen. Nun, es ist nun doch freie Bahn gebrochen, wenn man nicht mehr zurükschaut, oder gar umkehrt, kann noch Vieles anders werden. Der Fanatismus der schwarzen Schoppernauer reicht bis hieher, wenn nicht mehr weiße als schwarze hier wären, könnte ich mich nicht sicher fühlen. Vor etwa 4 Wochen war ich in Zug, u. traf neben ändern Wäldern auch den Anton Rüscher an, wechselte aber kein Wort mit Ihm, da wir nicht am gleichen Tische saßen. Später ging derselbe heim u. die ändern auch, daheim sprach er den ändern gegenüber den festen Vorsatz aus, mich heute noch auszu­wichsen. Ein Bitzauer drohte ihm mit dem gleichen, wenn er mich anrühre, u. so bekam dieser mit dem Rüscher Händel wegen meiner.

    Sonst muß man die Landsleute als Arbeiter loben, sie sind fleißig und treu, von der Gesellschaft aber schliessen sie sich ab, sobald mehrere bei einander sind, u. bilden eine eigene, in der es mitunter bunt zugeht. Wir haben lauter Schoppernauer als Gesellen, den Jodok Natter, Pius Rüscher, Kohler von Gräsalp u. am nächsten Sonntag wird Bickels Hans auch noch kommen. Mit Reich u. Arm bist Du scheints schneller fertig geworden, als mit den Sonderlingen ich wünsche Dir viel Glück dazu, u. wenn es auch den Leipzigern zu stark sein sollte. Doch wollen wir dies nicht hoffen, denn dieselben sehen es ja doch gut genug ein, daß die Tendenz die richtige ist, wenn sie es auch nicht gern gestehen. Grüße mir Korado Buobo u. Oberhausers, der Kaspar soll mir dann mit Gelegenheit wieder schreiben.

    Alle Gesellen nebst Deinem Freunde grüßen Dich u. Deine Fa­milie.

    Josef Natter.

    Josef Natter
    Steinhausen
    Franz Michael Felder
  • 6. Juni 1868

    Liebster Freund!

    Dein letztes Schreiben hat mich recht gefreut. Mit Reich und Arm hab ich zum Theil wieder ein Stück von mir und meiner innern Entwickelung zu geben mich bemüht, und wie dem Verlassenen der Druck treuer Freundeshand thut es mir durch und durch wol, mich verstanden zu sehen. Mein Ro­man spielt sich hier in der Wirklichkeit noch täglich ab, nur der versöhnende Schluß will noch nicht kommen. Auch ich hab ihn nur innerlich gefunden. Doch davon bald mündlich. Ich freue mich recht darauf, nun bald wieder mit Dir und unsern Freunden in Leipzig plaudern zu können. Ich hab einen bösen Winter überstanden. Oft brauchte ich den Ge­danken an Euch, das Gefühl, doch nicht ganz alein zu sein, um mich aufrecht und froh zu erhalten.

    Der Kampf gegen Rüscher scheint zu Ende. Dafür haben jene kleinen kleinen Grausamkeiten des überwundenen Gegners begonnen, die zuweilen gefährlicher sind als ein offener Krieg. Rüschers Freunde schießen, ganz in der Stille, aus sicherm Versteck ihre Pfeile auf mich ab und suchen sich zu rächen. Auch das wird einmal enden. Übermorgen gehts mit Kind und Rind nach Hopfreben. Von dort denk ich zu Dir zu eilen, freilich ein wenig später, als früher meine Absicht war. Mein Schwager schrieb mir, daß er einen längeren Urlaub wenigstens theilweise bei mir verbringen möchte. Nächste Woche kommt er nach Hopfreben und wir werden dann mitsammen unsere hiesigen Freunde besuchen. Jeden­falls aber sehen wir uns noch in diesem Monath. Euren freundlichen Antrag von wegen des Reisegeldes nehm ich mit herzlichstem Dank an. So eine That der Freundschaft thut mir wol und macht mir das Herz weiter, freier. Ich hab in letzter Zeit unter kleinlichem Eigennutz gelitten und meine frommen Gegner haben meine etwas gedrückte Lage gehörig ausgebeutet. Doch Du mit Deinem, eurem Antrage, der mich so glücklich macht, hast wahrlich etwas besseres verdient, als daß ich Dir noch mit Klagen in den Ohren liege. Ich hab etwas gefunden, was Dir vielleicht nicht ganz werth­los ist. Auf eigenthümliche Weise, die sich vielleicht künst­lerisch dargestellt nicht übel ausnähme, ist hier vor 40 Jahren ein Passionsspiel entstanden. Vor einigen Tagen gelang es mir, den Text aufzutreiben. Ich kann das Ganze nicht recht (recht - wie richtig) schätzen da mir der Vergleich mit ähn­lichem fehlt.

    Die Sprache - ich bin aber noch lange nicht durch - scheint mir die des vorigen Jahrhunderts, die Redewendungen u An­schauungen aber sind wol viel älter z B Satan:

    Die Hofahrt thu ich Säuberlichkeit nennen Den Geiz als Häuslichkeit erkennen U s w

    Ich hab mehrere Abschriften, wenn du willst, kann ich eine mitbringen, auch die in der n fr Presse angedeuteten Verse werd ich mir verschaffen. Eben geht in Bezau eine Sänger­gesellschaft auf Reisen. Die Hetzerei hat nun auch gegen Freund Feurstein begonnen, der sich aber in seiner Lage nicht viel daraus zu machen braucht. Die neuen Gesetze scheinen hier die Sache nur noch verschlimmern zu sollen. Unser Volksblatt sagt, man müsse Gott und seinen Gesandten mehr gehorchen als den Menschen. Den Tag meiner Ankunft melde ich später und darf wol auch von Dir noch einen Brief erwarten mit Bericht über das Schicksal von Reich u Arm. Mit herzlichstem Gruß an Dich u alle  Dein Felder

    Rudolf Hildebrand
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 2. Juni 1868

    Lieber Freund!

    Ich habe meine Antwort wieder eine zimmliche Zeit verschoben. Dafür weiß ich nun aber auch daß du dein Reiseprojekt wegen Besuch Deines Hr. Schwagers noch auf einige Zeit verschieben werdest u. ich Dich jedenfalls in kurzer Zeit mündlich sprechen werde. Deßwegen fällt die Reisebesprechung weg. Hiemit erhältst du 2 Bändchen von Don Juan 1 Bändchen von Heine u. 1 Band von Lenaus Gedichten. Schicke mir wieder 2 Bändchen von Heine er gefällt mir mit seinem unergründlichen Witz.

    Es freute mich zu hören, daß dein letz[t]es Werk „Sonderlinge" nun auch ins Holländische übersetzt wurde es ist dieß jedenfalls ein Beleg daß dein Werk auch im Auslande Anerkennung findet. Wie mir scheint hast du die Beantwortung der Frage über die Vermögensteuer ganz vergessen; ich habe mich deßwegen an Hr. Adjunkt in Bludenz gewendet der mir sehr umfassend geantwortet, mir aber auch die Begeisterung zu meiner Idee etwas benommen hat. Schreibe mir wenn Hr. Adjunkt bei dir ist. Ich gebe mein Pferd auf die Sommerung in die Alpe Korb eine Stunde von Au und werde es selbst hinein bringen und könnten uns dann in Au treffen. Auf baldiges Wiedersehen grüßt Dich

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Meine Frau ist gegenwärtig in Bregenz u. hat sie Frau v. Beier um die Goldeise resp. Gartenlaube, die sie ihr schon voriges Jahr versprochen, wieder angegangen.

    Habe die Güte dieselbe durch den Auerboth an mich zu über­senden.

     

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 30. Mai 1868

    Lieber Freund!

    Nach Deinem letzten Schreiben könntest Du bei Ankunft dieses Briefes bereits mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigt sein. Mir nun wäre das lieb, denn ich dürfte fast sagen, daß ich auf Dich warte. Ich denke nämlich an Leipzig, wo ich schon in ziemlich kurzer Zeit einzutreffen versprach. Ich unternehme die Reise auf Unkosten meiner dortigen Freunde. Schon im letzten Sommer war's ausgemacht, daß mir, wenn das Vaterland nichts für mich tun sollte, und so lang ich nicht unabhängig sei, von Leipzig ein jährlicher Aus­flug möglich gemacht werden müsse. Gern freilich war ich in diesem Jahr nach Wien, aber das ist schwer oder gar nicht möglich zu machen. Mit meinen Mitteln kam' ich augenblick­lich kaum bis zu Dir und dabei hab ich für 9 teure Käm­pen [?] zu sorgen. Hoffentlich wird ,Reich und Arm' etwas Hübsches einbringen; der Zustand gänzlicher Tatenlosigkeit wird umso peinlicher, da er mir weder den Reiz der Neuheit hat noch recht zu einer Gewohnheit werden will. Dazu kommt noch, daß einige Fromme, denen wir seit Jahren Zins zahlen, als letzter Notschuß und Rachestich mir für den Herbst aufkünden. Daß mir das besonders schwer macht, könnt ich nicht sagen. Zum Teil freut es mich sogar und gibt mir vielleicht Stoff zu einer originellen Erzählung. In Feldkirch tagen die Verfassungsfreunde in aller Herrlichkeit, wohl keiner hat so sein ganzes Sein und Können einsetzen wollen fürs Volk als ich, und nun steh ich wie allein - während sie auf gebahnten Pfaden groß und herrlich daher kommen.

    Leicht ist's, folgen dem Wagen, Welchen

    Fortuna führt! Auf gebahnten Wegen Hinter

    des Fürsten Einzug.

    Goethe

    Das und noch viel hat sich tief, tief in mich gefressen. Aber ich empfinde es nicht schmerzlich. Es ist mir zur Erscheinung, zu einem Stück Zeitgeschichte geworden, an dem nun meine Gestaltungskraft ohne Verbitterung, ja mehr mit Humor zu arbeiten beginnt. Hildebrand sieht in mir Anlagen zum Dra­matiker. Nun, dann müssen sie sich jetzt zeigen. Man sollte glauben, aus dem in letzter Zeit Erlebten ein Lustspiel mit Hinterstichen zu machen, müßte nun eine Kleinigkeit sein. Nehmen wir einmal den Griffel und schwingen wir die „Geißel der Satire" zu Schutz und Trutz. Freilich ist der Schau­platz eng, den ich übersehe, doch was sind unsere Kräh­winkeliaden anderes als Miniaturbilder der weiten fortge­schrittenen Welt. „As Lütolot" (Menschelt) überall, wenn man für das Kleine ein so scharfes Gefühl hat, wie mir bald lobend, bald tadelnd nachgeredet wird. Ich schreibe Dir diesen Brief vom schönsten Platz in Schop­pernau. Vorige Woche war ich mit der Feldarbeit fertig, und nun plagte ich mich mit einem Artikel für ein belletristisches Blatt, den ich armer Teufel, offen gesagt, nur ums liebe Honorar nach dem Geschmack des Wundertums [?] Publi­kus zusammenschmieren wollte. Ein schön Stück Arbeit, nicht wahr, ich saß da wie in weißer Halsbinde und Handschuhen und Frack und Zylinder und schwitzte und kaute an den Fingern, draußen sang und duftete der Frühling. Ringsum war Sonntag.

    Der Winter sucht die schnelle Flucht

    Im Bach zum Tal hinaus,

    Und jedes Tier und Tierlein sucht

    Im Freien seinen Schmaus.

    Unversehens fiel das mir wie die zephyrgeküßte Blüte vom rauschenden zitternden Baum auf meinen Bogen, und im Hui lag der Artikel im Frack - unterm kalten Ofen. Zehn Minuten später lag ich hier unter diesen Buchen im schattigen Moos und gab den Vögeln Audienz. Nachmittags trug ich mir meinen Schreibtisch nach, und seitdem steht er auf dem Felsen vor meinem Haus. Allerlei Gestalten stehen drum herum, und an jedem Aste der Buchen, die mich be­schatten, blüht eine Erinnerung aus der Knabenzeit. So bin ich dem Dorfe versteckt hinter Blüten der Erinnerung, und Du kannst es Dir erklären, warum ich so wenig aus der Gegen­wart berichte. Es ist ja Frühling, und man darf und muß sich berauschen an dem Hauch, welcher den Baum zittern macht, den Rosen die Röte verleiht und alles zum Duseln bringt. Daß er meiner Tinte das Wasser auszieht, wirst Du ohne Mühe bemerken. Sie wird nachgerade dick genug zu recht groben Zügen. Helfe Gott dem, der mir nachmittags unter die Feder kommt. Vermutlich ist's der Sonnenwirt in Bühelkirchen, von dem ich der Welt ein wenig etwas erzählen möchte. Von dem ist's nur noch ein Sprung ins Gasthaus zum Rößle in Au. Dort hab ich Pfarrer Birnbaumer schon zweimal getroffen und mich gut mit ihm unterhalten. Es war zwischen uns, Herzog und mehreren strebsamen Burschen schon die Rede von regelmäßigen Zusammenkünften. Birnbaumer war in Au sehr willkommen, und man hofft von ihm alles, was man wünscht. Der Käsverein wird sich nur zu bald in eine Handels­gesellschaft verwandeln, wenn die Bauern solche Spanfudler bleiben. Auch Galli muß jetzt für die Milch mehr zahlen, und das nun ist den dummen Tröpfen genug. Der Verein aber kann ohne Käse nicht bestehen. So wirkt jeder Fortschritt am Ende nachteilig für die Angefrorenen, weil er sie noch weiter von denen bringt, mit welchen vereint sie etwas erreichen könnten.

    Doch genug für heut. Ich erwarte, Dich recht bald hier zu sehen.

    Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 30. Mai 1868

    Liebster Freund,

    In Eile - kurz vor meiner, unserer Abreise nach Thüringen, wohin ich für die Pfingstwoche mit allen den Meinigen gehe (nach Arnstadt) - noch ein Wort an Dich. Ich habe Dein Reich und Arm nun durch, und wünsche Dir Glück zu dem Werke, es ist wieder ein Stück rechtes Menschenleben aus der Wurzel herausgeholt und zu einem schönen und großen Ganzen verarbeitet; ich glaube auch hier und da gegen die Sonderlinge einen Fortschritt Deiner Kunstart zu erkennen, und kurz und gut es ist ein wahrer Gewinn für uns alle. Ich kann jetzt nicht mehr schreiben, vor Reiseunruhe, aber da Du doch kommst, können wir ja einige mir fragliche Kleinigkeiten hier behaglich besprechen. Daß Hirzel den neuen Ro­man druckt, daran zweifle ich nicht nach einer vorgestern gethanen Äußerung von ihm, als er mich fragte wie mirs gefiele; er meinte, wenn mirs gefiele, wollte ers gern druk­ken. Thut ers aber endlich doch nicht, so soll das kein Un­glück sein. Aber er thuts glaub ich.

    Die Sendung nach Holland ist nun auch fort. Dein Kommen denk ich mir im Juni oder nicht viel später, doch mußt Du Dich ja nach Deinen Verhältnissen richten. Mit dem Reise­gelde bleibts bei dem Gesagten.

    Wir haben jetzt schon vollen Sommer, wochenlang sonniges Wetter, es ist eine Pracht, freilich heiß. Bei Euch wird doch noch Schnee nicht bloß auf den Höhen sein, ich möchte das schon einmal sehen. Doch für jetzt nach dem grünen, freundlichen Thüringen.

    Leb wol, grüß mir die Deinigen herzlich und alle Freunde, in Hoffnung auf baldiges Wiedersehen

    Dein R. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 28. Mai 1868

    Hochgeehrtester Freund!

    Vor allem sage ich Ihnen meinen aufrichtigsten Dank, für Ihre Mühe u. Zeitverlust, welche Ihnen die Durchsicht meiner Schriften verursachte, sowie für Ihr offenes Urtheil, das bedeutend besser ausgefallen war, als ich erwartet hatte.

    Ihre freundliche Einladung nach Lindau war mir herzlich willkom­men, indem dadurch mein längst gehegter Wunsch sich endlich zu erfüllen scheint. Obwohl derzeit in bedrängter finanzieller Lage, in Folge stattgehabten Wochenbettes meiner Frau, Anschaffung eini­ger höchst notwendiger Kleidungsstücke u.s.w., werde ich den noch die Gelegenheit nicht versäumen, um einmal persönlich mit Ihnen zusammen zu kommen.

    Es gibt eben so viele Fragen u. Erörterungen, die im schriftlichen Wege nie gründlich beantwortet werden können. Mit diesem ersuche ich Ihnen daher höflichst, mir dann seiner Zeit zu berichten,:

    an welchem Tage ich in Lindau eintreffen, u. wo ich Ihnen finden soll? Benütze ich die indirekte Fahrt über Rorschach, so habe ich 9 Std. Aufenthaltszeit in Lindau, nehmlich von Morgens 9 Uhr bis Abends 6 Uhr. Grund meines Nichterscheinens, wäre höchsten­falls: stürmische Witterung, Krankheitsfall oder ein Werktag, an welchem ich schwerlich Urlaub erhalten würde. Sonn- und Feier­tage (Pfingstmontag, Frohnleichmanstag, Peter u. Paul) habe ich frei u. stehe zu Ihren Diensten.

    Am  lezten Sonntag las ich zum  Erstenmal  im „Schwäbischen Merkur" von der Arbeiterbewegung in Wien, werde Ihnen aber meine Ansichten darüber mündlich mittheilen. Daß Sie mir Ihre „Sonderlinge" mitbringen, freut mich sehr, da ich mich ungemein für Ihre Geistesprodukte intressire. In der angenehmen Hoffnung, Ihnen bald gegenüber zu stehen, grüßt Ihnen freundlichst

    Ihr aufrichtiger Verehrer

    Fr. Riedlin

    Schlosser

    Kgl. Eisenbahnwerkstätte

    Friedrichshafen.

    Franz Michael Felder
    Friedrichshafen
    Friedrich Riedlin
  • 24. Mai 1868

    Lieber Freund!

    Die Briefe vom 9. v. Ms. und 7. d. Ms. habe ich erhalten. In diesem angenehmen, schönen Frühjahr habe ich mich so ziemlich auf das Vegetieren verlegt. Ich laß die Welt ruhig herumtanzen und schaue behaglich drein. Ich habe jetzt auch um einen fünfwöchentlichen Urlaub angesucht, den ich bald zu erhalten hoffe. Anfangs nächsten Monat würde ich, wie ihr Bauern mit Weib und Kind auf die Berge ziehen, wenn der Urlaub bis dahin kommt. Zunächst ziehe ich nach Warth mit Weib und den zwei größern Kindern. Isabella und die zwei kleinern gehen ins Montafon. Ich habe die Absicht, sofort den Bregenzerwald und das untere Vorarlberg zu durchstreifen. Wenn Du mich begleitest, ist es mir sehr recht und hoffe, daß wir dann idyllische Tage verleben können. ­Während ich dann herumscharwänze, wird wohl ein Loch in unsere Bürokratenstube gerissen werden, da die politische Organisierung bereits angemeldet ist. - Thurnher schrieb mir bereits von Bruneck, wo ihm gut geht. Die Gemeinden des Walsertals haben ihn bereits zum Ehrenbürger ernannt, damit er statt des Rinderer in den Landtag gewählt werden kann. Er meint, ich sollte suchen, mit ihm hineinzukommen, wir würden jetzt schon die Liberalen schlagen. Seine Übersetzung ist ein interessantes Stück vorarlberg'scher Geschichte. Es bedurfte einer persönlichen Unterredung des Statthalters Lasser mit Thurnher, um ihn zu bewegen, den Fabrikanten die Scheinkonzession zu machen, daß er geht. Er wurde auf Staatskosten zur Beredung vorgeladen, und der Statthalter sagte ihm dann Dinge, die seine Übersiedlung zu einer erfreulichen machten. Die liberalen Denunzianten unsers Landes haben richtig noch mehr Beamte auf die Proskriptions­liste gesetzt gehabt, wurden aber gestrichen. Das Weitere mündlich, bitte aber schon über dieses zu schweigen. ­Giskra hat den Verweis, den mir Toggenburg gab, zurückge­nommen, und mich anständig vorbeschieden, sogar noch ein Kompliment gemacht. -

    Vonbank wünscht eine Unterredung, zu der es während des Urlaubs wohl kommen wird. Diesen Mann achte ich seines edlen Charakters wegen sehr hoch. Seine Verteidigungsrede im Prozeß gegen die Rankweiler ist etwas, was ich in Vor­arlberg gar nicht gesucht hätte. Du hast ihm sehr viel zu ver­danken. Er hat gleich bei Beginn seiner Redaktion eine Masse [?] Anklagen gegen Dich nicht veröffentlicht. - Sage meinen Leuten, daß ich alle bald besuchen werde, und gelegentlich dem Jakob, daß ich die 100 Fl. wahrscheinlich bringen werde. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger Freundlicher Gruß von Thurnher.

     

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 19. Mai 1868

    Lieber Freund!

    Vor allem hab ich dir für das von Johum richtig erhaltene meinen herzlichsten Dank auszusprechen. - Reich und arm sind in Leipzig und Freund Hildebrand wünscht auch mich längstens in 4 Wochen dort zu sehen. Du nun sagtest mir von einer Reise nach Wien. Vielleicht könnten wir da die Strecke bis München zusammen machen. Willst du nicht so gut sein und mir davon schreiben. Wann reist der Bildhauer ab? Meine Sonderlinge sind nun ins Holländische übersetzt und wird das Werk nächstens mit meinem Portrait erscheinen.

    Beiliegend erhältst du die Übersetzung eines Schweizerliedes. Stülz wünschte sie bald zu erhalten und ich sende sie an dich, mit der Bitte, sie ihm vorzulesen. Die Übersetzung ist etwas frei weil ich glaubte, das Ganze könnte dadurch nicht zwar gewinnen, aber doch unserem Volke zugänglicher werden. Unsere Milch auf Aufeid ist leider wieder an Gallus verkauft. Von wem sind die Zeitungsartikel über den Verein? Es erwartet gelegent­liche Antwort

    Dein Freund Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 19. Mai 1868

    Liebster Freund!

    Glaube ja nicht daß ich weniger an Dich denke, wenn ich Dir auch nicht gleich schreibe. Die Feldarbeit hat begonnen. Schöne herrliche Tage sind über unser Ländchen gekommen. Alles jubelt und mir ist so wol im Freien, daß ich kaum noch an Dinte und Feder denke, und an das schneeweiße Papier. Gestern war ich in Hopfreben und führte Mist auf die schnee­freien Weideplätze. Da kam der erste Vergnügungsreisende und sah meiner Weltverbesserung zu. Er erfuhr dann von seinem Führer, daß das ärmlich gekleidete Bäuerlein der Ver­fasser der Sonderlinge [sei]. Herzlich drückte er mir nun die Hand. Wir plauderten lange neben dem Misthaufen und seine Frau setzte sich auf einen Holzblock vor meiner Hütte. Ich wünschte ihm von Herzen Glück auf den Weg. Mögen sie alle bei uns recht vergnügt sein, uns reicher, gekräftigter verlassen. Land und Stadt, beide haben sich nötig wie Baum­stamm und Mark. Ich sehe die Reisenden ganz anders an seit ich selbst einer war. Früher fühlte ich mich an die Scholle gewachsen, wenns mir auch da nicht recht behagte und jede Berührung mit dem Fremden war mir etwas peinlich. Jetzt aber geh ich allem mit freiem frohen Gefühl entgegen. War­um kommst nicht auch Du mit der Tasche und dem grauen Tuch vielfachem Gebrauche trefflich dienend, und machst Eroberungsreisen mit mir; dießmal müßten wir wol nach Schwaben. -

    Ich käme leicht ins Plaudern, ob ich Dich schon da hätte. Daran ist wol auch das von Dir mitgeschickte Festspiel Schuld, welches mich wieder lebhaft an einige recht schöne Plauder­abende erinnert hat. Herzlichen Dank dafür und für Deinen Glückswunsch zum Geburtstag und für alles was Du mir thust und ich armer Wicht niemals Dir vergelten kann. In der öster Gartenlaube 7 ist ein Artikel über die Fremdler und sg Freimaurer von mir erschienen, den ich Dir zuschicken ließ. Es scheint, daß Du ihn nicht erhalten hast und ich will nun „stören". Was in dem Blatt über mich gesagt wurde, ist von Pröll und hat er dazu auch briefliche Mittheilungen, flüchtig hingeworfen zusammengestellt u benützt. Letzten Sonntag machte ich mit dem Kurat von Rehmen und dem neuen Pfarrer von Au den Plan einer wöchentlichen Abendversammlung im Rößle. Denke Dir, was unsere Eiferer dazu für Augen machen. Vielleicht bringen wir auch noch vor meiner Abreise etwas zuwege. Bevor ich gehe, hoffe ich noch von Reich und arm zu hören und kann schon darum jetzt den Tag und die Woche nicht bestimmen. Jedenfalls melde ich mich vorher. Die Meinen sind alle wol und grü­ßen Dich vielmal. Der Uhrenmacher gräbt seinem Wible vor dem Haus einen Garten. Auch ich verdiene mein Brot im Schweiß und bin so vonnöth' daß ich diesen Brief zwei Tage später schließe als ich ihn begann. Lebe wol! Es grüßt Dich herzlich

    Dein Freund FM Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 15. Mai 1868

    Rechnung

    für Herrn Frz. M. Felder, Schoppernau.

    von der M. Rieger'schen Buch-, Kunst-, Musikalien- & Papierhand­lung (Joh. Thom. Stettner) über:

    vom 8. Mai 1867 bis 14. Mai 1868 erhielten Sie:

    1 Hempel, Nationalbibliothek, Lfg. 6-58

    53Lfgenä9                 Fl.      7.57

    1 Volksbibliothek76.-78.Lfgä 12    .  .  .-.36 1         -„-             Lfg 101-160

    60Lfgnä12                         12.—

    1 Schillers Werke, Lfg 12-30 ä 7

    19 diverse Lfgnä 7 .  .  .2.13 1 Brockhaus Convers. Lexikon Lfg. 98-129.

    32 diverse Lfgn. ä 18 F. 9.36 hievonab 10% Rabatt   -.54         8.42

    1867           1 Weber, Demokritos. Lfg. 1-13 ä 10              2.10

    Mai    68     1 Bibliothekausl. Classiker Lfg49 ....        -.36

    1 Ergänzungsblätter II. 9                   '.            -.21

    1 Romanmagazin III                                        -.36

    -21      1 Felder, Nümmamüller................................... 1.—

    -22         pr. Porto            Perels, Berlin                       -.11

    1 Bibliothekausl. Classiker LfgSO ....       -.27

    -29     1        -„-      -„-      -„-           29 apart   .             -.30

    Juni     12      1        -„-      -„-      -„-           51&53     .         -.57

    1 Ergänzungsblätter II, 10                                -.21

    1 Deutsche Blätter F 1867 Nr. 9 apart    .   .     -.6

    Paquet v. Leipzig p Porto                            -.36

    -27     1 Bibliothekausl. ClassikerLfg. 52.  .  .  .            -.28

    1 Ergänzungsblätter II, 11................................. -.21

    Juli       3.    2 Felder Sonderlinge 2 Bde................................ 8

    1 Bibliothekausl.ClassikerLfg54 ....            -.28

    Aug.            1        - -     - -     - -           55  ....             -.21

    -22    1        -„-      -„-      -„-           56-57   .   .              -.53

    Shakespeare, Werke Lfg. 1    ..........             -.9

    1 Ergänzungsblätter II. 12....................              -.21

    1 Paquetvon Leipzig 10 M...................             -.30

    Septb   4     1 Bibliothekausl. ClassikerLfg58 ....         -.26

    Transport    El.    51.26 1867  Transport    El.    51.26

    Septb   4     1 Ergänzungsblätter IM. 1..................              -.21

    6 Brief, Bauspapierä 14.......................             1.24

    1 Fahrordnungen der bayr. Eisenbahnen

    -.  6

    1 Brief, Post in 4°...............................              -.21

    1 Karte von AIIgäu..............................             -.36

    6 Brief                   ä9.........................             -.54

    -5    Spesen für die Kiste nach Bregenz   ....      -.54

    -18    1 Romanzeitung 1867 Bd. ll.-lll.............             3.36

    1 Eichendorff, aus dem Leben

    eines Taugenichts........................................ 1.48

    1 Dickens, BleakHouseBd 1-10   ....          1 .—

    1 Bibliothek ausl. Classiker Bd. 59 .   .   .   .     -.27

    1 Galläpfel, 1867 pr III. Quart............................ -.21

    1 Photographie Album...........................          5.24

    1 Deutsch. Liederbuch mit Singweisen .   .        1.12

    1 Paquetvon Leipzig....................................... -.48

    Oct    16.    1 Romanzeitung 1867IV. Quartal ....          1.48

    1 Bibliothekausl. Classiker Lfg 60 ....        -.32

    1 Galläpfel 1867 IV. Quart................................ -.21

    -„-    20.    pr Porto für ein Paquet nach

    Leipzig 16M................................................... -.56

    -„-    29     1 Bibliothekausl. Classiker Lfg 61   ....         -.21

    Nov   20     1 Panuetvon Leipzig 18M............................... -.54

    1 Bibliothekausl.ClassikerLfg62   ....          -.27

    Decb11      1        -„-      -„-      -„-      -„- 63   ...              -.33

    1 Paquet nach Leipzig 14 M                             -.42

    1868

    Jan.      2     1 Galläpfel f. 18681. pr:................................. 1.24

    1 Bibliothek aus. ClassikerLfg 64-65    .  .         1.6

    1 Klassische Theaterbibliothek

    Lfg1-8 à 9.....................................            ^h+2

    Jan     15     1 Gartenlaube f. 1868 N. 1 pr:............             3.36

    —„—    22      1 Paquet nach Leipzig 6 M...............             -.18

    —„—    29     8 Einbanddecken z. Hempel, National-Bibliothek

    1-8. Lilla..........................................            2.—

    1 Paquet von Leipzig 10M...................             -.30

    1 Walter, Lehrbrief d. deutsch. Styls .  .  .         -.54

    Feb.   13.    1 Biggel, Sieg des Kreuzes................             1.12

    1 Bibliothek ausl.ClassikerLfg 66-67   .  .          -.50

    May     5      1        -„-      -„-      -„-   Lfg68.............             -.30

    1 Einbanddecke zu Hempel.................             -.15

    1 Paquet nach Leipzig 8 M..................             -.24

    Transport   Fl   91.13

    1868                                                                 TransportFl    91.13

    März 19     1 Bibliothek ausl.ClassikerLfg 69  ....          -.21

    1        -"-      -„-      -„-            70  ....          -.27

    April     2     1        -„-      -„-      - -           71   ....         -.27

    -„-    16     1        -„-      -„-      -„-           72  ....              -.18

    Mai      7     1       -„-     -,-     -,-           73  ....              -.18

    1 Einbanddecke zu Hempel.................             -.14

    1 liter. Wochenbericht 1-16 gratis

    1 Paquet von Leipzig 11 M............................. -.33

    -„-    14     1 Bibliothek ausl.ClassikerLfg 74 ....           -.18

    94   9

    [durchgestrichen:]

    nachträglich noch zu begleichen als im   Jahre 1866

    vergessen (nach Angabe von Heuner):

    1 Blätter f. liter. Unterhaltung

    186611.Qu                                                   4.30

    1 Social Demokrat 1866 II Quart                       1.45

    1 Romanzeitung 1866II      -„-                            1.48

    1 Flieg. Blätter45 Bd                                        3.54

    1 Gartenlaube f. 1866 2. Semest                      1.48

    Summa    Fl 107.56 94   9 [nicht mehr

    durchgestrichen:]          ab laut Herrn Natter      13 49

    Fl    80.20

    obigen Betrag von achtzig Gulden u. 20 X Dankbar erhalten

    pr. M. Rieger'sche Buchh.

    J. Th. Stettner,

    Strobel

    Matthias Rieger'sche Buch- und Kunsthandlung
    Lindau
    Franz Michael Felder
  • 11. Mai 1868

    Lieber ferner und doch so naher Freund, Auch heute nur in Eile und Kürze, weil in die Arbeit hinein, die Meldung daß Dein Paket mit Reich und Arm gestern richtig eingegangen ist, am schönsten Maitage der in unserm Klima möglich ist; ich habe unter blühenden Bäumen und laubgrünem Dache im Garten darin gelesen und mich an dem ersten Cap. geweidet, das mir in seiner ersten Hälfte neu war. Da ist Leben und Bewegung neben der Tiefe, an der Dirs nie fehlt. Aber freilich nachher und im 2. Cap. kommst Du doch wieder auf Dein Ausspinnen von Zustän­den, die uns hier nicht gewichtig genug erscheinen - Du mußt größere, schwerere Stoffe nehmen lernen, da wird Deine Fertigkeit des correcten Ausspinnens erst zu ihrer rechten Wirkung kommen. Ich sehne mich, mit Dir darüber mög­lichst eingehend zu reden und freue mich lebhaft, daß Du entschlossen bist zu kommen. In spätestens vier Wochen, viel­leicht früher, sind wir also wieder beisammen auf freiem Boden unter unserm großen blauen Himmel bei Kunst und Wissenschaft und Freundesgespräch - da wollen wir alles nachholen wozu wir vorm Jahre nicht gekommen sind. Ich rechne darauf, daß wir beide da mehr zusammen sind als es damals möglich war; meine nächsten Freunde werden uns darin eher fördern als stören, sie freuen sich schon alle drauf. Das soll ein Leben werden, daß sich der liebe Gott im Him­mel darüber freut!

    Wann Du kommst, mußt Du mir aber möglichst genau mel­den, schon damit wir Dich am Bahnhof empfangen können; zur Noth könntest Du, wie ich damals, noch von Reichenbach aus telegraphieren lassen. Das Wetter ist jetzt herrlich bei uns, den Winter haben wir schon längst vergessen, unsere Gärten und Wälder stehn in voller Frühlingspracht. Reich und Arm wollen wir nächsten Mittwoch im Club kosten. Ich muß es doch erst ganz durchlesen, ehe ichs an Hirzeln abgebe; er äußerte das selbst. Auch mein Bleistift wird wol wieder mit thätig sein müssen. Prächtig aber dächte ich mirs, wenn wir es mit Dir zusammen wenigstens theil­weis durchgehen könnten.

    Von welchem Gartenlaubenartikel sprichst Du, den ich er­halten hätte? Ich weiß nur von dem Aufsatze über Dich in der Ostreich. Gartenlaube, meinst Du den? es scheint doch nicht so. Hast Du etwas für Keil geschrieben? An den Hol­länder zu schreiben hab ich leider noch nicht Zeit gefunden, es warten wieder mal ein ganz Dutzend Briefschulden auf mich! Aber sicher in den nächsten Tagen. Grüß mir die Deinen und Feuerstein und die gute Rößle­wirthin, es freut mich so, daß Ihr mich ein bischen im Her­zen behalten habt; ach wie gern war ich wieder einmal bei Euch. Na, wir zwei haben uns doch bald wieder. Mit Grüßen vom Club und vom Hinterhause

    Dein R. Hildebrand.

    Die Hauptsache hält ich bald vergessen: Glück zum 29. Ge­burtstage, an dem Du nach meiner Berechnung den Brief erhalten solltest.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 7. Mai 1868

    Lieber Freund!

    Gestern abends vor einem Jahr kam ich mit dem Wible als Flüchtling in Bludenz an. Damals war der Frühling hier bereits eingezogen, jetzt liegt unser Feld noch fast ganz unterm Schnee. Sonst aber hat sich hier seit damals vielerlei gebessert. Ich kann die Rüscheriade als abgeschlossen betrachten. Der Mann kommt in seiner Wut so weit, daß er sich sogar vor der Menge nur noch lächerlich macht. Die Sympathien seiner Berufsgenossen sind verloren, ja es scheint, daß er versetzt werden soll. Seine Köchin mußte schon von amtswegen fort, worüber hier der Jubel noch nicht ganz verhallt ist. Ich bin wegen meinem Tagespost-Artikel vorgeladen worden, und Rüscher kann aus den Angaben, die ich zu meiner Verteidi­gung machte, noch eine böse Suppe erwachsen. Der Pfarrer von Bizau ist durch seinen Tod einer Untersuchung ent­ronnen, die ohne mein Wissen sogleich eingeleitet wurde.

    Mit dem allem wären wir also - hoffentlich für immer - fertig. Auch ,Reich und Arm' ist endlich vollendet. Ich bin mit dem Ganzen nach einer Durchsicht recht zufrieden. Die Ultra­montanen sind leider auch mehrfach mitgenommen. 1. Ihr Einfluß auf den „letzten Willen", der die erste Verwirrung des Romans schafft. 2. Ihre Abhängigkeit von Brixen und unwissenden Kapuzinern (zeigt sich in der Erzählung). 3. Ihr Bestreben, durch die Betschwestern öffentliche Meinung zu ihrem Vorteil zu machen. 4. Ihre Abhängigkeit von diesen ihren Werkzeugen, die sie sogar im Beichtstuhl falsch leitet.

    Besondere Vorsicht erforderte die künstlerische Behandlung des letzten Punktes. Der Kaplan, in dem sich das alles spiegelt, steht unter einem tüchtigen Pfarrer, der „in Konstanz studiert" haben will. Auch der Kaplan kommt zur Einsicht und trägt schließlich zur Lösung des Ganzen bei. Das ist die Rolle, welche so nebenbei den Brixnern in meiner Erzählung ange­wiesen wird. Ich hoffe, daß das Ganze Dich befriedigen wird. Es ist zart gehalten und vermeidet alle Reflexion, um desto mehr auch in den Kreisen zu wirken, die der Hauptfrage aus dem Wege gehen.

    Die Arbeit ging bereits nach Leipzig ab. Sie kommt dorthin für mich zu guter Stunde. Letzte Woche ward mir gemeldet, und zwar von Alkmar aus, daß eben eine Übersetzung meiner Sonderlinge ins Holländische im Erscheinen ist. Der Über­setzer spricht sich sehr günstig über das Ganze aus, hofft bedeutenden Erfolg und wünscht mein Bild, um es nachge­stochen dem Buche noch beigeben zu können. Dieser Um­stand, wenn auch materiell nicht einträglich, wird mir und meinem neuen Werke trefflich zustatten kommen.

    Andres hoff ich bald mündlich mit Dir besprechen zu können. Am Montag geh ich vermutlich nach Lech, wo Pfefferkorns Xaver mit Schlossers Rosa von Au Hochzeit hält und ich als Abdanker dringend gebeten bin. Kannst Du noch keine Zu­sammenkunft ansagen, so schreibe bald, was Ihr macht. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 3. Mai 1868

    Lieber Freund!

    Endlich! Es ist ein ganz eigenes Gefühl mit welchem ich dieses Wort niederschreibe. Grad vor 2 Jahren und 2 Tagen hab ich Dir - nicht ohne Bangen die Sonderlinge von Bludenz aus übersendet. Die Aufnahme und sonst so vieles hat mir seitdem Muth gemacht. Ich habe mich an eine große, ja viel­leicht die wichtigste Frage gewagt. Ob man mit der Lösung die sie da findet, einverstanden sein wird, weiß ich nicht. Mein Roman will aber keine Tendenzschrift sein. Er schließt anderes nicht aus, und der Verfasser ist zufrieden, wenn man eine Minute lang sich an seinen Gestalten freut, oder sich zum Nachdenken über die Frage angeregt fühlt. Doch ich will Dich nicht mit einer Einleitung plagen. Lies das Ganze und sage mir offen was Du findest. Lieb war mir es schon, wenn ich recht bald etwas hörte. Hab ich mir doch in den letzten Tagen kaum noch Zeit gelassen. Aber Du wirst Dich halt auch nicht gleich dazu hinsetzen können. Dann aber bitte ich Dich, mir wenigstens den Empfang der Sen­dung und später allenfalls den Ersten Eindruck zu melden. Den ersten Theil hast Du zwar vor einem Jahr da neben mir gelesen, während ich an den Liebeszeichen schrieb, aber dar­auf durftest Du Dich nicht verlassen, da in Form u Inhalt manches geändert wurde.

    Hirzeln hab ich ein Briefchen beigelegt, welches Du lesen und ihm dann gelegenheitlich übergeben kannst. Noch hab ich, es fällt mir eben ein, nichts von meinem Gartenlaube­Artikel gehört; Du wirst ihn doch erhalten haben? Begierig bin ich auf die Übersetzung der Sonderlinge und ihr Schicksal. Es freut mich das schon an und für sich und ich hoffe, daß dieses Ereigniß auch Hirzeln meiner neuen Dich­tung etwas günstiger stimmen werde.

    Allmählig wirds hier denn doch Frühling und die erste Feld­arbeit beginnt. Du glaubst nicht, wie froh wir das Grün, die ersten Blumen begrüßen! Mich treibts in Feld und Wald, obwol der Schnee noch nicht weg ist. Hier wollen mir schon neue Gestalten erscheinen, aber erst will ich nun ruhen, und Frühlingsluft in mich aufnehmen. Die Meinen sind wohl. Feurstein in Bezau läßt Dich grüßen. Ich hätte auch sonst noch viele Grüße an Dich auszurichten von denen die Dich hier kennen lernten. So fragt Dir die Rößlewirthin in Au bei jeder Gelegenheit nach. Heut ist Kirchweih in Au. Es ist also ein Jahr, seit ich mich zur Flucht entschließen mußte. Ich gehe auch noch hinunter und schreibe Dir in größter Eile.

    Grüße mir die lieben Deinen und alle die mich noch nicht

    vergessen haben.

    Mit Gruß und Handschlag

    Dein dankbarer Freund und Ruhestörer

    Franz M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 30. April 1868

    Lieber Freund!

    Schon als lang erwartetes Lebenszeichen war mir Dein letz­tes Schreiben sehr erfeulich. Der Inhalt aber hat mich recht, recht glücklich gemacht. Du wirst dem Übersetzer antworten und vielleicht seinen Wunsch wegen der Vorrede erfüllen. Ich überlasse das ganz Dir, denn ich weiß, wie Du für mein Bestes bedacht bist. Laß ihn mir aber freundlich grüßen, spreche meine Freude über seine That aus und bitte ihn wenigstens für uns um einige Exemplare. Wenn Du willst, kannst Du ihn auch auf reich und arm aufmerksam machen. Dieser Roman, ich glaube mir die Bezeichnung erlauben zu dürfen, ist nun fertig. Eben lesen wir, ich und das Wible, ihn zusammen durch und haben dabei recht schöne Stunden. Ich bin mit der Arbeit sehr zufrieden. Man hat es darin fast nur mit guten, zum Theil allerdings verirrten Leuten zu thun, deren Wesen und Wirken wol auch andere interessieren dürfte, die meiner Heimat fernerstehen. Es sind Menschen mit ihren Vorzügen und Fehler[n]. Ich bin unsäglich begierig auf Dein Urtheil und kann es kaum noch erwarten, bis Du Dich darüber aussprichst. Ich werde Dir daher schon in der nächsten Woche das Ganze übersenden. Hirzeln kannst Du das Nötige melden. Das Weitere können wir wol mündlich abmachen, wenn Dir eine Unterhandlung peinlich sein sollte, denn ich denke ernstlich an die Reise nach Leipzig und es wäre möglich, daß ich schon Anfangs oder Mitte Juni käme, während die Meinen in Hopfreben sind. Es wird ohne mich schon enge genug in der kleinen Hütte. Die Artikel im Wanderer und Tagespost haben die Behör­den zum Einschreiten gedrängt. Ich habe seit dem letzten Brief Unglaubliches erlebt, aber im Ganzen macht sich die Sache immer besser und ich kann mit dem Erfolge sehr zu­frieden sein. Sogar der Klerus läßt Rüscher fallen. Der Mann ist wüthend, aber er kann bloß leeres Stroh dreschen. Der Erfolg unseres Käse-Vereins ist ein glänzender, das Ländchen hört immer mehr auf mich und ich fühle mich von nichts mehr als von Mangel gedrückt. Hoffentlich ist das, wenn nicht zu überwinden, so doch zu ertragen. Die Vergrößerung der Familie durch meinen Martin hat mich doch gefreut u dem Wible thut es wol, das Kind mit dem Nahmen seines Vaters anreden zu können, der vor 11 Jahren starb. Hier hats noch 2 1/2 Fuß Schnee, der Frühling wird aber nun schnell einziehen. Ich freue mich auf die milde Jahreszeit und auf Leipzig und auf reich und arm und auf die Sonder­linge im Holländischen. O das Leben ist doch hübsch über­all wo mans erfaßt oder nur eine Strecke geht und etwas thut.

    Lang ist mir nie so wol gewesen als jetzt vor meiner voll­endeten Arbeit. Ich halte das für ein gutes Zeichen. Viel viel möcht ich von meiner Arbeit sagen, aber Du wirst sie ja lesen und dann können wir, und mündlich darüber reden. Laß mir den Club und alle Treuen grüßen, und melde meine Freuden allen, die auch meine Leiden und Sorgen theilten. Von der Verfolgungsgeschichte will ich im Sommer erzählen bis ihr mehr als nur genug habt. Heute kein Wort mehr da­von. Lebe recht recht wol! es grüßt dich herzlich

    Dein Freund F M Felder.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 27. April 1868

    Lieber Freund!

    Von meinem Übergang so ziemlich wieder hergestellt, war ich immer mit meinem Roman beschäftigt. Ich lebte mich ganz in ihn hinein und aus unsern elenden Dorfhändel heraus drum sag ich Dir von den Letzteren nur, daß Rüscher es immer buntertrieb, biserdie Achtung auch seiner Berufsgenossen verlor. Mit solchem Gegner nun mag ich nichts mehr haben und überlasse ihn der strafenden Gerechtigkeit. Er ist im Anklagezustand, und ich wurde bereits, ohne geklagt zu haben, zu einer Einvernehmung über die jüngsten Thatsachen vom Staatsanwalt vorgeladen. Bei dieser Gelegenheit sah ich in Bezau ein Bischen vom Frühling, der hier noch immer nicht kommen will.

    Mein Roman ist eben fertig geworden. Ich freue mich der Arbeit, in der ich manches vermied, was mir später an den Sonderlingen mißfiel. Ich will das nicht lobend erwähnen, weil ich glaube, daß es auch von Dir gefunden werde. Daß Die Helden keine Grübler mehr sind hast Du schon gesehen und wol auch daß das Ganze nirgends von des Gedankens Blässe angekränkelt erscheint. Du hast ja den ersten, jetzt etwas veränderten Theil gelesen, aus dem der zweite mit dem tragischen Schlüsse ganz natürlich heraus wächst.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 26. April 1868

    Lieber Freund,

    Ich muß Dir doch endlich schreiben, obwol auch nur kurz, ich bin sehr gedrängt und dabei etwas angegriffen. Zunächst meinen herzlichsten Glückwunsch zur glücklichen Vermehrung Deiner Familie, und denselben Glückwunsch vom Club und vom Hinterhause, besonders von den Frauen, die das Wible aparte grüßen lassen. Es ist doch alles munter und wohl? Auf welchen Heidennamen hast Du denn dießmal taufen lassen? Laß mich das und anderes Genauere doch bald hören.

    Die Einlagen Deines letzten Briefes haben mir viel Vergnü­gen gemacht, obwol von Deinem Bericht über den Wirts­hauskampf damals doch auch wieder Ärger und Noth für Dich zu fürchten sind. Verhalten sich denn die Gegner ruhig? Tapfer ist die Zuschrift des Wiener Turnvereins. Bei dem Berichte über Dich von Prölß hat wol Dein Schwager oder Du selbst Stoff geliefert? Ich habe alles Hirzeln zu lesen ge­geben.

    Heute komme ich aber wieder mit einer Freude für Dich aus Holland. Ich will Dir lieber gleich den Brief selbst mit­schicken, mit der Bitte, daß Du mir ihn so bald als möglich wiederschickest, damit ich dem guten Manne schreiben könne. Er hat Deine Sonderlinge also ins Holländische über­setzt! Das freut mich ungemein. Das Geschäftliche bei der Sache ist leider nicht erfreulich; d.h. es besteht mit Holland noch kein Staatsvertrag, wonach Verfasser und Verleger von dort Antheil am Gewinn in Anspruch nehmen könnten. Ich werde aber in meinem Briefe an den Übersetzer eine An­deutung mit einfließen lassen, ob man dabei nicht Deiner gedenken wollte. Oder willst Du selbst an ihn schreiben? Dann schick uns nur den Brief mit. Eine Photographie von Dir will ich ihm auch schicken, ich habe noch welche hier. Doch ich muß heute schließen. Mit besten Wünschen für Dich und alle Deine Lieben

    Dein R. Hildebrand.

    BEILAGE:

    HENDRIK FREDERIK WILLEM GROTTENDIECK

    AN RUDOLF HILDEBRAND

    Alkmaar 20. April 1868 Verehrtester Herr Professor!

    Obwohl Ihnen gänzlich unbekannt, nehme ich mir die Frei­heit, Ihnen zu schreiben. Darf Ihnen meinen aufrichtigen

    Dank zubringen dafür, daß Sie mich wie viele andere in un­serem Lande durch Ihren geehrten Artickel, Franz Mich. Felder, ein Bauer als Dichter, Gartenlaube 1867 No 15, mit dem Dichter der Sonderlinge bekannt gemacht haben? Herrlich schöne Stunden habe ich mit Felders ruhig u. klar und scharf gezeichneten Charakteren durchlebt. Diese ein­fachen herzhaften Bregenzerwälder sind Menschen mit Kopf u. Herz, nicht nur Hirngespinste eines Autors. Felder hat in seinen beiden Werken angezeigt, daß er Dichter - Künstler ist.

    Möge er uns noch vieles schenken! In dieser Hinsicht weiß ich, bin ich [im] Niederland der einzige nicht. Im Original haben viele schon seine Dichtung genoßen. Den nämlichen Genuß, den ich und viele ihm verdanken, wird bald allen Holländern geboten werden. In kurzer Zeit wird eine von mir gewagte Übersetzung herausgegeben werden. Gänzlich unbekannt ist Felder den Holländern nicht mehr. Jule le Guls (der Führer) einer im Ton der Revue des Mon­des gehaltenen Monatsschrift, hat einen sehr netten gedie­genen Artickel über Felder veröffentlicht. Dadurch ist das Intereße auch bei dem nicht Deutsch lesenden Theil meiner Volksgenoßen erwacht.

    Nun möchte ich gern meine Übersetzung mit einem Vorwort über Felder einleiten: an wen, dachte ich, würde ich mich besser wenden können, als an Sie. Alles was von Felder mir bekannt ist, außer dem Ihrigen obengenannten Artickel, auch nach den deutschen Blättern 1867 No 7, 20, 21, 26. Seit den letzten Bericht, den seiner Flucht, ist mir nichts weiteres mehr von Felders Schicksal bekannt. Sie wissen vielleicht näheres von ihm. O, wenn Sie die Güte haben wollten, mir etwas mehreres Näheres, von Ihm zukommen zu lassen, ich werde Ihnen meinen schönsten Dank dafür bringen. Ist vielleicht auch bekannt, ob von Felder ein Bild zu haben ist? Es sei was es wolle, wenn es ihm nur ähnlich ist. Wenn ich wüßte woher, ich würde es mir kommen lassen, u. nachgestochen es meiner Übersetzung beifügen.

    Hochgelehrter Herr Professor!

    Entschuldigen Sie gefälligst dieß mein Fehlerhaftes Schreiben, erinnern sie sich gütigst, daß die deutsche nicht meine Mut­tersprache ist.

    Hochachtungsvoll

    Ihr ergebenster Diener H. F. W. Grottendieck zu Alkmaar (Provinz Noord Holland)

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 20. April 1868

    No 132.

    Dem

    Hl. Franz Michael Felder in

    Schoppernau

    Sie werden hiemit angewiesen, zu einer Einvernahme am Freitag

    den 24. d. M. früh 10 Uhr im Zimmer No 1 dahier sich einzu-

    finden.

    K.k. Bezirksamt Bezau am

    20. April 1868

    Müller

    K.K. Bezirksamt
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 11. April 1868

    Verehrtester Herr Vorstand des Männer Turnvereins. Der im „Wanderer" erschienene Artikel entstand in einer der schlaflosen Nächte, welche die darin erzählten, und andere kaum glaublichen Thatsachen mir bereiteten. Das Gefühl der Ein­samkeit und des Verlassenseins drückte mich hier im engen ver­schneiten Bergthal um so peinlicher, weil ich mich in einem Kampf mit Gegnern sah, wie ich sie doch anderwärts schon so ziemlich überwunden, oder doch zu anständigerer Angriffsweise schon durch ihr eigenes Interesse gezwungen wußte. Ihre Gemeinheit ließ den Kampf keinen zeitgemäßen werden. Es war eigentlich nichts dabei zu gewinnen, als ein Zustand, wie ihn uns die Gesetze selbst unter der Herrschaft des Konkordates zu sichern suchten. Und doch ward ich gezwungen, für mich und meine hießigen Freunde einzustehen. Ich rief, und ein kräftiges „Gut Freund" freiheitsstarker Männer war die Antwort, und ist mir, dem Halbkranken, Niedergedrückten der Auferstehungsruf geworden.

    Ich wollte, mußte selbst antworten, das aber konnte ich leider damals nicht, weil die Fieber geschüttelte Hand die Feder nicht zu führen vermochte. Aber die Antwort an die Vorkämpfer der Freiheit am Donaustrand mußte die erste sein, die ich seit dem 20. März außer dringender Geschäfte schrieb.

    Was noch soll mich ängstigen und muthlos machen, wenn mir selbst die Gemeinheit meiner Gegner das Glück verschafft, deutsch und frei gesinnten, frischen, frommen, fröhlichen Männern am Donaustrande die freiheitsstarke Rechte zu drücken über all die Berge hinüber, die uns nur noch äußerlich trennen? Wol erlauben meine Mittel mir nicht, den verehrten Kreis von Männern kennen zu lernen, der im vielbewegten Leben und Treiben der Reichshauptstadt noch so liebevoll des armen, einsa­men Bäuerleins gedenkt. Aber geistig bleiben wir uns nahe, und in jeder trüben Stunde soll und wird mir zum Tröste gegenwärtig sein, welche Herzensfreude mir einst aus dem von erbitterten Gegnern ausgestreuten Samen erwuchs.

    Um meine Freude über die werthe Zuschrift etwas nachzu­empfinden, müßte man sich in meine Lage, in dieses Thal denken können, wo die Hetzerei seit jenem Artikel fast immer wuchs und auch jetzt noch keineswegs zu Ende ist. Erst dann wüßte man, wie mir der Zuruf von Männern, die am Donaustrande sich brüderlich zusammenthun und das Banner der Freiheit hoch halten, mir ein Ereigniß war, in dem ich das Morgenroth einer neuen schönen Zeit zu erblicken glaube. Glück auf!

    Herzlichen Gruß und Handschlag allen Mitgliedern des Männerturnvereins von Ihrem ergebenen

    Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 9. April 1868

    Lieber Freund!

    Seit fast einem Monat sitze ich zwischen vier Pfählen, unfähig eines großen Gedankens, und leide an etwas, das man hier kurzweg Übergang nennt. Ich kam, wenn's nun fertig ist, noch besser weg als viele sonst. Wahrscheinlich hab ich mich in den letzten Tagen gesund geärgert über die beiden Vor­steher. Mochte man sie bedrohen, beschimpfen und alles, wenn sie auch die täglich wachsende Aufregung zu fürchten fast so viel Ursache hatten als ich, in den Pfarrhof gehen und Rüscher um Frieden und Versöhnung bitten, das hätten sie nicht sollen. Siehst Du nun die liberale Wahlkommission, wie Dr. von Schweitzer sie zeichnete [?]. Dem Sohn des Altvorstehers hat freilich wegen der Rüscheriade die Heirat mit Verolars M. Kathrinno in Au, die auf Ostern bestimmt war, falliert, aber so butterweich hätte Moosbrugger nun doch nicht mehr werden sollen. Meine Freunde, die s.g. Freimaurer, stellen sich nun noch fester um mich und warnen mich vor meinen liberalen Freunden - ist nicht nötig. Am Sonntag wurde von der Kanzel aus großer Friede verkündet. Uns hat es ordentlich angeekelt, so elend ist's geschehen, aber im Grund muß man doch froh sein, daß man wieder frei atmen und wenigstens beim Tag ausgehen kann. Daß augenblicklich nicht etwa die ultramontane Partei, wie sie sich jetzt gibt, mir gegenüber steht, ist mir ganz klar, drum hab ich auch gleich an die Leipziger Reise gedacht, die ich ja doch zu machen gedenke. Das sah weniger einer Flucht gleich, obwohl es eine war, dringender geboten als die letzte. Doch Du siehst das aus den mitgeteilten Tatsachen, deren ich noch ganze Bogen voll beifügen könnte. Auch ich hab einen Schritt getan, um noch ärgere Aufregung zu verhüten. Am letzten Samstag wurden endlich die Wahlstürmer vom 26. Jän­ner, die rohesten Leute, vorgeladen. Die Vorstehung und Wahlkommission bat, ja doch nichts mehr zu machen, weil man sonst nicht mehr sicher sei. Sie tat mir das aber viel zu zahm, und ich schrieb folgendes: Löbl. k. k. Bezirksamt. Angesichts der durch einen von H. Pf. Rüscher am 26. März in der Kirche gehaltenen Vortrag gewachsenen Aufregung, welche so weit geht, daß man öffentlich sagt, man sollte mich erstechen, wage ich nicht, jetzt neues öl aus längst verges­sener Zeit ins Feuer gießen zu lassen, und ziehe, roher Gewalt weichend, meine in Feldkirch gemachte Klage wegen Ehren­beleidigung zurück.

    FMF

    Ich hoffte im Stillen auf diese Eingabe hin kein gänzliches Niederschlagen der Sache, sondern eine Vertagung, und habe, wie die Antwort beweist, auch richtig gerechnet. Dafür, daß meine Eingabe bei den Akten bleibt, ist durch Verweigern der Unterschrift auf der Eingabe der Wahlkommission gesorgt. Nun aber von anderem!

    Am 16. ist Versammlung der Bezauer Assekuranz. Ich hoffe, bis dahin doch kräftig genug zu sein, um die Reise wagen zu dürfen. Könnte man daran vielleicht auch unsere Konferenz Freitag oder Samstag knüpfen? Ich laß Euch freilich wenig Zeit und bitte daher, mir zu schreiben und allenfalls selber einen Tag zu bestimmen, da es mir bis zum 1. Mai immer gleich paßt. Aber wohin. Im Sommer komm ich nach Bludenz, aber jetzt ist's über die Berge sehr gefährlich. Auch in Warth sind der Krämer und sein Sohn verlawinet worden. Also Bregenz oder Dornbirn. Nenne Du selbst den Ort. In Bregenz könnten wir beide uns auf der Post, in Dornbirn in der Gans treffen. Mein Roman wächst aber langsam, und in dieser Hinsicht möcht ich allerdings noch 14 Tage beim Schreibtisch bleiben. Dieser Brief entsteht abends 10 Uhr, um morgen ganz für den Roman zu sein. Ich hoffe, es wird eine hübsche Arbeit, gewiß weiß ich das erst, wenn ich mich nicht mehr so ängstlich mit dem Einzelnen beschäftigen muß. Der Schluß braucht noch Stimmung, und die hat mir bisher gänzlich gefehlt. Heut schien sie endlich zu kommen. Übrigens ist das kein Leben, sich mit einem Rüscher balgen und dabei noch von seinen Bullenbeißern, zu deutsch Hunden, fürchten zu müssen. Einstweilen ist's freilich in der Hinsicht besser. Die Friedenspredigt werd ich Dir erzählen. Einstweilen bleib ich nun doch da und sehe mir noch den neuen Frieden an. Die Feldkircherin wird mir noch fleißig zugeschickt, obwohl ich sie bisher noch nicht wieder bestellt habe, was aber ge­schehen wird. Sag der Isabell, Strolzo Serafin sei gestorben und der [die] Tresel wolle mit einem Erztaugenichts von Schwarzenberg heiraten. Man sucht vergebens auszureden. Anderes mit Dir mündlich.

    Schreibe bald, aber nicht eher, als bis Du einen Tag für unser Zusammentreffen bestimmen kannst. Der Schlosser Riedlin schickte mir seine Schrift ,Aus dem Leben eines Proletariers', für die er - wohl vergebens - einen Verleger sucht. Das Gefüge ist mangelhaft, aber Einzelnes nicht wertlos und nicht ungeeignet, etwas umgegossen in einem Blatt zu erscheinen. Mehr später. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 8. April 1868

    Euer Wohlgeboren!

    Durch die Gartenlaube bereits auf Sie aufmerksam gemacht, folgte ich Ihren literarischen Bestrebungen welche unter so eigenthüm­lichen Verhältnissen und mit großen Schwierigkeiten kämpfend sich endlich Bahn brachen und zur Geltung kamen mit großem Interesse daß ich schon lange den Wunsch hatte mit Ihnen in einen literarischen Verkehr zu treten, und dazu findet sich nun eine Gelegenheit. Es erscheint Ende dieses Jahres unter meiner Redack­tion ein Jahrbuch des Erz und Riesengebirges, dessen Erträgniß zur Hebung der Erwerbsthätigkeit in den beiden Gebirgen bestimmt ist. Sie als ein Sohn des Gebirges kennen die Sorgen und Leiden der Gebirgsbewohner aus eigener Anschauung und es dürfte Ihnen vielleicht erwünscht seyn sich mit einem Beitrag zu betheiligen. Sollte dieß der Fall seyn, so ersuche ich Sie mir den prosaischen Aufsatz welcher mit 58 fl öw für den Druckbogen honorirt wird bis Ende April oder Anfangs May einzusenden. Mich Ihrer Theilnahme empfehlend, unterzeichnet sich achtungs­voll

    Euer Wohlgeboren

    ergebener

    Clemens Ritter

    von Weyhrother

    Nr. 994/2

    Clemens Ritter von Weyhrother
    Prag
    Franz Michael Felder
  • 6. April 1868

    Lieber Freund!

    Eben erhalte ich Deinen Brief vom 3. d. Ms. Ich eile, heute noch diese Antwort zur Post zu bringen. Ich würde es für zweckmäßiger ansehen, daß Du in der Stille zu mir herauf kämest. Hier wärest Du wie daheim und könntest an Deinem Roman sicher und in aller Ungestörtheit arbeiten. Von hier aus könnten wir Deine bornierten und leidenschaftlichen Gegner viel besser bearbeiten, als wenn Du im Bregenzerwald steckst. Die intelligenteren Geistlichen im Lande habe ich, wie ich von allen Seiten höre, mir sehr sympathisch gestimmt. Mit Hilfe derselben ist es mir, wie ich fest glaube, möglich, in kurzer Zeit derart auf Rüscher und Konsorten einzuwirken, daß Du herrlich rehabilitiert wirst. - Deinen frühern Brief will ich im allgemeinen heute nicht beantworten, da die Antwort nicht zu Deiner Lage passen würde. Nur soviel will ich be­merken, daß nicht ich für's Volksblatt Artikel schreibe, sondem daß das Volksblatt fürmich, d. h. für uns, Artikel ge­bracht hat, von denen einer aus meiner Feder floß. Das Blatt hat sich gewendet, nicht ich. Meine Stellung zu diesem Blatt modifiziert meine Urteile daher in keiner Art. Dieses hat die Feldkircher Zeitung besser erfaßt als Du. - Die Feldkircherin macht durch Wiedergabe Deines Artikels aus der Tagespost eine maliziöse Spekulation auf ein Zerwürfnis zwischen uns und dergl. Dieser Akt der Zeitung beweist merkwürdig gut, wie recht ich in dem von Dir so übel aufgenommenen Brief hatte. Ich halte dafür, daß sie das Zerwürfnis für ausgemacht hält, wenn Du jetzt sicherheitshalber Dich wieder entfernst und zu Leuten außerhalb unserer Familie gehst. - Eine Leiden­schaftlichkeit gegen Deine nächsten Bedränger sollte Dir den Blick in die wirkliche Sachlage nicht trüben und Dich nament­lich nicht zu unklugen Schritten bringen. Es ist jetzt nicht die ultramontane Partei, die Dich verfolgt, es sind die nur Fanatiker, die die Partei selbst tadelt. Rüscher wird überall desavouiert werden. Vonbank hat mir versprochen, Deine Streitigkeiten zu schlichten, nur müsse man ihn machen lassen. Von diesem Gesichtspunkt aus habe ich im letzten Brief über Eure Erklärung etwas bemerkt, was mir noch so vorkommt. Daß beim Volksblatt durch uns eben eine Krisis eingetreten ist, das solltest Du bereits los haben. Wie sie ausschlägt, das hinge von der Konferenz ab. Sie würde sicher uns zu Gunsten ausschlagen, wenn Du entschiedenes Ver­trauen zu mir bewahrt hättest und mir fest an die Seite getreten wärest. Bei der jetzigen Sachlage wird dieser mein zweiter Versuch, etwas Zeitgemäßes in dem Vorarlberger Zeitungs- und Parteiwesen durchzusetzen, vielleicht nicht mehr Erfolg haben als der erste. - Die Freunde Thurnhers zahlen ihm, wenn er im Land bleibt, seinen vollen Gehalt aus.

    Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Kaspar Moosbrugger

     

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 4. April 1868

    Löbliches k k Bezirksamt!

    Angesichts der hier durch einen in der Kirche von Herrn Pfarrer Rüscher gehaltenen Vortrag entstandenen Aufregung, welche so weit geht daß man öffentlich sagt, man sollte mich erstechen, meine Brut umbringen und mein Haus verbrennen, wage ich nicht mehr, neues Öhl aus schon vergessener Zeit ins Feuer zu gießen und ziehe meine in Feldkirch, der Gewalt hier nachgebend, zurück.

    Ergebenst

    Schoppernau den 4 April 1868. Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    K.K. Bezirksamt Bezau
  • 3. April 1868

    Lieber Freund!

    Mein letztes Schreiben hat kurz erzählt, daß Rüscher unsere Erklärung in der Kirche vorlas, erklärte und verdrehte, wie wohl noch selten ein Schriftstück verdreht worden ist. Wir hätten nach diesem erklärt, mehrere „einzelne Verkünder des Worts wollten durch falsche Lehren das Volk vom Wege des Heils abbringen". „Diese drei Ehrenmänner und Auchkatho­liken haben also die ganze Priesterschaft beschimpft" usw.!!! Mittags hieß es öffentlich auf dem Kirchplatz: Man sollte uns erstechen. Einzelne sprachen das schon in der Kirche aus. Auf dem Heimweg bekamen die Weiber beider Parteien überall Händel, und es ging zu, daß es gar nicht zum Be­schreiben ist. Seitdem heißt es, man sollte mich und meine Brut umbringen. Alles ist überzeugt, daß mein Haus nicht mehr stände, wenn es allein verbrannt werden könnte. So wird hier von den Frömmlern der vielbesprochene Satz der Gesichtspunkte bestätigt. Am Donnerstag nach der Messe ging Rüscher fort und sprach selbst die Besorgnis aus, daß bis zu seiner Wiederkunft ein Unglück geschehen könnte. (So wird erzählt.) Am Freitag abends, das hab ich aus bester Quelle, sollte der Baum vor dem Hause des Vorstehers umgehauen werden. Das hätte eine hübsche Geschichte gegeben. Nur die furchtbar stürmische Nacht hat vielleicht Mord und Totschlag verhindert. Des Pfarrers Köchin selbst hat das gesagt. Sie wurde die ganze Nacht von dem Gespenst einer jüngst verstorbenen Plaudertasche verfolgt. Am Samstag in der Früh kam sie in die Krone, um eine Schwatzerei über mich ins Reine zu bringen, schimpfte dann aber auf dem Heimwege den ihr begegnenden Vorsteher einen Lümmel. Nachmittags kam Rüscher in etwas demütiger Stimmung heim. Am Sonntag fanden sich abends Burschen zusammen, um den drei Ehren­männern die Fenster einzuwerfen. Sie sollen einen Gesandten zum Pfarrer geschickt haben, und so ist denn das bisher unter­blieben. Der Uhrenmacher schläft neben geladenem Gewehr, auch andere meiner Freunde beginnen sich zu bewaffnen. Nur ich bin wehrlos, da mir das Amt auch den Schutz der Gesetze nicht zuteil werden läßt. Die Gegenerklärung in der Landeszeitung sagt mir sehr viel. Man zieht die ändern aus der Sache, ich aber bin rechtlos. Und doch haben wir nur den Glauben bekannt. Mir ist klar, was ich unter solchen Umständen tun kann. Eben weil ich den Kampf nicht auf­geben will, muß ich an die Sicherheit meiner Person denken und würdigere Gegner suchen, die mich nicht damit wider­legen, daß sie ihre Hunde auf mich hetzen. Ich werde, sobald ich wieder ganz wohl bin, Feurstein u. a. um ein Darlehen ersuchen, meine hiesigen Schulden bezahlen und dann ohne Lärm nach Leipzig dampfen, um dort ruhig meinen Roman zu vollenden und das Weitere zu erwarten. Sollt ich mich dort nicht anders durchbringen, so kann ich unseren Sprach­und Spruchschatz im Wörterbuch verwerten und nebenbei Artikel schreiben. Vielleicht gelingt es mir dann auch, einige Verbindungen in Wien fester zu knüpfen, sonst aber hab ich auch Anträge von Berlin. Oder soll ich hier den Ultramon­tanen eine Waffe für sie in die Hand geben helfen, während ich von ihnen meines Lebens nicht sicher bin. Was wir an­streben, ist im allgemeinen Arbeiterverein gegeben. Ich werde nach dem Erscheinen von ,Reich und Arm' die Verbindung von Schweizer suchen. Das sind so meine Pläne, und Du wirst keine bessern wissen. Es hängt ganz von den Umständen ab, ob ich an der Versammlung werde teilnehmen können, die Vonbank wünscht. Ich hielt auch ihn an das Programm gebunden, und Artikel, wie den über das Jesuiten-Gym­nasium, hab ich im Volksblatt keine mehr zu lesen erwartet. Sind etwa nur wir ans Programm gebunden? Nun aber wird's Zeit, daß ich schließe. Wie es hier steht, hast Du nun gehört. Der Abdruck meiner Schattenbilder in der Feldkircherin wird nichts bessern, wenn ihn auch Rüscher nicht mehr in der Kirche verlesen und verdrehen sollte, was erst noch zweifelhaft ist. Erwäge meinen Bericht, und da Du sonst nicht viel für mich tun können wirst - hat doch auch Vonbank noch nichts ausgerichtet- so schreibe doch bald. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Felder

    Siehe Nachschrift:

    In Au hab ich viele Freunde, vor allem werde ich mich umsehen, ob ich nicht dort ein Unterkommen finde, etwa bei Greber oder in Bezau. Ich möchte doch meinen Roman hier vollenden. Vielleicht könnte sich bis da etwas ändern. Käme Rüscher fort, so war gleich alles etwas besser.

    Der Obige

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 28. März 1868

    Verehrtester Herr!

    Meinen herzlichsten Dank für Ihre so baldigen gütigen Zeilen samt Einlage welche ich ungesäumt Freund v. Bergman selbst über­brachte welcher Zimmer hütten muß wegen leichtem Unwohlseyn. Ich habe Ihnen von demselben viele Empfehlungen u. Grüße zu melden; er, ich wie andere Landsleute sind empört über das Treiben dortiger gewisser Herrn. Hoffentlich wirds sie wohl nicht viel nützen - die Jetztzeit fordert ihre Rechte - entweder - oder!! Mein Sohn Albert, der sich Ihnen ebenfalls höfl empfehlen last ist am Meisten bey u. um Hr Bergmann u. freut mich als Vater, daß er an dem gelehrten Freund so viel Gefallen hat. Bin neugierig, ob u. wie Albert in seinem anzuhoffenden Beruf sich machen wird; er ist mir fast zu viel über u. bey Büchern!! Nun ich habe nur 2 Söhne u. da soll jeder nach ganz freyer Wahl sich den Stand wählen ­Können Ihnen denken, daß da Karl Jurist - Albert Philosof gibt es manche verschiedene Ansichten - Dispute etc. etc. Besonders bey jetziger arg bewegter polit. Zeit- ich als gewesenes „Lehrerle" ­höre zu u. denke mir m. Theil.

    Hr Bergmann fragte mich, ob Sie nicht anher kommen etwa zum großen Scheibenschießenfest? Leider mußte Antwort schuldig blei­ben; er übergab mir so eben ihm von Innsbruck gesandte neueste Karte von uns. I. Landl, welche zu dem Werkchen gehört, was gerade jetzt unter der Presse sich befindet bey Wagner - 15 Bogen stark - u. welches noch im Juli erscheinen soll. Das Kärtchen erlaube mir als aller Neuestes Ihnen zu senden mit der Bitte um gut. Aufnahme u. mir es nicht übel zu deuten indem ich später wieder ein anderes Exemplar bekomme.

    Also eingeschneit sind Sie noch - nun ich kann mirs denken, wenn ich mich an die Winter in Schreken u. im Walserthal erinnere etc.

    etc. Wir hier haben, ob wohl nördlicher, längst schon kein Schnee

    - eher Staub - Wind vorherrschend.

    Mit vollster Verehrung empfielt sich Ihnen

    ganz ergebenst M. llg.

    Martin Ilg
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 26. März 1868

    Lieber Freund!

    Ich leide am Übergang, der hier niemand übergeht, daher kam ich leider gestern nicht in die Kirche, wo es doch so interessant gewesen wäre. Pfarrer Rüscher las nach dem Evan­gelium mit wutheiserer Stimme - unsere Erklärung aus der Landeszeitung vor und machte dann darüber, natürlich be­sonders über die ihn treffende Stelle, ein Langes und Breites, ganz ähnlich der Auslassung der Feldkircher Zeitung über einen Gesichtspunkt. Es scheint also diese Logik ziemlich gemein - allgemein wollte ich sagen -, denn das andere zeigt sich durch sich selbst.

    Abends nun kommt ein Brief von Dir und möchte das Er­scheinen unserer Erklärung ebenfalls bedauern. - Es ist end­lich Zeit, daß die Herren zur eigenen Ehrenrettung in sich gehen. Gestern will man aber davon nichts gemerkt haben. Meine Angaben über Müller sind wahr und haben auch den Zweck, daß ihm die Akten abgefordert werden, was nun geschehen sein soll. Für uns Wälder ist's kein Unglück, wenn man ihm auf die Finger klopft. Es gibt drum Gerichte für den Richterstand. Du selbst hättest so geurteilt, bevor Du Artikel für das Volksblatt schriebst, aber daß Du nun auch mein Vertrauen mißbrauchen werdest und müssest, glaub ich Dir selber noch nicht und erwarte meine Abschrift. In der Tagespost ist von mir gar nicht die Rede, die Partei aber muß ich eine liberale nennen. Altvorsteher Moosbrugger und Lump werden auch schwer etwas anderes so schnell werden. Meine Partei nenne ich übrigens nicht liberal, son­dern die Freimaurer, d. h. alle Denkenden. Beide Bezeich­nungen ziehen sich durch den ganzen Artikel, und zwar so, daß die Liberalen uns dienen. Auch im Schlußsatz liegt die Auslegung: Der Freund des Volkes wendet sich mittels freier Presse an die Öffentlichkeit, wenn ihn auch keine Gewaltmaßregeln des Ministers unterstützen. Diese Auslegung ist auch da und dort gemacht worden. Der Satz heißt doch: „Ich hab nicht darauf gewartet', oder er ist sinnlos. Unser Giskra ist dem Wälder geläufig wie unser Rüscher, Du weißt, daß es mir nicht an Beiwörtern fehlt, und wenn ich Deine Auslegung wünschte, hätt' ich trotz aller Eile noch Zeit gehabt, unser Innehaben [?] zu schreiben. Ich hätte noch mehr zu bemerken, das Wichtigste ist mir aber mein sozialer Roman. Auch da erscheine ich als offener, ehrlicher Gegner des Ultramontanismus. Ich denke, diesen Roman drucken zu lassen, obwohl er böses Blut auf beiden Seiten machen dürfte. Wahrscheinlich nehme ich ihn im Mai mit nach Leipzig. Ist's mir möglich, so geh ich im Sommer nach Wien, wo der Kreis meiner Freunde sich zu mehren scheint. Dort erwacht jetzt ein gesundes Volksleben, unab­hängig von schwarzen Einflüssen. Die Wiener Arbeiter und ihre Führer scheinen sich von keiner Partei ins Schlepptau nehmen zu lassen, und das gefällt mir und ist notwendig, wenn die schneidige Waffe der Lehre Lassalles nicht dem Selbstmorde dienen soll. Schweizer sagt, der Rock, den er schnitt, paßt nur Männern. Mir ist in der letzten Zeit der Ge­danke gekommen, unser Zweck wäre mit ändern Blättern eher zu erreichen. Auch unsere Gartenlaube scheint für Lassalles Lehre gegenüber den Leipzigern einstehen zu wol­len, wenigstens der Redakteur - in meinem Alter -, den ich in letzter Zeit mehrfach schätzen lernte. Mit den Gesichtspunkten bin ich einverstanden. Richtig ist auch die Kritik der Berufsklassen, obwohl ich die nicht ge­schrieben, nicht das Volk allen ändern Einflüssen unzugänglich gemacht hätte. Lassalle gibt den Arbeitern den Prüfstein selbst in die Hand: „Fragt nun, ob sie dieses eherne Gesetz aner­kennen."!!

    Sehr befremdet hat mich die Anmerkung der Redaktion zu Deiner gemilderten Auslassung über den Klerus. Die Redak­tion sollte durch unbeanstandete Aufnahme die Probe liefern usw. Mir war das auch ein Gesichtspunkt und ändern auch.

    Ich habe Kopfweh, glaube, Dir aber doch meine Gedanken klar und in freundschaftlicher Offenheit so klar als in Kürze möglich angedeutet zu haben. Ich versprach, Artikel laut Pro­gramm zu liefern, aber nicht schwarz für weiß zu halten und dieser Partei zu dienen, die uns zum Teil wenigstens nur gefälligst ausbeuten will. Beiliegende Zuschrift hat mich als Gruß aus der Hauptstadt recht gefreut. Wie muß ich wohl eine Antwort adressieren?

    Meine  Federzeichnungen  etc.   liegen  laut Bergmanns Mit­teilung vor dem Minister Herbst, dem sie der Landeshaupt­mann übergab. Der Artikel in der Gartenlaube zeugt von gutem Willen und ist auf unser Publikum berechnet. Autorität!

    Die Juppe wird noch heut auf die Post gegeben. Wir wollten auf billige Gelegenheit warten.

    Und nun nix für ungut. Ich wollte Dir nicht gerade predigen, aber meinen Standpunkt klarstellen. Viel dran werde ich nicht zu ändern vermögen. Auch Du solltest nicht zu weit... Rüscher scheint auf die Erklärung ernstlich fort zu wollen. Er sagte gestern nach Verlesung der Landeszeitung: Ich werde Gott täglich um den Tod oder um Versetzung bitten. Diese Tage verreist er und will in Bregenz auch den Schluß der Erklärung einsehen.

    Sie wurde auch an die Feldkircherin geschickt, aber diese scheint sie aus Haß gegen uns nicht mehr zu bringen. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Felder

    Von der Konferenz, wenn ich wieder gesund bin.

     

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 25. März 1868

    Geehrtester Freund!

    Als ich am 19 d. von der Post, wo ich meinen Brief an Ihnen abgab, zurückkam, lag das eben von Lahr gekommene Manuscript auf meinem Tische. Den kurzen Inhaltdes Briefes der darin lag, will ich Ihnen hier mittheilen: „Mit diesem gebe ich ihnen das Manuscript wieder zurück, indem es für uns nicht paßt. Ihren Trost können Sie darin finden, daß es manchem ändern tüchtigen Manne, der sich sogar mit langen Studien befaßt hat, in dieser Beziehung nicht besser ergangen ist." —.

    Damals als ich am 6/1 das Manuscript an die Redaktion der illstr. Dorfzeitung nach Lahr sandte, that ich diesen Schritt nur in Hinsicht auf die allgemeine Beliebtheit u. Popularität jenes Blattes, es war so zu sagen eine Apellation an die von der Redaktion so vielgeprie­sene Humanität u. freisinnigen Anschauungen, an ihre unparthei­ische Behandlung sozialer Fragen. Wie bitter hatte ich mich wieder getäuscht. Lesen Sie einmal einen Kalender des hinkenden Boten oder dessen Dorfzeitung, wie populär u. freisinnig finden Sie da alles. Eine Tendenz die mittlere u. untere Klassen hinreißt u. auch für den höher Gebildeten noch anziehend ist. Seine Redeweise ist unter allen Journalen die einzig Dastehende. Man glaubt in dem Redakteur den populärsten Mann der Welt zu erblicken. Welchen Gegensatz bietet mir aber seine abgeschmakte u. nichtssagende Antwort! Sollte mein Manuscript nichts anders sein, als ein Geschmier von 140 Seiten? Ist es nach solchen Erfahrungen nicht Tollheit oder Dummheit, an eine Menschheit zu glauben; wo uns überall nur Heuchelei im Gewände der Volkstümlichkeit, nur Kastengeist u. Hochmuth begegnen? Oder ist blos mir das Schicksal beschieden, nur immer mit diesen Mißgeburten des menschlichen Geistes in Berührung zu kommen. Ich könnte es fast glauben, wenn ich nicht an Ihnen einen aufrichtigen Freund u. Helfer gefunden hätte.

    Doch ich will nicht selbstsüchtig meinem Werke einen schriftstel­lerischen Werth beilegen, den es genau betrachtet doch nicht hat. Hätte ich Ihnen nicht das Versprechen gegeben, das Manuscript zur Durchsicht zu überschicken, wahrlich es wäre schon in den Korb gewandert. Ich überschicke Ihnen dasselbe nicht allein um dessen Werth zu prüfen, sondern um Ihnen dadurch von meinen Verhält­nissen u. der Lage der Arbeiter überhaupt, Kenntniß zu geben. Eines eigenen Urtheils darüber enthalte ich mich, es wäre Eigen­liebe oder geistiger Hochmuth.

    Meinen ganzen Vorrath von Gedanken, Erlebnissen, Erfahrungen und Ansichten habe ich darin niedergelegt, ob dieselben nun einer bessern Antwort, als jene des Redakteurs, würdig geweßen, über­lasse ich Ihrem unpartheiischen Urtheile. Mit wenigen Ausnahmen beruht die ganze Schilderung auf wirkliche stattgefundene That­sachen. Ich bin sehr begierig, was Sie darüber sagen werden, ich habe aber Niemand der mir in solchen Umständen an die Hand gienge. Für solche Werke einen Verleger finden, hat seine Schwie­rigkeiten, wenigstens ich für meinen Theil, weiß, wenn es wirklich drukfähig sein sollte, nicht wo ich das Manuscript dann hinschik­ken sollte. Wenn es die Redaktion der neuen Arbeiterzeitung: „Die Arbeiterhalle von Eichelsdörfer in Mannheim" nicht annimmt, so weiß ich Niemand, doch vielleicht wissen Sie Mittel u. Wege. Die Hauptsache ist ja eigentlich die, ob es drukfähig ist oder nicht, und das werden Sie am Besten finden. Sie dürfen sich ganz ungenirt gegen mich darüber ausdrücken, das bemänteln bin ich nicht gewöhnt, weshalb ich mich willig Ihrem Urtheile unterwerfe. Ob dieses mein erstes u. leztes Werk bleiben wird, hängt von den Umständen u. Verhältnissen ab. Finden Sie in meinem Manuscripte eine Befähigung zu weitern schriftstellerischen Arbeiten nun so freut es mich, ist aber das Gegentheil der Fall, so werde ich Ihre Offenheit schätzen und das Papier nicht mehr unnöthiger Weise besudeln. Zum bessern Verständniß der Erzählung habe ich eine Erklärung der darin vorkommenden Orts- u. Personennamen beige­legt. Meine Wenigkeit ist unter dem Namen „Hermann" bezeich­net. Daß ich auch Ihre werthe Person mit einverflochten, werden Sie mir verzeihen.

    In Erwartung eines offenen Urtheils

    verbleibe ich

    Ihr aufrichtiger Freund u. Verehrer

    Friedr. Riedlin

    Schlosser

    wohnhaft bei

    Hr Alois Schmidberger am See

    Friedrichshafen

    Friedrich Riedlin
    Friedrichshafen
    Franz Michael Felder
  • 25. März 1868

    Lieber Freund!

    Noch läßt mich der Übergang, der hier regiert, sehr wenig schreiben aber Du mußt jetzt endlich einige Zeilen haben. Ich habe heute 4 Beilagen mitzugeben die Dich, meinen lie­ben Freund, gewiß auch freuen. Die Federzeichnungen schrieb ich im Jänner, wartete im Februar auf ihr Erscheinen, gab sie dann im März verloren und schrieb das Schattenbild für die Tagespost. So kam es, daß beide Artikel fast gleich­zeitig erschienen. Den Ersten hat, wie mir Bergmann meldet, der Landeshauptmann dem Minister Herbst mitgetheilt. Pröll, der Redacteur unserer Gartenlaube, hat meine Verbin­dung mit dem Wanderer und der Tagespost vermittelt. Die Beilage zur Gartenlaube sagt Dir, was Pröll noch für mich gethan. Er bath mich um die Recensionen da die Sonderlinge bei uns noch gar nicht bekannt seien und man was auf Urtheile der Deutschen gebe. Du wirst den Artikel wol auch Hirzeln zeigen. No 4 meiner Beilagen ist die wörtliche Abschrift eines Briefes, den ich gestern Abends erhielt. Und nun zu so viel Erfreulichem noch ein gesunder Junge in der Wiege. Ich möchte lang darüber reden, aber zum Schrei­ben sind Hand und Auge gar nicht aufgelegt. Hoffentlich wirds bald wieder besser und dann sollst Du einen langen Brief erhalten.

    Mit dem Holländischen geht dem Uhrenmacher nicht bes­ser als mir obwol er viel mit Hol[l]ändern verkehrt haben will. Mir macht es Freude, aus dem Artikel zu lernen. Jetzt leider komm ich zu nichts als zum Schluß meines Briefes. Entschuldige meine Kürze und Trockenheit! Es grüßt Dich und alle herzlichDejn Freund

    F Michael Felder

    Stettner hat nicht geschrieben, er hat also das Ausland No 33-1866 auch nicht bestellt.

    BEILAGE:

    MÄNNER-TURNVEREIN IN WIEN AN FRANZ MICHAEL FELDER

    Herrn Franz Michael Felder in Schoppernau

    Als in Nummer 15 der „Gartenlaube" 1867 ein von Dr. Rudolf Hildebrand gezeichneter Artickel weitere Kreise mit dem Manne bekannt machte, der aus dem edlen Schatze männ­lichen Selbstbewußtseins das Gold der Wahrheit herausge­sondert hat an den Tag, wo schwarze Bosheit den Glanz zu verdunkeln strebt, mit dem es aus tiefem Bergeswinkel her­vorleuchtet - damals schon sagten wir uns: „Ja! das ist ein ganzer Mann, das ist ein Kämpe für die Freiheit des Geistes und für die Entwicklung sittlicher Vollkommenheit!" Mit reger Theilnahme lasen wir Einzelnes in den verschie­denen Blättern, woraus wir erfuhren, welche Hinderniße man Ihnen bereitet, und wie schwer Ihnen der Kampf wird, zumal Sie mit offenem Viiser gegen die dunklen, oft unsicht­baren Feinde kämpfen müßen, die aus sicherem Versteck hervor ihre giftigen [Pfeile] auf den frei dastehenden edlen Mann abschiessen.

    Da kamen „die Federzeichnungen aus dem Bregenzerwalde", und mit Ihnen die Kunde von der ganzen Niederträchtig­keit, die gegen Sie ins Feld geführt wird, und deren Kum­pane, wir ja auch hier zu Lande in den schönsten Exemplaren vertreten haben. Die tiefste Entrüstung hat uns, und alle, die diese Mittheilungen erhielten, ergriffen; wir fühlen uns ge­drängt, diese Zeilen an Sie zu richten, um Ihnen als deutsche, freidenkende Männer die Hand zu reichen, zum herzhaften Drucke des Mitgefühls in Ihrem Schmerze sowohl als zur Er­hebung in diesen schweren Stunden.

    Ergreifen Sie die dargebothene Hand der Männer, die mit Ihnen das Banner der Freiheit hoch halten, und offenen Auges dem Lichtstrahle entgegensehen, der nun hereinbricht, und der hoch und mächtig genug ist, daß er auch über Ihre

    Berge   hineinleuchtet,   und  das  Spuckgeschlecht der  Eulen vertreiben wird.

    Harren Sie muthig aus auf dem Ehrenposten, auf den ihr vorwärtsstrebender Geist und Ihr männlicher Muth Sie ge­stellt und seien Sie überzeugt, daß über die Berge herüber Ihr Wacheruf: „Wer da?" nicht verhallt, und daß Ihnen ein tüchtiger Verein von deutschen Männern an den Ufern der Donau donnernd zuruft: „Gut Freund!" Kann Ihnen der Männer Turnverein in Wien in irgend einer Weise dienlich sein, so verfügen Sie über seine stete Bereit­willigkeit.

    Indem   wir   in  vorstehenden   Zeilen   dem   dießfälligen   Be­schluße   der Turnrathssitzung   vom 17 März dj.  Ausdruck geben zeichnen wir für den Turnrath des Männervereins in Wien 20 März 1868 Jos. Hofer

    Zeugwart                                       der Sprecher

    Otto Schurschenthaler                       Karl Friedrich Hacker

    Bücherwart                                  Eduard Struschka

    Robert [Pöschl]                        d.z Sprecher Stellvertreter

    Schriftwart                                        Jos. Ihm

    Säkelwart Stellve. [Kruckte] 2 Zeugwart

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 23. März 1868

    Lieber Freund

    Verzeihen Sie meine Saumseligkeit. Ihr Schreiben erhielt ich, als ich gerade an einer längere Zeit andauernden Zahngeschwulst litt. Herrn Neumann kenne ich nicht, wohl aber den früheren Redak­teur u. jetzigen Eigenthümer des Wanderer, Herrn Graf. Von letzterem konnte ich nichts erfahren er versicherte mir aber, daß, falls das Schreiben nicht benutzt wurde, dasselbe von Seite der Redaktion jedenfalls nicht in fremde Hände gelangt wäre; übrigens werde[n] in jetzigen Zeiten die Redaktionen so mit Zuschriften von allen Seiten bestürmt, daß es unmöglich sei Alles zu benutzen u. nur zu beantworten, wahrscheinlich sei jedoch in der Korrespon­denz des Wanderers an den Einsender eine Notiz gegeben worden. Übrigens, mein Freund, trösten Sie sich wegen der Anfeindungen der Klerikalen, wenn dieselben nicht gerade gefährliche Bedrohun­gen sind. Die Klerikalen sind in ganz Österreichrbis zum Wahnsinn wühtend, weil sie eben merken, daß es nun wirklich Ernst gilt. Die große Konkordatsdebatte im Herrenhaus hat die Niederlage der Ultramontanen entschieden, u. dieselbe hatte Nachts in den Strassen Wiens ihr Nachspiel. Ungeheure Volksmassen wälzten sich bis Mitternachts in den Strassen Wiens unter Jubel u. stürmi­schen Beifallsbezeigungen für Auersperg u. die Minister. Man ließ das Volk unbehindert gewähren, u. auch Offiziere betheiligten sich an der Demonstration. Es war in der That rührend anzusehen, wie selbst Greise von der wuchtigen Rede Auerspergs u. Anderer wie Jünglinge elektrisiert waren. Überall begegnete man nur von Freude strahlenden Gesichtern. Noch nie habe ich eine so allge­meine u. warme Kundgebung erlebt, u. ohne den geringsten Exzeß. Einige wollten dem Rauscher u. Genossen eine Katzenserenade bringen, aber man vermied es, um die edle Kundgebung auch durch keinen Mißton zu stören.

    Die Arbeiter Wiens sind recht rührig, u. die Bewegung ergreift immer weitere Kreise. Es liegt eben in dem Plane des Arbeiterbildungsvereins dieselbe über ganz Österreich auszudehnen. Man darf bei allem dem jedoch nicht übersehen, daß der große Bil­dungsmangel bei der großen Majorität der Arbeiter dem Vereine in seiner Wirksamkeit große Schwierigkeiten bereitet. Zudem besit­zen selbst die gebildeten unter ihnen eine bedauernswerthe Abnei­gung gegen die Norddeutschen, namentlich einen großen Preu­ßenhaß.

    Den Seiffertitz habe ich seit seinem neuerlichen Hiersein noch nie getroffen. Wenn Sie mit Ihrem neuen Roman zu Ende sind, u. derselbe im Druck erschienen sein wird, lassen Sie mich dasselbe wissen. Schon der Titel „Reich und arm" läßt mich aus Ihrer Feder interressante Schilderungen erwarten.

    Dem tapferen Kämpen für Freiheit u. Gesittung im Geiste die Hand drückend grüßt Sie herzlichst

    Ihr

    Ergebener Freund L. Mayer

    Lorenz Mayer
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 22. März 1868

    Lieber Freund!

    Vor allem meine Gratulation zu dem Martin, möge er an Kraft und Kernigkeit seinem Großvater gleichen Namens eben­bürtig sein. Daß ich Deinen Roman vor der Absendung lese, ist unnötig, da ich nichts an selbem bessern oder ändern kann. Der Genuß am Gedruckten ist dann umso größer. Das Schreiben des Kreisgerichts und die mit Schreiben vom 18. d. Ms. geschickten Verlassenschafts- und Kaufsakten liegen bei. Meine Ansicht bezüglich der letztern ist die: Wenn sich nicht dartun läßt, daß Gottfried seinen von der Mutter ererbten 1/4 Teil am Anwesen dem Vater überlassen hat, so kann dieser allerdings diesen 1/4 Teil nicht seinen Söhnen ver­kaufen. Der Kauf würde also bezüglich dieses Heimatsanteils ungültig sein, und derselbe müßte den Kindern der Hebamme eingeantwortet werden oder eingeantwortet bleiben. Seinen Anteil an der Heimat wird Josef Anton Moosbrugger aber wohl rechtsgültig haben dem Sohn verkaufen können. ­Ein Meräudler von Tannberg war in der Massenangelegenheit dieser Tage hier und hat diese Sache dem Doktor Bickel übergeben. Dieser wird ihm sofort über den Stand der Sache Auskunft geben, sobald er solche geben kann. Dr. Preu hat die Massen in Händen und soll noch keine Ausweisung gemacht sein. Wir sind jetzt sehr schlecht mit Arbeitskräften verfahren, und so geht Vieles langsam vonstatten. - Die Schafklage ist bereits überreicht und wird in Bälde die Tag­fahrt sein. Doktor Bickel wird hierüber dem Josef Moos­brugger von Schoppernau, der mir schrieb, Auskunft geben. -

    Deine Arbeiten im Wanderer, der Gartenlaube und Tages­post habe ich mit Vergnügen gelesen. Unangenehm hat mich nur berührt, daß Du ganz offen Dich als Liberalen hinstellst und den ärgsten Bourgeois-Minister, den wir haben, Giskra, den unsern nennst. Ich glaube, Du seiest über Deine Hand­lungsweise und deren Tragweite mit Giskra im Unklaren. Er ist der Abgott der Bourgeois und sucht ihre Gunst auf jede Art zu erhalten. Wenn Du die Gesichtspunkte im Volksblatt gelesen hast und mit denselben, die ersichtlich in Harmonie mit unseren Broschüren stehen, einverstanden bist und laut Programm mittun willst, so wirst Deine Haltung jedenfalls etwas ändern müssen. Wir müssen eine Konferenz halten, und zwar, wie mir Vonbank schreibt, sehr bald. Auch Vonbank und ich sind, wie Du aus der letzten Nummer des Volks­blattes sehen kannst, noch nicht über alle Punkte im Reinen. Wir werden Vieles, sehr Vieles zu besprechen haben. Hoffent­lich werden wir eine Einigung erzielen. Für uns ist es insbe­sonders gut, die nun eroberte günstige Position im Land zu behaupten. Du sollst jetzt schon die angenehmen Wirkungen davon in Deiner Umgebung spüren, Du störriger Sepp! Von­bank schreibt mir, er wolle mit den Klerikalen im Bregenzer­wald, die Dir opponierten, suchen fertig zu machen, aber da wäre es notwendig, daß Du sie nicht mehr herausforderst. Von diesem Gesichtspunkt aus wäre die Erklärung von Euch in der heutigen Landeszeitung besser unterblieben. Glück­licherweise wurde sie etwas zugestutzt. Warte jedenfalls mit weitern Proklamationen bis zur Konferenz, wo alle Unter­fertiger des Programms erscheinen sollten. Wann kannst Du fortkommen? Ich muß Dich noch auf etwas aufmerksam machen:

    Mit solchen Berichten, wie Du dem Seyffertitz einen geschickt hast, ist der Freiheit wenig gedient. Wenn ein Beamter oder ein anderer Bürger seine Pflicht nicht tut, gehört die Sache vor das kompetente Gericht und nicht vor die geheime Polizei. Eine Frucht der geheimen Polizei ist die Versetzung Thurn­hers, der nun in einer sehr unglücklichen Stellung ist. Alle Beamten sind durch diesen Akt der Willkür erschüttert und das Volk wird es bitter müssen büßen, wenn sie servile Diener des jeweiligen Ministeriums werden müssen. Ich bin keinen Augenblick mehr sicher, daß mich ein ähnliches Los trifft und dann?! Dann werde ich vielleicht das vom Ministerium Giskra aufgebrachte Spioniersystem schonungslos vor dem Volk bloßlegen. Ich befinde mich dann im Stande der Notwehr, die keine Rücksichten kennt. -

    Ich glaube, in politischen Sachen mußt Du noch bedeutend praktischer werden. Unter anderm, was ich Dir schrieb, hast Du auch vergessen, daß der Isabella die Juppe zugeschickt werden soll. Ich ersuche Dich also nochmals, diese Juppe baldigst mit nächster Gelegenheit, allenfalls mit Post, zu schicken. - Vonbank möchte die Konferenz um Ostern haben. Schreibe Deine Meinung über Zeit und Ort dem Vonbank oder mir.

    Das andere mündlich. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 21. März 1868

    Geehrter Herr Felder!

    Der Männerturnverein in Wien, dessen Vorstand zu sein ich die Ehre habe, hat unterm 21. März an Sie ein Schreiben gerichtet, in welchem er Ihnen für Ihr mannhaftes Streben seine Achtung und vollstes Mitgefühl ausdrückt. Ich übernahm es, das Schreiben an Sie mittelst Retour-Recepisse abgehen zu lassen, vergaß aber leider ein Retour Recepisse zu nehmen, und gab das Schriftstück nur mittelst einfachem Recepisse auf, was zur Folge hat, daß dem Verein die Gewißheit mangelt, ob das Schreiben in Ihre Hände gelangt. Ich bitte Sie nun mittelst wenigen Zeilen den Empfang zu bestätigen, oder entgegengesetzten Falles mir wissen zu lassen, daß nichts an Sie gelangt sei, damit ich dann am Postamt reclamieren kann.

    Ich habe Ihr Schicksal mit regstem Interesse verfolgt, habe das von Ihnen geschriebene Werk „Die Sonderlinge" gelesen, in welchem mich besonders als Naturfreund die Naturschilderungen auf das angenehmste berührten.

    Voriges Jahr schickte mir Freund Lecher den Brief, den Sie an ihn richteten, zum Lesen, da wir oftmals von Ihnen gesprochen; ich möchte wünschen, daß Sie den Muth und die Zuversicht trotz aller Anfeindung nicht sinken lassen, sondern in Ihrem Kreiseden Kampf fortkämpfen, den auch wir am Donaustrande gegen Aberglauben und Vorurtheil zu führen haben. Gut Heil! Glück auf!

    Ihr ergebenster

    Carl Friedrich Hacker

    Vorstand-Sprecher des Männer-Turnvereins

    in Wien

    9. Bezirk, Währingergasse Nr 16

     

    Carl Friedrich Hacker
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 20. März 1868

    Herrn Franz M. Felder in Schoppernau

    Als in der Nummer 15 der „Gartenlaube" 1867 ein von Dr. Rud. Hildebrand gezeichneter Artikel weitere Kreise mit dem Manne bekannt machte, der aus dem edlen Schatze männlichen Selbstbe­wußtseins das Gold der Wahrheit herausgefördert hat an den Tag, wo schwarze Bosheit den Glanz zu verdunkeln strebt, mit dem es aus tiefem Bergeswinkel hervorleuchtet-damals schon sagten wir uns: „Ja! Das ist ein ganzer Mann, das ist ein Kämpe für die Freiheit des Geistes und für die Entwicklung sittlicher Vollkommenheit!" Mit reger Theilnahme lasen wir Einzelnes in den verschiedenen Blättern, woraus wir erfuhren, welche Hindernisse man Ihnen bereitet, und wie schwer Ihnen der Kampf wird, zumal Sie mit offenem Visier gegen die dunklen, oft unsichtbaren Feinde kämp­fen müssen, die aus sicherem Versteck hervor ihre giftigen Pfeile auf den frei dastehenden edlen Mann abschiessen. Da kamen „die Federzeichnungen aus dem Bregenzerwalde", und mit ihnen die Kunde von der ganzen Niederträchtigkeit, die gegen Sie ins Feld geführt wird, und deren Kumpane, wir ja auch hier zu Lande in den schönsten Exemplaren vertreten haben. Die tiefste Entrüstung hat uns, und alle, die diese Mittheilung erhielten, ergriffen; wir fühlen uns gedrängt, diese Zeilen an Sie zu richten, um Ihnen, als deutsche, freidenkende Männer die Hand zu rei­chen, zum herzhaften Drucke des Mitgefühls in Ihrem Schmerze sowohl als zur Erhebung in diesen schweren Stunden. Ergreifen Sie die dargebotene Hand der Männer, die mit Ihnen das Banner der Freiheit hoch halten, und offenen Auges dem Licht­strahle entgegensehen, der nun hereinbricht, und der hoch und mächtig genug ist, daß er auch über ihre Berge hineinleuchtet, und das Spukgeschlecht der Eulen vertreiben wird. Harren Sie muthig aus auf dem Ehrenposten, auf den Ihr vorwärts­strebender Geist und Ihr männlicher Muth Sie gestellt, und seien Sie überzeugt, daß über die Berge herüber Ihr Wacheruf: „Wer da?" nicht verhallt, und daß Ihnen ein tüchtiger Verein von deutschen Männern an den Ufern der Donau donnernd zuruft: „Gut Freund!" Kann Ihnen der Männer Turnverein in Wien in irgend einer Weise dienlich sein, so verfügen Sie über seine stete Bereitwilligkeit. Indem wir in vorstehenden Zeilen dem diesfälligen Beschlüsse der Turnrathssitzung vom 17. März d. J., Ausdruck geben, zeichnen wir

    Für den Turnrath des Männer Turnvereins in Wien

    Josef Hofer                                der Sprecher

    Zeugwart                             Carl Friedrich Hacker

    Otto Tschurtschenthaler                     Eduard Struschka

    Bücherwart                        d. z. Sprecher Stell Vertreter

    Robert Pöschl                                 Jos. Ihm

    Schriftwart                          Säckel wart Stellvertreter

    Ruschitzka 2. Zeugwart

    Turnrat des Männer-Turnvereins
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 19. März 1868

    Hochgeehrtester Freund!

    Schon lange hätte ich Ihren lieben Brief vom 14 November vrg. Jhrs., beantwortet, allein da ich auf den angemeldeten Besuch wartete, so hatte ich die Beantwortung desselben unterlassen.

    Offen gestanden, es freute mich auf den angekündigten Besuch, erstens um über Ihre werthe Person Näheres zu erfahren, was hier nicht wohl angeht, u. zweitens, weil ich in der That sehr gespannt war, Ihre geistigen Produkte nun einmal persönlich kennen u. achten zu lernen. Ich bin sehr begierig auf Ihre „Sonderlinge", o haben Sie die Güte u. überschicken Sie mir einmal mit Gelegen­heit, einige Ihrer Geistesprodukte. Das Werk von Riehl, von welchem Sie in Ihrem Werthen vom 14 Nov. reden, kenne ich nicht. Ebenso ist mir von der Arbeiterbewegung in Wien nichts bekannt, da das hiesige Blatt sich um soziale Zustände wenig kümmert, sondern darin all seine Kräfte verwendet, um während der Zollparlaments-Abgeordnetenwahlen die Katholiken gegen Preußen u. den Protestantismus aufzuhetzen. Theuerster Freund! Am meisten Freude hätten Sie mir bereitet, wenn Sie mich im Januar persönlich besucht hätten. Schade, daß Sie nicht Zeit hatten, welcher Gedankenaustausch hätte da Statt gefunden. Würden Sie in irgend einer Stadt am Bodenseeufer wohnen, ich hätte Ihnen schon längst besucht, doch hoffe ich, daß wir einander im nächsten Sommer in Lindau oder Bregenz treffen können.

    Über Ihren Aufenthalt in Leipzig, den sie in der östreichischen „Gartenlaube" beschrieben, habe ich bis dato ebenfalls noch nichts erfahren. Um noch einmal auf Ihre „Sonderlinge" und Ihren neueren Roman zurückzukommen, bin ich sehr begierig, wie Sie die religiösen u. sozialen Fragen behandeln. Hätte ich Zeit genug, so würde ich eine Schilderung der religiösen und volkswirtschaft­lichen Zustände Oberschwabens schreiben, leider würde ich aber unter der hiesigen Bevölkerung wenig Freunde gewinnen, denn bei solchen Abfassungen heißt es eben „Wahrheit gegen Freund und Feind", u. die Wahrheit hört man bekanntlich am ungernsten, besonders die Ultramontanen, die hier eine bedeutende Macht besitzen. Stoff u. ältere u. neuere Quellen hätte ich hinreichend, nur fehlt mir neben der erforderlichen Zeit auch die classische Bildung dazu.

    Mit Bedauern lese ich in jedem Ihrer werthen Briefe, von den Umtrieben der Ultramontanen, die Ihnen manche schöne Stunde verbittern, doch auch Ihnen gilt was Schiller sagt: „Männerstolz vor Königsthronen, - Brüder, galt es Gut u. Blut-dem Verdienste seine Kronen, Untergang der Lügenbrut".

    Was soll ich Interessantes von meiner Wenigkeit berichten? Es geht eben alles seinen gewöhnlichen Gang: arbeiten, mit seiner Existenz u. ändern Widerwärtigkeiten kämpfen, wechseln immer mit einan­der ab. Es ist immer die alte Leyer.

    Von Seiten der Direktion in Stuttgart sind nicht nur strengere Maßregeln gegen die Arbeiter in den königlichen Werkstätten verfügt, sondern auch die Akordszahlungen bedeutend herunterge­setzt worden, gewiß eine erfreuliche Überraschung! Stehen die Lohnherabsetzungen auch im Einklang mit den Gehaltserhöhun­gen der Beamten? Auf der einen Seite verlangt die Ständekammer Einschränkungen, besonders im Betriebswesen, während sie auf der ändern Seite das Geld durch das Militär- u. [Beamtenwesen] Millionenweise hinausschleudert. Doch genug hievon. Für dieses Jahr habe ich folgende Blätter abonnirt: Das „Daheim", die Lahrer „Illustrirte Dorfzeitung" das „evangelische Sonntagsblatt" u. das „Calwer Missionsblatt" u. das hiesige „Seeblatt". Meine Schilde­rung: „Aus dem Leben eines Proletariers" hatte ich am 6 Januar vollendet u. am gleichen Tage an 2 Verlagshandlungen geschrie­ben. 8 Tage später schickte ich das Manuscript nach Lahr, von wo ich eine bejahende Antwort erhalten hatte. Am lezten Samstag d. 14/3 erhielt ich von Hr Geiger, Redakteur d. illustr. Dorfzeitung, die Nachricht, daß er mein Manuscript seinen Mitarbeitern zur Durchsicht zugesandt, aber über die An- oder Nichtannahme desselben noch nicht berichten könne, da jene Herren ihr Domicil nicht in Lahr sondern auswärts haben, u. in Folge Geschäftsaufhäu­fung eine Antwort noch nicht eingetroffen sei. Ich versprach, Ihnen seiner Zeit, das Manuscript zu überschicken, unterließ aber das­selbe um Ihnen später mit dem Gedrukten überraschen zu können. Ob mir aber dieser Wunsch gelingen wird, steht noch dahin! Jedenfalls erhalten Sie das Manuscript zur Durchsicht, wenn es in Lahr nicht gedruckt wird. Indessen grüßt Ihnen

    Ihr aufrichtiger Freund Friedr. Riedlin

    Friedrich Riedlin
    Friedrichshafen
    Franz Michael Felder
  • 18. März 1868

    Lieber Freund!

    Heut einmal vorerst Geschäftliches. In Beiliegendem findest Du die Geschichte des väterlichen (resp. großväterlichen) Vermögens Deiner Basen, der Kinder der Hebamme in Au.

    Der Kaufvertrag verfügt über ein Anwesen  im Werte von mindestens fünftausend Gulden. Eine Frage, ist dieser Kauf gültig? Ich fürchtete ja, doch höre:

    Es ist nicht zu erweisen, daß Gottfried Elmenreich sein mütter­liches Vermögen erhielt. Die Stelle im Kauf Seite 2 „Das An­wesen ist sein durch Übernahme" besagt noch nichts, da sie nirgends zu erweisen ist. Haben aber die Kinder des Gottfried noch ihren 1/4 von der Großmutter auf dem Anwesen, so konnte selbes auch nicht so veräußert werden. Auffällig ist freilich, daß der Vater dem Gottfried bei seinem Ableben noch (?) hundert Gulden schuldet. Aber diese 100 Fl. können so gut als der Rest des Kapitals auch die Zinsen des­selben sein. Die Hebamme sagt: Außer diesen 100 Fl. hätte der Mann nichts von daheim erhalten. Er habe ihr keine Schulden abbezahlt, sondern das Gegenteil. Ich glaube, Gott­frieds Kinder können das großmütterliche Erbe noch fordern, da ihnen aber das Anwesen mit eingeantwortet ist, so kann der Kauf für ungültig erklärt werden. Ich habe eine Abschrift der Akten verlangt und sende sie Dir mit der Bitte, sie mir bald mit Deiner Meinung zu schicken, da nächstens Tagfahrt ist. Meräudlarle möchte aber bald erfahren, wie viel die Massenverwaltung noch zahlt. Es wartet mit Schmerzen auf den ihm zugesprochenen Teil eines Guthabens eines seiner Gläubiger.

    Was sagst Du, daß ich die Heldin meines Romans vor dem Leser beichten lasse? Die Schilderung ist so, daß die Einrich­tung der Beichte gelobt, der Beichtvater jedoch getadelt wird und gezeichnet als ein Mann, gewohnt zu herrschen und ohne Menschenkenntnis und Milde. Ich bin jetzt am fünften Kapitel des zweiten Bandes, hab also noch acht Kapitel zu schreiben, bevor ich mich ernstlich auf etwas anderes werfe. Der bei­liegende Artikel ist viel besser als der im Wanderer, der mich gar nicht freut. Bringt die Presse keinen Auszug? Die Neue Freie Presse scheint auf mich sehr böse zu sein, mir geht es mit ihr nicht besser. Aufsehen macht jetzt auch hier die Haltung des Volksblatts. Es wurde verglichen mit Pater Abra­ham, welcher in einer Predigt die Alten zum Weinen und die Jungen zum Lachen bringen wollte, daher er über Erziehung predigte und furchtbar stampfte, während er hinten am Rock zum Ergötzen der lieben Kleinen einen Fuchsschwanz ange­bunden haben soll. Dieses Doppelwesen will man auch im Volksblatt jetzt finden. Der erste Teil des Blattes, der sich gegen die Großen kehrt, eine ernste würdige Predigt, dann gegen die lieben Kleinen der Fuchsschwanz. Der Witz ist nicht so übel. Mir wollen die Mitteilungen auch noch nicht ein. Die Schoppernauer und Auer lachen, daß das Blatt frei­maurerisch werde, d. h. gerade so rede, wie man es lang schon von mir hörte. Es ist ziemlich gewiß, obwohl noch nicht bekannt, daß Pfarrer Birnbaumer nach Au kommt. Ich bin begierig, wie sich der zu mir und zu Rüscher und Herzog stellen wird. Der jetzige Kaplan steht schon fast wie Rüscher und wird sich in Au bald unmöglich machen. Die Feldersche Partei ist im Wachsen. Lebe wohl. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 17. März 1868

    Lieber Freund,

    Also endlich tägliche Post in Eurem Hinterwalde. Nun braucht man doch nicht mehr die Tage zu berechnen wie einer der von hier nach Amerika schreibt und den Abgang des Schiffes in Bremen berechnen muß. Der Stempel AU auf Deinen Briefen statt des früheren BEZAU sieht mich gar wunderlich an, ich dachte beim ersten Male, das BEZ wäre nur beim Abdruck ausgeblieben. Na Gott sei Dank, möge nun die Tagespost Euch uns um so viel näher bringen als die in den Sonderlingen gerühmte und in meinem Besuch bei Euch be­rühmte neue Straße um die Bezegg herum schon gethan hat, von der ich zufällig gestern Abend hier erzählt habe - wegen ihrer Gefährlichkeit bei raschem Fahren. Aber ich will sie nicht wieder bekritteln, sonst strafst Du mich wieder. Auch solls dießmal kein Schwatzbrief werden, weil ich heute dazu nicht Zeit, obschon Stoff genug hätte. Mich freuts aber daß Du über meinen Schwatz gelacht hast, ich necke Dich gerne und schon deshalb mußt Du diesen Sommer wieder kom­men, daß wir wieder zusammen lachen. Aber ich komme wirklich ins Schwatzen, es zerstreut mich angenehm, und ich hab in der letzten Zeit mehreres sehr Bittere erfahren, das ich noch nicht ganz verdaut habe - da­zwischen aber auch sehr Erhebendes und Schönes, mit mei­nem inneren Leben der letzten zwei Wochen in Freud und Leid könnt ich ein ganzes Jahr des gewöhnlichen Daseins ausfüllen. Doch genug davon, freilich zu wenig um überhaupt etwas zu sein.

    Ich schicke Dir des Barons Briefe wieder mit, ich möchte ihn schon kennen lernen; aber auch Deinen Brief an ihn möcht ich eigentlich lesen. Auch Dein holländisches Bild schick ich Dir nach Wunsche mit, seht wie weit Ihr kommt. Gegens Ende steht eine Stelle von Dir übersetzt, mit der wirst Du wol auskommen. Aber an der holländischen Wissenschaft unseres tapferen Uhrenmachers erlaube ich mir doch einige Zweifel, er denkt doch nicht etwa, daß es eine Art Französisch ist? Ich freue mich übrigens herzlich seiner Wiederherstellung und dessen, was Du über seine Stimmung schreibst. Die an­gestrengte Untersuchung wird ihn wohl nur angenehm be­schäftigen, und Dich auch. Euer Wahlsieg muß doch den Schwarzen in die Glieder gefahren sein wie Sadowa den östreichern alten Stils. -

    Deine Ausführung über die Philomena war mir und dem Club sehr interessant (Du solltest einmal alles Ernstes Dich ästhetisch versuchen), obwol wir uns mehr niederdisputirt als überzeugt fühlten; aber Du disputirst wirklich vortreff­lich. Wir hatten aber mehr im Sinne, daß Philomena zu gut weg-zu kommen scheine dem so hart gestraften Franz Sepp gegenüber. Wir haben übrigens solcher Admonitionen noch mehr in petto, z. B. daß Christian einmal die Mutter mit dem einen Auge, mit dem ändern die Philomena ansieht, NB. zu gleicher Zeit. Das geht wirklich nicht, das erlaubt der liebe Gott nicht, wie er die Augen gebaut hat; beide Augen kön­nen immer nur zusammenwirkend auf einen Punkt sehen.

    Was Du mir von Deinem Roman schreibst, war mir sehr lieb; ich wollte wol, ich könnte Dir hie und da Rathgeber sein, und es freut mich, daß Dir das für den Sommer wirklich vor­schwebt, es hier vorzunehmen. Zudem ist es jetzt sicher, daß ich dießmal nicht zu Dir kommen kann, wegen amt­licher Behinderung in meiner neuen Eigenschaft als Examina­tor. Aber Dir ist entschieden wieder ein norddeutsches Luft­bad nöthig, ich freue mich schon lebhaft auf unser Zusam­mensein. Die Zeit Deines Kommens kannst Du ja nach Be­lieben wählen - ja so, da wird nun das Wible mit gefragt werden müssen. Nun gut Glück zu allem. Aber komm nur vor Mitte August, das haben die Studenten im Club sich aus­gebeten.

    Unser Club entwickelt sich immer hübscher. Wir haben am Samstag vor acht Tagen ein erstes Stiftungsfest gefeiert, mit Damen, jungen und nicht mehr jungen, haben geschmaust, getoastet, gesungen, gescherzt, declamirt, Pereats ausgebracht (dem bösen Gosche in Halle), von Deutschlands Zukunft ge­redet, selbst getanzt, alles zusammen bis früh halb drei-vor allem aber Theater gespielt. Lippold hatte ein Stück geschrie­ben, die Geschichte und Bedeutung des Clubs behandelnd, der Ort war die Höhle im Kyffhäuser in der S. Maj. Kaiser Rothbart schläft; er wurde aber munter (mein Vetter Karl agirte ihn würdig, mit Kaisermantel und Krone) und ließ sich gnädig von den altdeutschen Studien und vom Club erzäh­len, nahm auch eine genaue Schilderung aller Mitglieder des Clubs entgegen, natürlich Du darunter, ferner Andeutungen Überwasserfahrten und Baumsitzungen, die aus dem Munde zweier in die Höhle gedrungener fahrender Schüler kamen. Hättest Du doch dabei sein können! Die Spieler waren fünf Mann, außer den genannten eine mitschlafende und mit­erwachende Kaisertochter (Stud. Hügel) ein Narr (Lippold), die Schüler waren Stud. Wülker aus Frankfurt und Köhler, Du erinnerst Dich wol aller noch. Sie machtens wirklich prächtig, dazu in vollem, stattlichem Costüm, eine ganze Stunde dauerte der Mummenschanz, über mich kam eine wunderbare Stimmung. Es ist ausgemacht, daß das minde­stens alljährlich wiederholt werden soll, die jungen Leute brennen aufs Bühnenspiel, und ich habs an dem Abend auch wieder als den höchsten Genuß empfunden, den Kunst und Leben bieten. Du solltest doch auch einmal Dir einen drama­tischen Vorwurf nehmen, ich lasse Dir nicht Ruhe, Du hast dramatische Kraft in Dir, sobald Du Deine Expositionen kür­zer fassen, gleichsam nur mit Kreide umreißen und in die Handlung selbst verweben lernst. Mir schwebte neulich ein Lustspielstoff in fertigem Rahmen für Dich vor. Ach ich möchts auch einmal versuchen! wenn — Nun kommt ja im Herrenhause das neue Ehegesetz dran! ich bin außerordentlich gespannt. Heute früh las ich in der n. fr. Presse den Commissionsentwurf der Minorität im Aus­zug - der Tausend, das ist eine geschlossene Logik, und ein Haß! Wenn nur Euer Ministerium aushält. Wißt Ihr denn, daß im Grunde die Civilehe die einzige Form der Eheschlie­ßung unserer Vorfahren war? in dem von Euren Schwarzen gepriesenen Mittelalter? Sie Schreiens als eine Ausgeburt der franz. Revolution aus! Dein Aufsatz in der östr. Gartenlaube ist mir noch nicht zugekommen.

    Doch zum Schlüsse. Grüß mir Dein braves Wible herzlich und Deine Freunde, und sei selbst herzlich gegrüßt

    von Deinem Rudolf Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 16. März 1868

    Geehrtester Gemeinderath!

    Mit einer „Erklärung" machen wir nichts gut. Diese Sache hätte längst auf einen ändern Weg gehört, auf welchen ich dieselbe alsogleich leiten werde. Jedes Ding muß zu seiner Thüre hinaus; das andere schadet. Wollen Sie die Sache einstweilen mir überlas­sen; ich bitte darum.

    In Eile grüßt die

    Redaction

    J. G. Vonbank

    Johann Georg Vonbank
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 15. März 1868

    Lieber Freund!

    Ich habe heute gerade gute Zeit, Dir zu schreiben, u. Du auch am St Josefstag, einen Brief von mir zu lesen. Ich hingegen muß dann arbeiten, wie an einem ändern Werktage, denn die liberalen Schweizer haben mir die Feier meines Namenstags verhunzt, nebst noch fünf ändern Feiertagen.

    Doch weiß ich eigentlich nicht viel, wenn ich schon einen Tag länger auf der Reise war, als recht gewesen wäre. Von Dir weg ging ich in einer halben Stunde zum Dorfe hinaus, u. zwar so bewegt, wie sonst noch selten. Ich hatte aber mein Gepäck nicht so schwer geschätzt, als es wirklich war, daher war es mir in der Au schon beinahe zu schwer, allein ich dachte mir, hättest Du Deine Kräfte früher richtig beurtheilt, jetzt muß es gehen bis nach Bezau u. wanderte getrost vorwärts. Doch mußte ich manchesmal absetzen u. rasten. Sonst hatte es einen eigenthümlichen Reiz, mitten in der Nacht so durch diese Dörfer hindurch in die Welt hinaus zu marschiren. Es war alles so ruhig u. still, kein Mensch hätte geglaubt, daß diese friedliche Stille durch so schrille Mißtöne unterbrochen werden könnte, wer nicht die verstimmten Instru­mente gewisser Leute kennt.

    Auf der Schnepfegg schaute ich noch einmal zurück u. sagte allen Guten u. Lieben hinter mir noch einmal Lebewohl, u. vorwärts mit frohem Muthe! über das Bitzauerfeld nach Bezau, damit ich ja nicht zu spät komme.

    Doch was ist das? vor dem Posthause ist alles still, weder Feuer noch Licht, bin ich etwa noch viel zu früh oder zu spät? Ich stand eine gute Weile vor dem Posthause, bis es halb fünf Uhr schlug. Nun fragte ich einen Vorbeigehenden, ob die Post schon abgefah­ren? ja, hieß es. Also hast Du das schwere Gepäck umsonst bis nach Bezau heraus geschleppt, war mein erster Gedanke. Doch über­wand ich den Ärger bald, klopfte ein paar Minuten später beim Gamswirthen, da ich im Keller ein Licht sah. Eine Stimme fragte barsch: Wer ist draussen? Ein Reisender, antwortete ich, der gern etwas essen möchte. So früh wird nicht geöffnet, war die Antwort, u. ich konnte wieder abziehen. Nun gieng ich weiter, zu Leous Isabell, trankdortden Kaffee, u. rathschlagte, was nun zu thuen sei. Ich wußte nun nichts Besseres, als das Gepäck auf die Post zu thun u. einstweilen nach Bregenzzu laufen. Ich kam Abends spät dort an u. ging sogleich ins Bette. Am ändern Morgen spazierte ich in der Stadt herum, bis um 11 Uhr, wo es aufs Dampfbot ging. Abends halb fünf war ich in Zürich, wo ich zwei Stunden warten mußte, die ich zu einem Spaziergang durch die Stadt benützte. Das Wetter war dunkel u. regnerisch, so daß man eigentlich nicht viel sah. Abends halb neun war ich in Zug u. um 10 Uhr in Unterägeri. Der Strolz empfing mich mit Freuden, er schien froh zu sein daß ich gekom­men. Gleich am ändern Tag schlössen wir einen Vertrag mit einander, wodurch ich Theilhaber an dem Geschäft wurde. Ich verdiene auf diese Art denn doch mehr, als wenn ich Gesell wäre, u. kann nebenbei noch manches lernen, das ich sonst nicht könnte. Bis dato arbeiten wir selbander.

    Ich habe mich schon ziemlich in meine neue Lage gewöhnt, wenn der Unterschied schon ziemlich stark ist. Ich habe hier keine geistige Unterhaltung, als mit meinen Büchern, die ich aber soviel möglich benütze. Hier haben im Winter auch Wahlkämpfe stattge­funden. Eine eigenthümliche Bezeichnung hat man hier für das Agitiren, oder wie man bei uns oft sagt, werben. Wenn nämlich Jemand für Etwas agitirt, so heißt es, er „dröhlt".

    Dieses „Dröhlen" bei den Wahlen soll schon lange im Gebrauch sein, so daß es nichts Neues mehr ist, wie bei uns. Hier stehen das Stockbauernthum als die Conservativen u. die modernen Liberalen einander gegenüber. Diese sind vertreten durch die Fabrikherren, ihre Arbeiter u. was sonst noch gebildet heißen will, so daß sie die Tüchtigen Kräfte, die mehreren für sich haben. Diese siegten denn, auch, wie das bei dem grossen Einflüsse der Fabriken nicht anders möglich war. Anlaß zu dem Kampfe gab die Sekundärschule, die hier besteht u. die die Bauern abgeschafft wissen wollten. Diejeni­gen Gemeinderathmitglieder nun, die diese Ansicht unterstützten, oder vielleicht auch sonst nicht gefielen, wurden „ussigheit", u. andere dafür gewählt.

    Das wäre das Wichtigste, das ich weiß. Was gibt es Neues bei uns? Grüße mir Koarado Buobo u. seine Frau, u. Oberhausers, sage dem Kaspar, ich wisse ihm für dießmal nichts Besonderes mehr zu schreiben.

    Du kannst ihn dieses lesen lassen, wenn er im Stande ist, es zu lesen. Der Eine von Euch beiden wird mir dann wohl antworten, wenn es Etwas Neues gibt. Es grüßt Dich u. die Deinigen herzlich

    Dein Freund Josef Natter

    Josef Natter
    Unterägeri
    Franz Michael Felder
  • 15. März 1868

    Euer Wohlgeboren!

    Vor allem bitte um Vergebung daß ich es wage Ihre kostbare Zeit in Anspruch zu nehmen, wenn es auch nur die wenigen Minuten betrifft, diese Zeilen durchzulesen. Als s. Z. ich erfuhr: Nümma­müller u. schwarze Kasperle sei erschienen, bestellte mirs direct in Lindau. Nachdem ichs mit vielen Vergnügen gelesen, lieh ich das Werkchen den Professoren am hiesigen k: k: academi u. Schotten­gymnasium welche „sämtl." sich lobend darüber aussprachen. Dann ruhte daßselbe in m. Bücherschrank, wo ich bedeutende Menge bey 3000 andere Bände habe; auch über Vorarlberg u. Tyrol fast alles nur, was zu verschaffen ist. Ihre Sonderlinge - dann kl. Nov. in östr. Gartenlaube machten den Schluß. Vor ca 10 Tagen erschien im Wanderer an Stelle wo ansonsten Feuilleton - Platz angewiesen: Über Schoppernau - diesen Artikel gab ich Freund Rit. v. Bergman, wie überhaupt wir gegenseitig alles austauschen, wo was erscheint das - Landl - betreffend... Gestern schickte mir der Hr Landsmann ihm geliehene Feldk. u. Bregenzer Landeszeitung retour, mit inneliegendem Zettel u. dieser kl. winzige Gegenstand ist eigentlich mit Veranlassung m. Schrei­bens.

    Da m. Sohn Albert die Ehre hat mit E. W. in Correspondenz zu stehen,  glaubte wohl  keinen  Fehlgriff zu thun,   persönlich  als Landsmann an E. W. ein Schreiben zu richten - Ich geborner Dornbirner war 1836-37 Lehrer im Schrekenü 1838-1839 Lehrer in Riezlern im Walserthal (-.eigentlich Schwende:) Ich begab mich dann aber nach Wien an das k. k. polit. Institut commerzielle Abtheilung u. bin nun seit 1844 thätig im kaufmännischen Leben. Außer Hr Bergmann besuchen mich die Landsleute Willam (:aus Bremen Au:) Rüscher aus Bützau früher Spaarkassa Beam. Eng. Keßler etc. etc.

    Im Jahre 1861 am 2. August sah ich nach 20jährig Abwesenheit wieder m. unvergeßliches Landl. Meine l. Frau u. beyde Söhne hielten Mittag im Gasthaus zur Krone in Schoppernau - ließen Wagen, Koffer etc. dorten um beym herrlichsten Wetter über Hopf­reben nach Schreken zu gelangen!! welch herrliche Erinnerungen­von Dornbirn reisten wir Bad PfäffersZürich-Schafhausen Regens­burg Passau etc. in unser Wien. Nun will ich denn doch zum Schlüsse eilen; aber bleibt mir noch übrig zu erwähnen, daß ich auch mit vielem Interesse in der Leipzig erscheinenden Garten­laube las was Hr Dtor Hildebrand über E. W. Wirken geschrieben u. da in dem von E. W. an m. Sohn gut. gesandtem Briefe v. Woche die Grenzbothen Juniheft erwähnt wird pto. Geburtsjahr 1839 habe mir dieß gleich bestellt.

    Noch erlaube mir zu erwähnen, daß falls ich E. W. hier am Platze mit was immer dienen könnte, ich Sie bitte zum Voraus überzeugt zu seyn, daß dieses herzlich gerne geschehe. Sollten E. W. einmal einige freye Zeit gewinnen, würde es mich recht freuen nur Paar Zeilen zu erhalten; meine Adresse ist ganz einfach mein Nahmen u. Wien - Straße No ist nicht nothwendig.

    Hochachtungsvoll empfielt sich Martin llg

    gewesenes Lehrerle von Schreken u. Schwende

    Martin Ilg
    Wien
    Franz Michael Felder
  • 14. März 1868

    Erklärung

    Geehrte Redaktion! Die Gefertigten bitten um Aufnahme folgender Erklärung: In einer zu Reute im Bregenzerwald am 28. Februar d. J. gehaltenen Predigt gegen Glaubenslosigkeit und Kirchenverfol­gung erlaubte sich der Herr Pfarrer von Bizau auf die Gemeinde Schoppernau als abschreckendes Beispiel hinzuweisen. Die Gefer­tigten sehen sich daher zu der Erklärung genöthiget, daß hier noch nichts geschehen, was zu solcher öffentlichen, die Gemüter in hohem Grade aufregenden Beschimpfung der Gemeinde berechti­gen könnte. Die Gemeindebürger sind durch ihren frühern Pfarrer zu gut im Glauben unterwiesen, um sich durch das gegründete Mißtrauen gegen einzelne Verkünder des Worts, die im Sinn des erwähnten Predigers wirken wollen, vom Wege des Heiles abbrin­gen zu lassen und halten es für Pflicht ihren Glauben offen zu bekennen.

    A. Albrecht, Gmd.-Vorsteher.

    Pet. Moosbrugger Gdrth.

    Franz Michael Felder Gdrth.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
  • 10. März 1868

    Lieber Freund!

    Das Briefschreiben und Zeitungslesen [bringt] durch die tägliche Post neuen Reiz, und ich habe beides nie fleißiger betrieben als jetzt. Deinen Brief samt Beilage hab ich eben erhalten und schreibe Dir noch heute abends, weil der morgige Tag meinem Roman gehören soll. Die Brixner krie­gen da Haue, wie selbst in den Sonderlingen nicht, 's ist ja nur pures Heidentum, der Stoff bringt's mit, und dann muß dem Volk auch gezeigt werden, was die Kerle eigentlich möchten. Den ersten Band hab ich noch fast durchweg umge­arbeitet, damit ihm nicht hie und da, wie dem von Schweizer, das Ästhetische fehle, der erste Band ist fertig. Das Ganze dürfte am 1. Mai wieder von Bludenz abgehen können wie die Sonderlinge. Mir wird's leicht, wenn ich des Stoffes einmal ledig bin. Vielleicht kann ich dann im Sommer die Korrek­turen lesen, wenn ihn Hirzel nimmt, woran Hildebrand nicht zweifelt, sonst aber geh ich zu Springer in Berlin, dem Ver­leger Jeremias Gotthelfs, der mir bereits Anträge machen ließ. Heut erhältst Du den vom Wible abgeschriebenen Be­richt für Seyffertitz, den er „benützen'' will. Ferner den verspäteten Wanderer-Artikel mit sehr unlieber Abschneidung des Eingangs. Du kannst das Blatt behalten und zirkulieren lassen. In der Grazer Tagespost dürfte sich dieser Tage noch etwas Besseres (Gesalzeneres) finden, wenn man mich nicht wieder so beschneidet. Die Veröffentlichung der Federzeich­nungen geschah gegen meinen Willen. Ich forderte die etwas veraltete Arbeit drohend zurück, worauf sie dann erschien. Der Artikel, den ich letzte Woche versandte, paßt jetzt besser. Ich hab wieder angefangen und nun soll's überall Bomben regnen. Wohl haben wir hier in Schopp[ernau] eitel Frieden, weil Rüscher sich geschlagen sieht. Die bei­liegende Bekanntgebung von Feldkirch, den 8. Febr., ließ mir Müller erst am 22. zukommen. Daß sie acht Tage auf dem Gericht war, ist erwiesen. Ich meldete das an das kompetente Untersuchungsgericht mit der Bemerkung, daß unterdessen die Neuwahlen vorgenommen und Zeugen verhört wurden, ohne daß jemand das Wahlrecht verlor. Nun hat Müller, der schon die Täter und den Beschuldigten auf den 12. d. M. vorgeladen hatte, die „Vertagung" melden müssen. Arzt Dünser weiß, daß ihm die Akten erst höflich, dann gröber abgefordert worden sind.

    Über die Predigt in Reuthe hat Feurstein heut berichtet, und es ist möglich, daß wir die Erklärung liegen lassen. Ich hab am Sonntag einen Buben bekommen und ihm für sein Lebtag den Namen Martin gegeben. Mutter und Kind sind wohl. Auch Pius soll sich besser befinden. Ich hatte lang nicht mehr Zeit, ihn zu besuchen. Ich schreibe schrecklich viele Briefe, und mein Roman wird mir, was davon nur noch im Kopf ist, nachgerade zur Last. Du wirst ihn wohl auch noch lesen wollen?

    Über die Allianz der Demokraten mit den Ultramontanen, wie sie im Volksblatt sich offenbaren, bemerkt Feurstein, man werde sehen, wer den anderen bei den Ohren führe. Deine Beilagen will ich besorgen. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Felder Die Beilagen sende zurück.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 10. März 1868

    Lieber Freund!

    Das Briefschreiben und Zeitungslesen ge[winnt] durch die tägliche Post neuen Reiz und ich habe beides nie fleißiger betrieben als jetzt. Deinen Brief sammt Beilage hab ich eben erhalten und schreibe Dir noch heute Abends, weil der morgige Tag meinem Roman gehören soll. Die Brixner kriegen da Haue, wie selbst in den Sonderlingen nicht. S'ist ja nur pures Heidenthum, der Stoff bringts mit und dann muß dem Volk auch gezeigt werden, was die Kerle eigentlich möchten, den ersten Band hab ich noch fast durchweg umgearbeitet, damit ihm nicht hie und da, wie dem von Schweizer das ästhetische fehle, der erste Band ist fertig. Das Ganze dürfte am 1 Mai wieder von Bludenz abgehen können wie die Sonderlinge. Mir wirds leicht, wenn ich des Stoffes einmal ledig bin. Vielleicht kann ich dann im Sommer die Corecturen lesen wenn ihn Hirzel nimmt, woran Hildebrand nicht zweifelt, sonst aber geh ich zu Springer in Berlin, dem Verleger Jeremias Gotthelfs, der mir bereits Anträge machen ließ. Heut erhältst Du den vom Wible abgeschrie­benen Bericht für Seiffertitz den er „benützen" will, ferner den verspäteten Wanderer Artikel mit sehr unlieber Abschneidung des Eingangs. Du kannst das Blatt behalten und zirkulieren lassen. In der Grazer Tagespost dürfte sich dieser Tage noch etwas Besseres (gesalzeneres) finden wenn man mich nicht wieder so beschneidet. Die Veröffentlichung der Federzeichnungen geschah gegen mei­nen Willen. Ichfordertedieetwas veraltete Arbeit drohend zurück, worauf sie dann erschien. Der Artikel, den ich letzte Woche versandte, paßt jetzt besser. Ich hab wider angefangen und nun solls überall Bomben regnen. Wol haben wir hier in Schop eitel Frieden weil Rüscher sich geschlagen sieht. Die beiliegende Bekantgebung von Feldkirch den 8 Februar ließ mir Müller erst am 22 zukommen. Daß sie 8 Tage auf dem Gericht war ist erwiesen. Ich meldete das an das kompetente Untersuchungsgericht mit der Bemerkung daß unterdessen die Neuwahlen vorgenommen und Zeugen verhört wurden ohne daß jemand das Wahlrecht verlor. Nun hat Müller, der schon die Thäter u. den Beschädigten auf den 12. d M vorgeladen hatte, die „Vertagung" melden müssen. Artzt Dünser weiß daß ihm die Akten erst höflich, dann gröber abgefor­dert worden sind.

    Über die Predigt in Reute hat Feurstein heut berichtet u. es ist möglich, daß wir die Erklärung liegen lassen. Ich hab am Sonntag einen Buben bekommen u. ihm für sein Lebtag den Nahmen Martin gegeben. Mutter und Kind sind wohl, auch Pius soll sich besser befinden. Ich hatte lang nicht mehr Zeit ihn zu besuchen. Ich schreibe schrecklich viele Briefe und mein Roman wird mir was davon nur noch im Kopf ist, nachgerade zur Last. Du wirst ihn wol auch noch lesen wollen?

    Über die Allianz, der Demokraten mit den Ultramontanen, wie sie im Volksblatt sich offenbare,  bemerkt Feuerstein,  man werde sehen, wer den Ändern bei den Ohren führe. Deine Beilagen will ich besorgen.

    Mit Gruß u. Handschlag

    Dein Freund

    Felder

    Die Beilagen sende zurück

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 9. März 1868

    Lieber Freund

    Das Briefschreiben hat seit Eröffnung der Post für mich einen ganz eigenen Reiz und ich werde Dich Armen nun gar nie mehr in Ruhe lassen. Heut muß ich Dir danken für die Freude, die Du mir mit dem letzten Briefe machtest. Ich habe wirklich gelacht und das Wible mit, ganz laut daß unser staunender Philax, der Hund laut zu bellen begann. Du hast übrigens noch nicht alle meine Titel und Nahmen angeführt, vielleicht aus Feinheit, sonst hättest Du mich noch nennen können: Großmeister der hiesigen 200 Freimaurer, Verwalter des Handwerkervereins, Erzketzer, Sektenstifter usw. Aber genug und zum Überfluß schicke ich Dir hier noch den Hochwolgebornen von einer Adreßschleife der öster Gartenlaube mit. Nicht wahr, da hört jetzt alles auf? Und doch noch mehr von dem, was bei gewöhnlichen Men­schenkindern Großsprecherei hieße. Den holändischen Artikel, der mich so freute, möchte ich einmal haben. Er soll dann hier übersetzt werden, d h aber nicht von mir, aber der Uhrenmacher will etwas können. Gelt, was sind wir für Kerle? Wer sollte das glauben!

    Aber nun zum Roman. Den ersten Theil hab ich stark um­gearbeitet und bin damit in den letzten Tagen fertig gewor­den. Der 2 te ist erst im rohen Entwurfe fertig. Auch da muß manches mit Rücksicht auf die Veränderungen im 1 Theil umgeschaffen werden. Das auch ist der Grund, warum ich dir denselben noch nicht schickte und noch nicht gleich schik­ken kann. Der Schluß des ersten Theils ist nun bedeutender. Der Schlägerei hab ich das Grobbäurische benommen, indem ich den Knecht, der jetzt Jos heißt, als er auch den einzigen Freund, Stighansen sich gegenübersieht, durchs offene Fen­ster hinaus springen lasse, wobei er einen bösen Fall thut. So bleibt Hansens Schuld und Jos leidet an den gleichen Folgen obwol die Geschichte ein ganz anderes Gesicht ge­winnt. Der Roman ist ein socialer, aber die Brixner bekom­men wieder ihr Theil. Fromme Erbschleicherei ist an allem Unheil schuld und ich muß ihr wol am Schluß auch noch die Zusei zum Opfer fallen lassen. So nur ist Wahrheit im Ganzen, auch halte ich die Wirkung für bedeutender. Ich glaube, zum größten Theil sind die Ultramontanen an unserm socialen Elend schuld und möchte zeigen wie. Alle Personen finden schließlich den Frieden. Nur Zusei, von Betschwestern umschmeichelt, durch deren Hülfe sie auf den Stighof wollte, geht in der Verzweiflung - ins Kloster. Sonst hab ich viel gekürtzt, einzelnen Sätzen ellenweise von der langen Nase geschnitten und ich freue mich darauf, einmal das Ganze lesen zu können. Wenn ich im Sommer nach Leipzig komme, so hoffe ich es mitbringen zu können. Ich wollte oft, daß ich über etwas reden könnte, nun die Zeit kanns noch bringen. Es ist wol gut, wenn wir vor dem Druck darüber sprechen. Vom Gartenlaube Artikel hab ich ein Ex an Moosbrugger geschickt, von dem du es wol schon erhalten hast. Hier hats noch 3 Fuß Schnee und stürmt, daß man kaum die Fensterladen offen erhält. An solchen Tagen legt leicht sich das Gefühl unlieber Einsamkeit auf mich, doch trage ich viel weniger schwer daran, seit wir eine tägliche Post, von hier nach Au einen abendlichen Bothen haben. Die Predigt in Reute, von der mein letzter Brief meldete, macht hier großes Aufsehen. Die Untersuchung wegen Wahlstörung hat nun auch begonnen und regt die Gemüter auf. Unsere Ultras bemühen sich, die Liberalen mit Lasalles Grundsätzen zu be­kämpfen. Rüscher hat seit der Wahl keinen Streich mehr gewagt.

    Nun aber wirds Nacht und die Kühe schellen. Lebe wol. Mit Gruß und Handschlag

    Dein Freund Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 8. März 1868

    Werther Herr u. Freund!

    Uibersende Ihnen in Voraus die Beilage der nächsten Nummer wo ich Ihre Selbstbiografie nur in der Person umgeändert u. mit einigen einleitenden Worten versehen brachte. Ich habe es möglichst schnell gethan, sogar den gesetzten Musikbeitrag aufgehoben, um Ihnen auch in Oesterreich einiges Terrain zu erobern, dessen Sie in Ihrem unerschütterlichen Kampfe so sehr bedürfen, u. damit Sie mich nicht auch unter die Lauen werfen. Ausserdem konnte ich räumlich nichts mehr erweitern u. war noch dazu mit der Leitung von Dr. Eckardts Vorlesungen beschäftigt. Ein eigenes Urtheil über Ihre Werke konnte ich nicht beischliessen, da ich leider nur Proben daraus kenne u. selbst nur ein armer Literat bin, der sich nicht alle Werke, die ihn interessiren, anschaffen kann. Hier liegt es, zur [ächten] Schande sei es gesagt, nicht einmal in der Leihbibliothek auf. Ist Hirzel kein Schmuzier, nun so schicken Sie ihm allenfalls das Beiblatt u. vielleicht schickt er mir dann Ihre Sonderlinge, ganz gewiss aber schon zum eigenen Vortheil Ihr nächstes Werk auf das ich mich recht freue u. das ich doch erst wieder ausführlicher besprechen kann. Uibrigens schadet das ja Ihnen nicht; denn Besseres als Byr gesagt, könnte ich doch nicht sagen. Uiber die „Liebeszeichen" schwieg ich aber, weil ich die Selbst Reklame von uns im eigenen Blatt ä la Leipzig. Gartenlaube nicht liebe. Unsere früheren Abon. ergänzen sich das selbst. Im S u m m u m hoffe ich, daß es Ihnen immerhin etwas nützt, wie es so recht u. schlecht dasteht. Hügel wird Ihnen Samstag noch einige Beilagen mitsenden u. haben Sie zu wenig so schreiben Sie an ihn selbst. Meine Briefe sind mir lieb, wenn sie unter m. Namens-Adresse kommen, da doch Störungen manchmal unvermeidlich u. ich mehr persönlich u. herzlich gehaltene Briefe ungern, wenn auch nur auf einen Zufalls-Einblick in fremden Händen sehe.

    Für Ihre Fotografie herzlichen Dank; werde später erwiedern, in dem ich jetzt „kein Lichtbild" von mir besitze u. erst später besorgt darum sein muss. Gratulire zu Ihrem jüngsten Sprossen; möge er dem Vater gleich werden!

    Abdruck der „Schattenbilder in der Grazer Tagespost" werden Sie erhalten haben. Ihren „zwei Tagen eines Bäuerleins" werde ich ebenfalls noch einen 2. Abdruck in einem hierortigen Organe vermitteln; so daß Ihr Name nach u. nach geläufig wird.

    Gruss u. Handschlag

    von Ihren Freund

    Karl Pröll

    N. B. Redakteur der Tagespost, Dr. Viktor Swoboda, möchte von Ihnen auch kurze Berichte, welche namentlich Kultur-Interessen u. politische Spitzen vereinen, also eine Art polit. Feuilleton hie u. da von Ihnen erhalten. „Tagespost" zahlt 60 fl für Ihre Bogen von 2000 Zeil. also immerhin mehr wie wir u. ist in Steiermark viel gelesen, kommt aber freilich nicht so weit wie wir mit unseren wenigeren Abonn. (bis Stockholm, Riga, Neapel, Paris etc.) Da ich überzeugt bin, daß Sie mir nicht ganz untreu werden, sondern alle 3-4 Monate noch immer einen kleinen Artikel ethnograf. Natur von etwa 1/4- 1/8Druckbog, senden werden trotz schlechterer Beding., so empfehle ich Ihnen sehr diese Anknüpf. Bitte sich aber dann gleich direkt an V. Swoboda zu wenden (unt. Adresse: „Redakt, der Tagespost" in Graz) denn ältere Redakteure sind eitel u. eifersüch­tig. Bei mir, der ich nach 1 Jahr weniger als Sie zähle, hat man noch nicht diesen literar. Hochmuth!

    Karl Pröll
    Graz
    Franz Michael Felder
  • 8. März 1868

    Lieber Freund!

    Eben erhalte ich Deinen Brief vom 5. d. Ms. und beeile mich, ihn zu beantworten:

    Dein Brief an Vonbank freut mich, ich hätte keinen so ent­gegenkommenden erwartet. Thurnher und ich arbeiten schon daran, das theologische und grau theoretische Zeug im Volksblatt auszumerzen, und wir machten drum den Vonbank insbesonders auf Artikel XVI im Heft 4 der Hist.-pol. Blätter aufmerksam. Eben habe ich Greuters Rede über die soziale Frage im Reichsrat gelesen, es scheint, er hat unsere Klar­stellung studiert, wenigstens ist die Rede ein Vortrag aus derselben. Die Sachen machen sich, aber äußerste Vorsicht ist notwendig, daß die Spanfudler nicht in die Lage kommen, den Lassalleanismus zu mißbrauchen. -

    Eure Erklärung gegen den Pfarrer von Bizau würde ich billigen, nur glaube ich, sollte das Wort „Stockmayer" einfach ausge­lassen werden und statt „Verleumder" stünde besser „Ehrab­schneider". Der Gegensatz ist mit „früherem Pfarrer" stark genug hervorgehoben, auch war vor Stockmayer auch ein Pfarrer. Das Wort „Verleumder" hat in unserm Strafgesetz eine Bedeutung, die von der im Katechismus sehr stark ab­weicht. Ein „Verleumder" ist nämlich ein Verbrecher, der kriminalisch zu behandeln ist. Dagegen ist ein Ehrabschneider im Strafgesetz so ziemlich das, was im Katechismus und was Ihr eigentlich sagen wollt. Wenn die Predigt war, wie Ihr schreibt, dann kann man Euch nichts machen, wenn die Er­klärung erscheint. Ich würde es für ganz zweckmäßig ansehen, sich auf diese Art zu wehren. Nur drauflos auf die — Meine zwei Artikel in der Landeszeitung und im Volksblatt über die Viehassekuranz wirst Du gelesen haben und auch die Ausschreibung der Generalversammlung auf 29. d. Ms., die meinem letzten Artikel nicht entspricht. Ich glaube heute noch, daß die Anträge von Rechts wegen und aus Zweck­mäßigkeitsgründen zu veröffentlichen wären, auch Bezirks­vorsteher Ratz, der die Statuten eigentlich redigierte, hat diese Ansicht ganz entschieden. Ich will mit dem Verwaltungs­rat aber nicht rechten, mag aber in dieser Sache umso weniger noch einmal öffentlich auftreten, als es diesmal nur in einiger Opposition gegen den Verein geschehen könnte. Ich schicke Dir daher anliegend meinen Antrag und das Schreiben des Tschavoll mit dem Ersuchen, diese Schriftstücke den Häuptern der Opposition mitzuteilen und sie in meinem Namen zu bitten, daß sie den Antrag prüfen und ihre Bemerkungen und Anträge sofort feststellen und zur Generalversammlung einsenden. Ich würde mich unmittelbar an die Betreffenden wenden, aber ich weiß nicht genau, wer sie sind. Die zwei Schriftstücke mögen mir wieder behändigt werden. -

    Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger

     

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 5. März 1868

    Lieber Freund!

    Pröll schreibt mir, daß mein Artikel in der Redaktion des Wanderer verloren gegangen zu sein scheine. Ich hab mich nun an Mayer gewendet, und unterdessen einen ändern Artikel - einen kurzen Auszug des ersten - fortgeschickt. Von Vonbank hab ich Euer Programm mit kurzem Begleit­schreiben erhalten. In Beilage l findest Du die Abschrift meiner Antwort. Beilage II enthält die Abschrift einer Er­klärung, die wir in der Landeszeitung veröffentlichen wollen. Noch harrt das Original Deiner Antwort, die wir mit um­gehender Post erwarten. Ich hoffe denn auch, Dein Urteil über den Brief an Vonbank zu erfahren. Begeisterung für den ultramontanen Standpunkt hab ich nicht und gebe diesen Leuten noch ungern eine Waffe in die Hand. Die Predigt in Reuthe macht hier großes Aufsehen, aber ich weiß mich nur mit der Erklärung II zu wehren. Weißt Du was Besseres? Hildebrand schreibt mir: In einer angesehenen holländischen Zeitschrift von Verbreitung und Ruf finde er einen langen Artikel unter dem Titel Franz Michael Felder. Der Artikel berichte von mir als Bauer, Dichter und Reformer. Er sei mit mehr Wärme und Verständnis geschrieben, als was durch Deutsche über mich in die Öffentlichkeit gelangte, und Hirzel lasse mir überraschenden Absatz der Sonderlinge nach Hol­land melden. Es soll auch in dem Artikel einiges ins Hollän­dische übersetzt sein, z. B. die Rede Marianns über das Jauchzen.

    Sonst schreibt mir Hildebrand, daß von meinen Freunden in Leipzig schon für die Mittel zu einem zweiten Besuch im Norden gesorgt sei.

    Doch meine Zeit ist alle. Sei so gut, mir gleich eine Antwort mit den Abschriften zu schicken. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund                                                          F. M. Felder

    [Diesem Briefe sind beigeschlossen: Zwei Beilagen:

    a)          ein Brief F. M. Felders an den Redakteur Vonbank des Vorarlberger Volksblattes

    b)          eine Erklärung des Gemeindevorstandes von Schoppernau, veröffentlicht in der V. Landeszeitung

    Beide von der Frau Felders in ihrer Handschrift abgeschrie­ben.]

    [(Felders Brief an den Redakteur des Vorarlbg. Volksblattes:)]

    Schoppernau, den 2. März 1868 Geehrte Redaktion!

    Ihre werte Zusendung war die erste, welche mir unsere neue Post brachte. Ich werde es freudig begrüßen, wenn's möglich wird, in unserm Lande und für dasselbe nach dem erhaltenen Programm zu arbeiten. Bisher konnte man das nicht. Daß ich aber immer und überall in diesem Sinne arbeitete, volle Gleichberechtigung anstrebend und was dazu führt, dabei alle Gegner derselben ohne Rücksicht bekämpfend, das wird mir jeder bezeugen, der sich näher um das kümmerte, was ich tat und schrieb, als um die wunderlichen Geburten eines bedauerlichen Vorurteils, gegen den eigensinnigen Bauern, und die von ihm - dem Freimaurer - gestiftete Sekte. Ihre werte Sendung ist mir Beweis, daß Sie das mit mir bedauern und es in Ordnung finden, wenn ich mich dagegen wehre. Mein Programm liegt in den Sonderlingen vor und wird in meinem neuen Roman noch festere Gestalt gewinnen. Ich finde es durchaus in Übereinstimmung mit dem Über­sendeten. Ich will dem Volke dienen mit meiner Kraft, so gut ich's kann. Freudig schließe ich da mich an, wo das auch bezweckt wird und suche gern statt dem Trennenden das Gemeinsame auf, wo es ein Großes zu erreichen gilt. Entschuldigen Sie den gerade von der bisherigen Partei des Volksblattes so oft Mißverstandenen, daß er mit diesem Ihnen seinen Standpunkt kurz klar zu stellen suchte. Ich habe die Absicht, noch heute das Programm unterzeichnet an Herrn Pfarrer Berchtold zu senden. Meine Feder wird für die in demselben aufgestellten Grundsätze arbeiten, und ich schätze mich glücklich, wenn ich das im engern Vaterlande auch kann.

    Freudig begrüße ich Sie denn als Kämpfer für wahre Gleich­berechtigung und zeichne Hochachtungsvoll Ihr ergebener

    Franz Michael Felder

    Erklärung

    In einer zu Reuthe am 28. Februar gehaltenen Predigt gegen Glaubenslosigkeit erlaubte sich der Herr Pfarrer von Bizau bei in [sie!] einer Klage wegen Überhandnehmen des Un­glaubens, auf die Gemeinde Schoppernau als abschreckendes Beispiel hinzuweisen. Die Gefertigten sehen sich zu der Er­klärung genötigt: Daß hier noch nichts geschehen ist, was zu solcher öffentlichen, die Gemüter in hohem Grade auf­regenden Beschimpfung der Gemeinde berechtigen könnte. Die Gemeindebürger sind durch ihren frühern Pfarrer Stock­mayer zu gut im Glauben unterwiesen, um sich durch das gegründete Mißtrauen gegen einzelne Verkünder des Wortes, die im Sinne des erwähnten Predigers wirken wollen, vom Wege des Heiles abbringen zu lassen, und glauben im Namen der Gemeinde, sich dadurch zum katholischen Glau­ben bekennen zu müssen, daß sie den Pfarrer von Bizau öffentlich für einen Verleumder erklären.

    Schoppernau, den 4. März [1868]

    gefertigt waren Vorsteher

    und die zwei Gemeinderäte

    von Schoppernau

    [Zusatz von K. Moosbrugger:]

    Diese Erklärung ist über meinen folgenden Brief etwas ge­ändert, von der Landeszeitung in zugestutzter Form gebracht worden. Dagegen haben dann der betreffende Pfarrer in Bizau und einige Schoppernauer eine Gegenerklärung ver­öffentlicht. Wer da oder in anderen strittigen Punkten dem Recht und der Wahrheit näher kam /:sie völlig zu erreichen wird hienieden wohl niemandem gelingen:/, das zu unter­suchen gehört nicht hieher, da diese nur unklares Material veröffentlichten.

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 3. März 1868

    Lieber Freund!

    Den Brief von Natter, den von Bregenz und die letzten zwei habe ich erhalten.

    Vor allem wünsche ich Glück zu dem guten Ausgang der Wahlen.

    Ich wäre schon lang neugierig auf die Abschrift des Briefes an Seyffertitz, schicke mir dieselbe baldigst zu und teile zu­gleich mit, wie der Bericht aufgenommen wurde. Unsere Beratung hat sich hier bis 22. v. Ms. verzogen, das über dieselbe aufgenommene Protokoll hat Dir Vonbank, wie ich aus einem Briefe ersehe, zugeschickt. Der Artikel „Politik und Volkswirtschaft" ist damals verlesen worden, er ist von Thurnher und der die neue Richtung des Blattes einleitende. Ich habe bereits seither eine Erstlingsarbeit für das Blatt fertig gemacht und gestern abgeschickt. Die Auf­schrift ist „Gesichtspunkte", und ich will damit, wie Du, wenn sie aufgenommen wird, woran ich nicht zweifle, ersehen wirst, das Blatt auf die Probe stellen. Du wirst finden, daß es mir an der nötigen Vorsicht nicht gebricht. Nach einem Brief Vonbanks ist derselbe für das germanistische Wesen sehr leicht zu gewinnen. Meine „Gesichtspunkte" werden, glaube ich, auch dem Hildebrand gefallen (es wäre interessant, wenn Hildebrand von hieraus die Lassalleaner begreifen lernen müßte), und wenn wir mit denselben durchdringen, ist unsere Partie im Lande wohl wie gewonnen. Thurnher ist darüber ganz entzückt. Ich stelle mir vor, daß Du, dem Vonbank'schen Antrag gegenüber, wohl schwankend sein werdest, wenn ja, warte bis die Gesichtspunkte erscheinen und dann resolviere Dich.

    Daß es mich freut, die Wendung des Volksblattes durch­gesetzt zu haben, wirst Du nicht bezweifeln, eine größere Freude aber bereiteten mir die Arbeiter Wiens durch Über­sendung eines Briefes, von dem ich eine Abschrift hier beilege. Die Spende, von der sie reden, sind unsere Bro­schüren, die ihnen Mayer, wie er mir schreibt, übergeben hat. Sobald ich vom Ministerium Bescheid über meine Anfrage erhalte, werde ich mit dem Verein mich in Verbindung setzen. Die Vereinszeitung kommt, sobald sie erscheint, hieher. Ich zweifle nicht, daß bald ein Anstoß von Wien kommt zur Gründung von Arbeiterbildungsvereinen auch hier, die ich in den Gesichtspunkten schon bevorworte. -

    Dr. Preu sagt mir in Meräudlarles Sache, daß die Schwester in Stuben in Konkurs verfallen sei und ihre Betreffnisse und For­derungen daher der Konkursmasse gehören. Hienach ist die gestellte Anfrage mir unverständlich. - Nach einem kürzlich erhaltenen Brief weiß Babel in Mellau nicht, ob ich ihrem eben verstorbenen Kind „Götte" sei. Freilich bin ich, was Du ihr sagen lassen sollst. - Wie sind die Wälder in der Vieh­assekuranzsache gesotten, was sagen sie zu meinen Schritten? Obige Abschrift und baldige Antwort erwartend mit Gruß und Handschlag Dein Freund           K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 2. März 1868

    Geehrte Redaktion!

    Ihre werte Zusendung war die erste, welche mir unsere neue Post brachte. Ich werde es freudig begrüßen, wenn's möglich wird, in unserm Lande und für dasselbe nach dem erhaltenen Programm zu arbeiten. Bisher konnte man das nicht. Daß ich aber immer und überall in diesem Sinne arbeitete, volle Gleichberechtigung anstre­bend und was dazu führt, dabei alle Gegner derselben ohne Rücksicht bekämpfend, das wird mir jeder bezeugen, der sich näher um das kümmerte, was ich tat und schrieb, als um die wunderlichen Geburten eines bedauerlichen Vorurteils, gegen den eigensinnigen Bauern, und die von ihm - dem Freimaurer ­gestiftete Sekte. Ihre werte Sendung ist mir Beweis, daß Sie das mit mir bedauern und es in Ordnung finden, wenn ich mich dagegen wehre.

    Mein Programm liegt in den Sonderlingen vor und wird in meinem neuen Roman noch festere Gestalt gewinnen. Ich finde es durchaus in Übereinstimmung mit dem Übersendeten. Ich will dem Volke dienen mit meiner Kraft, so gut ich's kann. Freudig schließe ich da mich an, wo das auch bezweckt wird und suche gern statt dem Trennenden das Gemeinsame auf, wo es ein Großes zu erreichen gilt. Entschuldigen Sie den gerade von der bisherigen Partei des Volksblattes so oft Mißverstandenen, daß er mit diesem Ihnen seinen Standpunkt kurz klar zu stellen suchte. Ich habe die Absicht, noch heute das Programm unterzeichnet an Herrn Pfarrer Berchtold zu senden. Meine Feder wird für die in demselben aufgestellten Grundsätze arbeiten, und ich schätze mich glücklich, wenn ich das im engern Vaterlande auch kann. Freudig begrüße ich Sie denn als Kämpfer für wahre Gleichberech­tigung und zeichne Hochachtungsvoll Ihr ergebener

    Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Johann Georg Vonbank
  • 1. März 1868

    Lieber Freund

    So eben höre ich von einer am letzten Freitag in Reute gehaltenen Predigt worin die Gemeinde Schoppernau schlecht weg kam. Die Sache macht hier Aufsehen und wurde wol durch das Gerücht verdreht u. vergrößert. Du bist wol in der Lage oder kannst drein kommen, mir das Wahre von der Sache so bald als möglich zu melden. Ich bitte dich es zu thun.

    Die Untersuchung wegen dem Uhrenmacher ist dem Gericht in Bregenz zur kompetenten Amtshandlung überwiesen. Behalte das aber für dich. Dem Faschingsgott hab ich den letzten Montag geopfert. Es war recht lustig und ich bedauerte dich nicht zu finden. Mein Roman wächst in erfreulicher Weise vielleicht bring ich einmal einen Brocken mit. Nächste Woche komm ich vermuthlich am Donnerstagden 12 hinaus. Felder ist auf diesen Tag vorgeladen.

    Die Untersuchung gegen die Wahlstörer hat auch begonnen. Es grüßt Dich u. die Deinen herzlich

    Dein Freund Franz M Felder

    Was sagst du zum Artikel in der öster Gartenlaube?

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 1. März 1868

    Lieber Freund!

    Nun ist eine tägliche Post bereit, alle Briefe von meinen Freunden in Empfang zu nehmen und abends 4 Uhr nach Au zu bringen, von wo unser Gemeindediener sie jeden Abend holt. Ich hoffe, daß Du die gute Gelegenheit benützen und mir fleißiger schreiben werdest, als das im letzten Monat geschehen ist.

    Unter dem 8. Februar wurde mir vom k.k. Präses in Feld­kirch gemeldet, daß die Sache des Uhrenmachers an das Bezirksgericht Bregenz zur kompetenten Amtshandlung über­wiesen sei. Das Schriftstück wurde vom Förster am 14. in Bezau gesehen. Ich aber erhielt es erst am 22. d. Ms. Unter­dessen wurden von Müller die Zeugen verhört. Ich kann mir das späte Zusenden erklären. Es heißt nämlich in der Bekannt­gebung, die Klage wegen Wahlstörung wurde heute, also am 8. Februar, dem Bezirksgericht Bezau überwiesen. Wäre nun Müller gleich eingeschritten, so hätten unsere Gegner das Wahlrecht verloren. Das aber sollte nicht geschehen. Ja, Müller riet sogar in einem vertrauten Schreiben dem Vor­steher, dem Frieden zuliebe wenigstens einen Gegner in den

    Gemeinderat zu bringen. Daß es nicht geschah, hab ich Dir gemeldet. Neu ist, daß Müller unsern Vorsteher vorlud, um ihm vorzustellen, daß meine Klage wegen Wahlstörung nur Händel gebe. Albrecht blieb fest und Müller sagte: Dann werde er eben etwas tun müssen. Es sei ungesetzlich und verstehe sich von selbst, daß man das nicht durchgehen lasse. (Ein Fuhrmann muß renken können!) Dann sagte Müller, dem Uhrenmacher werde man kein großes Schmerzensgeld her­ausbringen. Der Täter sei arm, und der Rößlewirt hab ihn nur festgehalten.

    Ich glaube, man könnte von den Tätern (zwei hielten und einer schlug den Uhrenmacher) eine Summe fordern und ihnen das Aufbringen derselben umso mehr überlassen, da der Schläger beim Rößlewirt Knecht und zum Schlagen auf­gefordert ist. Was sagst Du?

    Vorgestern war Fastenandacht in Reuthe, der Pfarrer von Bizau predigte vom Glauben: Nicht nur da draußen, sagte er, auch hier nimmt die Glaubenslosigkeit Überhand. Ja, in der Nachbargemeinde Schoppernau glaubt man schon nicht mehr einmal an die Unsterblichkeit der Seele. Nun denke Dir zuerst, wie das Aufsehen machen mußte, und dann sage mir, ob man sich das und Ähnliches gefallen lassen muß. Rüscher verhält sich ruhig, aber in den Nachbar­gemeinden beginnt die Hetzerei. Dieser Tage erhältst Du meinen Gartenlaubenartikel. Lese und mache wie Du willst, dann aber sende ihn an Dr. Hildebrand in Leipzig, Wind­mühlenstraße 29. Er wird ihn wohl nachdrucken lassen, da mit unserer Feldkircherin (der erbärmlichen) doch nichts erreicht würde. Von dem ändern Artikel, den ich zuletzt schickte, hab ich noch gar nichts gehört und nun ihn zurückgefordert, wenn er noch nicht heraus ist. Ich sende ihn auch nach Deutschland, denn hier scheint alles faul. Mein Roman wächst. Lebewohl. Melde bald Erfreuliches. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Bludenz
    Kaspar Moosbrugger
  • 1. März 1868

    Oesterreichische Gartenlaube                    

    Herr u. Freund!

    Endlich ist es meinem Drängen bei Nordmann gelungen, Ihre Einsendung in Druck zu bringen u. zwar an begünstigter Stelle im Feuilleton. Freilich ist das eine späte Genugthuung, denn wir haben dieselbe um mehr als 3 Wochen später, als es sonst möglich gewesen wäre; aber doch besser noch so, als wenn das Manuskript verloren gegangen wäre, wie ich fast befürchtete. Nun bei uns hätte es nach der technischen Einrichtung höchstens um 8 Tage früher kommen können. Dennoch werde ich künftig vorsichtiger in der Wahl der Organe sein u. lieber die hiesige Tagespost, die auch 7000 Ab. hat, wo ich direkteren Einfluss besitze u. von wo es doch in die Wien. Blatt, dann übergeht, benutzen. Man sieht wie lax oft die liberalsten Blätter sind u. wie rücksichtslos gegen Neulinge, die wir beide mehr o. weniger sind. Bei der Tagespost bewirke ich, daß aus Ihrem Artikel Auszüge prägnanter Stellen gebracht werden.

    Haben Sie irgend eine Klage in letzter Zeit, so bitte ich, mir dieselbe in kurzer Notiz gefaßt (nicht über eine Spalte) zu übermitteln; ich bringe dieselbe auf die erwähnte Art in die Tagespost. An mir u. meinen Eifer für Sie edlen, treuen, hochbegabten Mann, für Sie kühnen Wahrheitsgeiger, der in dem elenden Neste mehr morali­schen Muth entwickeln muss, als alle liberalen Redaktionen in der ärgsten Reakt. Zeit es nothwendig hatten sollen Sie nicht zweifeln u. ich hoffe, daß Sie meinem Worte glauben daß ich diesmal vollkommen unschuldig bin.

    Notizen zu einer kurzen, mehr bibliografischen Skizze mit den wichtigsten Lebens-Umständen u. den Schlagworten besserer Kriti­ken über Ihre Leist. bitte ich bald zu senden. Sie sehen aus d. Umstände wieder, daß man Sie gerade wie unser Organ, das auch längst in Norddeutsch, u. Südd. sich Anerkennung errungen, in Oesterreich am wenigsten kennt u. schäzt. Dem muss abgeholfen werden u. zwar bald. Ich bitte mir deshalb entgegenzukommen. Nochmals Gruss u. Handschlag von

    Ihren treugesinnten Karl Pröll

    Karl Pröll
    Graz
    Franz Michael Felder
  • 1. März 1868

    Lieber Freund,

    Da mein Briefpapier eben ausgegangen ist, mußt Du einmal mit einem groben Briefbogen fürlieb nehmen; aber ich muß Dir schreiben. Die Feinheit des Inhalts und Stils soll die Grobheit des Papiers ausgleichen.

    Vor allen Dingen meinen, unsern Glückwunsch zu Deinem, zu Euerm Siege. Herr Gemeinderath, das klingt! noch besser als Hr. Doctor - doch den hast Du ja schon - also Herr Ge­meinderath Dr. Felder, reisender Wahlcommissär wenns noth thut, sonst Inhaber und Stifter einer Lesebibliothek wie auch einer Viehversicherungs- und Käsehändlergenossen­schaft, Verfasser der Sonderlinge usw., Mitglied mehrerer gelehrten Gesellschaften usw. usw., was tausend, Du hasts schon weit gebracht als Bauer! Ich muß nur nächstens wieder einen Gartenlaubenartikel über Dich schreiben. Doch Spaß bei Seite. Es war freilich nur halb Spaß oder ein Viertel, ich weiß aber nicht was ich heut für ein Schwätzer bin - ich freue mich wieder einmal in voller Freude wenn ich an Dich denke, daher wol das Schwatzen und der Spaß. Lachst Du denn auch? Du sagtest mir einmal dort, Du hättest seit ein paar Jahren nicht so viel gelacht als in der Zeit da Du mit mir zusammen warst. Das schmeichelte mir, weil ich sonst auch für einen furchtbar ernsten Menschen gelte (bin ich doch schon Menschenfresser genannt worden). Nun mußt Du aber auch viel lachen wenn ich nicht dabei bin, nicht immer so einerlei sehen.

    Aber ich schwatze schon wieder, und wollte Dir doch von Wichtigem erzählen. Also am Donnerstag erhielt ich aus Hol­land das Heft einer holländischen Zeitschrift etwa in der Art der Grenzboten, das Januarheft v.J. 1868, worin ein langer Aufsatz mit der Überschrift: Franz Michael Felder. Da erzählt ein Holländer, Namens Muller, seinen Landsleuten von Dir und Deinen Sonderlingen mit einer Ausführlichkeit und einer Wärme wie es noch nicht zu lesen gewesen ist. Voraus eine Geschichte Deiner Entwickelung, nach der Gartenlaube, mit Einflechten von Zügen aus der Entwickelung Deines Franz Sepp, wie er ihn nennt, mit eigner Ausmalung in novel­lenartiger Breite, nicht ohne kleine Mißverständnisse, aber im Ganzen überraschend richtig und vor allem mit einer stil­len Begeisterung die mir bei einem Holländer doppelt über­raschend ist. Während z. B. die deutschen Besprechungen alle nur von Dir als Schriftsteller sprachen, legt er das Haupt­gewicht auf die merkwürdige Vereinigung von Bauer und Dichter und anderseits von Dichter und Volksreformer in Dir. Dabei hat er keine Ahnung, daß er es mit einem Katholiken, Du mit einem kathol. Geistlichen zu thun hast; wenigstens erwähnt er kein Wort davon. Ich fühle mich verpflichtet, dem Manne meinen Dank auszusprechen und werde das auch in Deinem Namen thun. Schade daß Du das Holländisch schwer­lich verstehen würdest, wenn Du es auch zu lesen versuch­test; aber einmal zuschicken muß ich Dirs doch, oder wenn Du herkommst, Dirs vorübersetzen. Ich weiß nicht genau, wem eigentlich das Exemplar bestimmt ist, ob Dir oder mir; ich kanns bei Hirzel erfahrn, der auch eins erhalten hat und sehr erfeut darüber war. Von den Sonderlingen gibt der Holländer eine kurze Skizze ungefähr bis in die Mitte des ersten Theils, bricht aber dann ab, um den angeregten Appe­tit der Leser sich am Buche selbst stillen zu lassen; daher jedenfalls rührten die erwähnten Bestellungen Deines Ro­mans aus Holland. Die Grundgedanken des Buches hat er, zum Theil wenigstens, mit Klarheit und Wärme erfaßt, wie ganz anders als die meisten Landsleute die Dich besprochen haben! Er übersetzt auch einige Stellen, z. B. was Mari über Franzens Jodeln sagt auf dem Wege zum Vorsaß, es nimmt sich wunderlich und doch allerliebst aus in holländischem Gewände. Leider kann ich Dir heute nichts ausschreiben aus dem merkwürdigen Aufsatze, weil Flügel ihn mitgenommen hat, aber das nächste Mal. Am Dienstag werde ich dem Club darüber Mittheilung machen, der Dich herzlich grüßen läßt und mit alter Wärme an Dir festhält; wir tagen nämlich oder abenden vielmehr jetzt auch Dienstags außer Mittwochs, doch ist letzteres noch der Hauptabend. Nächstens, d. h. am Sonnabend, wird ein Stiftungsfest des Clubs begangen, im Schützenhause, der Feuereifer besonders der studentischen Jugend hat das zu Stande gebracht, und mir ist es recht; sie werden auch ein Drama aufführen, das Lippold als Fest­drama gedichtet hat (ich soll zwar nichts davon wissen, weiß es aber doch), Du kommst sicher auch drin vor. Ach könntest Du doch dabei sein!! Wir haben auch auswärtige Mitglieder und Freunde dazu eingeladen, wie Lucae, Köhler, Bech (er­innerst Du Dich derer noch? Bech wars der Dich küßte beim Abschied in Weißenfels) - aber Du wohnst ja gar zu weit. Doch daß Du diesen Sommer wieder herkommst, darauf rechnet außer mir auch der Club, und was die Reisekosten betrifft, so gilt was ich Dir in den letzten Tagen Deines ersten Besuchs hier sagte, die tragen mit Deiner Erlaubniß Deine hiesigen Freunde, das ist schon ausgemacht. Daß Hirzel auch Arm und Reich drucken wird, ist mir nicht zweifelhaft, er that auch dieser Tage eine gemüthliche Äußerung, die nicht anders zu verstehen war. Wie weit bist Du denn? im zweiten Theile? Ich möchte schon einmal etwas sehen davon, Du kannst ja jetzt bis zu 15 Loth in Briefform für 10 Kr. verschik­ken, weißt Du das? Schick mir doch einmal die erste Lage oder so. - Die Briefe von Seifertitz sind mir sehr interessant, laß mir sie noch bis zum nächsten Briefe. Aber wieder ein­mal ein Pessimist in einem tüchtigen Menschen! s ist ein Elend! Und des Barons Glaube an die Menschen scheint recht tief zerfressen! Du lieber Gott, er wars bei mir auch einst, tief, tief; aber ich hab alles ausgeschieden, nicht durch Philo­sophie, sondern durch Erfahrung, nur Göthe hat mir dabei geholfen. Der Glaube an die Menschheit ist eigentlich unsere wahre Religion, wenigstens zu drei Viertel, er fällt mit dem Glauben an Gott eigentlich fast zusammen, verstehst Du das so ohne weiteres und gibst es zu? ­Viel könnt ich Dir von unserm Carneval erzählen, der da wie vom Rhein oder aus Italien zu uns herein geschneit war nach dem nüchternen Norddeutschland. Der großartige Zug am Montag, gegen eine Stunde lang, mit Pracht und Witz in Ernst und Scherz, das Maskentreiben auf den Straßen, die Tausende von Menschen - das hättest Du sehen sollen! Ich dachte lebhaft an Dich. Auch ich hab am Montag Abend in der Sinecura eine Narrenkappe aufgehabt, denke Dir! Doch das Papier wird alle, also bis aufs nächste Mal herzlich grüßend

    Dein R. Hildebrand.

    PS. Wie steht es mit der fehlenden Nummer des Auslands? Wenn Du Nachricht aus Lindau hast, melde mirs doch und die Nummer noch einmal, daß wir sie dann hier besorgen.­Ich schicke Dir vom Carneval doch einen Bissen mit, es wird Euch vielleicht ergötzen, Du mußt mir aber die Nummer wiederschicken gelegentlich. -

    Bei uns grünen die Ziersträucher bereits auf den Promenaden und die Amsel schlägt.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 1. März 1868

    Lieber Freund

    Heut endlich hab ich die Eröffnung der neuen Post zu mel­den und dieser Brief, vielleicht noch der erste, den sie expe­dirt, kommt wie eine Siegesfahne herrlich und groß um Dir allerlei kleine Siege vorzuführen und auch etwa ein Loch sehen zu lassen. Der Fasching als solcher gieng mir ziemlich unbemerkt vorüber. Nur einen Tag hab ich ihm geopfert ­den letzten Montag. Im Rößle in Au war, was man hier Ball heißt. Ich ward auch geladen und fuhr mit einigen guten Freunden hin, wo wir lauter Parteigenossen antrafen. Auch der Uhrenmacher war eine Weile, aber noch mit verbundenem Kopfe, dabei und benahm sich ruhiger brauchgemäßer als man das an ihm gewohnt war. Er scheint aus dem Unfall gelernt und während der 4 Wochen, die er meistens lag, sich etwas geläutert zu haben. Vom kk Kreisgericht Feldkirch wurde mir eröffnet, daß auf meine Angaben vom 3 ten Fe­bruar das Gericht in Bezau nicht die kompetente Behörde in der Angelegenheit des Uhrenmachers, und daß diese dem Bezirksgericht Bregenz zur Amtshandlung übergeben worden sei. Dagegen habe unser Gericht in Bezau gegen die Wahl­stürmer vom 26 Jänner sofort einzuschreiten. Ich würde dir noch mehr über die Sache schreiben, aber man weiß nie, was ein Brief erlebt. Wenn er z B verloren gehen sollte, wie die drei, die ich im Sommer von Leipzig aus in meine Hei­mat schickte!

    Du erhäl[t]st in diesen Tagen auch eine Nummer unserer Gartenlaube mit einem Artikelchen von mir. Ich wollte das­selbe könnte auch bei euch in die Öffentlichkeit und - allen­falls auch ans Geld gebracht werden. Unsere Gartenlaube zahlt noch sehr wenig. Für jenen Artikel bekomme ich höch­stens 8 fl. Banknoten. Für die Liebeszeichen berechnete man 65 fl, erhalten hab ich kaum die Hälfte. Und doch beklemmt mich Thalerlosigkeit und die vielen Abtheilungen meiner wunderbaren Brieftasche, um die du mich seiner Zeit be­neidetest, sind so merkwürdig leer, als nur etwas auf der Welt sein kann. Gekeilt werde ich auch nicht mehr werden, das ist mir klar, aber mutlos bin ich nicht. Ist erst einmal mein Roman aus dem Kopf, so will ich schon wieder etwas schrei­ben was Hände und Füße hat und seinen Weg findet. Warum sollte ich nicht hoffen, da sogar das Wible - hofft? Ich hab nun über die Liebeszeichen mich auszusprechen und zwar zuerst über meine Gedanken über die Strafe in der Dichtung. Das Unglück, wo es Strafe ist, soll den Menschen doch nur läutern, und nur den, der seiner Aufgabe nicht ge­wachsen ist, noch tiefer stürzen. Philomena küßt just nicht um dem Christian untreu zu werden, nicht um zu küssen, sondern um für vorurtheilsfreier zu gelten. Im Läuterungsfeuer der Reue, die doch ihrem etwas selbstsüchtigen Wesen gemäß dargestellt sein dürfte, lernt sie den endlichen Ge­liebten schätzen und verdemütigt sich vor ihm, wozu sie es ohne die Kußgeschichte wol niemahls gebracht hätte. Das Mädchen ist zu wenig tief angelegt, als daß man mehr von ihm verlangen könnte.

    Aus der Erzählung geht hervor, daß auch hier geküßt wird (Männer erinnern sich daran - Frauen küssen Kreuze u dgl) nur die strenge Sitte, öffentliche Meinung ist dagegen. Mir kommts vor, der Kuß ist hier etwas Großes, die Liebe etwas Unheiliges. Drum ist der Kuß Verliebter-Sünde. Aber in einem Augenblick, wo eine Mutter ihr Kind glücklich sieht, wo sie so erregt ist, wie wenn sie selbst in freudigem Dank­gebeth ihr Christusbild küßt, da findet sie natürlich, was in ruhigen Augenblicken die Verknöcherte Dienerin der stren­gen Sitte streng tadeln müßte. In der Erzählung wollte ich nebenbei den Kampf des rein Menschlichen mit dem künstlich geschaffenen, im Wesen des Volkes nicht vorhandenen Vor­urtheil zeigen. Vielleicht hätte das weiter ausgeführt werden sollen, doch wollte ich eben unsere Pfarrer einmal in Ruhe lassen. Es kommt immer schief, so oft ich das will. Als ich von Leipzig kam, erschien mein Kampf mir etwas klein. Ich wollte ruhig meinen Roman vollenden und athmete Friede und Versöhnung. Da hatten die Herren wieder Zeit eine Saat zu streuen die jetzt überall ausschlagt. Nun aber kenn ich auch keine Gnade mehr. Ich hatte mehr Glück als Verstand, daß mir die Unvorsichtigkeit der Gegner das Heft nochmals in die Hand gab. Jetzt muß es zum Biegen oder Brechen kom­men. Die Gegner scheinen auch so zu denken. Vorgestern wurde in Reutte, wo Du katholische Prozession mitmachtest, wörtlich foJgendes vor voller Kirche gepredigt: „Nicht nur da draußen nimmt die Glaubenslosigkeit überhand, auch in engen Thälern wie in der Nachbargemeinde Schoppernau glaubt man nicht einmal mehr an Gott und an die Unsterb­lichkeit der Seele." u s w

    Das Volk wird in erschreckender Weise aufgehetzt. Seit Rüscher etwas gebunden ist, beginnen andere zu hetzen. So, das ist nun der erste Brief mit täglicher Post. Ich bitte Dich, sie doch auch recht fleißig zu benützen. Schreib mir, wie Dir der Artikel gefalle, und benütze ihn wie Du willst u kannst. Weißt Du nichts damit anzufangen, so schick ihn wieder. Vorher lese ihn dem Klub vor und melde ihm mei­nen herzlichsten Gruß.

    Was macht Hirzel? Ich werde ihm dieser Tage wol auch ein­mal schreiben. Jetzt bin ich wieder am Roman, das nächste Mal sollst Du nun bestimmt davon hören. Grüß mir die lieben Deinen und alle die mir wohl wollen. Mit herzlichstem Gruß u Handschlag

    Dein  Freund Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 1. März 1868

    Oesterreichische Gartenlaube                        

    Lieber Freund!

    Ihren freundlichen Brief erhalten. Besten Dank für eine etwaige Uibersendung der Sonderlinge.  Bitte selbe unter der Adresse: „Mandellstrasse, Nro 65". Wenn nicht in unserem Blatte (dazu habe ich so wenig Raum, daß ich mir selben lieber für Ihr neues Werk aufsparen werde) so hoffe ich doch in der Tagespost eine kleine Besprechung durchzubringen, wenn mein College nicht seine kühle Freundlichkeit meinem Wunsche entgegensezt. Haben Sie ihm schon geschrieben? H.  Hügel mitgetheilt; er verspricht nächster Zeit die mir sehr unangenehme Zahlverzögerung zu begleichen; an mir soll es nicht fehlen, Ihre Rechte hier zu vertreten. Bezüglich meiner Stellung zur socialen Frage erlaube ich mir, Ihnen folgende 2 selbständigen Referate(Nro30 u. 35. des L. J.) welche Stellung zur socialen Frage nehmen zu übersenden. Gefallen Sie Ihnen, wollen u. können Sie dieselben mit meinem Namen irgendwo zum neuen Abdrucke bringen, da ich die Ideen keineswegs noch als antiquirt halte. Sonst diene es Ihnen u. Gesinnungsgenossen als der schlichte Ausdruck eines Gleichstrebenden. Herzlichen Gruss von

    Ihren treuen Freund K. Pröll

    Karl Pröll
    Graz
    Franz Michael Felder
  • 28. Februar 1868

    Lieber Landsmann!

    Aus der Beilage ersehen Sie, um was es sich handelt. Herr Dr. Thurnherr schreibt mir, daß Sie ebenfalls eine Abschrift wünschten; auch an Herrn Pfarrer Berchtold in Hittisau und Herrn Pfarrer Sieber in Mittelberg soll ich Abschriften gelangen lassen. Anstatt die Abschriften zu machen, wozu ich zu wenig Zeit habe, setze ich das Original in Umlauf. Haben Sie die Güte, das Schriftstück, nachdem Sie es eingesehen und benützt haben, an den Herrn Pfarrer in Hittisau gelangen zu lassen; dieser soll es an Pfarrer Sieber schicken und von dort soll es an die Redaktion zurückgehen. Haben Sie die Güte, Ihre gewandte Feder nicht blos in die Ferne, sondern auch in der Nähe wirken zu lassen. Man wird Ihnen dankbar sein, und dem Vaterlande ist man auch etwas schuldig. Achtungsvoll

    die Redaktion des V. V. J.G. Vonbank em. k.k. Prof.

    BEILAGE

    Euer Wohlgeboren

    werden hiermit freundlichst ersucht, Ihre reiche Begabung und gewandte Feder in freien Stunden unserem „Vorarlberger Volks­blatt" zu Gute kommen zu lassen. Die Richtung und Eintheilung des Blattes ist Ihnen bekannt. Schreiben Sie uns entweder: „Mitthei­lungen" über verschiedenerlei Vorkommnisse in Stadt und Land, oder Abhandlungen über Zeitfragen, Landes-lnteressen - von religiösem, politischem, sozialem Inhalt -; oder Humoristisches und Unterhaltendes in kurzen Anekdoten oder längern Erzählun­gen (Novellen); oder Lese- und Studirfrüchte für die Rubrik „Ver­schiedenes" etc. Namentlich sind heutzutage auch kirchenge­schichtliche und kirchenrechtliche Studien eine dankenswerthe Fundgrube für die Journalistik.

    Nachdem der Raum des „V. Volksbl." sich erweitert hat, soll dasselbe, zwar in der Richtung einheitlich, aber nach Inhalt und Form manigfaltig und praktisch sein.

    Es ist überflüssig, Ihnen zu bemerken, daß wir in polemischen Artikeln die Kraft und Entschiedenheit nie mit Gereiztheit und Leidenschaft, die wir für Schwäche halten, verwechselt sphen wollen.

    Indem wir sicher sind, keine Fehlbitte gethan zu haben, drücken wir Ihnen zuvor schon unsere Verbindlichkeit aus. Bregenz, Datum des Empfanges.                  Für die Redaktion:

    J. G. Vonbank.

    Johann Georg Vonbank
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 19. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Nun endlich kannst Du mir denn und nicht nur als Ausschuß, sondern auch als neugewählter Gemeinderath gratulieren. Die Wahlen sind zu Ende, vor dem Hause des Vorstehers steht wieder die stolze Tanne mit der von mir verfaßten, bekränzten Inschrift:

    Dieser Baum sei dir zum Bilde Starker Mann bei

    Sturm und Wind Sieh er grünt wenn im Gefilde

    Ros' und Dorn vergangen sind

    Noch dauern die Reibereien mit unserm Bezirksamt, welches den Pfarrer u die Seinen trotz der neuen Grundgesetze nach Kräften schützt. Die Sache macht hier großes Aufsehen und viele haben ihre Freude an meinem entschiedenen Vorgehen. Ich habe den in der n fr Presse erzählten Vorfall nicht erst in Bezau, sondern gleich bei der kk Staatsanwaltschaft in Feldkirch zur Anzeige gebracht. Ich könnte Dir lang erzählen warum ich das that. Für heut sei Dir genug, daß Seiffertitz mich darum lobte.

    Ich schicke Dir hier einen seiner Briefe, muß aber gleichzeitig beifügen, daß ich von seinem Umgang ein viel lieberes Bild gewann. Für die öster Gartenlaube hab ich einen geharnisch­ten Artikel ausgearbeitet und warte mit Ungedult auf sein Erscheinen. Ich wollte, daß ich ihn nach Leipzig, etwa an die Grenzbothen gegeben hätte. Überhaupt bin ich mit der öster Gartenlaube nicht zufrieden und möchte bald eine Verbin­dung mit einem ändern Blatte wünschen. Jetzt freilich hab ich noch mit meinem Roman zu thun. Ich fühle die rechte Stimmung so allmählig wieder kommen. Eine zweite Auf­lage der Sonderlinge möchte ich wol gern erleben. Früher einmal hab ichs auch erwartet, jetzt aber wollt ich beinahe, daß Du nichts mehr davon gesagt hättest. Nach Leipzig möchte ich wol wieder, um dort mich einige Wochen zu erholen und zu kräftigen. Leider aber weis ich noch nicht, ob meine Verhältnisse das gestatten werden. Dießmal wäre auf Keil allem Anschein nach nicht mehr zu rechnen. Hübsch wärs freilich, wenn ich die Correctur meines neuen Romans dort selbst lesen könnte, aber noch weiß ich nicht einmal ob Hirzel ihn wieder nehmen wird. Nun wir werden sehen! Auskommen heißt überhaupt, von dem kommen, von dem eben die Rede ist. So kommt man auch in einer Vertheidigungsrede aus, wenn man nichts mehr zu sagen keine Gründe mehr vorzubringen weiß. Das gewünschte Tractätlein kann ich dir schon schicken. Mir ists schon länger als Merk­würdigkeit bekannt. Ich glaubte auch eins in meiner Samm­lung zu haben, nur konnte ichs bisher noch nicht finden. Meine Liebeszeichen werde ich nächstens zu vertheidigen suchen. Sage dem Klub meinen herzlichen Gruß u daß ich jeden Mitwoch an ihn denke. Deine hiesigen Bekannten fra­gen Dir fleißig nach und wünschten Dich bald wieder in unserer Mitte zu haben. O auch ich wünschte das. Was machen Deine Kinder, die meinen sind gesund und singen Kinderreime während es draußen stürmt u schneit. Der Uhrenmacher hat mich gestern zum erstenmal u zwar noch mit verbundenem Kopfe besucht. Er ist ruhiger, heiterer als sonst. Unsere Partei thut sich immer besser zusammen. Am letzten Samstag nach der Vorsteher- u Gemeinderaths­wahl haben wir ein schönes Siegesfest gefeiert und Reden gehalten. Ich u die beiden Vorsteher wünschten Dich gegen­wärtig, doch waren wir eins, daß wir noch lieber bei euch da draußen sein möchten.

    Unserer schönen Wanderung durchs Ländchen hab ich oft gedacht. Es war recht gemüthlich. Dießmal hab ich mehr und Ernsteres gesehen und erlebt. Man sollte eigentlich eine Schilderung davon machen, wenn ich nur Zeit hätte u sie anständig in die Öffentlichkeit bringen könnte. An Stoff würde es mir nicht fehlen.

    Doch ich muß schließen. Lebe wol lieber treuer Freund u vergiß nicht

    Deinen Franzmichel Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 19. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Die Vorsteherwahl ist vorbei. Der letzte Samstag war da­durch einer der interessantesten Tage, die ich hier erlebte. Müller erschien um 11 Uhr und sagte dem Vorsteher im Vertrauen, es würde zum Frieden führen, wenn die siegende Partei nun großmütig sein und den „Schwarzen" wenigstens einen Gemeinderat zugestehen wollte. Der Vorsteher ließ ihn reden und zu Gemeinderäten wurden ich und Altvorsteher Moosbrugger gewählt. Nun wollte Müller eine Friedensrede halten, er wurde aber sofort von uns allen acht auf die unangenehmste Weise unterbrochen und bekam bedenkliche Dinge zu hören, so daß er sich das Geständnis abnötigen ließ, er werde der Gegenpartei fürderhin nicht mehr alles durch­gehen lassen. Am Abend vorher waren ihm meine Feldkircher Angaben zugekommen. Wegen dem Uhrenmacher sind nun die meisten Zeugen verhört, wegen dem Wahlsturm aber ist noch nichts geschehen. Auch von meinem Artikel hab ich noch nichts gesehen. Müller suchte entschieden zu versöhnen. Er ließ nicht nach, bis der Gemeinderat sich dem Pfarrer vorstellte, wobei sich letzterer dumm genug benahm. Die Geschichte ist zu lang für meine Zeit, und ich sage nur, daß aus dem Ganzen nichts geworden ist. Am Abend beim Kronenwirt hat unsere Partei den Sieg in schöner würdiger Weise gefeiert. Es war ein Fest, wie man es hier noch nie sah. Auch Reden wurden gehalten. Die bekränzte Inschrift am Vorsteherbaum heißt:

    Dieser Baum sei dir zum Bilde, Starker Mann

    bei Sturm und Wind, Sieh, er grünt, wenn im

    Gefilde Ros' und Dorn vergangen sind.

    Daß den Alten diese Anspielung auf eine Eigenschaft der Tanne nicht gefällt, kannst Du Dir denken. Indessen ist's hier jetzt wieder einmal ziemlich ruhig. Man liest so das Volksblatt, und ich muß schon gestehen, daß uns sein Lassalleanismus noch immer ordentlich anekelt. Einst­weilen kann man mit Goethe sagen: Man merkt die Absicht und man wird verstimmt. Könntest Du nicht durch Mayer erfahren, ob der Wanderer meinen Artikel schon brachte oder warum nicht. Ich denke auch in diesem Sinn an Pröll zu schreiben, meine Arbeit zurückzusenden und nach Deutsch­land zu schicken, wenn in diesem verdammten Durcheinander Österreichs nichts zur rechten Zeit an den Tag zu fördern und lebendig zu machen ist. Wie anders nehmen die Deut­schen sich meiner Sache als einer wichtigen an. Wenn ich den Artikel bei uns nicht durchbringe, werde ich nicht so bald wieder etwas durchzubringen suchen. Du magst nun über das Leipziger Literatentum sagen, was Du willst, so faul ist's doch noch nicht. Der Artikel in der Neuen Freien Presse über unsere Wahlen in der Nr. vom 4. Februar hat in Leipzig fast mehr Aufsehen gemacht als bei uns. Müller soll gesagt haben, daß er sich um dieses Geschwätz gar nicht kümmern werde.

    Und nun noch etwas Geschäftliches.

    Josef Bär von hier, das sog. Meräudlarle, ersucht Dich, anzu­fragen   bei   Dr.   Preu,  ob  die  Massenverwaltung  des  ver­storbenen Gatten seiner Schwester in Stuben das ihr ent­fallende Betreffnis für ihr Guthaben bald ausfolgen werde. Bär bittet um die nötigen Schritte, daß die Sache bald erledigt werde. Preu wird Dir genauere Auskunft geben können. Pius bessert. Der Uhrenmacher hat mich wieder einmal mit verbundenem Kopfe besucht. Lebe wohl, mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 19. Februar 1868

    Werther Herr u. Freund!

    Ihrer Reklamation bezugs der „groben Federzeichnung" habe ich mit unerfreulichem Bangen entgegengeharrt, obwol ich mir bewusst bin, nach besten Wissen u. Gewissen gehandelt zu haben. Hören u. urtheilen Sie selbst. Als ich Ihren Brief u. das Manuskript erhielt, dachte ich mir: In der Gartenlaube kann ich es wegen unserer Vorausdrucke erst Ende Februar bringen. Bei der N. F. Presse kenne ich nur Thaler gut, weiss aber daß er alle Woche nur einmal in das Redaktionslokal kommt, u. ziemlich bequem ist. Nordmann „Redakt, des Wanderer" hatte mir in letzter Zeit einen sehr freundlichen Brief geschrieben, sich als Mitarbeiter freiwillig angeboten; das Blatt hat eine sehr liberale Färbung. Ich glaubte also Ihrem Interesse am Besten zu dienen, indem ich umgehend, also vor fast 4 Wochen das Manuskript mit einem warmen Briefe begleitet, an Nordmann sandte. Unterdess habe ich Ihre frühere Vorarlberger Skizze gleich gebracht u. sie ist bereits vor 2 Num­mern erschienen. An Nordmann habe ich während der Zeit 3 mal geschrieben, gebeten, reklamirt: bis heute keine Antwort, nicht einmal in der Druckkorrespondenz - die Sache ist mir unerklärlich. Auf der Post ist es nicht verlorenen gegangen, sonst hätte man mir darauf hingewiesen. Ich bin mindestens gesagt, entrüstet u. schreibe gleichzeitig, mit diesem Brief heute einen 4. an Nord­mann. Ich bitte thuen Sie in höflicher Weise dasselbe. Ich habe leider die Vermuthung, dass durch irgend eine Nachlässigkeit das Manuskript in Wien verludert wurde u. daß man die Sache dort todtschweigen will, um nicht das unbequeme Eingeständniss zu machen. Für meine Mittheilungen bürge ich mit Ehrenwort. Herr Hügel hat selbst das Paket gemacht u. denselben Tag abgesandt, er wiederholt es mir eben, unser Austräger zur Post ist eine ehrliche u. genaue Natur; überdies hätte man mir wenigstens aus Wien bemerkt, daß kein Manusk. angekommen auf meine Mahnbriefe.

    Sehen Sie, so ist die Wirthschaft unter uns Liberalen von Profession Lauheit, Rücksichtslosigkeit etc. Ich hoffe, daß Sie meinem Wort glauben u. bitte sich die Uiberzeugung beim Wanderer selbst zu verschaffen u. bin neugirig, ob sie gegen Sie auch so rücksichtslos sein werden.

    Vorläufig, damit aber doch etwas geschieht bitte ich Sie nochmals um eine kurze möglichst scharf gefasste Notiz der gewissen Vorfälle umgehend.

    Die lasse ich in der hiesigen Tagespost die 7 - 8000 Ab. hat gleich abdrucken (des Redakteurs bin ich sicher u. kann ausserdem direkt auf die Kappe gehen). Ist dieselbe gedruckt, so sende ich sie augenblicklich an Thaler zur Weiterarbeit in der „N. Presse" u. an das „neue Tagblatt". Haben Sie dann Zeit zu einem grösseren Aufsatz, falls Nordmann wieder schweigen sollte u. meine Ahnung sich bestättigt, so werde ich in ähnlicher Weise kolportiren. Die Schande dürfen Sie uns gar nicht anthun, dass nur norddeutsche Blätter sich Ihrer annehmen. Auf mein Manneswort auch ich will es thun u. werde nicht immer auf so unerhörte Rücksichtslosigkeit stossen. Also grollen Sie nicht mir Unschuldigen. Gruß u. treuen Handschlag von Ihrem

    Pröll

    Karl Pröll
    Graz
    Franz Michael Felder
  • 14. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Die Wahl ist also vorüber u. ich gratulire zum neuen Amt als Gderath; ich u. du wissen, daß die Funkzionen die mit dieser Stelle verbunden sind von keiner Bedeutung sind, aber es ist eine moralische Genugthung, u. ein Erfolg, der zur Durchführung jeder Idee unumgänglich notwendig ist.

    Deine Prottokollsangaben sind jennen Abend, bevor Müller zur Vorsteherwahl nach Schoppernau kam auf dem Bezirksgerichte angekommen. Die Sache ist hier öffentlich bekannt u. macht Aufsehen. Ueberrascht hat mich die Nachricht daß am Tage der Vorsteherwahl zwischen beiden Partheien eine Versöhnungs­Scene stattgefunden habe; diese Nachricht brachte wenn ich nicht irre Herr Müller selbst.

    Der Artickel in der Presse ist Herrn Müller einige Tage früher zur Einsicht zugestellt worden worauf er gesagt habe, er gebe auf dieses Geschwätz gar nichts. Nun der Artickel der Feldkircher Zeitung von Schwarzenberg worrin man sein Vorgehen geradezu ungesetzlich nennt, könnte ihn doch etwas stutzig machen; aber er ist ein schlauer Vogel der nicht so leicht in eine Schlinge geht. Ich weiß nicht recht was du mit der Haltung des Volksblattes meinst. Wenn du die Arbeiterfrage meinst, so muß ich sagen daß es mich aneckelt, wenn sich diese Parthei anmaßt, den Anwalt für die Arbeiter zu spielen, ihre Grundsätze nach welchen sie vorgehen sind Absolutismus u. Zwang nach jeder Richtung, die Arbeiter Frage kann nur durch Freiheit gelößt werden. Es ist sehr zweifelhaft ob ich nach Au kommen werde. Mitkommend erhältstdu die PostZeitungen u. 1 Brief, auch schicke ich dir die schon längst zurück behaltenen Ausland Hefte. Mit vielen Grüßen

    Dein Freund Jos. Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 12. Februar 1868

    Verehrter Freund!

    Dank für Ihre Zeilen - jedoch in Eile zugleich die Mittheilung, daß das bewußte Exemplar nicht beilag. Wahrscheinlich haben Sie es vergessen.

    Ich reise wahrscheinlich anfangs der nächsten Woche ab, bis dahin möchte ich gerne diese Beilage noch erhalten, wenn möglich wäre; können Sie mir nicht auch sagen, - ob, gegen die Störer der Wahlhandlung   gerichtlich,    d. h.    kriminaliter   eingeschritten wurde? Warum hat die F.Ztg. davon nichts gebracht?

    Viele Grüße in Eile IhrCS

    Carl Seyffertitz
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 12. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Ich benütze die Gelegenheit, durch meinen Knecht Sprenger einige Zeilen an dich gelangen zu lassen. Die Wahlschlacht ist geschlagen und wir können mit dem Erfolge zufrieden sein indem wir 8 von den unsern in den Ausschuß brachten und unsere vier übrigen keine besonders gefährlichen Gegner sind. Müller wünscht die Vorsteherwahl möglichst schnell und rieth uns heute brieflich dem Frieden zu liebe wenigstens einen Gemeinderath aus der Gegenpartei zu wählen. Merkst du was? Wir sind entschlossen. Wozu kannst du dir denken. Schön ist das brüderliche Zusammenleben und Wirken wie es sich hier jetzt innerhalb der Parteien zu entwickeln beginnt. Davon habt ihr da draußen in euerer Gemüthlichkeit des Friedens wol kaum einen Begriff. Ich möchte nur wissen, welche Eindrücke Müller von hier mitnahm. Ich denke es muß ihm etwas peinlich gewesen sein. Wir blieben auf unserer Auslegung des Gesetzes und kümmerten uns nicht um Müller, die Gegner schienen ein gewaltsames Eingreifen zu erwarten und so hat es denn der gute Mann bei beiden Parteien verdorben. Morgen geh ich nach 14tägiger Un[ter]brechung wie­der an meinen socialen Roman. Ist dir die Haltung des Volksblattes nicht aufgefallen? Was sagst du zum Artikel in der n fr Presse? Und was sonst?

    Der Artikel, von dem ich dir sagte soll im Wanderer bereits erschienen sein. Sei so gut und frage auf der Post zuweilen nach und wenn du etwas in die Hände bekommst so behalte es bis du es mir beim Bothen versiegelt zuschicken kannst, denn ich habe Ursache, weder dem Postamt in Bezau noch dem Bothen in Au recht zu trauen.

    Lebe wol auf baldiges Wiedersehen in Au. Mit Brudergruß u. Handschlag

    Dein Freund F. M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 10. Februar 1868

    Hochgeehrter Herr!

    Beifolgend erlaube ich mir Ihnen Honorarabrechnung pro 1867

    II Sem. zu überreichen.

    „Das Liebeszeichen" abgedruckt in Nr. 41.42.43.44 umfaßt 16

    Seiten 50 Zeilen; - die Seite zu 2 Spalten, die Spalte zu 72 Zeilen

    gerechnet-per Bogen 32 fl beträgt das Honorar 65 fl. 50 X. Davon

    kommen mir zu gut

    1 Abonnent pro II Sem. 67                                            2 fl40.

    1        d -           d -   fürH.Rößlewirth                       2 fl40.

    1        d -    pro  1 -4Gartenl. 68mitPräm.                       4.    60.

    1        d-          d-   fürH.Rößlewirth                        4.    60.

    14 fl

    bleiben somit zu zahlen 51 fl. 50 X.

    Sollte Ew. Hochwohlgeboren den Abonnementsbetragfür H. Röß­lewirth pro 1868 mit 4.60 mit anerkennen, so bitte ich mich gef. davon verständigen zu wollen.

    Per Postanweisung erlaube ich mir heute Ihnen 30flzü überreichen und werde den Rest von 21 fl 50 X mit nächsten folgen. Hochachtungsvoll ergebenst

    H. Hügel Eigenthümer dr. Oester. Gartenlaube

    Heinrich Hügel
    Graz
    Franz Michael Felder
  • 9. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Ich habe Dir erzählt, was ich bis Bregenz erlebte, wie wenig Zeit mir dort auch zum Briefschreiben blieb. Deine beiden Briefe hab ich hier gefunden. Natters Brief erzählte Dir, was während meiner Abwesenheit geschah oder besser geschehen sollte. Der Pfarrer wollte meine Partei rasch im entscheiden­den Augenblicke gewinnen. Der Versuch scheiterte glänzend, und man steht sich erbitterter gegenüber als je. Am Freitag wurde gewählt. Wir blieben bei unserer Auslegung des Ge­setzes, was Müller, sonst eben nicht in der besten Stimmung, sich gefallen lassen mußte. Es erschien die ganze Gemeinde. Trotz der guten Schlittbahn fehlte kaum ein Mann als der Uhrenmacher, dessen Zustand sich noch wenig gebessert hat. Jede Witwe war durch einen Bevollmächtigten vertreten. Ich habe die Leute noch nie in der Aufregung gesehen. Man hieß den Tag einen großen. Im dritten Wahlkörper verloren wir mit 31 Stimmen gegen 33, im zweiten gewannen wir mit 15 gegen 8, im ersten mit 8 gegen 6 Stimmen. Wir 8 werden also 4 Gegner im Ausschusse haben. Neugewählt sind von unserer Partei: Kaspar Oberhauser, Aberer Lehrer, Bernhard Moosbrugger. Sage der Isabell, die ändern 4 seien Burgs Josef, Niederauer Dokus, J. Josef Feurstein und J. Josef Willi, dann wird sie Dir sagen, was da zu erwarten ist. Der Rößlewirt selbst ist durchgefallen. Zu einem Protest wird's nicht mehr kommen, denn Müller, die Stütze der Partei, ist natürlich dagegen. Müller hat mich, als ich in Bezau war, sogleich aufs Bezirksamt holen lassen. Er sagte, um mich gleich zu be­eidigen. Er scheint schon im Besitze der von mir in Feldkirch gemachten Angaben gewesen zu sein. In Feldkirch wurde ich nicht beeidigt, und ich hörte die Äußerung, daß die Sache mit einem Scheißer nach Bezau kommen müsse. Ein zweiter Scheißer wird folgen. Am Freitag nämlich war gerichtliche Kommission beim Uhrenmacher. Ich hörte das Urteil des Dr. Greber. Er findet die Sache noch schlimm, die Verletzung entschieden schwer, aber er sagt: Das Amt hätte eben früher etwas tun sollen, da die Wunde jetzt wohl noch vorhanden und schlimm genug, aber doch nicht mehr genau zu unter­suchen sei. In Feldkirch wurde mein Ansuchen, die Sache wem anders zu übergeben, rundweg abgeschlagen, sonst hätte ich mir von Müller nicht mehr rufen lassen. Die Verbrennung der Stimmzettel hab ich in Feldkirch auch angezeigt. In der Neuen Freien Presse vom 4. Februar wirst Du davon gelesen haben.

    Heut und gestern hab ich den erwähnten Bericht für Seyffer­titz ausgearbeitet. Du sollst nächstens eine Abschrift erhalten. Mein Artikel, den Du letzthin gelesen, soll, wie mir Pröll schreibt, nach Wien gewandert sein und nach seiner Angabe muß er schon im Wanderer stehen, mit dem Pröll befreundet ist. Er bedauerte, die Sache zu langsam in seinem Blatte bringen zu können. Die Sache müsse gleich in die Öffentlich­keit, drum habe er sich auf diesen Weg gewendet, da er so am meisten seinen Zweck zu erreichen und meinen billigen Wunsch zu erfüllen meine. Bei ihm brauche so ein Abdruck zu lang. Vonbun soll eine gar nicht günstige, mehr ironisie­rende Kritik geschrieben haben. Nächstens mehr. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 9. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Sieg zum ersten u zweiten Mal. Meine Auslegung des Geset­zes war denn doch die richtige und nach dieser wurde nun am Freitag im Beisein des Bezirksvorstehers gewählt. Wir hatten so lange zu thun, daß ich dem Bothen keinen Brief mehr mitgeben konnte. Auch heut werde ich mich kurz fas­sen müssen und hätte Dir doch so vieles mitzutheilen. Zuerst von der Wahl. Im 3ten Wahlkörper verloren wir mit 31 Stim­men gegen - 33, im 2ten aber gewannen wir mit 15 gegen 8 u im Ersten mit 8 gegen 6 Stimmen. Unter den 12 Ausschuß­männern stehen also mit mir selbst ihrer 8 auf meiner Seite. ­Albrecht wird Vorsteher bleiben und Du kannst ihm und uns gratulieren. Von der Unterbrechung der Wahl am vorletzten Sonntag wirst Du in der neuen freien Presse vom 4 Februar gelesen haben. Der Artikel wörtlich wahr, ist wol von Baron von Seyffertitz, den ich besuchte und mit dem ich natürlich allerlei teuflische Pläne schmiedete. In Feldkirch hab ich der Staatsanwaltschaft die Geschichte Felders geklagt und unser Bezirksamt nicht geschont. Jetzt ist die Untersuchung einge­leitet. Der Gerichtsartzt Dr Greber findet den Zustand des Uhrenmachers noch immer bedenklich. Wäre das nicht so würde es mich beinahe freuen, nun endlich Waffen in die Hand bekommen zu haben, mit welchen ich meinen Kampf zu Ende bringen kann. Ich habe wunderbar viel gethan in der letzten Zeit, habe auf meiner Reise, von der man die Spuren noch lange sehen dürfte, neue Bekanntschaften ge­macht und nur der Finanzminister schnitt mir daheim ein ernstes Gesicht. Na, lassen wir das, ich brauche gute Men­schen viel nötiger als Geld und die Wahlgeschichte wird für mich ein gutes Ende nehmen. Den Ärger des Pfarrers und der Seinen kannst Du Dir kaum denken. Es ist geradezu lächerlich was alles ihr Haß jetzt auskocht, aber die Sache hat auch eine sehr sehr ernsthafte Seite. Morgen haben wir hier wieder einmal eine Hochzeit. Mein drittes Geschwisterkind seit einem Vierteljahr. Der nämliche Junge der in den Son­derlingen ein Vogelnest findet, er ist seit Jahren Knecht im Bräuhause und bleibt nun als Herr bei der einzigen noch lebenden Tochter. Nun weiß ich dann doch, wo ich allenfalls einen Thaler zu leihen bekomme. Ich gönn dem Burschen sein Glück, denn ich glaube die beiden werden sich verste­hen obwol das Mädchen eigentlich etwas zu alt ist. Also morgen schon wieder ein Freimaurerfest. Schade daß der Uhrenmacher nicht dabei sein kann. Er ist noch meistens im Bett, doch mag er jetzt wieder lesen. Gelesen wird hier jetzt überhaupt sehr viel und meine Leihbibliothek ist schon viel zu klein. Könnte ich doch billige Unterhaltungsschriften bekommen wenns auch ältere Sachen wären. Es ist überhaupt erfreulich, wie mutig und treu die eine Hälfte der Gemeinde mit mir vorwärts geht. Wir kommen weiter als sonst in Jah­ren. Nur mit meinem Roman komme ich nicht weiter, da es mir bald an Zeit bald an Stimmung fehlt. Hoffentlich wird das nun besser. Ich habe nun auch unter den Geistlichen Freunde die mir Hoffnung machen, daß man uns den Pfarrer Rüscher denn doch bald nehmen werde. Das wäre ein großes Glück denn Rüscher, gemein stolz und rachsüchtig schüret das Feuer immer wieder und seine Werkzeuge dürfen sich alles erlauben. Gilt doch unter ihnen die Heldenthat im Rößle für ein gutes Werk. Aber gerade das treibt uns noch alle Tüchtigen zu. Nun wolauf! es grüßt Dich und die Deinen Dein

    Freund

    Franz Michael Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Rudolf Hildebrand
  • 9. Februar 1868

    Lieber tapfrer Freund,

    Ich kann den Sonntag nicht vorüber lassen, ohne brieflich an Dich zu denken. Ich habe lange nicht so mit Wärme und Interesse nach Schoppernau und an Dich gedacht als in die­ser Zeit, und mit mir Deine hiesigen Freunde. Leid thut es uns freilich, daß Dich die Kämpfe für Licht und Recht von Deinem gemüthlichen Schreibtische wegziehen. Aber ich denke mir Dich auch gern als Vorkämpfer des Guten, ja ich beneide Dich im Grunde darum. Und doch möcht ich Dich bitten, Dich so bald es irgend geht, wieder davon los zu machen, daß Du zu Deiner Hauptaufgabe kommst. Wie steht es denn jetzt mit der Wahlsache? Ich bin höchst begierig .. . In der N. freien Presse war ja in einem Bericht aus Vorarlberg von Feuer zu lesen, das die Gegner in die Wahlurne gewor­fen hätten. Ist das möglich?! Da hätten sie ja euch die beste Waffe gegen sich in die Hand gegeben! Erfreulich ist mir daß der gute Felder so durchgekommen ist, grüß ihn doch von mir, der Club hat an seiner Heldenthat freudigen Theil genommen. Auch daß Du dabei mit Seifertitz in persönliche Berührung gekommen bist, ist mir außer­ordentlich angenehm; bitte, schick mir doch seinen ersten Brief an Dich einmal mit, ich möchte gern von Ton und Hal­tung seiner Ansprache an Dich einen Begriff haben. In Blu­denz und auf der politischen Reise hast Du doch an unsere poetische Wanderung damals gedacht? Ich habe in den Tagen von Bludenz hier viel erzählt, möchte auch gern einmal Dei­nen guten Schwager über diese Dinge hören. Auch die ver­sprochene Nummer des Volksblattes möcht ich schon sehen, ich schicke Dir sie wieder. Ich schicke Dir heute ewas Poeti­sches mit (zum Behalten), es war neulich im Schützenhause ein Concert, wo ich im Winkel sitzend und lauschend Dich lebhaft zugegen wünschte, besonders bei den von mir an­gestrichenen Nummern; laß Dir die Lieder einen Lichtblick in Deinem jetzigen Sturm sein, freilich hättest Du sie von den Wellen der Töne umspült hören müssen wie ich. Warum kannst Du nicht öfter hier sein!? Doch diesen Sommer — Eure Brixener werden jetzt blind und taub vor Fanatismus wie es scheint. In der Augsburger oder der Presse waren neu­lich Proben aus einem „Amuletft] für christliche Eltern und Kinder", die lustig waren; könntest Du mir etwa ein Exem­plar davon verschaffen? d. h. nur wenn Dirs ganz leicht zu­gänglich sein sollte, Du kannst es nach der neuen Postord­nung billig unter Kreuzband schicken. Auch Deinen Bericht in der östr. Gartenlaube möcht ich gar zu gern lesen. Glück zu zum weiteren Kampfe - nur kein Blut wieder! sondern kaltes Blut, Anton! sei um Gottes Willen euer Wahlspruch. Was sagst Du dazu, daß Deine Sonderlinge jetzt nach Holland gehen? Hirzel sagte mirs neulich mit Freude, ein einziger Amsterdamer Buchhändler hatte 8 Exemplare verlangt. Viel­leicht wird also in diesem Jahre eine zweite Auflage. Auch ich hab übrigens jetzt Kämpfe in Aussicht, mit Vor­urtheilen von Universitätsprofessoren; es würde zu lang sein dies brieflich klar zu machen. Unser Ministerium hat mich jetzt mit in eine Prüfungscommission für Philologen berufen, in der sonst nur Professoren Mitglieder sind. Meine Freunde sehen mich schon als Professor - doch ich rechne nicht etwa darauf. Bitte, vergiß doch nicht im nächsten Briefe mir folgende kleine Frage zu beantworten, ich brauche es fürs Wör­terbuch. In den Sonderlingen 2, 210 kommt vor: Der Barthle läßt sich nie so auskommen, daß . .. Das hab ich doch richtig erklärt? Sagt ihr aber nicht auch: er läßt sich nicht auskom­men mit Geldeoder ähnlich? Bitte vergiß nicht mich zu belehren.

    Deine Liebeszeichen haben wir im Club in 3 Abenden ge­lesen (d. h. ich habe sie gelesen), uns herzlich dran gefreut; es ist echte Poesie drin, obwol in der Exposition auch hie und da kürzer verfahren sein könnte. Aber an den entscheidenden Stellen trifftst Du die Stelle im Herzen, wo die echte Poesie sitzt, mit voller Wirkung! Doch blieben uns einige Fragen. Heute nur noch die eine. Mehrere von uns meinten, die Philomena komme für ihren Leichtsinn zu gut weg, werde zu wenig gestraft gegenüber der schweren Buße, die auf Franzsepp fällt; auch daß ihre Mutter nach dem schweren Aufbegehren übers Küssen dann so schnell wieder gut ist mit der Tochter, wollte nicht recht einleuchten. Ich habe Dich nach Kräften vertreten, möchte aber wissen wie Du Dich dar­über aussprichst, und bin eigentlich beauftragt, Deine Äuße­rungen darüber einzuholen. Du wirst jetzt freilich dazu nicht Lust und Stimmung haben, es hat ja keine Eile. Doch mit dem Papier ist meine Zeit alle, schönste Grüße an das Wible usw., für Dich aber wünscht des Himmels Schutz

    Dein R. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 8. Februar 1868

    An

    Franz Michael Felder zu

    Schoppernau

    Es wird Ihnen hiemit bekannt gegeben, daß Ihre am 3. d. Mts. hier zu Protokoll gegebene Anzeige wider den Hausknecht des Rößle­wirthes in Schoppernau wegen schwerer körperlicher Beschädi­gung des Joh. Josef Felder alldort an das k.k. Bezirksamt Bregenz als Untersuchungsgericht zur kompetenten Amtshandlung u. die Anzeige wegen der Störung der Wahl am 26. v. Mts. zu Schop­pernau an das k.k. Bezirksamt Bezau zur eigenen Amtshandlung heute abgetreten worden sey. K.K. Kreisgericht Feldkirch am 8. Februar 1868.

    Der k.k. Präses Trentinaglia

    K.K. Kreisgericht
    Feldkirch
    Franz Michael Felder
  • 8. Februar 1868

    Grüß Gott.

    Heute vormittag erfuhr ich vom Rößlewirts Knecht selber das der Bezirchs-Richter im Sinn gehabt habe, die ganze Stiefel-Geschichte nieder zu drücken u. zu Vergeßen. F. Michel, aber, hab es nicht liegen laßen, denn er sei nach Feldkirch hab die ganze Sache dem Kommißär übergeben, welcher dann die Anzeige nach Bregenz gemacht hat, von dort sei es nach Bezau gekommen, u. dann schnell ein Zustellung für sü — Was weiter geschehe wiße man nicht.

    Mann hätte heute nach Bäzau ins Verhör sollen, sei aber wieder geändert worden.

    Mit Gruß Ferdinand Kohler

    Ferdinand Köhler
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 5. Februar 1868

    Lieber Felder!

    Sehr leid that es mir, daß Sie Ihr Wort nicht hielten, u. hier ohne uns aufzusuchen durchreisten. Indessen halte ich mein Wort dennoch u. sende Ihnen anliegend die Fotografie.

    Ihre Mittheilungen habe ich mit großem Interesse gelesen, u. hoffe u. wünsche ich nur, daß es auch Erfolg haben möge. Das Bespro­chene erwarte ich von Ihnen, u. werde es geeigneten Ortes schon an den Mann bringen.

    Ich kann leider heute nicht mehr schreiben, da ich alle Hände voll zu thun habe, u. habe daher nur noch Zeit Sie herzlichst zu grüßen.

    Ihr ergebener C. Seyffertitz

    Carl Seyffertitz
    Bregenz
    Franz Michael Felder
  • 4. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Ich kam gestern glücklich nach Feldkirch, d. h. gesund. Die Unterhaltung war mehr interessant als lebhaft. Doch das gehört dem Reisebeschreiber und Landschafter. In Feldkirch wurde ich von den dortigen Intelligenz-Maschinen etwas kühl empfangen. Ich und Gaßner, das fühl ich, werden uns nie besonders nahezutreten vermögen. Er ist „der Geist, der stets verneint". Er begleitete mich vor das Kreisgericht, wo ich über eine Stunde auf die Ankunft des Staatsanwalts warten mußte.

    Ich trug meine Sache kurz und, ich glaube, sehr deutlich vor, er schien meinen Standpunkt zu würdigen und er sagte, daß er noch heute meine Angaben schriftlich niederlegen lasse. Zu diesem Ende soll ich Nachmittag 2 Uhr zur Vernehmung erscheinen. Ich verlebte nun im Schäfle zwei etwas peinliche Stunden, die mir eigentlich nur Nachbaur tragen half. Der dunkle Punkt an diesem Himmel ist Vonbuns Kritik und Dein Brief. Nach der Angabe dieser Herrn hast Du die Sache freilich etwas unrichtig aufgefaßt. Doch davon später und bis dahin bitte ich nichts mehr in der Sache zu tun. Von 2 bis 1/27 Uhr dauerte das Verhör. Es wurden zwei sehr stark gegen Müller gespitzte Klagen verfaßt. Die eine wegen der Schlä­gerei, die andere wegen Verbrennung der Stimmzettel. Der Verhörende scheint, nach der Fragestellung und anderem zu urteilen, auch kein Freund Müllers, oder doch mit seinem Vorgehen nicht zufrieden zu sein. Es wurde protokolliert, daß ich mich nimmer an Müller wenden könne u.s.w. Ich hatte kaum noch Zeit, um ein Glas Wein zu trinken, denn ich wollte mit dem Eilwagen fort, obwohl einige Herrn und Nach­baur mich zu einer großen Abendunterhaltung einluden. Man wollte, wenn ich da bleibe, auch Dr. Amann holen. Freilich hätte das den Schluß meiner Reise geben können, den ich mir wünschte, aber mir war wenig drum, auch mein Finanz­minister beginnt ein bedenkliches Gesicht zu machen und mich ernsthaft an fünf Kinder und den teuren Jahrgang zu erinnern. Der Schluß des wunderbar bewegten Tages sollte aber doch noch ein lustiger sein. In Bregenz im Kreuz war Hochzeit. Ich sah lange zu und hörte manches, da man mich nirgends beachtete. Dann ging ich auf die Post, wo ich ein besseres Zimmer bekam, als ich sonst hier in Bregenz zu finden gewohnt bin.

    Es ist mir interessant, hier ganz fremd, die Neugierde ge­schwätziger Wirtinnen zu erregen und unterdessen die meine zu befriedigen.

    Doch ich muß geschwind auch noch an den Baron schreiben. Lebe wohl. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    F. M. Felder

    Franz Michael Felder
    Bregenz
    Kaspar Moosbrugger
  • 1. Februar 1868

    Lieber Freund!

    Gestern war hier Musikantenball u. ich habe etwas später Polizei­stunde gemacht. Ich hatte Gelegenheit in größerer Gesellschaft, bei welcher auch Bezirksvorsteher Müller anwesend war die Schop­pernauer Wahl in Anregung zu bringen. Die Ansichten waren getheilt, die des Herrn Bezirkvorsteher Müller gründet sich auf § 6. und wenn derselbe bei euch die Wahl leitet, so wird auch nach demselben den Alpmeistern gestattet werden, /u. zwar ohne Voll­macht:/ die betreffende Stimme für die Alpe abzugeben. Dieser Ansicht des H. Bez. wurde aber die Behauptung entgegen gestellt, daß die Alpmeister nicht berufen seien, dieselbe nach Außen zu vertretten, sondern nur im Innern zur Verwaltung der betreffenden Angelegenheiten aufgestellt seien, eine solche gesetzliche oder geselschaftliche Bestimmung wie § 7. sie ausdrücklich verlange liege nicht vor, u. bestehe auch in Wirklichkeit nicht, denn sonst könnten die Alpmeister gültige Verträge abschließen was aber nicht derFall sei. Ob eine gemeine Alpe unter dem Nammen Korporation verstanden sei, wurde auch bezweifelt.

    Uebrigens, wenn ich bei der Wahl-Comission wäre, würde ich dafür stimmen, daß die Alpmeister ohne Vollmacht abgewiesen würden, dann steht ihnen gegen die Wahl wieder der Rekurs offen. Ich muß noch bemerken, daß Bez. V. sich geäußert, wenn die Interessenten wollen, können sie auch einen Ändern bevollmächti­gen, als den Alpmeister, was jedenfalls zu einer Demonstration benützt werden könnte. Uebrigens erscheint mir diese Ansicht des H. Bez. inkonsequent. Die Leitung der Wahl hätte ich unter keinen Umständen abgegeben, nur allenfalls gesetzlichen Schutz in Anspruch nehmen. Uebrigens laß dir durch diese Spielereien die Faßnacht nicht verderben; wenn nicht die Verletzung des Uhren­machers wäre, so wäre das Ganze nur eine Angelegenheit die das Monotone des Dorflebens etwas färbt u. Licht u. Schatten wirft. Was machst du denn jetzt u. was war der Grund, daß du gar nichts mehr von dir hören ließest. Es grüßt dich

    Dein Freund Josef Feuerstein

    Josef Feuerstein
    Bezau
    Franz Michael Felder
  • 31. Januar 1868

    Lieber Freund!

    Der Wahltag, von vielen ängstlich erwartet, ist vorüber, die Wahl aber nicht. Ich als Herr Wahlkommissär legte unser Wahl­gesetz anders aus als das Bezirksamt, welches offenbar meine Gegner unterstützt. Die Gemeinde behandelte die von mir angeregte Frage mit einer Leidenschaftlichkeit welche bald den Fortgang der Wahl unmöglich machte. Jetzt erst wird die Geschichte interessant. Ich trette dem Amt gegenüber und kämpfe den Kampf mit allen Mitteln aus. Ich war lang nie in so froher Stimmung als jetzt. Am Montag meldeten wir dem Amte den ganzen Vorgang, den ich Dir wol einmal des Langen und breiten erzähle. Das Amt bleibt bei seiner Auslegung des Gesetzes ich bei der Meinigen. Am Dienstag verschafften meine Freunde mir ein Fuhrwerk, mit dem ich mich beim schlechtesten Wetter nach Bregenz machte. Ich besuchte dort zuerst den Schriftsteller Byr, und dann so bald es mir möglich war, den Baron von Seyffertitz, der sich sehr erfreut über meinen Besuch zeigte. Seine Frau lud mich auf Mittag ein, bis dahin brachte ich den Baron, der unterdessen mehrere Besuche abzuweisen schien meine sämtlichen Angelegenheiten vor.

    Der Baron theilte meine Auslegung des Wahlgesetzes gegen­über dem Bezirksrichter, der mit seiner Auffassung den Geg­nern den Wahlsieg sichern zu wollen scheint. Ist doch in der Sache des Uhrenmachers noch nichts geschehen, vermuthlich weil der Rößlewirth durch die Untersuchung unwählbar wer­den könnte. Ich legte dem Baron das und noch vieles klar, worauf er mir kräftigste Unterstützung versprach mir auch sofort ein Empfehlungsschreiben nach Feldkirch gab und mich auch an die Staatsanwaltschaft wies. Ich kann Dir natür­lich jetzt nicht die ganze Verhandlung erzählen, der Eindruck der letzten Tage auf mich ist der, daß alles noch ein gutes Ende nehmen werde.

    Daß ich nun auch zum Schwager gieng, kannst Du Dir den­ken, ich werde mit ihm zwei schöne Tage der Erholung ver­leben und dann über Bregenz wieder heim um vielleicht am nächsten Donnerstag die dritte Wahl zu versuchen. Der Uhrenmacher mußte 15 Tage das Bett hüten. Jetzt sitzt er zuweilen ein Stündchen in der Stube. Den Gruß von Dir hab ich noch nicht ausgerichtet, da ich Deinen Brief erst auf der Reise erhielt. Ich gehe mutig und mit dem Sicherheitsgefühl des Rechtes heim. Unser Kampf gleicht einer anfangs unbe­deutenden Lauine. Ich sehe sie fröhlich wachsen. Mehr spä­ter. Beruhige Dich und Andere. Mit Gruß u Handschlag

    Dein Freund Felder reisender Wahlkommissär Am Mittwoch komm ich wieder heim.

    Franz Michael Felder
    Bludenz
    Rudolf Hildebrand
  • 31. Januar 1868

    „Werther Herr Moosbrugger!

    Hier in Schoppernau ist ein Gewisser, zweiter ,Wahlkommissär' genannt, abhanden gekommen; da Sie nun unzweifelhaft am besten wissen, wo sich derselbe befindet, ersuche ich Sie höflichst, ihm diese Zeilen schnellsten zugehen zu lassen. Erstlich habe ich Dir (nämlich dem Wahlkommissär), zu berichten, daß der Bezirksvorsteher den Wahltag neuerdings hinausgescho­ben hat, und dieselbe nun auf den 7. Hornung festgesetzt ist. Ferner ist auf der ,alten' Seite auf einmal ein solcher Friedensdusel entstanden, daß es zum Erstaunen wäre, wenn man dasselbe hier nicht schon lange verlernt hätte. Am letzten Dienstag hatte unser Pfarrer in Au von der dort versammelten Geistlichkeit eine derbe Zurechtweisung erfahren, in Folge dessen mußte er mit dem ,Döckterle' abmachen, was dieses auch einging u. seine Klage zurücknahm. In Schoppernau selbst begehrte der alte Vorsteher mit dem Willi auf, erzählte ihm einige Ursachen des jetzigen Streites, worauf derselbe anscheinend etwas von seinem Eifer für die Gottheit im schwarzen Rocke verlor. Überhaupt zeigten sich die ,Alten' gestern überall freundlich, wie sie es seit Monaten nicht mehr waren. Der Feuerstein schämt sich jetzt, in Bezau gewesen zu sein, u. schiebt die Schuld auf den Willi. Derselbe mußte auch den Unterhändler bei unserer Partei machen, u. da der alte Vorsteher solchem am zugänglichsten war, eröffnete er diesem eben, daß man Frieden wolle, ,die Vorsteher sollten sich mit dem Pfarrer versöhnen u. zu ihm gehen, dann wolle man stimmen, wem es auch sei'. Auch schwöre der Pfarrer Eide soviel man wolle, daß er seinerseits sich ändern u. bessern wolle.

    Das war denn doch zuviel verlangt, die Vorsteher erinnerten den Gesandten an ihr früheres Schicksal bei einer solchen Mission und lehnten kurzweg ab.

    Nun ging man weiter, man erklärte: ,Man wolle mit der alten zufrieden sein, den Protest zurückziehen, unter der Bedingung, daß der Gemeinderath die Protestanten ihre Opposition gegen ihn später nicht entgelten lasse.'

    Ich mußte staunen, als der alte Vorsteher mir dieses erzählte, u. diesem Vorschlag das Wort redete. Ich erwiederte nichts darauf, als: Ob er glaube, daß dieß gesetzlich, oder auch nur möglich sei. Denn es müßte dazu alles einverstanden sein. Für die,alte' Seite sei der Wille Bürge, daß man es zufrieden sei, u. wir, meinte er, könnten es auch, wenn wir nicht böswillig seien, u. nicht lieber Krieg als Frieden wollten. Ich ging zu unseren Parteigenossen, aber da lautete es ganz anders, da will man nichts von einer solchen, ohnehin unmöglichen Verquickungwissen, was mich sehr freut. Es würde mich wahrhaft gereuen, zu einer solchen Parteibildung beigetragen zu haben, um dann alles der List eines verkommenen Pfaffen zu opfern.

    Dieß ist die Lage, wie ich sie bei meiner Nachhausekunft angetrof­fen. Unsere Freunde vermuthen darin einen neuen Streich gegen Dich, da es bekannt, daß Du fort bist. Man könnte dann sagen, seht, sobald der Anstifter fort ist, gibt es Frieden. Doch kannst Du unbesorgt sein, wir wollen schon sorgen, daß wir wenigstens nicht durch eine solche Niederträchtigkeit, wie dieses Friedensangebot eine ist, besiegt werden.

    Es ist sonst noch manches geredet worden, das die Mutlosigkeit unserer Gegner konstatirt, allein es ist an dem angeführten genug. Mach Du nur vorwärts, u. erscheine zur rechten Zeit wieder daheim. Der Bote hat am Mittwoch noch zwei Briefe an Dich vergessen, als Du am Morgen dort warst, der eine von Feurstein Bezau, der eine von Bludenz.

    Feurstein tratt darin unserer Ansicht vom Gesetze bei. Sonst läßt Dich grüßen: das Wible, der Körler, dessen Wunde nicht bessern will, die Oberhauser u. Dein

    Kutscher. Natter

    Josef Natter
    Schoppernau
    Franz Michael Felder
  • 30. Januar 1868

    Werther Freund!

    Ihr heutiges Schreiben mit Beilage richtig erhalten. Letztere sandte ich umgehend an die „Redaktion des Wanderer" mit der ich im freundschaftlichen Verhältnisse stehe, da es darauf ankommt, dass die Sache möglichst schnell in die Oeffentlichkeit kommt. Bei diesem Organe bin ich es sicher; mit den ändern stehe ich nicht im Connex.

    Auch hat es unsere 4fache Abonnentenzahl u. die anderen Blättern drucken leichter ab. Bei unserem Druck-Usus käme es erst in Nro8, wenn ich es selbst heute weiter gäbe, so lange aber soll die Sache nicht aufgeschoben werden. Anfangs nächster Woche wird es bereits im Wanderer sein.

    Bleiben Sie stark, edler Mann. Freundlichen Gruss u. herzliche

    Theilnahme von

    Ihrem Sie hochachtenden Freunde Karl Pröll

    Karl Pröll
    Graz
    Franz Michael Felder
  • 29. Januar 1868

    Lieber Freund!

    Den Aufsatz an die Gartenlaube habe ich durchgesehen. Wo die Rede davon ist, daß einige Geistliche die Gewalt über ihre Gläubigen verloren haben, habe ich vor „Gewalt" das Beiwort „volle" gesetzt, wonach nun der Satz die Auslegung zuläßt, daß diesen Geistlichen doch noch einige Gewalt geblieben ist. Wo Du am Ende von zwei „religiösen Parteien" redest, habe ich das Beiwort „religiöse" gestrichen. Ich habe dabei gedacht, Du wollest dem Berchtold doch gar so auf­fallend nicht recht lassen. Unter Deiner Unterschrift im Brief an Pröll habe ich folgendes beigesetzt:

    Verehrte Redaktion!

    Ich habe den beiliegenden Aufsatz meines Schwagers, der mir selben zur Durchsicht geschickt hat, gelesen, bin voll­kommen mit demselben einverstanden und möchte wie Fel­der, daß er baldigst gedruckt und veröffentlicht werde. Die geehrte Redaktion übt in Wahrheit Humanität, wenn sie sich eifrig der Sache annimmt. Die erzählten Tatsachen können vollkommen erwiesen werden und ich stehe mit Felder für die Wahrheit derselben ein.

    Hochachtungsvollst K.M.

    Mit dem habe ich Aufsatz und Brief, ohne an ersterem anderes als das Bemerkte geändert zu haben, an die Redak­tion am Montag noch abgeschickt. -

    Diese Deine Arbeit ist ein Kind einer glücklichen Stimmung, verrät Kraft und Mut, möge beides Dir dauernd beschieden bleiben. -

    Auf den vorigen Brief habe ich eingehend geantwortet und ich fürchte nun nicht mehr, daß Du die Antwort nicht ruhig verdauen könntest. Literaten kämpfen mit ihren Waffen, Juristen mit den ihrigen, jeder mit den seinigen. Hier ist schon ein respektabler Klub von Lassalleanern, von denen Du nächstens in unsern Blättern rumoren hören wirst. Ich sehe es gerne, daß das Volksblatt auf die Lassallesche Richtung eingeht, und ich habe mein Scherflein zu dieser Wendung beigetragen. Meine „Mahnworte", die Du lesen wirst, schickte ich auch ans Volksblatt, teils weil es das verbreitetste Landes­blatt ist, teils um eine Fühlung zu erlangen. Aus dem an­liegenden Brief ersiehst Du das Echo und wie ich's aufnahm. Fürchte nicht, daß ich ein Ultramontaner werde, diese müssen vielmehr Lassalleaner werden. Meine Spekulation ging von Anfang an dahin. Ihr Sturz im Staat weist sie an die Massen, diese aber lassen sich nur durch handgreiflichen Erfolg be­wegen. Lassalles System fußt auf dieser Einsicht. Die Ultramontanen werden sie auch bekommen, und dann kann und wird den Massen geholfen werden. Wie geht's dem Pius? Schick mir die Anlage zurück und schreibe bald. Mit Gruß und Handschlag

    K. Moosbrugger

    [Am Schluß vorstehenden Briefes vom 29. 1. 68 befindet sich folgender nachträglicher Vermerk von K. Moosbrugger ange­bracht:]

    Bevor dieser und der vorgängige Brief an die Adressen kamen, war Felder bei mir. Die Wahl hätte sollen vor sich gehen. Die Rüscherianer verlangten Zulaß gesetzwidriger Vollmachten, tumultuierten über deren Zurückweisung durch die Wahlkommission und warfen Feuer in die Wahlurne. Gleich nach vereitelter Wahl eilte Felder zu mir um Rat. Ich riet ihm, gleich nach Feldkirch zu gehen und beim Staats­anwalt zur Anzeige sich zu melden. Das Weitere melden die folgenden Briefe.

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 27. Januar 1868

    Lieber Freund!

    Noch selten oder nie griff ich mit einem so eigentümlichen Gefühle zur Feder, wie heute. Ich denke dich nächstens zu besuchen und dir viel von meiner armen Heimat zu berichten. Für heute nur weniges.

    Gestern wurde die zweite Ausschußwahl - versucht. Die Wahl­kommission war mit Prüfung der Vollmachten sehr streng. Nun hatte Bezirksvorsteher Müller unsern Frommen, die sehr stark agitierten, ein Formular gegeben nach dem eine Vollmacht zur Wahl von jedem angenommen werden sollte. Die Wahlkomission aber sagte: „Eine gemeine Alp kann nur den Vertretter (Alpmeister) bevollmächtigen, und die Mitbesitzer der Alp müssen wenn sie nicht Gemeindebürger sind, ihn bevollmächtigen wenn sie das Wahlrecht ausüben wollen."

    Da Müller, wie zu beweisen ist-zuerst unserer dann aber auch der Auslegung der „Alten" beistimmte kannst du dir die Erregtheit beider Parteien denken. Wuth schnaubend und drohend stellten sich die vom Pfarrer aufgehetzten Leute vor uns auf. Die Wahlko­mission mußte - wenn sie noch gesund heim wollte - die Wahl unterbrechen lassen und gerichtliche Hülfe verlangen.

    Die religiöse Aufregung wächst von Tag zu Tag. Nicht etwa nur ich -diesämmtliche Bauerschaft ist angefeindet. Der Uhrenmacher ist vom Fanatismus schwer, vielleicht tödtlich verwundet und nie­mand will etwas für uns u. den Frieden thun. Es ist schrecklich hier, doch ich glaube, Peter Greber in Au werde dir schon davon erzählt haben. Schreibe mir daher umgehend nur was du zu unserer Auslegung von §4-3 sagst und ob ich von dir Hilfe u. und allenfalls Schutz hoffen darf wenn meine Besorgnisse sich weiter wie bisher bestättigen? Mit Seyffertiz bin ich jetzt im Briefwechsel. Doch davon u. von vielem später. Ich komme bald.

    Schreibe mir und wenn dieser Brief dich unklar läßt so frage den Überbringer. Wir wollen selbst dem Amt gegenüber gesetzlich vorgehen. Wir glauben, die Alpen können nur den Meister bevoll­mächtigen, aber dieser muß mit der Vollmacht das Wahlrecht persönlich ausüben sonst darf man ihn abweisen. Schreibe mir gleich Deine Meinung. Mit Gruß u. Handschlag

    Dein Freund F M Felder

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Josef Feuerstein
  • 26. Januar 1868

    Lieber Freund!

    Auf Deinen gestern nachts erhaltenen Brief noch mit heutiger Post folgendes: Wie ich die Sache auffaßte und im letzten Brief mitteilte, war eben Deine Ruhelust mitten im Kampf, ja als der Kampf recht angehen sollte, d. h. Ende Juni und anfangs Juli d. Js. der Grund, daß wir sofort in die ungünstige Position im Land gerieten, die Dir nun lästig ist. Du warst eben, als es galt, zu ruhelustig, das war der Fehler. Nicht daß Du im Frühling fort bist, tadle ich, aber daß Du mitten im Kampf ruhesüchtig Dich zeigtest und so uns zur Untätigkeit verurteiltest, das ist's, um was sich mein Brief dreht und worüber ich in Deinen langen Auseinandersetzungen kein Wort finde. Wenn Du den Brief auch gelesen hast, hast Du ihn, wahrscheinlich, weil Deine Ruhe noch keine eisige ist, dem Inhalt nach nicht ruhig zerlegt. Du irrst, wenn Du meinst, ich betrachte die Niederauer Geschichte isoliert, ich sehe sie und anderes vielmehr als Folge des Übermuts unserer Gegner an, der sich infolge unserer traurigen Haltung im Kampfe auf ganz natürliche Weise bilden konnte. Was ist's, wenn man Dir sagt, Du stehest als Lügner im Protokoll zu Bezau? - Denke ruhig nach. -

    Die Mosaik schickst Du mir einfach zurück. - Wenn wir zusammen kämpfen sollten, müssen wir ein gleiches Pro­gramm haben und fest zusammenstehen zum Schutz und Trutz. Wie reimt sich die Rücksendung meines Programms, ohne es eines Wortes zu würdigen, mit dem allem Anschein nach noch bestehenden Wunsch, mich an Deiner Seite zu haben? Oder hast Du es bei abhanden gekommenem Ruhe­stand mir konfusionsweise retourniert? Jedenfalls bedenk­lich.-

    Übrigens sehe ich nicht ein, wie Ihr unsrer Hilfe im jetzigen Stadium der Sache nötig seid. Wendet Euch unverhohlen und entschieden ans Gericht in Bezau. Dort wird Euch jetzt gewiß geholfen werden. Ihr werdet nur dann ohne gesetzlichen Schutz sein und bleiben, wenn Ihr das Amt ignoriert. Zuerst suche man die nächste Hilfe, dann die weitere. Sollte wider alles Vermuten das Amt seine Schuldigkeit wieder nicht tun, kann man ja durch die Öffentlichkeit einen Druck üben, wozu ich unter allen Umständen bereit bleibe, wenn Du nicht wieder Ruhe gebieten solltest. Überhaupt soll es an mir nicht fehlen, wenn ich Euch wo immer verhilflich sein kann. Was Du vom Kämpfen für die heilige Sache des Volkes und nicht für die Führerschaft sagst und davon, daß man den vierten Stand nicht in die Hand der Ultramontanen spielen soll, verstehe ich in der von Dir gewählten Form nicht. Die Gründe, aus welchen man die Wahl zum Vorsteher ablehnen kann, sind im § 19 der Gem.Ord. angeführt. Mit 100 Fl. kann man sich auch frei machen.

    Wie geht es dem Bruder Pius? Dem Berchtold habe ich ver­sprochen, nicht indiskret zu sein. Du wirst nicht Anlaß geben, daß er mich tadeln könnte. -

    Also klage gegen Rüscher, auch der Vorsteher sollte klagen. Machet Euch die Gesetze zunutze, lasset das leere Lamen­tieren, packet die Gegner und führet sie hin vor die Gerichts­schranken, damit ihnen ihr Lohn werde und jedem, was ihm gebührt. -

    Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    K. Moosbrugger

    Kaspar Moosbrugger
    Bludenz
    Franz Michael Felder
  • 24. Januar 1868

    Lieber Schwager,
    Ich ersuche Dich wanns Deine Zeit u. Umstände erlauben wie Du mir das letze mahl bei mir warst versprochen mich in bälde wieder zu besuchen. Ich habe Dich schon alle Tage erwartet. Denn ich bin sehr neugirig wegen der Geschieht in der Nidernau, den wahren Grund zu vernehmen u. wegen den Gemeindsachen von dem Zorn des Pfarrers, ob Er noch kein Stück wegen den zwei Felder, von der Kanzel geschlagen hab. Ich bitte Dich laße mich nicht unersucht, denn jetz bin ich Gott sei Dank auf beßerung u. gut aufgelegt zum Dischgariren. Denn heute hab ich angefangen Taback zu rauchen, u. der schmeck mir sehr gut. Bei der ersten Pfeifen wurde mir wie neugebohren. Schonst eße u. drinke ich gern, u. bin gutes muths; Doch muß ich immer noch das Bet hüten, denn der Artz als Er das
    letzte mahl hir war, sprach, Ich sei noch zu schwach. Denn das gehen lernen gehe nicht so schnell ich müße zuerst mit Kruken gehen.
    Und bies ich wieder den Fuß recht brauchen kann würde es wohl Frühling werden. Denn die Gelenkentzündung sprach der Artz ist schwer zu heilen. Und wanns nicht recht behandelt wird, so werde ein jeder ein elender Krüpel oder Er habe das Glück u. sterbe zuvor. Kaspar hat neulich mir geschriben, aber dieser Brief hat mich bedeutend beßer gefreut als der forige von Dir angerichtete Maahn¬brif. Denn ich hab Ihm meine Krankheit u. die Behandlung vom Artz, genau geschriben herentgegen habe Er sich in Bludenz mit einem kenntnißvollen u. vielerfahrenen Artz berathen u. dieser sagte Ihm, das diese Behandlung ganz zweckmäßig gewesen sei. Und ferner sollte ich bewegung im Gelenk alle Tage machen, damit keine Verwachsung u. Steifekeit eintrete. Bäder seien dafür haubt¬sächlich gut. Das sprach der Artz in Bludenz. Dieß sagte der Feurstein mir schon früher das man später noch mit Bädern daran müße. Bewegungen habe ich schon beinahe drei Wochen im Gelenke auf anornung des Artz müßen machen. Noch fiel münd¬lich Es Grüßt Dich u. Deine Famile ganz freundschäflich
    Der Bazent Josef Pius Moosbrugger

    Josef Pius Moosbrugger
    Au
    Franz Michael Felder
  • 24. Januar 1868

    Lieber Freund!

    Ich setze natürlich voraus, daß Du aus meinem vorgestrigen Schreiben meine Auffassung der Lage und Deines letzten Briefes ersehen hast. Ich bat Dich, so wie ich's nach Deinem Schreiben nach konnte, um Hilfe, dachte jedoch nicht daran, selbst die Hand in den Schoß zu legen. Mit kaltem Blut, wenn auch empört, schrieb ich den beiliegenden Artikel für die österreichische Gartenlaube an Dich zur Durchsicht, obwohl ich nicht glaube, daß viel daran zu streichen ist. Er paßt als Fortsetzung des früheren aus Vorarlberg, und es dürfte dem Literaten keine Schande machen, daß er dort einzelne un­schöne Auswüchse wegschnitt und hier einpaßte [?], um jedem Artikel in sich einen einheitlichen Ton zu geben. Den gegenwärtigen Stand der Dinge kannst Du aus Beilie­gendem ersehen. Für die Feldkircher Z. und andere Blätter werde ich mir das Nachdrucksrecht mit Angabe der Quelle vorbehalten. Ich sorge nur, daß die Veröffentlichung in einem Wochenblatt so langsam geht, aber mir steht in Österreich kaum ein anderes bedeutendes zur Verfügung. Die Garten­laube aber wird gern damit einiges Aufsehen machen. Ich bitte Dich daher, ihn schnell aber sorgfältig durchzusehen, unpassend Scheinendes zu streichen oder zu verbessern und dann sofort das Ganze samt dem beiliegenden Brief an die Redaktion der österreichischen Gartenlaube in Graz zu sen­den. Solltest Du den Artikel zur Veröffentlichung aber nicht geeignet finden, so schreibe mir sogleich warum. Sendest Du ihn aber aus guten Gründen an ein anderes Blatt, so schreibe auch den Begleitbrief und dinge mir vor allem zehn Exem­plare aus. Der Artikel ist die Arbeit einer einzigen schlaflosen Nacht, aber ich glaube, er ist klar und wahr. Hunderte hier müssen fast jedes Wort bestätigen. Ich las die Arbeit nur dem Oberhauser vor, der war mit allem einverstanden und freute sich des Erfolges. Jetzt ist hier alles kampfeslustig und eher als ein Zurücktreten ist eine Ausartung dieser Stimmung zu fürchten. Es war am Montag noch viel geredet, dessen ich nicht erwähnte. Ich glaube, das Ganze müsse schon so die erwünschte Wirkung tun. Kleinliche Nörgeleien mag ich nicht mehr, seit die letztsonntägliche Predigt dem Faß den Boden ausschlug. Auch Du bist hoffentlich einverstanden, daß nun Schweigen nicht mehr Gold [wäre]. Am Wahltag erwarten viele große Schlägerei, es scheint, daß die Rüscherschen ver­lieren dürften. Gewiß wäre ein Wutausbruch, wenn dann etwas Veranlassung zu Streit geben sollte. Nun wir werden sehen, es kann auch besser gehen, weil so viele sorgen und sich in Acht nehmen werden. Der Schneider befindet sich angeblich etwas besser.

    Schreibe bald und ob Du meine Auffassung noch nicht teilst. Du bist ein Diplomat, Du willst Erfolge nach oben, ich nach unten, drum gehe ich vielleicht in einigem mehr mit der Zeit als Du. Mit Gruß und Handschlag Dein Freund

    Franz M. Felder

    [Hier folgt nun der dem Briefwechsel beigelegte und im vorstehenden Brief erwähnte Artikel Felders „Aus Vorarlberg" für die Gartenlaube. Leider ist nur das erste Blatt des Briefes noch vorhanden mit einer Anmerkung K. Moosbruggers.]

    Aus Vorarlberg.

    Ernst, ja unfreundlich blicken die schneebehangenen Berge herunter in die stillen engen Täler, die sie trennen. Früh und recht ungeschickt hat der Winter dem Herbst ins Handwerk gegriffen, und was unsere Bergtannen von seiner Last noch abzuschütteln vermochten, stürzte, zu Lawinen wachsend, in die engen Täler, die schlechten Wege zerstörend, abreißend wie schwache Fäden, die einsame, zwischen Bergen ver­steckte Dörfer mit der „Welt" zu verbinden suchten.

    Wie ein Eroberer zieht der Winter hier ein, aber obwohl er ein Gegner des Partikularismus zu sein scheint, so wird dieser doch gerade durch ihn, wenn vielleicht auch wider Wissen und Willen, in der Stubenwärme groß gezogen. Die Winterszeit ist für den Bauern die Zeit der Hochzeiten und Feste. Diesem Umstand haben wir vielleicht das Fort­bestehen manches uralten Hochzeitsbrauchs zu verdanken.

    Aus den verschneiten- - -

    [Hier endet das erste Blatt. Auf der Randspalte hat Felder noch folgenden Beisatz angefügt:]

    Und nicht nur in den engen Tälern, wo der Bauer, umgeben von der Sorgfalt der Seinigen, sich bis zum Frühjahr ganz in die Rolle seines seligen Großvaters hineinlebt, gewinnt man wieder das Bewußtsein einer Eigenart, eines ganz besonderen

    Verzugs-- -[weiteres fehlt!]

    [Hier folgt K. Moosbruggers Rohvermerk an die Redaktion:] Verehrte Redaktion.

    Ich habe den beiliegenden Aufsatz meines Schwagers, der selben mir zur Durchsicht geschickt hat, gelesen, bin voll­kommen mit demselben einverstanden und wünsche, wie Felder, daß er baldigst gedruckt und veröffentlicht werde. Die geehrte Redaktion übt in Wahrheit Humanität, wenn sie sich eifrig der Sache annimmt. Die erzählten Tatsachen können vollkommen erwiesen werden, und ich stehe mit Felder für die Wahrheit derselben ein.

    Hochachtungsvoll K. Moosbrugger

    Franz Michael Felder
    Schoppernau
    Kaspar Moosbrugger
  • 23. Januar 1868

    Mein lieber guter Franzmichel,

    Wie freute ich mich, als ich, ohnehin verstimmt und leidend, heute Mittag Deinen dicken Brief vorfand, und welcher Inhalt war darin. Ich konnte kaum essen vor zitternder Unruhe und Bestürzung, jetzt such ich mich bei der Arbeit zu beruhigen, aber ich denke fortwährend an Dich dabei und an den armen Uhrmacher, dessen Bild vor mir liegt, zumal ich ge­rade mit der schweizerischen, also Eurer Mundart zu thun habe. Ich muß Dir wenigstens ein Wort der Theilnahme schreiben, obwol ich nicht sicher weiß ob der Brief noch vor demSonntagzu Dir kommt; aber ich werde dann ruhiger arbei­ten können, und wenn Hugo aus der Schule kommt, soll er ihn gleich in den Bahnhofsbriefkasten tragen, daß er heute noch fortkommt. So ist also der Kampf zum blutigen Aus­bruch gekommen, ein Vorspiel dessen was Euch in der neuen Ära bevorsteht, und der tapfere Felder ist der erste Held und Märtyrer des Kampfes mit dem Körper, der die Seelen befreien soll. Drücke dem Tapferen meine, unsere wärmste Theilnahme aus, und was Du für ihn thun kannst, das ist: flöße ihm von Deinem höheren Standpunkte aus so viel Ruhe und Geduld ein, daß er das Heilen seiner Wunde nicht durch Grollen und Zorn und Haß erschwert; das mußt Du können und er wird in der Krankenstimmung Dich hören, Du brauchst ihn nur auf die Höhe der geschichtlichen Be­deutung dieser Vorgänge zu heben, auf der Du ja stehst. Was Du mir von seiner Frau schreibst, ist mir höchst ange­nehm, der umgekehrte Fall wäre furchtbar. Übrigens muß ja der Kampf ein wahrer Heldenkampf gewesen sein auf Felders Seite, ich kann mirs nicht vorstellen, wie er drei Mann in die Flucht geschlagen hat. Besser wärs freilich ge­wesen, er hätte das Wort Lügner in Gedanken behalten und das Weitere auch. Er wird ja aus dem Vorfall auch lernen. So weit ich sonst die Geschichten nach Deinem Bericht be­urtheilen kann, hättest Du das Amt als Wahlcommissar jeden­falls ablehnen sollen als Betheiligter, und ein furchtbarer Fehler ists von der Statthalterei, in dieser Aufregung die Wahlen anzuordnen. Das ist so dumm, daß es Zeit gewesen wäre, Einspruch dagegen zu thun und Aufschub zu verlan­gen; hat doch der herrliche Rößlewirth schon einer bloßen Hochzeit wegen Sorge gehabt! Da es aber einmal so ist, scheint mir das Nöthigste für Deine Partei das zu sein, daß Ihr Euch heilig gelobt, nur mit Ruhe und Gelassenheit zu ver­fahren, alle Heftigkeit in Wort und That den Gegnern zu überlassen, also den Fanatismus durch überlegene Höhe und Ruhe des Geistes zu entwaffnen und - womöglich eine Bresche hinein zu machen zur Anbahnung einer Verständi­gung. Wenn Ihr dazu kommen könntet, durch Deine Über­redung, daß Ihr in einer Versammlung das heilig gelobet, so würde Euch das ein Sicherheitsgefühl geben, das alles noch in gute Bahnen lenken könnte. Was soll das mit Österreich werden, wenn überall die neue Zeit so beginnen soll? Ich wollte ich wäre dort, um mit zum Frieden zu reden. Doch ich muß an die Arbeit. Ich werde am Sonntag in Ge­danken bei Dir sein, da ich nichts weiter thun kann. Heute Abend werde ich einem zusammengerafften Theil des Clubs Deinen Brief vortragen und mir selbst da mit Trost holen, werde auch hier sonst die Sache weiter verbreiten. Gott schütze Dich und die Deinen.

    Deine Liebeszeichen lese ich jetzt im Club vor, wir erfreuen und erwärmen uns daran, ein paar neue Mitglieder die von Dir noch nichts gelesen haben, sind wahrhaft entzückt. Ein paar Erinnerungen dazu später.

    Grüß mir Deine gute Frau und Mutter, und Deine Freunde, und habt guten Muth, Ihr fechtet ja für eine bessere Zeit, man kann sagen für das wahre Gottesreich auf Erden. Dich aber, Herzensfreund, schütze der Himmel in den bevor­stehenden Prüfungen.

    Dein R. Hildebrand.

    Rudolf Hildebrand
    Leipzig
    Franz Michael Felder
  • 22. Januar 1868

    Lieber Freund!

    Ein Brief von Dir in Quart läßt schon zum voraus auf eine Erregtheit schließen, wenn sie sich auch, wie im letzten, hinter eisiger Ruhe verbirgt. Ich antworte in gleicher Weise. Du magst nicht immer mit dem Strom schwimmen? Mir wird's nachgerade unerträglich, meilenweit davon im Sumpfe zu stecken. Du da droben atmest die frischere Luft des kürzesten Tages, den man den jüngsten des Konkordats nennen kann. Da muß es Dir wunderbar vorkommen, daß das Volksblatt einen Religionskrieg predigt. Meine Berichte sind aus dem Mittelalter, das ist wahr; aber höre sie!

    Dein Vergleich paßt, indem sich zwei Menschen, oder vier von bäurischer Abstammung, schlugen. Auf der einen Seite stand der Uhrenmacher, dessen Berchtold zu gedenken scheint. Der Rößlewirt und sein Vetter hielten ihn, der Knecht schlug mit einem eisenbeschlagenen Stiefel, der gefroren war, auf seinen Kopf. Eine ganz gemeine Schlägerei, wenn man sie nur so obenhin berichtet, wie ich's tat in der Voraus­setzung, daß Du findest, was daraus erwachsen mußte und auch wirklich zum Teil schon erwachsen ist. Am Montag war das Vereinsfest, ich schrieb Dir, wie wir da des Pfarrers Eitelkeit verletzten. Am Dienstag schon war Wehklagen auf allen Gassen, in allen Häusern. Der Rößlewirt wußte kaum sich genug zu lügen, was alles der Uhrenmacher gesagt habe. Am Mittwoch langte die Entscheidung der Statthalterei an und befahl, die Neuwahlen vorzunehmen. Die Agitation bei den jubelnden Alten und den erbitterten Neuen begann mit allen Mitteln. Unsere Parteien sind sich an Kopfzahl so ziemlich gleich. Der Uhrenmacher rennt wie ein Wütender herum und klagt dann wieder über schreckliches Brennen. Am Don­nerstag muß er sich legen und das Dökterle rufen, welches sofort beim Gerichte Anzeige macht. Großes Hallo der From­men. Der Uhrenmacher soll sich nur so verstellen, um den Rößlewirt noch vor der Wahl in eine Untersuchung zu ver­wickeln. Auch der Pfarrer behauptet das. Bis zum Freitag ver­schlimmert sich Felders Zustand. Ein losgeschlagener Bein­splitter am Wirbel beginnt stark zu eitern. Am Samstag fordert das Amt genaue Erklärungen. Das Dökterle findet eine schwere Verletzung. Wenigstens drei Wochen werde Felder liegen müssen und die Sache könne sogar noch lebensgefähr­lich werden. Es fordert eine gerichtliche Kommission. In der Gemeinde, auch in Au, redet man so laut vom Schlagen, die Neuen von Rache, die Alten von einer Demütigung der Freimaurer, daß unser ultramontaner Rößlewirt am letzten Montag in der Niederau eine Hochzeit nicht ohne Gendarmen zu halten wagte, obwohl die Rache des kranken Uhren­machers nicht zu fürchten war. Das tat der Rößlewirt, der jede

    Erregung mit seiner bekannten Frechheit leugnete, obwohl sein Haus jetzt als frommes Brutnest, als Lügenfabrik, er selbst als der unverschämteste Hetzhund in zwei Gemeinden be­kannt und gerade darum von Freunden und Gegnern seltener als je besucht ist. Du hast keinen Begriff, was dieses Männ­chen über mich, die beiden Vorsteher und meine übrigen Freunde aufbringt. Es ist kein Wunder, wenn einem da die Seele in die Faust fährt. Am letzten Freitag, als es dem Dökterle erzählt hatte, daß Felder sich nur verstelle und gar nicht verletzt sei, teilte es diesem auch mit, ich hätte vor einem Jahr einer liederlichen Person das Huren erlaubt, wenn man ihrem Liebhaber, dem Pächterle, das Bürgerrecht nicht gebe. Du weißt, daß ich ihm wirklich half und im Ausschuß siegte. Daß ich mich zu solchen Zugeständnissen aber nicht aufgelegt fühlte, kannst Du Dir denken. Es soll diese Angabe nur die Tätigkeit des Rößlewirts bezeichnen.

    Des Pfarrers Vater goß noch öl ins Feuer, er verdrehte die vom Rößlewirt gehörten Reden des Uhrenmachers, den man immer wie Berchtold mir nahe stehend und mein Sprachrohr nennt, noch ärger, klagte über die Zurücksetzung, die der Pfarrer am Montag erlitt, hetzte, spöttelte, schimpfte, drohte sogar mit dem Gerichte und tat alles, was wirken sollte und wirkte. Jedermann sagte am Samstag, die Aufregung habe noch nie so hohen Grad erreicht. Uns allen bangt vor der Neuwahl, wir fürchten eine Schlägerei, wenn die Alten durchfallen sollten. Bei Gott aber, ich war ruhig genug, und Du bist der erste, der mich mutlos nennt. Wer nicht vom Pfarrer blind gemacht ist, sieht ganz klar, daß ich im letzten Frühling recht hatte, sogar der Rößlewirt in Au. Viele glaub­ten, am Sonntag werde der Pfarrer nun endlich doch ein beruhigendes Wort an die Gemeinde richten.

    Ich dachte, der Pfarrer werde es machen - wie Du, er werde die Geschichte nicht mit dem Frühem in Zusammenhang bringen wollen, werde allem den Schein des Lächerlichen geben.

    Am Sonntag blieb ich länger beim Uhrenmacher als eigentlich meine Absicht war; sein Zustand hatte sich verschlimmert. Doch ich hatte zuverlässige Leute in der Predigt, die mir schon sagen konnten, was etwa vorkam.

    Krebsrot bestieg Rüscher die Kanzel und hielt einen geradezu wütenden Vortrag, mit Faustschlägen und Stampfen verziert. Mein ganzes Sündenregister brachte er vor, nahm offenbar den Rößlewirt wegen der Schlägerei in Schutz und forderte jeden Christen um seines Seelenheiles willen auf, so männlich zu ihm zu halten. Denke Dir nur, sogar meine Mutter kam aus der Fassung. Mit den bittersten Vorwürfen sagte sie mir mittags, wie es ein Elend sei und wie die Weiber und Mädchen geweint und nachher gejammert hätten. Vielleicht kannst Du Dir, wenn auch nur fern, annähernd vorstellen, wie es in den übrigen Häusern, auf der Gasse, dem Kirchen­platz und in den Wirtshäusern zuging. Ich bin in die Wahl­kommission ernannt. Ich beantragte, eine gerichtliche Kom­mission zu berufen. Der ganze Gemeindeausschuß, zwei M[ann] ausgenommen, teilt meine Besorgnisse, doch viele Leute und Ausschüsse wünschen die ohnehin nicht zu ver­meidende Schlägerei beinahe, um das Gericht, mit dem der Pfarrer von der Kanzel drohte, zum Einschreiten zu zwingen. Ist doch unser Vorsteher, ja selbst der alte, fast krank vor Aufregung. Hier gibt mir Freund und Feind Zeugnis, daß ich der ruhigste sei von allen. Und ist's ein Wunder, unser Dorf steht unter keinem Pfarrer mehr. Rüscher ist nur erregter Parteimann, der jedes Mittel gutheißt und sich nicht scheut, mich als Schriftsteller in der Kirche öffentli