VON CARL SEYFFERTITZ AUS BREGENZ

lfndenr: 
461
20. Januar 1868

Geehrter Herr Felder!

Noch immer bin ich Ihr Schuldner für Ihre mir so werthvollen Zeilen v. 4. dM. u. Ihre Fotografie, die bereits in meinem Album prangt. Schon lange hätte ich gewünscht, dieselbe zu besitzen, u. Ihre Sendung ist daher nur meinen Wünschen entgegengekommen. Sehr gerne möchte ich Sie bitten, jetzt schon die meinige als Gegengabe entgegen zu nehmen, allein eine ältere mag ich Ihnen nicht senden, u. jene die ich in Wien für das Reichsrathsalbum anfertigen ließ, konnte ich in mehreren Abzügen noch immer nicht nachgesendet erhalten, so daß ich Sie bitten muß bis zu deren Eintreffen zu warten, wenn Sie überhaupt Werth darauf legen. Was mich in Ihren Zeilen das Wunderbarste dünkt, ja geradezu einen überwältigenden Eindruck auf mich macht, wenn ich sie wieder u. wieder lese -, das ist die fast begeisterte, fast seherartige Kraft, mit der Sie sich dem Kampfe für Recht u. Licht hingeben, ­das merkwürdige Gottvertrauen, mit dem Sie auf den endlichen Sieg unserer guten Sache hoffen. Möglich, daß nur mir bei meiner Lebensauffassung dieße Ihre Zuversicht so erhaben erscheint, - obwohl ich glaube, sie seie es wirklich! Denn im Ganzen ist der Unterschied Ihrer u. meiner Lebensanschauung ein solcher, daß Sie viel höher stehen, sittlich, als ich - Und warum? Sie hoffen auf den Sieg des guten Prinzipes im Menschen, legen die Kraft Ihrer Zuversicht auf den endlichen Durchbruch der Idee auch im Volke; - ich glaube gar nicht an ein gutes Prinzip oder wenn ich daran glaube, so meine ich im vorhinein, daß das Niedere im Menschen­herzen über dasselbe am Ende stets Meister wird, d. h. daß die große Menge immer nur nach materiellen Interessen nach Ehrgeitz, Geldgier, Sklavensinn handelt nicht nach den Opfern, welche Vaterlandsliebe, Pflichtgefühl, Menschlichkeit u. Vernunft für ein freies menschenwürdiges Dasein vom Einzelnen fordern! Ob man das Gute oder Schlechte im Herzen der großen Menge für stärker halte, entscheidet die Lebensauffassung des Einzelnen, entscheidet endlich auch über die Anschauung, die sich Jeder von der Entwick­lung des Volkes macht.

Nocheinmal, ich kann Ihrer genialen unverwüstlichen Hoffnungs­kraft meine Bewunderung nicht versagen - theilen kann ich sie leider nicht, - weil ich leider nur zu gut weiß, daß von Sokrates bis Christus, u. von Christus bis auf die Volksfreunde des 19ten Jahrhunderts noch alle Jene, welche Licht u. Wahrheit spenden u. erringen wollten, gekreuziget u. zwar vom Volke gekreuziget wurden. Und sehen Sie nicht, - (ich möchte zwar Ihren Muth nicht schwächen!) wie selbst alle hohen Ideen der Geschichte nur am Ende den finstern Mächten zur Ausbeutung dienten? Gibt es dafür ein lauter sprechendes Beispiel als jene erhabene Lehre des Sohnes Gottes, zu der auch wir uns bekennen?

Lieber Freund! Wie gerne möchte ich mich an Ihrem Eifer erwär­men, wie gerne Ihrem muthigen Beispiele folgen! Allein an meinen Sohlen haftet ein Bleigewicht, das Bleigewicht der üblen Erfahrun­gen, des exquisitesten Pessimismus! Leben Sie wohl! Hoffentlich sehe ich Sie einmal bald bei mir?

Ihr ergebener C. Seyffertitz

Keine